Seit 1477 besteht in Tübingen schon die Eberhard Karls Universität und noch heute wird das städtische Leben stark von den Studierenden geprägt. Es ist also kein Wunder, dass in dieser Stadt viele schwäbische Geistesgrößen gewirkt haben, die teilweise weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind, wie z. B. die Dichter Friedrich Hölderlin und Ludwig Uhland.
Viele der Berühmtheiten, die im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Tübingen gelebt haben, sind auf dem 1829 neu angelegten Stadtfriedhof begraben. Dieser Friedhof ist heute - außer den Grablegen in den Kirchen - der älteste Begräbnisplatz der Stadt. Er ersetzte den schon früher vor die Stadt verlegten Gottesacker, von dem heute zum einen noch eine Mauer beim Alten Botanischen Garten der Stadt und zum anderen einzelne Grabmale an und in der Kapelle des Stadtfriedhofs zeugen. Geplant wurde die Anlage von dem damaligen Oberamtsarzt, Gotthold Uhland - einem Onkel des Dichters Ludwig Uhland. Die Fläche liegt an einem Hang und wurde mit einem rechtwinkeligen Wegenetz durchzogen. Die geplante Ausschmückung mit Bäumen und Sträuchern, die erst wesentlich später zur Ausführung kam, entsprach den hygienischen Vorstellungen der Zeit. Das Grab des ersten Bestatteten gibt allerdings nicht mehr. Heute stammt das älteste Grab aus dem Jahr 1830. Es gehört dem Kaufmann und Konditor Jacob Conrad Schweickhardt, an den ein schlichtes gusseisernes Kreuz erinnert.
Besuchende, die den Friedhof an seiner Südostecke betreten, werden von einem besonderen Erinnerungsstein begrüßt. Es ist ein historischer Grabmalsockel, dessen Aufsatz fehlt. Auf ihm ist zu lesen: "Wiedereröffnung als Bestattungsplatz im Jahr 2002".
Der Hintergrund dafür ist, dass der Stadtfriedhof 20 Jahre nach seiner Eröffnung erstmals erweitert und dann im Jahr 1872 und im Jahr 1920 noch einmal vergrößert worden war. Dann aber war keine weitere Ausdehnung mehr möglich. Bald nach dem Ersten Weltkrieg begann man über die Einrichtung eines neuen Friedhofs nachzudenken. Schon im Zweiten Weltkrieg mussten dann die Toten aus Platzmangel anderswo beigesetzt werden. Dieser neue Begräbnisort wurde dann im Jahr 1950 offiziell als Bergfriedhof eingeweiht. Achtzehn Jahre später beschloss der Gemeinderat, die Schließung und spätere Aufgabe des Stadtfriedhofs. Eine Stadtautobahn wurde in unmittelbarer Nähe geplant, aber nie gebaut. Immerhin stellte man den Friedhof 1987 unter Denkmalschutz und erklärte insgesamt 3900 Gräber für erhaltenswert. Die Stadtverwaltung wollte deren Grabdenkmale zentral an verschiedenen Punkten zusammenfassen und nur ganz außergewöhnliche Grabstätten wie die von Hölderlin und Uhland an ihrem Platz lassen.
Im Endeffekt wäre so eine pflegeleichte, parkähnliche Grünanlage entstanden. Dagegen setzte sich der Schwäbische Heimatbund zusammen mit einem Journalisten des Schwäbischen Tageblatts zur Wehr. Diese Akteure setzten sich aktiv dafür ein den Friedhof dadurch zu erhalten, dass dort wieder neue Gräber vergeben würden. Ihr Einsatz führte schließlich dazu, dass die Friedhofsverwaltung im Jahr 2000 ein Konzept zur planvollen Weiternutzung entwickelte, bei dem genau festgelegt wurde, unter welchen Umständen eine Neubelegung möglich sein sollte. Die Wiedereröffnung nach 30jähriger Schließung wurde mit einem Festakt gefeiert und hat dazu geführt, dass der Friedhof heute wieder als Begräbnisort dient und viele seiner erhaltenswerten Grabmale in Patenschaft von Bürgern der Stadt gepflegt werden.
