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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wer war Günter Haase? Ein Künstler und sein Grab auf dem Lübecker Burgtor-Friedhof

Autor/in: Sylvina Zander
Ausgabe Nr. 162, III, 2023 - September 2023

Auf dem Burgtor-Friedhof in Lübeck befindet sich seit über 20 Jahren ein ungewöhnliches, aus Holz gefertigtes und originell verziertes Grabmal. Es ist dem Künstler Günter Haase gewidmet - er starb im Alter von 45 Jahren und noch vor seiner Mutter Lieselotte (die ebenfalls auf der Grabstätte bestattet wurde). Das Grabmal ist aus Mooreiche, hergestellt vom Kunst- und Möbeltischler Steven Arps. Im Medaillon sitzt ein Hase, das Signet stammt vom Künstler selbst.

Wer aber war Günter Haase? Geboren wurde er am 8. Dezember 1956 in Klein-Machnow bei Potsdam, gestorben ist er am 16. April 2002 in Lübeck. Dazwischen liegt ein Leben das - wie es sein Freund Michael Buzuk ausdrückte - von der "Selbstermächtigung, Künstler zu sein" bestimmt wurde. Günter Haase war von Beruf Theatermaler, von 1974 bis 1978 machte er eine entsprechende Ausbildung am Lübecker Theater. Künstler sein, hieß aber nicht nur, zu malen, sondern es war ein Lebensentwurf, der bedeutete: sich gegen gesellschaftliche Konventionen zu stellen, ein "verrücktes" Leben zu führen, unerwartete Dinge zu tun, sich zu verausgaben auch in der Selbstzerstörung. Wer ihn kannte, weiß, dass es mit Günter Haase nicht langweilig wurde, dass er Situationen schuf oder in sie geriet, die den Beteiligten in Erinnerung blieben. Er war ein "verrückter liebenswürdiger Mensch" (Michael Buzuk) und er war in der Lage, Freundschaften zu schließen, Menschen zu gewinnen.


Günter Haase (Foto: Stefan Kalder) (1)

Und er war Künstler, dessen Bilder von privaten Sammlern, aber z. B. auch vom Uniklinikum Lübeck (Frauenheilkunde) angekauft und dessen Bilder ausgestellt wurden. Er ist also kein ganz Unbekannter, auch wenn eine Zusammenschau seiner Werke noch fehlt, trotz einer kleinen Retrospektive seiner Arbeiten, die 2015 stattfand (ausgerichtet von Susanne Adler und Stephan Schlippe).
Wenn man Günter Haase in eine künstlerische Richtung einordnen möchte, so gehört in seinen Stammbaum der Dadaismus, den er schätzte. Dadaismus steht hier für absoluten Individualismus, für die Ablehnung alles akademisch Konventionellen, für den kreativen Umgang mit Materialien. Der zweite Eintrag in den Stammbaum könnte das "action painting" sein, bekannt für eine dynamische Maltechnik, die ebenfalls keine klassische Komposition und keinen geplanten Bildaufbau kennt. Das charakterisiert Günter Haases Bildwelten gut. Er malte und spachtelte, er türmte Farbe auf, integrierte Alltagsgegenstände, so dass fast eine Plastik entstehen konnte. Die Bilder haben eine hohe Energie, die sich über die Farben und den Malduktus mitteilt.


Grabstätte Günter Haase (Foto: N. Fischer) (2)

Hinzu kommt ein absolut spielerischer und spontaner Zugang zur Welt und seinen Sehnsüchten (gerne erotisch), der sich besonders gut an seinen Skizzenblättern - oft mit einem kleinen Text versehen - ablesen lässt. Hier kommt auch das Figürliche zu seinem Recht, obwohl sich die Formen und Konturen auflösen, der Strich nervös und schnell ist, Farben die Emotionen und Energien verstärken, sich vom Gegenstand lösen und die anscheinend figürliche Skizze in die Abstraktion gleitet. Besonders anrührend sind seine in der letzten Phase seiner Krankheit entstandenen schwarzen Engel.


Detail mit Hase (Foto: N. Fischer) (3)
Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Schiffbrüche und Erinnerungsorte (September 2023).
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