Direkt jenseits der Stadtgrenze im Norden Lübecks liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Stockelsdorf (Kreis Ostholstein) ein bisher kaum bekannter Schauplatz jüdischer Friedhofsgeschichte: der Friedhof der früheren Jüdischen Gemeinde Fackenburg. Zu erreichen über einen Durchgang an der Segeberger Straße 15 (nahe der Einmündung Morier Straße), verbirgt er sich hinter dem Parkplatz einer Ladenzeile.
Kein Schild weist auf die Lage dieses Begräbnisplatzes hin, der vom schleswig-holsteinischen Landesamt für Denkmalpflege als Kulturdenkmal geführt wird. Die umzäunte Anlage ist durch ein Tor betretbar. Sie ist, wie bei orthodoxen jüdischen Friedhöfen üblich, als Ort ewiger Ruhe sich und der Natur überlassen geblieben, was zu ihrer besonderen, "verwilderten" Aura führt.Ihre kulturhistorische Bedeutung - nicht zuletzt als Zeugnis einer längst vergangenen jüdischen Gemeinde - wird durch eine künstlerisch gestaltete Informationsstele erläutert.
Dies geschah ab Mitte der 18. Jahrhunderts, und zwar mit jahrzehntelangem Erfolg: Rasch entwickelte sich Fackenburg zu einem lebhaften Handelsplatz mit wachsender Bevölkerungszahl. Bei der Volkszählung 1803 lebten hier über 300 Menschen. Ab dem späten 18. Jahrhundert kamen auch jüdische Familien nach Fackenburg. Mit dieser Ansiedlung - und jener des damaligen Rittergutes und heutigen Lübecker Stadtteils Moisling - umging man das Verbot des Lübecker Rates, Juden in der Hansestadt selbst sesshaft werden zu lassen. 1803 wurden bereits 75 jüdische Personen in Fackenburg gezählt, die eine eigene Gemeinde bildeten und 1799 einen Begräbnisplatz erhalten hatten. Die erste Bestattung erfolgte 13 Jahre später. Eine eigene jüdische Schule in Fackenburg wurde erstmals 1840 erwähnt. Als jedoch Lübeck seine wirtschaftlichen Bestimmungen liberalisierte und 1852 auch das Niederlassungsverbot für Juden aufhob, verlor Fackenburg durch Wegzug seine Bedeutung. Die jüdische Schule wurde 1848 wieder geschlossen, die Gemeinde löste sich auf.
Die insgesamt 36 Grabstelen mit meist hebräischen Inschriften sind bis heute in sechs Reihen erhalten, wegen zweier Doppelgräber sind es insgesamt 38 Bestattungen. Die Mehrzahl der Grabmäler ist aus Kalkstein produziert worden, daneben gibt es Grabmäler aus Sandstein und Hartgestein. Die Grabmäler sind in unterschiedlichem Zustand, viele sind verwittert, nicht mehr vollständig erhalten oder teils im Boden versunken. Algenbildung sorgte für Verfärbungen, Moose und Flechten vorübergehend für nicht mehr lesbare Inschriften. Diese Inschriften der Grabmäler wurden 2014 durch Nathanja Hüttenmeister vom Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte e.V. an der Universität Duisburg-Essen transkribiert und übersetzt. Alle Informationen sind in der Datenbank des Institutes online zugänglich. Aktuell wird die Anlage vom Bauhof der Gemeinde Stockelsdorf gepflegt.
In der Nacht des 21. Juni 1990 - dem Tag von Sonnenwendfeiern - wurden 17 Grabsteine von Unbekannten, aber offensichtlich Rechtsextremen, zum Teil schwer beschädigt. Im Mai 1992 kam es zu weiteren Akten des Vandalismus auf dem Stockelsdorfer Friedhof (zusätzlicher Hinweis: Am 25. März 1994 verübten Rechtsextreme einen Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge).
Mit-Herausgeber und -Autor war der 2021 verstorbene Lübecker Psychologe und posthume Erich Mühsam-Preisträger Rolf Verleger. Er war Mitglied im Direktorium des Zentralrates der Juden und wurde in der Öffentlichkeit als Israel-Kritiker bekannt. Neben den beiden Herausgeber:innen wirkten die Stockelsdorfer Pastorin Almuth Jürgensen (die auch Führungen über den Friedhof veranstaltet), der frühere Stockelsdorfer Bürgervorsteher Harald Werner, der Künstler René Blättermann und der Fotograf Jörg Schiessler an dem anspruchsvoll gestalteten Buchband mit. Weitere Informationen sind online zu finden unter https://palti.kirche-stockelsdorf.de
Anmerkung: Verf. dankt Almuth Jürgensen für den Hinweis auf den Jüdischen Friedhof Stockelsdorf sowie für Materialien und Fotografien zum vorliegenden Beitrag. Zugleich sei ihr - wie auch Dr. Sylvina Zander - für die kritische Durchsicht des Beitrags gedankt.
Alle Bilder dieses Artikels bis auf das letzte hat Almuth Jürgensen zur Verfügung gestellt. Das letzte Bild ist vom Autor.