Tiere begleiten von jeher das menschliche Dasein, zunächst als Rivalen in Gestalt wilder Bestien, als ihnen futterneidisch nachgestellten Konkurrenten, aber auch als apotheotisch verehrte Energiespender, später dann als domestiziertes Nutzvieh, das in der Enge anthropozentrischen Sichtkanals jedoch breiter gefächert und nunmehr gezüchtet das blieb, was es vormals schon längst gewesen war: Nahrungsmittel und Rohstofflieferant; und hinzu trat die Nutzen bringende Abrichtung zum schützenden und zerstreuenden Gefährten. Tiere sind des Menschen lebendiges -zuweilen gefürchtetes und gejagtes - Gegenüber gleichwie seine gezähmten, geehrten, gepflegten, gefütterten, geliebten, gehätschelten Getreuen, im Leben und bis in den Tod.
Schon 1933 geht R. Linck-Pelargus in der "Erinnerungsschrift mit Beschreibung von 700 Gräbern bedeutender Persönlichkeiten Stuttgarts" aus Anlass des 60-jährigen Bestehens des Stuttgarter Pragfriedhofs auf dessen tierische Bezugnahmen ein: "Franz Held, Pfarrer a.D., der Begründer des 'Sonntagsblattes' (1819-95), eine weiße Taube mit dem Palmzweig im Schnabel blickt auf den Schläfer herab",1 "[...]
Peter Müller, der herrliche Sänger, von dessen Stein ein munteres Vögelein die Strophe singt, die seine Freunde einmeißeln ließen: 'Ich trag' dich tief im Herzen mein, du folgst mir überall hin'"2. Und weiter stellt er fest: "Einem Förster und Waidmann hat man als Scheidegruß aus seinem geliebten Wald einen steinernen Hirsch auf den Grabstein gesetzt [...]."3
Da sie sich nicht bewegen, mit ihren bronzenen Füßen und auf steinernen Schwingen nicht flüchten, weder weglaufen noch wegfliegen, fiel es dem Autor keineswegs schwer, einige Tiere auf dem Stuttgarter Pragfriedhof mit der Kamera einzufangen, wenngleich natürlich bei weitem nicht alle. So blieb der oben genannte König des Waldes seinem Blick verborgen. Auf einer Kolumbarienwand tragen indes starke Beine zwei Elefanten, die möglicherweise mit Freundinnen und Freunden der Wilhelma in Verbindung stehen. Eines der beiden Rüsseltiere mit langen Stoßzähnen hat seinen Fuß auf einem Bücherstapel abgesetzt, während das andere gemächlich daher zu trotten scheint.
Ein wuscheliges Hündchen und ein geschmeidig glatthaariges Kätzchen, das sich gleichsam in sich eingerollt hat, schmiegen sich im Schlafe an zwei Gräber, womöglich ihrer Herrchen bzw. Frauchen.
Prähistorische Tiere haben sich auf dem Grab eines Kleinkindes versammelt und flankieren es: ein Triceratops und ein Dimetrodon werden von einer weiteren vorsintflutlichen Echse begleitet. Der Todesgott Yama (bisweilen auch als Dämon Mara gedeutet) hält an einer Grabstelle das Rad der Tierkreiszeichen in den Händen. Ein anderer repräsentativer Grabstein wird bekrönt vom ab 1817 gebräuchlichen -ein ziemlich eindeutiges retrospektives Zeichen, das in die Biographie des Verstorbenen deutet. Von letzterer, solch unmissverständlicher Symbolik abgesehen, gilt wohl das, worauf Otto Buchner und Carl Schnaase - allerdings für das Mittelalter - hinweisen: wie ungenau zu fassen nämlich tierische Darstellungen auf Grabsteinen seien4.
