OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Im Gleichschritt mit dem Zeitgeist: Die Individualisierung der Sepulkralkultur

 - Februar 2017
Ausgabe: 
Nr. 136, I, 2017

Wie sehr der Umgang mit Sterben, Tod und Trauer dem sozialen Wandel unterliegt, wird nicht zuletzt anhand der Gestaltung von Gräbern auf dem zeitgenössischen Friedhof sichtbar.

Traditionelle Konzepte werden dabei allmählich von innovativen Formen abgelöst. Es lässt sich vor allem ein Trend zur Individualisierung erkennen. In einem noch nie dagewesenen Ausmaß geben moderne Ruhestätten Einblicke in die persönlichen Lebenswelten der Verstorbenen und ihrer Angehörigen. Langjährige soziologische Forschungsarbeiten greifen den Wandel der Bestattungskultur auf und nehmen den Friedhof unter die Lupe. (Nähere Informationen finden sich unter: www.friedhofssoziologie.de)

Wandel der Friedhofslandschaften

Weil die Gesellschaft keinen Stillstand kennt, sondern sich in ständiger Entwicklung befindet, sind sämtliche kulturelle Phänomene immerzu Ausdruck eines spezifischen Zeitgeistes. Das gilt auch für die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit dem Problem umgeht, dass alle Menschen sterben müssen. Die Tatsache, dass Sterben, Tod und Trauer keine starren Größen sind, dass sich ihre kulturelle Bearbeitung und gesellschaftliche Deutung heute weniger denn je verbindlich bestimmen lassen, macht sich auf diversen sepulkralen Schauplätzen bemerkbar – auch und gerade auf dem zeitgenössischen Friedhof.
Friedhöfe lassen sich seit jeher als Kulturarchive betrachten, die Auskunft darüber geben, wie Menschen miteinander leben, wie sie umeinander trauern, wie sie einander erinnern. Und weil all das einem stetigen Wandel unterliegt, verändern auch die Friedhofslandschaften sukzessive ihr Gesicht. Gegenwärtig zeichnet sich ein besonders massiver Umbruch ab. Er besteht u.a. darin, dass sich moderne Gräber und deren Inschriften allmählich von klassischen Konzepten und Schemata ablösen und neue Formen und Ausdrucksvarianten aufweisen.

Im Bundesdurchschnitt übersteigt die Zahl der Feuer- mittlerweile die der Erdbestattungen. Der Siegeszug der Kremation hat neue Grabformen entstehen lassen. Ruhestätten werden tendenziell kleiner und ihre Einrichtung folgt verstärkt kosten- bzw. pflegesparenden Motiven. Reihengräber, Urnenwandnischen, Rasenplatten oder anonyme Beisetzungswiesen erfahren aktuell eine erhöhte Nachfrage und bilden einen Kontrast zum vergleichsweise monumentalen und breitflächigen Familienwahlgrab, das immer seltener beauftragt wird. Zudem haben naturnahe Beisetzungen auf dem und abseits des Friedhofs in den vergangenen Jahren an Beliebtheit gewonnen.

Begräbnisstätten haben sich aber nicht nur im Hinblick auf ihre Form, sondern auch hinsichtlich ihrer inhaltlichen Darstellung verändert. Eine zentrale Erscheinung des modernen Friedhofs ist der Trend zum individuellen Grabmal. Lange Zeit war die Friedhofslandschaft durch ein weitgehend uniformes Erscheinungsbild geprägt. Die meisten Ruhestätten wiesen starke optische Ähnlichkeiten auf und hielten nur spärliche, nüchterne Informationen über die Bestatteten parat. Seit Ende des 20. Jahrhunderts kommt es jedoch vielfach zu Brüchen mit dieser Uniformität. Auf bemerkenswerte Weise berichten moderne Gräber zunehmend über persönliche Biografien der Verstorbenen und ihrer Angehörigen. Das soll anhand verschiedener Beispiele veranschaulicht werden.

