Der Vorwerker Friedhof (eröffnet 1907) und der Waldhusener Friedhof (1909) stammen aus der Zeit der Industrialisierung, der Hafenexpansion und des Bevölkerungswachstums in und um Lübeck im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Diese Entwicklungen vollzogen sich vor allem am Nordufer der Trave. So wurde der Waldhusener Friedhof nahe des damals vorstädtischen Industriereviers der Landgemeinde Kücknitz mit seinen Arbeitersiedlungen angelegt (die 1912/13 nach Lübeck eingemeindet wurden).
Beiden fast zeitgleich errichteten Friedhöfen ist gemeinsam, dass sie von dem nur wenige Jahre in Lübeck wirkenden Gartenbauarchitekten Erwin Barth entworfen wurden. Barth gilt als einer der bekanntesten Vertreter der Volkspark-Bewegung, die sich in besonderem Maße um städtische Grünflächen für die wachsende Arbeiterschicht kümmerte. Als Leiter der Lübecker Gartenbauverwaltung ("Stadtgärtner") gestaltete er in Lübeck 1909 auch den Marlipark (Stadtteilpark "Platz auf Marly", heute Drägerpark). Anschließend wirkte Erwin Barth ab 1912 in Charlottenburg bzw. Berlin, wo er die Entwicklung der Grünanlagen maßgeblich beeinflusste.
Der Vorwerker Friedhof
Zunächst zum Vorwerker Friedhof: Im Hintergrund stand, dass Ende des 19. Jahrhunderts der 1834 eingeweihte Burgtor-Friedhof angesichts der genannten Stadtentwicklung für die Lübecker Bevölkerung zu klein geworden war. Für das wachsende Vorstadtareal vor dem Holstentor reichte auch der dort befindliche St. Lorenz-Friedhof nicht mehr aus, dessen angedachte Erweiterung von der Stadt abgelehnt wurde. Vielmehr wurde auf einem städtischen Grundstück zwischen Vorwerk und Krempelsdorf ein neuer, zunächst 21 Hektar großer Friedhof vom Stadtgärtner Erwin Barth als "Gartenfriedhof" angelegt. Begrenzt im Süden durch die Friedhofsallee und im Norden durch den Fackenburger Landgraben -dem Übergang der Stadt Lübeck zur benachbarten Gemeinde Stockelsdorf -, ist der heute 53 Hektar umfassende Vorwerker Friedhof der größte Friedhof in Lübeck. Das erste Begräbnis fand am 13. Mai 1907 statt.
Nach Entwürfen des Lübecker Gartenarchitekten Harry Maaszwurde der Vorwerker Friedhof im Jahr 1926 erweitert, 1958 eine zweite Kapelle errichtet. Heute zeigt sich die Anlage mit ihren rund 44.000 Grabstätten als weitläufige Grünfläche mit gewachsenem Baumbestand. 2014 wurde nahe Eingang 1 ein sogenannter "Bestattungsgarten" angelegt. Diese besondere, einheitlich gestaltete und gepflegte Aschengemeinschaftsanlage nimmt neuere Entwicklungen zu sepulkralen Miniaturlandschaften auf Friedhöfen auf
Gegenüber liegt die Anlage polnischer Kriegsopfer (u.a. Verschleppte, Zwangsarbeiter) mit ihrem Ehrenmal. Ein einzelnes Grabdenkmal an diesem Ehrenmal erinnert zusätzlich an ein polnisches Cap Arcona-Opfer (Waclaw Rytelewski; +3.5.1945 Cap Arcona, mit Häftlingsnummern der KZs Auschwitz und Neuengamme). Bereits um 1950 war die Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in einem ummauerten Innenhof eingerichtet worden. Das vom Bildhauer Walther Jahn im Inneren umlaufend symbolisch gestaltete Ehrenmal erinnert an Stationen des Leidens.
Eine besondere, leider weitgehend verfallene Gedenkanlage ist den Opfern des Lübecker Impfunglücks von 1930 gewidmet ("Calmette-Unglück") - dem größten Impfunglück des 20. Jahrhunderts mit 77 Todesopfern und einem der großen Medizinskandale der Zeitgeschichte. Es handelte sich um Kinder, die infolge versehentlich kontaminierten Tuberkulose-Impfstoffes starben. Für sie gibt es auf dem Vorwerker Friedhof ein eigenes Gräberfeld mit individuellen Grabplatten. Die mangelnde Aufsicht und Leichtfertigkeit beim Umgang mit dem neuen Impfstoff führten nicht nur zur Verurteilung von maßgeblich Verantwortlichen, sondern sorgte auch für eine Reform bzw. Kodierung des ärztlichen Berufsrechtes in Deutschland.
