Mit diesem Buch legt die Autorin eine außerordentlich umfangreiche Studie zu der Frage vor, wie sich die Vorstellungen vom Überdauern der Toten seit der Aufklärung bis in die Gegenwart geändert und von der religiösen Vorherrschaft gelöst haben; bzw. im wissenschaftlichen Duktus der Autorin: Wie die handelnden Akteure - sie waren hauptsächlich männlich - "den Menschen nach der Überschreitung der Grenze des Todes dachten bzw. sinnhaft im Sein verankerten und welche historischen Hintergründe, welches Wissen, welche Techniken, Technologien und Praktiken mit ihrer Sinnstiftung verbunden waren." Die Hauptthese, die mit einer ungewöhnlich breiten Quellenkenntnis unterlegt wird, ist, "dass der nicht vergehende Mensch ein entscheidendes Signum des Säkularistischen darstellt" und dass dabei technische und wissenschaftlich-medizinische Neuerungen sein Überdauern versprachen und auch heute noch versprechen. Säkularistisch bedeutet in der Definition der Autorin "die Ablehnung religiöser Weltbilder, Institutionen und Praktiken und ihren Ersatz durch solche, deren Basis Weltlichkeit, Wissenschaft, Rationalität und zivile Moralvorstellungen bilden." (S. 11, Anm. 10)

Damit wendet sich die Arbeit solchen Konzepten und den damit verbundenen Praktiken zu, die einerseits nicht in das christliche Glaubenssystem eingebunden sind, und andererseits trotzdem ein Fortbestehen der Toten, wenn auch in anderer Form, ermöglichen wollen. Die Untersuchung ist dabei zeitlich weit gefasst, geographisch teilweise über Europa hinausgreifend und wissenschaftlich interdisziplinär angelegt. Grundlage und Ausgangspunkt sind -hauptsächlich schriftliche -Quellen zur Geschichte der neuzeitlichen Kremation. Der oben skizzierten Fragestellung wird in vier Hauptkapiteln nachgegangen. Der Weg beginnt mit den "Erschütterungen des christlichen Bestattungswesens und christlicher Anschauungen von Tod und Nachleben" im revolutionären Frankreich der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, springt dann zum Nachwirken dieser Erschütterungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts innerhalb der katholisch dominierten Kultur Italiens. Des Weiteren nimmt die Autorin protestantische Kulturen in Europa in den Blick und untersucht daran die Verbindungen von Emotionen mit ihrer geschlechtlichen Zuschreibung bei den Vorreitern der Feuerbestattungsbewegung und zieht schließlich Linien von der historischen Entwicklung dieser einstmals alternativen Bestattungsart zu den neuen Ideen des Weiterlebens im digitalen Raum und zu neuen Beisetzungsideen der Gegenwart. An Beispielen erläutert sie so, wie säkulare Einstellungen im Bereich von Tod und Nachleben seit dem ausgehenden 18. und dem langen 19. Jahrhundert in der Gegenwart "als handlungsleitende Glaubenssätze" fortwirken, obwohl völlig neue Techniken eingesetzt werden.
Ein ausführliches Quellen-und Literaturverzeichnis schließt diese Arbeit ab, die nicht nur die historische Kenntnis der Entwicklung der Feuerbestattung auf gesamteuropäischer Ebene erweitert, sondern auch mit ihrer speziellen Fragestellung zum Säkularismus ganz neue interdisziplinäre Aspekte zum Verständnis des kulturellen Umgangs mit Tod und Bestattung beiträgt.
Carolin Kosuch, Die Abschaffung des Todes - Säkularistische Ewigkeiten vom 18. bis ins 21. Jahrhundert, Campus Historische Studien, Bd. 84, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2024