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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Mexikanisches Totenfest - Día de Muertos

Autor/in: Olga Reher
Ausgabe Nr. 155,IV,2021 - Dezember 2021

Remember me, though I have to say goodbye
Remember me, don't let it make you cry
For even if I'm far away, I hold you in my heart
I sing a secret song to you each night we are apart

Denk stets an mich, muss ich jetzt auch leider geh'n.
Denk stets an mich, wein' deshalb keine Trän'.
Denn bin ich dann auch fern von dir, trag ich dich in meinem Herz.
Ich sing für dich ein kleines Lied, dann geht vorbei der Schmerz.

Das Zitat aus dem US-amerikanischen Animationsfilm "Coco - Lebendiger als das Leben!" beschreibt die mexikanische lebensbejahende, offene Umgangsweise mit dem Tod kaum treffender. Der Film thematisiert den Tag der Toten in Mexiko.

Anders als bei uns, wird in Mexiko der Tod nicht tabuisiert. 87 Prozent der mexikanischen Bevölkerung ist katholischen Glaubens. Die Mexikaner haben keine Angst vor dem Tod, weil sie auf ein besseres Leben nach dem Tod hoffen. Wenn ein Familienangehöriger stirbt, so sind sie immer mit dem Gedanken, dass die Seele des Verstorbenen mit Gott Frieden findet und dass sich alle nach dem Tod wiedersehen.

Der berühmte mexikanische Schriftsteller Octavio Paz sagte einst, dass "für einen Pariser, New Yorker oder Londoner der Tod ein Wort ist, dass man vermeidet, weil es die Lippen verbrennt. Der Mexikaner dagegen sucht, streichelt, foppt, feiert ihn, schläft mit ihm; er ist sein Lieblingsspielzeug und seine treueste Geliebte. Vielleicht quält ihn ebenso die Angst vor ihm wie die anderen, aber er versteckt sich nicht vor ihm noch verheimlicht er ihn, sondern sieht ihm mit Geduld, Verachtung oder Ironie frei ins Gesicht."

Bedeutung und Ursprung des Día de Muertos

Día de Muertos ist der größte und bekannteste Feiertag Mexikos. Am populärsten ist das farbenprächtige Fest, das den Verstorbenen gewidmet ist, in der Stadt Pátzcuaro im Bundesstaat Michoacán, im Bundesstaat Oaxaca sowie in der Hauptstadt von Mexiko.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Leben nach dem Tod führt in Mexiko auf eine lange Tradition zurück. Am Tag der Toten kehren in der Nacht des 1. auf den 2. November die Toten ins Leben zurück und feiern mit den Lebenden. In der Nacht zum Fest Allerheiligen am 1. November wird die Ankunft der gestorbenen Kinder erwartet, der Angelitos (kleine Engel). In der Nacht auf den 2. November werden die Seelen der verstorbenen Erwachsenen empfangen. Schon die Hochkulturen der Mayas und Azteken glaubten, dass der Tod der Anfang eines neuen Lebens oder der Übergang in eine andere Welt sei.

Mit der spanischen Eroberung Mexikos unter Hernán Cortés in den Jahren von 1519 bis 1521 und der Verbreitung katholischen Glaubens, verschmolz der aztekische Totenkult mit den christlichen Festen Allerheiligen (1. November) und Allerseelen (2. November). Es entstand ein einzigartiger Totenkult, der von der UNESCO zum "Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" ernannt wurde.

Die Toten werden gefeiert

Der Tag der Toten ist ein Freudentag mit Tanz, Musik, Essen und Trinken. Städte, Dörfer, Häuser und Friedhöfe werden prachtvoll mit lebhaft orange-gelben Blumen (Cempasúchil), Kerzen und bunten Todessymbolen aller Art dekoriert. (Abb. 1).

1 Das bunte Treiben am Tag der Toten

Viele Menschen verkleiden sich als Totenköpfe und Skelette. Blechbläsermusik lockt die Menschen zu großen Bühnen und Verkaufsständen. Skelette aus Schokolade, oder Totenköpfe aus Marzipan und Gebäck sind allgegenwärtig (Abb. 2).

