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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wenn Kinder sich das Leben nehmen - Die besondere Herausforderung in der Begleitung von trauernden Eltern

Autor/in: Elke Heinen
Ausgabe Nr. 152, I, 2021 - April 2021

Weltweit wird der Tod eines Kindes als einer der schlimmsten Schicksalsschläge, von dem Eltern und Familien getroffen werden können, betrachtet. Die natürliche Generationenfolge wird unter-, wenn nicht gar abgebrochen. Damit steht auch die Zukunft der Familie in Frage und mit ihr die Sinnhaftigkeit alles täglichen Strebens und Tuns. Ein verstorbenes Kind hinterlässt eine Lücke in der Geschwisterreihe, die die Familie in ihrem weiteren Leben begleiten wird.

Suizid: Das Kind als Akteur

Viele Kinder und Jugendliche versterben aufgrund von schicksalhaften Ereignissen, für die kein Verursachen benannt werden kann. Es gibt Todesursachen, für die ein Verursacher sogar juristisch beschuldigt werden kann, etwa bei grob fahrlässigem Verhalten, Verkehrsunfällen oder Tötungsdelikten. Kleine Unachtsamkeiten können bei Kindern oder Jugendlichen zu selbst ausgelösten Unfallereignissen mit tödlichen Folgen führen. In jedem Fall wird der Tod als zu früh, oft als ungerecht und sinnlos erlebt.

Der Tod durch Suizid unterscheidet sich dadurch, dass der verstorbene Mensch sein Sterben aktiv und willentlich herbeigeführt hat. Die Entscheidung, das Leben zu beenden, wird getroffen, obwohl ein Weiterleben physisch möglich wäre. Diesen selbst herbeigeführten Tod anzunehmen und das eigene Weiterleben mit der Familie zukunftsweisend zu gestalten, ist für die betroffenen Angehörigen zusätzlich schwer.

Eltern werden vom Suizid ihres Kindes fast immer überrascht. Vielleicht haben sie geahnt, dass ihr Kind sich im Leben schwertut, dass berufliche Entwicklung oder Freundschaften nicht so einfach gelingen wollen, oder dass sich der vertrauensvolle Kontakt mit dem Sohn oder der Tochter im Laufe der Jahre verflüchtigt hat. Dennoch ist es völlig undenkbar, dass das eigene Kind ganz allein eine finale Entscheidung trifft und in die Tat umsetzt. Das Kind ist selbst auslösender Akteur, wird zum "Täter". Der Sohn oder die Tochter ist Verursacher für das Unglück, das über die Familie gekommen ist.

Eltern von Suizidenten pendeln in ihrer Suche nach Antworten zwischen starken Emotionen:
- Sie haben Mitgefühl: Eltern haben großes Verständnis für die Nöte und den Kummer, die das Kind umtrieb. Seelische Erkrankungen wie Depressionen sind manchen Familienmitgliedern vertraut. Die damit einhergehende Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit ist für sie nachvollziehbar.
- Sie zeigen Widerstand: Sie zeigen verzweifelt Wege und Lösungen auf, die es hätte geben können, wenn sie von der Not des Kindes gewusst hätten. Sie verstehen nicht, dass das Kind Hilfe nicht in Anspruch nehmen wollte oder konnte. Die Gedankenschleifen scheinen endlos zu sein.
- Sie sind getrieben von ihrem Zorn: Das Kind stiehlt sich davon. Da kann Eltern wütend machen: "Weißt Du, welches Leid Du uns bereitest? Dein Egoismus zerstört unser Leben!"
- Die tiefe Kränkung drückt sich in Selbstzweifeln aus: Sind wir Dir nichts wert? Wofür willst du uns bestrafen? Bin ich Dir keine gute Mutter gewesen? War ich ein so schlechter Vater?
- Sie werden von Schuldgefühlen gequält: Die Eltern machen sich Vorwürfe. Sie hätten erkennen müssen, dass es dem Kind so schlecht ging. Sie hätten es davon abhalten müssen. "Wir haben versagt!“1

Eltern von Suizidenten pendeln in ihrer Suche nach Antworten zwischen starken Emotionen:

