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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Corona-Verstorbene und öffentliches Gedenken

Können wir gemeinsam ein kollektives Trauerritual für die Corona Verstorbenen initiieren und ist das förderlich für die Gesellschaft und den individuellen Trauerprozess?

Der öffentliche Umgang mit den Corona-Verstorbenen unterscheidet sich von Staat zu Staat stark. Im April 2021 hat die New York Times herausgefunden, dass Russland eine Übersterblichkeit von 28% hat, und in der offiziellen Kommunikation 300.000 Corona Verstorbene unterschlug.1

Wenn man staatlicherseits eine Seuche im Land negiert, kann es auch zu keiner öffentlichen Gedenkkultur kommen, weil es offiziell gar keine gravierende Pandemie gibt. Im Umgang mit den Corona-Verstorbenen sind die meisten Länder der Wahrheit verpflichtet, weil nur so auch ein weltweiter gemeinsamer Kampf geführt werden kann, um die Seuche zu besiegen.

Fraglich ist, ob öffentliche Trauerfeiern wichtig sind und was sie bringen.

Wie wir wissen ist die Teilnahme an Trauerfeiern im Familienkreis stark eingeschränkt durch die Gesetzgeber. Der Leiter des Hamburger Trauerzentrums Thomas Morus, Diakon Stephan Klinkhamels, bietet an, im dualen Gespräch den Trauerprozessen Raum zu schaffen: "Die Trauer in Corona-Zeiten ist dadurch gekennzeichnet, dass die sozialen Netzwerke wegbrechen, die Angebote der Institutionen stark eingeschränkt sind, und so für die Trauernden sich wenig Möglichkeiten ergeben, über ihre Trauer zu sprechen. Deshalb haben wir immer das Angebot der Einzelbegleitung aufrecht erhalten. Jede und Jeder ist eingeladen zu einem Einzelgespräch. Die Andachten ‚Totengedenken‘ am 1. Mittwoch im Monat bieten die Möglichkeit, gemeinsam in einer kleinen Andacht der Verstorbenen zu gedenken. Die Trauerenden sind dankbar für jedes Wort, jede kleine Geste und die Wertschätzung ihrer schwierigen Situation." Ebenso bieten das Institut für Trauerarbeit, die Verwaisten Eltern e.V. sowie Trauercafés die Möglichkeit, über Online-Zusammenkünfte über die individuelle Trauer zu sprechen. In den sozialen Medien haben sich auch Gruppen zusammengefunden, die sich einer gemeinsamen Trauerarbeit widmen möchten: #Corona-Tote sichtbar machen, heißt eine dieser Gruppen, die mit 1.300 Fans auf Facebook einen Bedarf nach veröffentlichter Trauer deutlich macht.2

Viele Menschen in Deutschland scheinen die Corona-Pandemie nur als "wohldosierte Panikmache" der Medien wahrzunehmen, die sie persönlich nichts angeht. Bei drei Millionen Corona Toten weltweit und 80.000 Corona-Toten in Deutschland ist es aber auch institutionell wichtig zu verdeutlichen, dass Corona-Verstorbene herausgehoben gewürdigt werden sollten. Bundespräsident Steinmeier rief im Januar dazu auf, eine Kerze ins Fenster zu stellen. Am 18. April 2021 gab es einen deutschlandweiten nationalen Gedenktag.

Da nach der ersten Welle der Pandemie im Jahr 2020 verkündet wurde, dass ein nationaler Gedenktag nicht nötig sei, hat sich offensichtlich die Stimmung gewandelt. In Hamburg gab es am 14. März 2021 in der Fritz-Schumacher-Halle des Ohlsdorfer Friedhofes eine Gedenkveranstaltung, bei der Vertreter verschiedener Religionsgruppen Rede-Beiträge eingebracht und damit Trost gespendet haben.3 Im Bayrischen Landtag ist am 23. März 2021 der über 13.000 Toten in diesem Bundesland gedacht worden.

Ein sehr beindruckendes Gedenkportal hat die New York Times geschaffen, die Verstorbene aus der ganzen Welt mit einem kurzen Portrait vorstellt und damit die entpersönlichten Zahlen mit menschlichem Leben füllt: "Those We've Lost". Der Berliner Tagesspiegel lehnte sich an das Projekt an und schreibt für jedermann Kurznachrufe auf einer eigens eingerichteten Webseite "Sie fehlen". 3.151 Kerzen leuchten schwarz hintergründig in die Welt der Lebenden. In Hamburg-Harvestehude hat die Kirchen-gemeinde St. Andreas in einer offenen Kapelle einen Corona-Gedenkort geschaffen, der vielfach dafür genutzt wird eine Kerze anzuzünden, einen Abschiedsbrief zu hinterlegen oder eine ähnliche Handlung zur Erinnerung zu vollziehen.4 In London gibt es die “National Covid Memorial Wall“, auf die inzwischen 150.000 rote Herzen für an Corona Verstorbene aufgeklebt sind. Die Zeitung New York Times schreibt über diese Erinnerungswand "We keep talking about numbers, but each heart is a person".5

Letztlich könnte man aus Perspektive der Trauerbegleitung formulieren: Die Pandemie ist ein Phänomen, dass uns in vielen Dimensionen an unsere Grenzen bringt. Wir dürfen die gewohnten Trauerrituale nicht mehr leben, die sozialen Kontakte sind massiv eingeschränkt und das Gefühl der Angst und Unsicherheit durchbricht unser Fundament des Lebens, in seiner gewohnten, gut saturierten Form. Aber als Menschen sind wir immer mit Herausforderungen konfrontiert und müssen auch das Gedenken positiv transformieren in die Formen, die seuchenpolitisch angemessen und erlaubt sind. Gedenkfeiern haben eine jahrhundertealte Tradition. Wenn wir im persönlichen Abschiedsritual gehindert sind durch die Versammlungsverbote, dann sollten wir uns nachgelagert Orte suchen, wo wir angemessen trauern können, in Gruppen oder mit besten Freunden.

Anmerkungen
1 https://www.nytimes.com/2021/04/10/world/europe/covid-russia-death.html
2 https://www.facebook.com/CoronaToteSichtbarMachen/
3 https://www.youtube.com/watch?v=F3q6U29HN48
4 https://st-andreas.hamburg/corona-oeffentliches-gedenken/
5 https://www.nytimes.com/2021/04/01/world/europe/uk-coronavirus-deaths-m…?

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Corona und Tod (Mai 2021).
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