Friedrich Küchenmeister und die Feuerbestattungsbewegung
Die moderne, durch industrielle Technik geprägte Feuerbestattung wurde im späten 19. Jahrhundert eingeführt. Als grundlegende Reform im Bestattungswesen wirkt sie bis heute nach undist prägend für die meisten Varianten aktueller Bestattungs-und Erinnerungskultur.
Zu den wichtigsten Vorkämpfern zählten Mediziner und Hygieniker. Darunter war Friedrich Küchenmeister (1821-1890), der 1873 in Dresden einen der ersten Feuerbestattungsvereine in Deutschland gründete ("Die Urne"). 1875 erschien seine Hauptschrift zum Thema "Die Feuerbestattung: unter allen zur Zeit ausführbaren Bestattungsarten die beste Sanitätspolizei des Bodens und der sicherste Cordon gegen Epidemien". Sie war eine derfrühen von später zahlreichen Schriften, die die Einführung der technischen Feuerbestattung propagierte. Küchenmeister wirkte ab 1859 als Arzt in Dresden, einer Hochburg der deutschen Feuerbestattungsbewegung. Er schlug bereits in seinem "Cholera"-Handbuch von 1872 die Einäscherung von Cholera-Toten vor. Nach seinem Tod erschien sein großes Werk "Die Todtenbestattungen der Bibel und die Feuerbestattung" (1893).
Es war die Zeit, in der sich in Deutschland -wie auch in anderen Industrieländern -eine Feuerbestattungsbewegung zu entfalten begann, organisiert in Vereinen und Verbänden. Sie wurden getragen von Vertretern des aufgeklärt-gebildeten protestantischen Bürgertums sowie medizinisch-technisch orientierter Berufsgruppen. Im Rückgriff auf antike Traditionen entwarfen die Feuerbestattungsanhänger eine Ästhetik der Einäscherung. Asche und Urne wurden als Ausdruck eines "Gefühls der Gebildeten" gesehen, wie es Friedrich Küchenmeister in seinem genannten Werk 1875 beschrieb.
In jenen Jahren und erst recht inder Folgezeit sprachen sich bekannte Vertreter des öffentlichen Lebens für die Feuerbestattung aus -darunter Fürst Hermann Pückler-Muskau, der Komponist und Dirigent Hans von Bülow, der Kunsthistoriker und 1848er Revolutionär Gottfried Kinkel, die Dichter und Schriftsteller Gottfried Keller, Detlev von Liliencron und Peter Rosegger. Auch der Leipziger Mediziner Carl Reclam war Vorkämpfer der Feuerbestattung und publizierte unter anderem in der "Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege" und in der Zeitschrift "Gesundheit". Zu den Protagonisten der Feuerbestattung gehörte nicht zuletzt der Mediziner und Politiker Rudolf Virchow. Er hatte die liberale Deutsche Fortschrittspartei mitbegründet, in seiner Funktion als Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses setzte er sich dort 1875 für die Feuerbestattung ein.
Friedrich Küchenmeister sorgte zusammen Carl Reclam und dem Ingenieur Richard Schneider dafür, dass in der Siemensschen Glasfabrik in Dresden ein Ofen für Einäscherungen entwickelte wurde. Dort fanden 1874 Probeverbrennungen statt (siehe dazu den folgenden Beitrag). Die Feuerbestattungsvereine betrieben nun ihre Aufkärungs-und Überzeugungsarbeit mit Hilfe des aufblühenden Presse-und nicht zuletzt Illustriertenwesens, durch Vorträge und Broschüren. Sie nutzten also die Möglichkeiten der damals modernen Medien. Allgemein konnte man im späten 19. Jahrhundert von einer zwar zahlenmäßig kleinen, aber durchschlagskräftigen Feuerbestattungsbewegung sprechen. In Dresden wurde 1876 der erste Europäische Kongress der Freunde der Feuerbestattung durchgeführt. 1878 wurde schließlich in Gotha das erste deutsche Krematorium eröffnet.
Nicht zufällig schaffte die Feuerbestattung ihren Durchbruch im Zeitalter von Hochindustrialisierung und Urbanisierung. Als Ursachen standen mehrere Faktoren im Hintergrund: der zunehmende Platzmangel auf städtischen Friedhöfen, wachsendes Hygienebewusstsein, der schrittweise Bedeutungsverlust christlicher Traditionen und die allgemeine Verwissenschaftlichung der Gesellschaft. Dies ging einher mit einer steigenden Technisierung und Beschleunigung der Lebenswelten. Mediziner, Hygieniker, Techniker und andere, sich als modern verstehende soziale Gruppierungen verfochten nun die Feuerbestattung als hygienische, fortschrittliche Alternative gegenüber dem Erdgrab und seinen Verwesungsprozessen. Die Vorzüge der Feuerbestattung zeigten sich neben dem Hygieneaspekt vor allem in der Platzersparnis, die das Aschen-gegenüber dem Erdgrab bot. Je stärker die Städte im Industriezeitalter wuchsen, umso größer wurde der Flächenbedarf.