  • Sie haben Mitgefühl: Eltern haben großes Verständnis für die Nöte und den Kummer, die das Kind umtrieb. Seelische Erkrankungen wie Depressionen sind manchen Familienmitgliedern vertraut. Die damit einhergehende Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit ist für sie nachvollziehbar.
  • Sie zeigen Widerstand: Sie zeigen verzweifelt Wege und Lösungen auf, die es hätte geben können, wenn sie von der Not des Kindes gewusst hätten. Sie verstehen nicht, dass das Kind Hilfe nicht in Anspruch nehmen wollte oder konnte. Die Gedankenschleifen scheinen endlos zu sein.
  • Sie sind getrieben von ihrem Zorn: Das Kind stiehlt sich davon. Da kann Eltern wütend machen: "Weißt Du, welches Leid Du uns bereitest? Dein Egoismus zerstört unser Leben!"
  • Die tiefe Kränkung drückt sich in Selbstzweifeln aus: Sind wir Dir nichts wert? Wofür willst du uns bestrafen? Bin ich Dir keine gute Mutter gewesen? War ich ein so schlechter Vater?
  • Sie werden von Schuldgefühlen gequält: Die Eltern machen sich Vorwürfe. Sie hätten erkennen müssen, dass es dem Kind so schlecht ging. Sie hätten es davon abhalten müssen. "Wir haben versagt!"1

Die große Bereitschaft, sich für das Wohlergehen der eigenen Kinder aufzuopfern, liegt in der Natur der Elternschaft. Sie macht es Müttern und Vätern nahezu unmöglich, die Entscheidung ihres Kindes, sein Leben zu beenden, zu akzeptieren. "Ich bin schuld, einer muss an seinem Tod ja schuld sein!" sagt die Mutter eines jungen Mannes, der mit 24 Jahren in der Nähe des Elternhauses planvoll aus dem Leben ging. Die Frau übernimmt die Verantwortung für das Ereignis. Sie trägt bereitwillig die Last der vermeintlichen Schuld, unter der die ganze Familie leidet. Vielleicht kann die Mutter das Gefühl, selbst schuldig geworden zu sein, leichter ertragen, als sich dauerhaft mit den Fragen zu quälen, die nur ihr totes Kind beantworten könnte. Mit ihrer Schuld hält sie Zeit ihres Lebens eine unauflösliche Verbindung zum toten Kind aufrecht, die sie in dieser Intensität mit Lebenden nicht erreichen kann.

Nur selten finden Eltern eine einigermaßen plausible Erklärung für die Entscheidung ihres Kindes. Abschiedsbriefe oder letzte Botschaften, über die digitalen Medien vermittelt, enthalten wenig hilfreiche Informationen. Sie tragen kaum dazu bei, den Entschluss des Sohnes oder der Tochter besser nachvollziehen zu können. Die Zusicherung des Kindes von Liebe oder Dankbarkeit beruhigt die Eltern, macht sie aber auch ratlos. Die einsame Entscheidung zum Sterben stellt das bisherige Verhältnis rückwirkend in Frage.

Die Begleitung trauernder Eltern

Neu betroffene Eltern tragen oftmals Bilder eines Alptraumes mit sich. Diese sind durch die Umstände des Todesereignisses bedingt, insbesondere, wenn sich der Tod in der häuslichen Umgebung ereignete. Beim unerwarteten plötzlichen Tod eines jungen Menschen kommt es nahezu immer zum Einsatz von Rettungskräften, Notarzt, Polizei, Staatsanwaltschaft, Seelsorgern. Ein Todesermittlungsverfahren wird bei unklaren Todesursachen, Unfällen, Suiziden, plötzlichem Kindstod oder Gewalttaten eingeleitet. Der Leichnam wird beschlagnahmt, eine Obduktion wird angeordnet. Manchmal stehen die Eltern unter Tatverdacht. Noch ehe sie verstanden haben, was geschehen ist, werden den Eltern die Dinge aus der Hand genommen. Die Überfremdung durch diese vorgegebenen Abläufe ist für lange Zeit ein großes Thema in der Begleitung.