Der Friedhof Waldhusen
Der südöstlich des gleichnamigen Forstgebietes gelegene Friedhof Waldhusen wurde am 3. Dezember 1909 eröffnet. Ursprünglich wurde die Anlage von einem zu diesem Zweck gegründeten Friedhofsverband der beteiligten Landgemeinden um Kücknitz getragen und ging erst 1929 - lange nach deren Eingemeindung - auf die Stadt Lübeck über.
Gartenarchitekt Erwin Barth berücksichtigte bei seiner Planung das nahe Forstgebiet und bezog Elemente des Waldes in die Anlage ein. Eine eigene Kapelle wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet. Der Friedhof umfasst nach einer 1961 nördlich der Bahnlinie erfolgten Erweiterung - die nur über eine Unterführung zu erreichen ist - aktuell etwa 26 Hektar. Der park-und waldnah gestaltete, gegenüber dem alten Bereich wesentlich größere Erweiterungsteil erhielt ebenfalls eine Kapelle mit Leichenhalle (1963). Er ist im Norden durch drei kleine Wasserflächen gekennzeichnet: Weidensee, Parksee und Waldsee. Ein Übergang vom Friedhof zum Waldhusener Forst ist durch eine historische Holzpforte möglich. Ein für moderne Grabmalkultur aufschlussreicher Bereich des Friedhofs ist kreativ gestalteten Aschen-Themengrabstätten gewidmet. Ihre mehrfach gegliederte Stelen-Struktur trägt Namen und Lebensdaten der hier Bestatteten. Die einzelnen Stelen zeigen z.B. maritime und florale Symbolik, verweisen durch aufgestellte Buchrücken auf Bibliophilie oder erinnern mit ihrer Kieselstein-Ornamentik an die Tradition jüdischer Trauer-und Gedenkkultur.
Wegen des zurückgehenden Flächenbedarfes werden auf dem Erweiterungsteil des Waldhusener ab 2031 keine neuen Bestattungen mehr vorgenommen. Eine Ausnahme macht das Gräberfeld für muslimische Bestattungen, da hier eine ewige Ruhe durch unbegrenzte Verlängerungsmöglichkeit der Wahlgräber garantiert wird. Mit seiner abgeschiedenen Lage, dem Wald-bzw. Parkcharakter und den naturnahen Arealen zählt der in der überregionalen Öffentlichkeit nur wenig bekannte Friedhof Waldhusen zu den eindrucksvollsten Anlagen seiner Art.
Literaturhinweise:
Hansestadt Lübeck: Die ewige Ruhe - Lübecker Friedhöfe, Lübeck 2003.
Eckhard Lange: Lübecks Friedhöfe -Geschichte, Grabmäler, Grünanlagen, Lübeck 2024.
Lübeck-Lexikon. Die Hansestadt von A-Z. Herausgegeben von Antjekathrin Graßmann, Lübeck 2006.
Lübecker Friedhöfe: Vorwerker Friedhof -100 Jahre von 1907-2007. Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck, Fachbereich Planen und Bauen. Gesamtleitung: Wilfried Fick, Lübeck 2006.
Lübeckische Geschichte. Herausgegeben von Antjekathrin Graßmann, Lübeck 1997 (3., verbesserte Auflage).
Albrecht Schreiber: Vorwerker Friedhof Lübeck: Carl Höppners letzte Ehre für Opfer von Gewalt und Terror, in: Ohlsdorf -Zeitschrift für Trauerkultur Nr. 89, II/2005; online: https://www.fof-ohlsdorf.de/thema/2005/89s19_vorwerker.htm (Aufruf 14.07.2025).
Norbert Fischer: Stadt, Friedhof und Natur: Zur Entwicklung landschaftlicher Friedhöfe im urbanen Raum vom 18. bis zum frühen 21. Jahrhundert, in: Die Stadt und der Tod -Themenheft "Moderne Stadtgeschichte", 1/2025, Hrsg.: Martin Christ und Dieter Schott, Berlin 2025, S. 25-46.
Anmerkung: Verf. dankt Dr. Sylvina Zander für die kritische Durchsicht des Textes.