Zur Entwicklung der Regenerativtechnik bei Siemens in Dresden
Voraussetzung jeder Feuerbestattungspraxis war eine moderne Einäscherungstechnik. Hier stand Dresden im Mittelpunkt: In der dort angesiedelten Siemensschen Glasfabrik startete die Karriere des Ingenieurs Richard Schneider (1848-1929). Geboren in Braunschweig, war er bei Siemens Anfang der 1870er-Jahre zum Ersten Ingenieur aufgestiegen. Dabei entwickelte Schneider das System des sogenannten Siemensschen Regenerativofens weiter. 1885 eröffnete er ein eigenes technisches Büro für "Gasfeuerungsanlagen" mit dann mehreren Standorten.
In seinen Erinnerungen, die als Teil seines Nachlasses im Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV, Dresden) aufbewahrt werden, schreibt Schneider über die ersten Experimente mit Einäscherungstechnik. Demnach kam der Dresdener Mediziner Friedrich Küchenmeister (siehe dazu den vorherigen Beitrag in dieser Ausgabe) im Frühjahr 1874 in die Siemenssche Glasfabrik, um Möglichkeiten der technischen Einäscherung von Leichnamen zu eruieren. Offensichtlich fast zeitgleich wandte sich der Leipziger Mediziner Carl Reclam mit derselben Idee, jedoch postalisch übermittelt, an den Unternehmer Friedrich Siemens. Letzterer erklärte sich bereit, auf dem Gelände seines Unternehmens eine Probeanlage errichten zu lassen -die technischen Details überließ er seinem Ersten Ingenieur, also Richard Schneider.
Dabei ging es um eine Anlage, die den toten Körper aus Pietätsgründen nicht in Flammen aufgehen, sondern in hocherhitzter Luft gleichsam verglühen ließ. Dies basierte auf dem Prinzip des von Friedrich Siemens entwickelten Regenerativofens (Siemens-Martin-Ofen), der in der Dresdener Glasfabrik -die Friedrich Siemens 1867 von seinem verstorbenen Bruder Hans übernommen hatte -zum Einsatz gekommen war. Richard Schneider vermerkt in seinen Erinnerungen auch, dass es in der Folge zu einem Streit zwischen den beiden Protagonisten Küchenmeister und Reclam kam, wer denn nun als erster die Initiative zum Bau des Einäscherungsofen gegeben hatte.
Den Ingenieur selbst interessierte dies natürlich weniger als der Umstand, wie denn eine flammen-, rauch-und geruchslose Einäscherung vollzogen werden konnte. Die Knochen sollten dabei in kleine weißliche Teile zerfallen.Ab dem Frühjahr 1874 fanden bei Siemens Probeverbrennungen unterschiedlicher Tierkadaver statt, darunter Pferde, Schweine und Hunde. Das wissenschaftliche Interesse war groß, unter anderem waren führende Vertreter von staatlichen Medizinalbehörden anwesend.
Bei den Versuchen stellte sich heraus, dass die Temperatur idealerweise ca. 900 bis 1.000 Grad Celsius betragen sollte, um die übrigbleibenden Knochen nicht verhärten zu lassen. Die Einäscherung dauerte je nach Beschaffenheit des Sarges und Gewicht des toten Körpers 60 bis 90 Minuten. Übrigens wurde schon bei dieser Gelegenheit die Frage des Nachweises von Giften, vor allem Arsen, in eingeäscherten Körpern erörtert -mit eindeutig negativem Befund (ein Nachweis war damals noch nicht möglich). Aus Schneiders Experimenten entstand schließlich der Siemenssche Ofen zur Einäscherung von Leichen -und Ingenieur Schneider versäumte in seinen Aufzeichnungen nicht zu erwähnen, dass diese Bezeichnung bloß dem Ort der Experimente und der Kostenübernahme durch denbekannten Unternehmer geschuldet war ...
Bald darauf näherte sich das Ereignis, auf das die Feuerbestattungsanhänger gewartet hatten: Die erste öffentliche Einäscherung eines menschlichen Leichnams am 9. Oktober 1874 (nach einigen Quellen hatte es schon imVormonat auf einer Naturforscherversammlung in Breslau eine nichtöffentliche Einäscherung gegeben). Es handelte sich um Lady Dike, die verstorbene Ehefrau eines ranghohen britischen Regierungsmitgliedes, die ihre Einäscherung testamentarisch verfügt hatte. Nach dem Bericht von Richard Schneider wurde aus deren Kreisen Kontakt mit Siemens aufgenommen. Nach einer kurzfristigen und unkompliziert erlassenen Genehmigung seitens des sächsischen Innenministers und der Information von interessierten Kreisen sowie der Presse konnte die Einäscherung am 9. Oktober 1874 um 16 Uhr in der Siemensschen Glasfabrik vollzogen werden. Anschließend wurden, wie Schneider vermerkt, noch vier weitere Leichen eingeäschert, darunter drei Diphtherie-Opfer.
Aber dann dauerte es nochmehr als vier Jahre, bis schließlich in Gotha das erste deutsche Krematorium mit dem Regenerativ-Ofen, der übrigens noch immer Siemens' Namen trug, ausgerüstet wurde. Zwischenzeitlich fand 1876 in Dresden der internationale Feuerbestattungskongress statt.Dieser unterstützte ausdrücklich die Regenerativ-bzw. Heißluftöfen, wenn er folgende Maßstäbe an eine Leichenverbrennung stellte: "a.) Die Verbrennung soll rasch vor sich gehen; b.) sie soll sicher und vollständig sein, und ein Halbverbrennen oder Verkohlen darf nicht stattfinden; c.) der Prozeß soll in dezenter Weise und nur in ausschließlich für menschliche Leichen bestimmten Öfen vollzogen werden; d.) bei denselben sollen keine die Nachbarschaft belästigenden Verbrennungsprodukte, übelriechende Dämpfe,Gase usw. auftreten; e.) die Asche soll unvermischt, rein und weißlich, und ihre Einsammlung leicht und rasch ausführbar sein ... "
Richard Schneider machte sich, wie erwähnt, später selbstständig und entwickelte den Regenerativ-Ofen weiter, der fortan seinen Namen trug. Hamburg war 1891 das erste Krematorium, das sein System einbaute -der Betrieb konnte allerdings aufgrund politischer Hemmnisse erst im Herbst 1892 aufgenommen werden.
Quelle:
Lebenserinnerungen Richard Schneider, in: Nachlass des Ingenieurs Richard Schneider (1848-1929), Lebensgeschichtliches Archiv (LGA) des Institutes für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV), Nr. 121.
Verf. dankt Dr. Sönke Friedreich (ISGV Dresden) für die Überlassung der Dokumente aus dem Nachlass von Richard Schneider. Weiterführende aktuelle Texte zum Thema in: Tradition mit Zukunft -150 Jahre Feuerbestattung in Deutschland. Düsseldorf 2024 (Hrsg. und Bezugsquelle: Fachverlag des Deutschen Bestattungsgewerbes).