Handlungsschauplatz von Sibyl Volks neuem Roman "Café Finito" ist der Dorotheenstädtische Friedhof. Um es gleich vorweg zu nehmen: Den Friedhof gibt es wirklich, ein Kleinod unter den Berliner Friedhöfen, auf dem das Who is Who der geistigen Elite Deutschlands begraben liegt, wie der Leser immer wieder erfährt. Und dort wird tatsächlich auch ein Café betrieben, wenngleich es schlicht Cafe Ca ́Doro heißt und nicht den originellen Namen des Buchtitels trägt. Das war es allerdings schon mit den faktenbasiertenÜbereinstimmungen. Das Romancafé wird von Friedhofsverwalter Kristof Fährer geführt, der neben Kaffee, Kuchen und einem offenen Ohr Trauergruppen anbietet, die monatlich stattfinden. Der Name ist bewusst gewählt; wie ein Fährmann geleitet er sechs Hinterbliebene ein Jahr lang -nicht in den Hades, sondern durch das Tal ihrer Trauer. So unterschiedlich, wie diese sechs Menschen, so verschieden sind die erlittenen Verluste. Jeder von ihnen ist dem Tod in seiner ganz eigenen Lebenssituation und besonderen Biografie begegnet. Gemeinsam ist ihnen der Bezug zum Friedhof, auf dem ihre Angehörigen liegen -und dass Kristof sie gezielt eingeladen hat, in die Gruppe zu kommen.
Da gibt es eine Schriftstellerin, die ihre Mutter nach langer Krebserkrankung begraben musste, eine junge Frau, die ihr Baby durch Fehlgeburt verloren hat, oder den kaum erwachsenen jungen Mann, der mit dem Tod seines Vaters zur Vollwaise geworden ist. Lizzie trauert nach 70 Jahren Ehe um ihren Mann, der verheiratete Versicherungsmakler Matthias um seine heimliche Geliebte, und die alevitische Ärztin Mira um ihre beste Freundin. Etwas überzeichnet erscheint die Bandbreite der Charaktere, die Sibyl Volks entwickelt hat. Man gewinnt den Eindruck, dass nicht nur gezeigt werden soll: Der Tod hält sich nicht an Spielregeln, es kann jeden jederzeit treffen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität, Gesundheitszustand, sozialem Status, Beruf, Gesinnung -sondern es soll möglichst vielen Lesern eine Identifikationsfläche geboten werden. In der Trauergruppe sollen politische und religiöse Überzeugungen vor der Tür bleiben, so lautet die von Kristof gesetzte Regel. In der Geschichte bleiben sie es nicht, und das tut dem Buch nicht immer gut. Ob es der Mauerbau ist oder die Bausoldaten in der DDR, die gleichgeschlechtliche Liebe oder der Umgang mit Rassismus und Islamophobie -natürlich gibt es all diese Themen im wahren Leben, aber im Roman wirken sie oft überzogen oder deplatziert und tragen nicht zum Verständnis der Vielschichtigkeit von Trauerempfindungen bei.
Ein Trauerratgeber ist der Roman nicht und will es auch nicht sein. Dass überhaupt über Tod und Trauer gesprochen wird, mit Sachkenntnis, aber auch mit Humor und Empathie, ist eine Stärke des Buchs -die zahlreichen Nebenschauplätze und skurrilen Figuren sind des Guten eher zu viel. Sibyl Volks räumt dem historischen Friedhof und seinen berühmten "Bewohnern" sehr viel Raum ein, aber ein Friedhofsführer ist der Roman ebenfalls nicht. Ob das, was man nebenbei über die prominenten Toten des Dorotheenstädtischen erfährt, nicht am Ende interessanter ist, als das Jahr mit der Trauergruppe, muss der Leser selbst entscheiden. In jedem Fall ist es eine großartige Werbung für den Berliner Friedhof, dessen Gräber und seine Berühmtheiten man nach der Lektüre unbedingt einmal selbst besuchen möchte.
Sybil Volks, Café Finito. Roman, 336 Seiten, München 2025