Bruchstücke eines individuellen Lebens

Ein fast schon traditionelles Mittel zur Personalisierung der Grabstätte, das in dieser Funktion lange Zeit kaum Alternativen kannte, besteht in der Nennung oder bildhaften Andeutung von Berufen. Üblicherweise soll damit nicht bloß Auskunft darüber gegeben werden, mit welcher Tätigkeit der (meistens männliche) Verstorbene einst sein Einkommen erzielte. Vielmehr gilt der Beruf als Indikator einer Berufung, als zentrale Personeneigenschaft, ja als ein Identitätsgarant. Zugleich zeigt der Beruf die soziale Position des Verstorbenen an. In früheren Generationen wurde der Beruf vor allem dann auf Grabsteinen erwähnt, wenn er eine besondere Bedeutung für die soziale Gemeinschaft hat (z.B. Lehrer, Arzt, Bäcker, Metzger oder Pfarrer). Bisweilen fungierte die Nennung der Arbeit des männlichen Familienoberhaupts als Definitionsmerkmal der ,restlichen‘ Familie – so ist auf manch älterem Grabstein etwa die "Gastwirtsgattin" oder das "Landwirtssöhnchen" verewigt.

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Fotos: Thorsten Benkel & Matthias Meitzler

Weil Berufsbiografien heute tendenziell brüchig geworden sind – die Begleiterscheinung einer starken Ausdifferenzierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes –, stellt sich inzwischen jedoch die Frage, ob die Persönlichkeit des Verstorbenen auf diese Weise überhaupt noch adäquat eingefangen werden kann. Zwar macht die Berufszeichnung nach wie vor so manches Epitaph zur ,letzten Visitenkarte‘, mittlerweile dominiert jedoch ein anderes, vermutlich weniger flüchtiges Merkmal: das Hobby. Verweise auf das, was Menschen gerne taten, was ihnen Freude bereitete, was ihnen wichtig war und woran ihr Herz hing, eignen sich offenbar besonders gut als bleibendes Motiv an ihrer Ruhestätte. Weit verbreitet sind Bezüge zum Sport und zur Musik, aber auch Referenzen auf die Populärkultur findet man immer häufiger. Diese können auch in Form von Alltagsgegenständen, die Hinterbliebene am Grab ablegen, zum Ausdruck gebracht werden. Als Teil einer materiellen Erinnerungskultur werden sie zu dinglichen Stellvertretern eines vergangenen Lebens. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es sich um Gegenstände handelt, die der Verstorbene vor seinem Tod selbst in Gebrauch hatte – etwa ein Kleidungsstück, ein Tennisschläger, eine Schallplatte oder ein Saxophon.

Anhand derartiger Darstellungsformen gewinnt man in der Regel selbst dann eine zumindest vage Vorstellung davon, was über den Verstorbenen gesagt werden soll, wenn man diesen nicht persönlich kannte. Doch nicht immer lässt sich die Bedeutung des Grabensembles ad hoc entschlüsseln; manchmal bedarf es spezifischer Kenntnisse über ein subkulturelles Ausdrucksrepertoire, und manchmal haben die Angehörigen bewusst solche Gestaltungselemente ausgesucht, mit denen nur sie ,etwas anfangen‘ können. Diesbezüglich lässt sich auf dem Friedhof durchaus auch ein Trend zur Verrätselung beobachten.

Insgesamt rücken alltagsweltliche Verweise vermehrt an die Stelle religiös konnotierter Symbole wie dem Kreuz, den gefalteten Händen, Jesus- oder Mariendarstellungen. Der Trend zur Säkularisierung hat damit nicht nur die alltägliche Lebensführung, sondern auch den Lebensrückblick auf dem Friedhof ergriffen. Ferner wird dies anhand moderner Grabinschriften deutlich, die nicht mehr nur aus der Bibel, sondern aus den unterschiedlichsten Kontexten stammen. Neben den Worten prominenter Dichter und Denker begegnet man bekannten und weniger bekannten Songtexten oder Filmzitaten, persönlichen Zuneigungsbekundungen und auch solchen Sätzen, die der Verstorbene offenbar selbst einmal ausgesprochen hat.

Nicht selten wird davon berichtet, was der Betrauerte einst im Leben erreicht hat. Geht es in einigen Fällen um Erfolge im Berufsleben oder im sportlichen Wettkampf, so sind es andernorts Leistungen, die der Verstorbene für seine Mitmenschen erbracht hat. Vereinzelt, aber mit zunehmender Tendenz, wird auch angedeutet oder sogar unmissverständlich ausbuchstabiert, was der Verstorbene nicht erreicht hat, woran er gescheitert ist, oder es werden die dramatischen Umstände seines Lebensendes erzählt (z.B. Krankheit, Unfall, Suizid).