1886 schlossen sich die Feuerbestattungsvereine zum "Verband der Vereine deutscher Sprache für Reform des Bestattungswesens und facultative Feuerbestattung" zusammen und hielten regelmäßige Verbandstage ab. Diesem Dachverband, der sich 1896 in "Verband der Feuerbestattungsvereine Deutscher Sprache" umbenannte, gehörten auch Feuerbestattungsvereine aus dem deutschsprachigen Ausland an.
Die Feuerbestattung war damals heftig umstritten. Wichtigster gesellschaftlicher Gegner der "Krematisten" waren die christlichen Kirchen, vor allem die katholische. Vertreter des Christentums lehnten die Feuerbestattung aus Gründen der Tradition, Liturgie und Theologie zunächst ab. Die katholische Kirche erließ 1886 ein striktes Verbot. Dieses Verbot blieb bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil bestehen und wurde erst 1963 aufgehoben. Die evangelischen Landeskirchen reagierten unterschiedlich und ließen sich vereinzelt frühzeitig auf die Feuerbestattung ein.
Daneben spieltenvor allem juristisch-forensische Einwände gegen die Feuerbestattung eine Rolle -insbesondere der Mangel, Giftmorde nachträglich beweisen zu können (dem man durch die Einführung einer obligatorischen Leichenschau begegnete). Gleichwohl wurde sie um 1900 in den einzelnen deutschen Staaten nach und nach zugelassen: in Preußen als größtem und wichtigsten Einzelstaat jedoch erst 1911, in Bayern 1913.
Die Krematorien
Hauptsächliches Ziel der Vereine war zunächst der Bau eines Krematoriums. Das Deutsche Reichwar im späten 19. Jahrhundert in zahlreiche kleinere und größere Teilstaaten aufgeteilt. Daher stellten sich die politischen Rahmenbedingungen für die Genehmigung des Einäscherungsbetriebs in jedem politischem Territorium anders dar. Nach Gotha entstandenweitere Krematorien in Heidelberg (1891) und Hamburg (1892). Dies war einerseits vor Ort besonders rührigen Feuerbestattungsvereinen zu verdanken, andererseits günstigen politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bei der Genehmigung der Bauten. In Hamburg allerdings bedurfte es der Erfahrung der Cholera-Epidemie von 1892, um den Senat zur Genehmigung des bereits seit dem Vorjahr betriebsfertigen Krematoriums zu bewegen.
Die Krematorien bildeten eine neue bauliche Herausforderung. Die Architekten standen vor der Aufgabe, eine neue Technik, nämlich den Einäscherungsapparat, so gut als möglich mit bürgerlichen Pietätsvorstellungen zu vereinigen. Der Raum für die Trauerfeiern sollte dabei von der Technik möglichst wenig zeigen -die Feuerbestattungsbewegungbefürchtete den Vorwurf, Bestattung und Trauer mit einer weithin als "seelenlos" betrachteten industriellen Technik in Verbindung zu bringen. Die Verbannung der Verbrennungstechnik in das nicht öffentlich zugängliche Untergeschoss, die auch bei späteren Bauten immer wieder verfolgt wurde, bedeutete die architektonische Trennung zwischen Trauer und Technik. Außen orientierten sich die meisten Architekten meist am zeittypischen Stil des (Spät-) Historismus. Dabei wurden stilistische Traditionen der Antike, des Mittelalters und anderer Epochen vieldeutig miteinander kombiniert.
In Gotha wie auch bei den beiden nächsten Anlagen in Heidelberg und Hamburg musste das Krematorium vom örtlichen Feuerbestattungsverein selbst finanziert werden. In Gotha und Heidelberg wurden die Anlagen auf dem Friedhof errichtet, in Hamburg auf privatem, vereinseigenem Grund.
Bis zum Jahr 1910 stieg die Zahl der Krematorien in Deutschland auf über 20 Bauten. Gleichwohl blieb die Feuerbestattung in ihrer Frühzeit -nicht zuletzt auchaufgrund der meist relativ hohen Einäscherungskosten -Angelegenheit einer extrem schmalen Minderheit: Zwischen 1878 und 1898 ließen sich im Deutschen Reich 3110 Personen einäschern, der Anteil an den Gesamtbestattungen betrug nur etwa 0,02%.
Noch vor dem Ersten Weltkrieg löste sich die Krematoriumsarchitektur allmählich vom historistischen Stilpluralismus der frühen Jahre. Eine Zäsur bedeutete vor allem Peter Behrens' kompakter, streng symmetrischer Krematoriumsbau in Hagen/Westf., der 1908 fertiggestellt wurde, aber erst nach Verabschiedung des preußischen Feuerbestattungsgesetzes drei Jahre später eröffnet werden konnte. Auch Fritz Schumachers Krematorium in Dresden (1911) überwand den historistischen Stil.
Feuerbestattung und Arbeiterbewegung
Breite Unterstützung fand die Feuerbestattung bei freigeistigen und freireligiösen Gruppierungen sowie später bei der Arbeiterbewegung. Die genossenschaftlich orientierten Feuerbestattungskassen aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung verhalfen der Einäscherung in der Zeit um den Ersten Weltkrieg zu weiterem Aufschwung.