2 Totenköpfe aus Schokolade, Marzipan und Gebäck

Zudem finden einige Straßenumzüge, wie z.B. der Catrina-Umzug statt. Hier verkleiden sich Frauen und Mädchen als Skelette. "La Catrina" ist eine elegante gekleidete Skelett-Dame, die symbolisch für den "Tag der Toten" in Mexiko geworden ist. Sie ist eine Erfindung des mexikanischen Künstlers José Guadalupe Posada. Das Kostüm kann von ganz schlicht bis hin zu aufwendig von Hand bemalt sein. Eine Kopfbedeckung aus Blumen oder ein Hut darf dabei nicht fehlen. Zudem ist mexikanischer Schmuck wie Ohrringe, eine Halskette oder Armbänder üblich (Abb. 3).

3 Romina als La Catrina

Nachts treffen sich viele Familien auf Friedhöfen am Grab ihrer verstorbenen Familienmitglieder oder Freunde. Es werden Geschenke vor dem Grab abgelegt und das Lieblingsgericht des Verstorbenen gemeinsam gegessen. Dabei darf die Lieblingsmusik des verstorbenen Angehörigen nicht fehlen. Auf diese Weise können die Lebenden dem Toten ganz nahe sein.

Die wichtigste Tradition des Día de Muertos

Die wichtigste Tradition des Día de Muertos ist der Altar de Muertos, der für die Toten auf öffentlichen Plätzen und in Häusern errichtet wird. Die traditionellen Altäre werden zu Ehren des Toten mit Blumen, Speisen und Getränken, Kerzen, mit Bildern von Heiligen oder der heiligen Jungfrau, mit einem Foto der verstorbenen Person, persönlichen Erinnerungsgegenständen, und mit allem, was die Toten im Diesseits vermissen könnten, gedeckt. Diese Opfergaben (Ofrendas) werden meistens auf einer weißen Tischdecke präsentiert, die Wolken symbolisieren soll.

Die Größe des Altars ist nicht unbedeutend. Während ein Altar mit zwei Stufen Himmel und Erde repräsentiert, wird beim Altar mit drei Stufen auch die Welt der Toten dargestellt. In der Regel hat ein Altar 7 Stufen, welche die Seele gehen muss, damit sie Frieden findet (Abb. 4). Entsprechend der Bedeutung und Anzahl der Stufen werden die unterschiedlichen Gegenstände auf der jeweils zugehörigen Ebene platziert (Abb. 5, 6).

4 Siebenstufiger Altar mit den wichtigsten Elementen

5 Ein Altar mit dekorativen Totenköpfen

6 Ein Altar für einen Verstorbenen

Dinge, die auf keinem Altar de Muertos fehlen dürfen und ihre Bedeutung

Die Altäre sind mit folgenden Bestandteilen ausgestattet, die im Allgemeinen eine starke Symbolik für den Día de Muertos besitzen.

Element Wasser: Ein Glas Wasser ist ein wichtiges Element eines Altars de Muertos. Das Wasser symbolisiert einerseits die Reinheit der Seele, andererseits dient es dazu, den Durst des Verstorbenen nach seiner langen Reise aus dem Jenseits zu stillen.

Man findet aber auch gerne ein kleines Schnapsglas gefüllt mit Tequila, Mezcal, Bier, heiße Schokolade oder Pulque (ein süßes, fermentiertes Getränk aus Agavensaft) sowie Atole (ein dünnflüssiger, warmer Brei aus Maismehl mit unraffiniertem Rohrzucker, Zimt und Vanille), das vorwiegend für verstorbene Kinder platziert wird.

Element Feuer: Das Feuer der Kerzen repräsentieren das Licht, das den Weg für die Rückkehr der Verstorbenen erleuchten soll. Das christliche Ritual weist darauf hin, dass Licht den Seelen Hoffnung bringt.

Element Wind: Bunte Papierfähnchen (Abb.7) mit ausgestanzten Motiven (papel picado) schmücken in den Novembertagen nicht nur die Altäre, sondern auch Straßen, Restaurants und Wohnungen. Durch ihr Wehen im Wind wissen die Angehörigen, dass die Seelen der Verstorbenen angekommen sind. Die farbigen Girlanden spiegeln die festliche Freude wider. Die Farben des Papiers sind auffallend leuchtend. Gängige Farben sind Lila, Orange, Rosa oder Giftgrün. Die Muster reichen von witzigen Skeletten bis hin zu mexikanischen Ornamenten. Bereits die Azteken stanzten Muster - oft waren es Götter und Göttinnen - in geschälte Baumrinde.