Seit 2008 ist außerdem geplant, dass im Erdgeschoß des ehemaligen Aufseher-Gebäudes am Friedhofsrand eine Ausstellung mit einem Friedhofsmodell und einen Raum für das Gräberfeld X, sowie einer Leseecke einzurichten. Das Gräberfeld X war bis 1963 ein Bestattungsplatz des anatomischen Instituts der Universität. Während des Nationalsozialismus wurden dort auch Hingerichtete und Kriegsgefangene bestattet. In den 1980er Jahren wurde es in eine Gedenkstätte umgewandelt.
Auf die zahlreichen historisch besonders interessanten Grabstätten weisen auf dem Friedhof hölzerne Wegweiser hin. Dabei sind die Grabsteine überwiegend schlicht gestaltet, dem Geist des Pietismus entsprechend, der in Württemberg die Gesellschaft weitreichend beeinflusst hat. Am berühmtesten ist sicher das Grab von Friedrich Hölderlin (1770-1843), auf dem ein schlichter Pfeiler mit einem kleinen gusseisernen Kreuz steht. Auf einer Seite steht die Widmung des Halbbruders, der das Grabmal setzen ließ. Gegenüber sind die Zeilen aus Hölderlins Gedicht "Das Schicksal" zu lesen: "Im Heiligsten der Stürme falle zusammen meine Kerkerwand. Und herrlicher und freier walle mein Geist ins unbekannte Land." Die Rückseite ziert das Relief einer Lyra als Symbol der Dichtkunst.
Insgesamt stehen etwas mehr als zweihundert Grabstätten unter ganz besonderem Schutz und sollen unverändert erhalten bleiben. Für sie gibt es die Möglichkeit Pflegepatenschaften zu übernehmen, während für zahlreiche weitere Grabstätten die Möglichkeit zum Graberwerb verbunden mit einer Grabmalpatenschaft angeboten wird. Zu den besonders geschützten Grabstätten gehören natürlich die von bedeutenden Persönlichkeiten, die eng mit der Geschichte der Stadt verbunden sind, also von Künstlern, Wissenschaftlerinnen, Politikern, Ehrenbürgerinnen und Namenspatronen Tübinger Straßen. Natürlich sind darunter so bekannte Namen wie der des Dichters Ludwig Uhland (1787-1862), aber auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Ottilie Wildermuth (1817-1877), Hermann Kurz (1813-1873) und seine Tochter Isolde Kurz (1853-1944) sind vertreten. Auf ihrem Grab ist eine schlichte Stele mit einem Relief und dem Vers "Fern ueber Wasserpfade / schimmert zur Nacht ein Schein / Lichter vom andern Gestade? Was mag sein?" aufgestellt. Weitere Professionen finden sich zum Beispiel in der Grabstätte des Juristen Gustav Geib (1808-1864), des Kunsthistorikers Georg Dehio (1850 - 1932) oder des Malers Friedrich Zundel (1875 - 1948), der von 1899 bis 1926 mit Clara Zetkin verheiratet war. In seiner Grabstätte wurde auch seine zweite Frau Paula Zundel und ihre Schwester Margarete Fischer bestattet. Beide ermöglichten 1971 mit einer großen Stiftung den Bau der Tübinger Kunsthalle, um das Werk des Mannes und Bruders dort unterzubringen. Sein Grabmal zeigt die Skulpturen eines Flöte spielenden Mädchens und eines Mannes mit einer Schale voller Rosen in den Händen.
Und das ist nur eine kleine beliebige Auswahl bekannter Namen aus älterer Zeit. Unter den ganz neuen Grabstätten ragt das Grabmal für den 2021 verstorbenen Theologen Hans Küng hervor, dessen großer Porträtkopf auf einem Sockel vor einer dunklen Grabmalwand steht. Auf ihr ist zu lesen, dass der Gründer der "Stiftung Weltethos" auf eine Einheit der Kirchen, einen Frieden der Religionen und eine Gemeinschaft der Nationen hofft.