Anfang 50 war der Ehemann von Katrin Seyfert, als bei ihm die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert wurde. Da hatten sie drei schulpflichtige gemeinsame Kinder. Marc war Arzt - einer, der "zwei Menschen gleichzeitig reanimieren" konnte - und sie war als freischaffende Autorin gefragt. Die Krankheit warf dieses ganze Gefüge durcheinander und brachte in den fünf Jahren, die zwischen Diagnose und Tod vergingen, für alle Beteiligten vielfältige Herausforderungen mit sich.
Was dabei besonders ist, ist die Haltung der Autorin, ihre Auseinandersetzung mit den Erwartungen, die an sie als "pflegende Ehefrau" herangetragen wurden. Muss man sich mit dem Arzt abfinden, der keine Zeit für Fragen hat oder sich auf sein Medizinerlatein beschränkt? Oder darf man so lange suchen, bis man den gefunden hat, der einem wirklich den Rücken stärkt und dabei ehrlich ist? Muss man sich die guten Ratschläge der Umgebung anhören, oder darf man auch mal laut sagen, dass man Geld braucht? Muss man als Witwe Schwarz tragen, oder darf man mit seinen Kindern trotzdem in den Urlaub fahren?
Statt das Risiko einzugehen, dass die Freunde nicht wissen, wie sie auf die Krankheit reagieren sollen, lädt sie sie zu monatlichen Haus-Musik-Abenden ein, bei denen Rum getrunken wird und auch schon mal ein Rockmusiker einen schmalzigen Schlager singt, weil er Marc so gefällt. Die Autorin beschönigt nicht den Schmerz und die Verzweiflung, die sie als Ehefrau und Mutter in dieser Situation erlebt, aber sie ist nicht bereit zur Selbstverleugnung.
Katrin Seyfert: Lückenleben. Mein Mann, der Alzheimer, die Konventionen und ich. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2024.