7 La Catrina und die bunten, ausgestanzten Papierfähnchen

Element Erde: Die kulinarische Vielfalt ist ein wichtiges Element der mexikanischen Kultur, was auch in der Tradition des Día de Muertos deutlich wird. Damit sich die Seele nach ihrer langen Reise stärken kann, werden die Lieblingsgerichte des Verstorbenen auf dem Altar aufgebahrt.

Pan de muerto: Das Pan de muerto (Totenbrot) ist eine Art rundes kleines Brot aus süßem Teig und Zuckerkruste. Seine runde Form repräsentiert den Totenschädel. Die gekreuzten Teigstreifen auf der Oberseite bilden ein Kreuz, und sollen die Knochen darstellen. Der Geschmack des azahar (Orangenblüten) soll an die Verstorbenen erinnern.

Die Totenblume Cempasúchil: Die wichtigste und häufigste gebrauchte Blume ist die außergewöhnlich orangefarbene Cempasúchil (Ringelblumenblüte) oder auch als flor de muertos (Blume der Toten) bekannt. Diese Blume war bereits für die Azteken wegen ihres schlechten Geruchs ein Symbol für den Tod. Ihr Name bedeutet "Blume mit zwanzig Blütenblättern" aufgrund ihrer vielen Blüten, die sie trägt. Nicht nur der starke Geruch, sondern auch ihre leuchtend gelb bis orangefarbene Blütenblätter sollen dem Verstorbenen helfen, zu Beginn der Festivität den Weg zu ihren Häusern und am Ende den Weg zu den Gräbern zurück zu finden. Die Gräber leuchten in den Novembertagen orange und auch die Straßen und Eingangspforten werden mit der Blume der Toten ab Mitte Oktober geschmückt.

Weihrauch: Weihrauch dient als Seelentransit und soll Gebete übertragen. Es reinigt die Räume, in denen die verstorbenen Seelen ankommen.

Salz: Das Salz wird in der Regel in Form eines Kreuzes auf dem Altar verstreut, was den katholischen Glauben symbolisieren soll. Gleichzeitig ist das Salz aber auch ein Symbol für die Reinigung der Seele und somit auf prähispanische Bräuche zurückzuführen.

Saatgut: Zudem gibt es den Brauch, kunstvolle Straßenteppiche mit buntgefärbten Körnern und Getreide wie Reis, Bohnen, Linsen oder Sägespäne zu formen. Größtenteils werden religiöse Motive dargestellt (Abb. 8, 9).

8 Ein Altar mit einem Teppich aus Saatgut

9 Kunstvoller Straßenteppich

Dekorative Totenköpfe - Calaveras (Abb. 10): Ein typisches Symbol des Día de Muertos ist der Totenkopf (genannt Calavera). Dieser kann aus Schokolade, Zucker, Marzipan, Keramik oder Holz bestehen (Abb. 11). Meist findet man an deren Stirn den Namen der verstorbenen Person wieder. Ursprünglich waren Calaveras während des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts kurze, humorvolle Gedichte. Oft waren es sarkastische Grabinschriften über die Lebenden, die in Zeitungen zu lesen waren. Diese literarischen Calavera wurden schließlich zu einem beliebten Bestandteil der Feierlichkeiten zum Día de Muertos (Abb. 12).

10 Calaveras: Bunte Totenköpfe

11 Totenköpfe aus Zucker

12 Die Calaveras

Jeder trauert - nur ein bisschen anders

Auch wenn im Tod alle Menschen gleich sind, bedeutet es nicht, dass auch der Umgang mit dem Tod gleich ist. Der Tag der Toten macht deutlich, dass es beträchtliche Unterschiede gibt, wie Menschen mit dem Tod von Angehörigen umgehen. Und auch wenn der ein oder andere keine Totenkopf- oder Skelett-Verkleidung braucht, um den Toten zu gedenken, so ist es schön zu sehen, welch Symbolik und Rituale hinter all den Feierlichkeiten verborgen liegen, und dass letztendlich alle trauern, nur eben etwas anders.

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich meiner besten Freundin Romina Kopec meinen großen Dank aussprechen, die mich bei der Ausfertigung über den Tag der Toten sehr unterstützt hat. Nicht zuletzt gilt mein Dank für ihre wunderschönen Fotos vom día de muertos, die sie live vor Ort gemacht hat. Romina lebt mit einem Mexikaner seit 7 Jahren in Mexiko.

Fotos: Romina Kopec

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Tag des Todes (Dezember 2021).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2022).