Natürlich lässt sich der Versuch unternehmen, auf die Tierdarstellungen der alten Grabstellen, die einer nicht annähernd derart säkularisierten Zeit wie der gegenwärtigen entstammen, Interpretationsmuster vor dem Hintergrund christlicher Ikonographie anzuwenden. Inwiefern ein solcher Deutungsansatz noch heute der eigentlichen Intention der Verstorbenen und ihrer Hinterbliebenen nahekommt, ist in einer Gesellschaft, in der kirchliche Lehre zunehmend an Bedeutung verliert, äußerst fraglich. Zeitgenössische Tierabbildungen scheinen eher dem Rechnung zu tragen, was der Soziologe Matthias Meitzler mitteilte, als er sich in dieser Zeitschrift 2017 der Innovation einer fortschreitenden "Individualisierung der Sepulkralkultur" widmete. Da kann in Zweifel gezogen werden, ob die in Granit gemeißelte Eidechse noch für die "Gnade göttlichen Lichts"5, den "Todesschlaf"6 und die Auferstehung steht oder bloß Ausdruck einer individuellen Vorliebe des/der Bestatteten oder der Angehörigen bleibt. Da ist gleichermaßen zweifelhaft, ob die "kleinen Singvögel"7, die sich als "Seelenvögel"8 in Bronze und Messing auf den Grabsteinen des Pragfriedhofs niedergelassen haben, tatsächlich noch als "Symbol der erlösten bzw. der Erlösung suchenden"9 oder "Gott lobpreisenden Seele"10 ausdeuten lassen. Natürlich: Der Schmetterling als antikes Seelentier kann immer als das Sinnbild für die seelische Metamorphose betrachtet werden. Aber vielleicht mochte das begrabene Individuum einfach nur ganz individuell dieses Insekt? Das Osterlamm mit der Siegesfahne bleibt unverkennbar der den Tod überwunden habende, da auferstandene Christus.
Aber muss nicht eine den Stab umwindende Schlange, als retrospektiv verwendete Äskulapnatter gedeutet, auf einen vormaligen Arzthaushalt hinweisen, statt auf "Christus am Kreuz als Erlöser"11? Versinnbildlicht oben erwähnte schlummernde Katze tatsächlich das "Erkennen Christi"12 und der oben genannte Hund die ekklesiologische "Glaubenstreue"13 und die "Erziehung zur Tugend"14? Oder sind sie nicht vielmehr simplifizierte, retrospektiv gebrauchte, also in die Vergangenheit weisende Abbilder von durchaus (Herrchen bzw. Frauchen gegenüber) treuen, biographisch verbürgtenHaustieren, die einst so sehr in der liebenden Gunst der sie Besitzenden standen, "was ihnen Freude bereitete"15?
Gerade der Hund als Grabwächter im Sinne von Concordia und Fides ist wie alle tierischen "Platzwarte" und Wächterfiguren zudem präsentischen Charakters. Die oben bezeichneten Dinosaurier sind und bleiben in der Nachbetrachtung Relikte aus dem Leben des verstorbenen Kindes, sie haben keine Entsprechung in der tradierten - oder vielmehr in der säkularisierten Gesellschaft keineswegs tradierten - christlichen Ikonographie. So gibt manches Tier "Einblicke in die persönlichen Lebenswelten der Verstorbenen und ihrer Angehörigen",16 wie Meitzler schreibt. Sie geben als Ausschnitte einen rückwärts gerichteten und geschmälerten Blick auf deren Biographien frei und erfüllen im Tode den gleichen Zweck, den zu erfüllen im Leben ihnen zugedacht war. Sie wirken posthum als Ausdruck einer jahrtausendealten Partnerschaft zwischen Mensch und Tier.
Anmerkungen
1 Karl Klöpping: Historische Friedhöfe Alt-Stuttgarts, Band 2: Der Central-Friedhof auf der Prag - Ein Beitrag zur Stadtgeschichte mit Wegweiser zu Grabstätten bekannter Persönlichkeiten, Stuttgart 1996. S. 12.
2 Ebd. S. 14.
3 Ebd. S. 35.
4 Vgl. Otto Buchner: Zur Tiersymbolik, namentlich auf Grabmälern. In: Zeitschrift für christliche Kunst, XVI. Jahrgang, Düsseldorf 1903. S. 369-380.
5-14 Vgl. Sigrid und Lothar Dittrich: Lexikon der Tiersymbole, Petersberg 2004.
15, 16 Matthias Meitzler: Im Gleichschritt mit dem Zeitgeist. Die Individualisierung der Sepulkralkultur, https://www.fof-ohlsdorf.de/136s23_meitzler; abgerufen am 24.03.2025.