Ein anderes Merkmal zeitgenössischer Ruhestätten stellt das Anbringen von Fotos dar. Dieser Trend ist im Grunde nicht neu; schon vor über 150 Jahren hat es im mitteleuropäischen Kulturraum emaillierte Porträtfotografien am Grab mancher, meist wohlhabender Personen gegeben. Später wurden sie in Deutschland verboten, weil eine derartige Individualisierung der Grabstätte der Idee einer kollektivistisch geprägten "Volksgemeinschaft" zuwiderlief. Nach jahrzehntelanger Fotoabstinenz auf deutschen Friedhöfen tauchen die Bilder nun seit circa 20–30 Jahren wieder auf – und das in einer noch nie dagewesenen Verbreitung und Variabilität. Neben dem klassischen Porträt finden sich immer häufiger auch Schnappschüsse aus dem Alltag. Um an seinem Grab zu demonstrieren, wer der Verstorbene war, gibt es derzeit wohl kein wirksameres Mittel als ein fotografisches Abbild seines persönlichen Antlitzes.

Die Individualisierung der Erinnerungskultur

Die Tendenz, dass Gräber als Display einer individuellen Biografie eingerichtet werden, vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, sondern lässt sich auf gesamtgesellschaftliche Prozesse zurückführen. Seit Mitte der 1980er ist die These von der Individualisierung in aller Munde. Im Kern ist damit ein struktureller Wandel im menschlichen Zusammenleben gemeint. Er steht für einen Bedeutungsverlust kollektiver Bezugsfelder (Familie, Religion oder Region) und Orientierungsmuster. In der modernen Gesellschaft müssen Menschen ihre eigene Existenz selbst definieren und ,erbasteln‘. Was für das eigene Leben wichtig ist, und welche Wege beschritten werden, um dies zu erreichen, liegt damit mehr als zuvor in der persönlichen Verantwortung des Individuums. Die gewonnenen Freiheiten bei der Lebensgestaltung stehen jedoch dem gewachsenen Risiko gegenüber, daran zu scheitern.

Bezogen auf das Lebensende bedeutet das: Was erinnernswert ist und auf welche Weise Erinnerung festgeschrieben wird, müssen diejenigen, die sich erinnern, selbst entscheiden. Dieser Gedanke kommt nicht zuletzt in der Gestaltung eines individuellen Grabmals zum Tragen. Hier geht es darum, sich auf ausgewählte Bruchstücke einer persönlichen Biografie festzulegen – ein Leben auf wenige Aspekte zu verdichten, die möglichst viel sagen. Schließlich kann und soll nicht alles aus dem Leben des Verstorbenen an seiner Ruhestätte Platz finden.

Gewiss ließe sich darüber streiten, wie individuell ein individuelles Grab tatsächlich ist, wenn es sich kollektiv anschlussfähiger Motive bedient – etwa des Logos einer Fußballmannschaft, einer bekannten Comicfigur oder eines Motorrads. Und gewiss gibt es auch auf dem zeitgenössischen Totenacker eine Vielzahl von Gräbern, die klassischen Mustern folgen und sich solcher Personalisierungsbemühungen widersetzen. Doch selbst anonyme Wiesengräber, die sich nicht nur über die Namen, sondern auch über die konkreten Beisetzungsorte der Toten ausschweigen, stehen mit dem Individualisierungsgedanken durchaus im Einklang. Schließlich stellen sie das Resultat einer individuellen Entscheidung dar und können somit als Ausdruck einer Lebenseinstellung verstanden werden.

Wie die empirischen Befunde eigener Feldforschung auf knapp tausend Friedhöfen in Zentraleuropa zeigen, nimmt der Wunsch nach Autonomie und Mitgestaltung zu, wenn es um Bestattung, Trauer und Erinnerung geht. Erkennbar wird das nicht nur auf dem Friedhof, sondern u.a. auch daran, dass sich zunehmend mehr Angehörige wünschen, die Asche ihres Verstorbenen an alternativen Orten zu verstreuen oder im privaten Haushalt zu verwahren. Und nicht immer bleiben solche Wünsche lediglich Wünsche, so die Erkenntnis einer Interviewstudie, die der Autor gegenwärtig in Zusammenarbeit mit Kollegen durchführt.

In einer Gesellschaft, die pluraler wird, werden auch die individuellen Bestrebungen in Bestattungsfragen sich weiter ausdifferenzieren und der Friedhof sich weiter verändern. Er gewinnt damit vor allem an Vielfalt und Buntheit. Das muss er auch, will er den veränderten Ansprüchen langfristig gerecht werden und den Kampf gegen den Zeitgeist nicht verlieren.

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