Dies galt vor allem für die Weimarer Republik. Inflation und Wirtschaftskrise bewirkten einen massenhaften Zustrom zu den eingerichteten Feuerbestattungskassen. Der Anteil der Arbeiter an den Eingeäscherten, der um 1920 kaum mehr als ein Achtel ausmachte, stieg bis 1926 auf rund 45%. Aus dem Aufschwung dieser Kassen resultierten auch strukturelle Veränderungen innerhalb der Feuerbestattungsbewegung, die bisher stark bürgerlich geprägt gewesen war. Im Übrigen zeigen die genannten Vereine, wie eng sozialpolitische Fragen mit der Feuerbestattungsidee verknüpft wurden.
Die Feuerbestattung erwies sich in der Zeit der Weimarer Republik als ein entscheidender Baustein im kommunalen Bestattungswesen. Immer mehr Krematorien waren in kommunale Hände übergegangen, um die Einäscherungspraxis gezielter ins städtische Bestattungs-und Friedhofswesen zu integrieren.
Bezeichnend ist vor allem die Entwicklung in den Großstädten: In Hamburg beispielsweise, dessen Krematorium 1915 kommunalisiert wurde, wuchs der Anteil der Einäscherungen an den Gesamtbestattungen von 2,8% (1913) über 17,5% (1925) auf 27,8% im Jahr 1930. In Bremen stieg der Anteil der Feuerbestattungen zwischen 1910 und 1924 von 10,4 auf 27,4%, in Dresden zwischen 1911 und 1923 von 2,7 auf 31,8% (die unterschiedlichen Erstdaten hängen mit der Inbetriebnahme des örtlichen Krematoriums zusammen). Hohe Anteile erzielten 1923 unter anderem auch Coburg (51,3%), Braunschweig (34,1%) und Halle/Saale (17,5%). Wurde die Feuerbestattung gar, wie in Jena, kommunalpolitisch besonders gefördert, so entwickelte sie sich zur vorherrschenden Bestattungsart. Die wachsende Akzeptanz und Verbreitung der Feuerbestattung zog den Bau etlicher neuer Krematorien nach sich, so dass sich deren Zahl zwischen 1920 (53 Anlagen) und 1930 (102 Anlagen) fast verdoppelte.
Nach den Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur (dazu siehe den folgenden Beitrag) und des Zweiten Weltkriegs waren die Einäscherungszahlen vorübergehend rückläufig. Nur ganz allmählich entwickelte sich die Feuerbestattung in Deutschland zu einer gesellschaftlich immer breiter akzeptierten Bestattungsart -sieht man einmal von dem bis in die 1960er-Jahre hinein gültigen Verbot durch die katholische Kirche ab.
Die DDR hatte die Feuerbestattung stark gefördert. Im Jahr 1993 lag die Einäscherungsquote auf dem Gebiet der ehemaligen DDR bei 54,7% und damit höher als in der Bundesrepublik. Einzelne Orte, wie Gera, Gotha und Zwickau, erreichten Quoten von über 90%.
Gegenwärtig erreicht der Anteil der Feuerbestattungen an den Gesamtbestattungen in Deutschland einen Wert von rund 80% -mit allerdings noch immer großen regionalen sowie Stadt-Land-Unterschieden. Insbesondere traditionell katholische und ländliche Gebiete weisen bis heute einen signifikant niedrigeren Anteil aus.
Seit Ende der 1990er-Jahre gibt es immer mehr privatwirtschaftlich betriebene Krematorien, die die zuvor rein kommunalen Betriebe ergänzen und neue Angebote bereithalten.
Architektonisch bildete erst wieder das von Axel Schultes und Charlotte Frank entworfene neue Krematorium Baumschulenweg in Berlin-Treptow (1999) eine gewisse Zäsur. Das neue Berliner Krematorium galt bei seiner Einweihung als technisch modernstes in Europa.
Das 2011 eingeweihte "Bestattungsforum" auf dem kommunalen Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof (heute "Forum Ohlsdorf") bietet Ansätze einer ganzheitlichen Bestattungskultur. Es handelt sich um eine räumliche und konzeptionelle Erweiterung des Ohlsdorfer Krematoriumbaues von Fritz Schumacher aus dem Jahr 1933 (dem letzten Werk des dann von den Nationalsozialisten entlassenen Hamburger Oberbaudirektors). Programmatisches Ziel ist die Möglichkeit, Abschiednahme, Trauerfeier, Einäscherung und Beisetzung der Urne zeitlich und räumlich zu bündeln. Die Trauernden können von der Feier am Sarg bis zur Beisetzung der Urne zusammenbleiben und auch -falls gewünscht -der technischen Einäscherung direkt zusehen.
Literaturhinweis:
Norbert Fischer: Die Geschichte der modernen Feuerbestattung und Krematorien, in: Tade M. Spranger, Frank Pasic, Michael Kriebel (Hrsg.): Handbuch des Feuerbestattungswesens, München 2021 (2., überarbeitete Auflage), mit Literaturhinweisen.