Suizidbetroffene Angehörige leiden zusätzlich an der Stigmatisierung, die mit dem Suizid verbunden ist. Gemeinhin gilt: Der "Selbstmord" oder "Freitod" war doch nicht nötig. Warum "nimmt sich ein Mensch das Leben", der seine Zukunft noch vor sich hat? Der Tod hätte vermieden werden können, wenn… Ja, wenn die zuständigen Angehörigen alles richtig gemacht hätten. Eine Einstellung, die den Menschen im Umfeld eine schnelle Erklärung zur Abwehr des eigenen Schreckens bereitstellt.

Eltern, deren Kinder in Kliniken oder Hospizen versterben, erleben diese Art Alptraum nicht. Ihre Bilder sind stärker von Situationen aus dem Krankheitsverlauf des Kindes geprägt. Sie werden im Abschiednehmen oft gut begleitet und können sich gedanklich mit dem Sterben auseinandersetzen. Das mildert nicht den Schmerz ihres Verlustes, erleichtert aber die ersten Schritte des Trauerweges. Allen Eltern gemein ist die tiefe Erschütterung, die Sinnfrage und letztlich ihre Untröstlichkeit.

Was ist in der Trauerbegleitung nach Suizid anders?

Der herbeigeführte Tod berührt auch uns als TrauerbegleiterInnen besonders. So löst die Wahl der Todesart Bilder und Emotionen aus, die z.B. durch Schilderungen von Angehörigen, die ihre Kinder selbst aufgefunden haben, oder durch Abschiedsbriefe, die gemeinsam gelesen werden, gespeist werden. Wir BegleiterInnen müssen in besonderer Weise auf das Gleichgewicht aus Empathie und Professionalität achten.

In unserer Begleitung darf die Schuldfrage keine Rolle spielen, weder bei suizidbetroffenen Eltern noch bei denen, die vielleicht durch ein fahrlässiges Verhalten einen Unfalltod ihres Kindes zu verantworten haben. Wir begleiten die Menschen, die tief erschüttert zu uns kommen, weil sie in Not sind. Wir begleiten in der Überzeugung, dass die Fähigkeit zu trauern eine Ressource ist, die uns hilft, größte Lebenskrisen zu durchstehen und das Leben neu anzunehmen.

Das Gefühl der Ohnmacht ist die Emotion, die meines Erachtens alle Eltern am nachhaltigsten bewegt. „Ich habe den Tod meines Kindes nicht verhindern können.“ Diese Machtlosigkeit kränkt und verletzt Mütter und Väter dauerhaft. Eltern sind auch nur Menschen mit Fehlern und Unzulänglichkeiten. Es ist ein weiter Weg zur Versöhnung mit sich selbst und dem durch die eigene Entscheidung verstorbenen Kind.

Ein Vater, dessen Sohn vor zehn Jahren starb, sagt: "Ich habe jahrelang morgens beim Wachwerden als erstes gedacht: Mein Sohn ist heute schon wieder tot! Der Gedanke war so absurd, dass ich ihn immer wieder neu denken musste. Inzwischen verändert sich der Schmerz von Jahr zu Jahr. Er ist nicht weg. Es gibt bestimmte Zeiten, in denen er stärker ist. Es gibt aber auch Zeiten, in denen der Schmerz nicht mehr einen so großen Einfluss auf mein Leben hat."

Anmerkung.
1 Auf eine philosophische Diskussion der Frage, wie frei der Mensch in seinen Entscheidungen zum Suizid ist, wird hier verzichtet; ebenso auf eine Bewertung des Schuldbegriffes.

Der Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister Schleswig-Holstein (VESH) unterstützt Familien im Rahmen von Selbsthilfegruppen auf ihrem Weg durch die Trauer. Qualifizierte und erfahrene TrauerbegleiterInnen führen Einzelgespräche, leiten Gruppentreffen, regen zur aktiven Gestaltung der Trauer durch Rituale oder kreative Gestaltung an. Ziel der Begleitung ist es, Menschen darin zu unterstützen, ihren individuellen Weg in der Trauer zu finden und zu gehen. Das vergangene Leben erfährt Wertschätzung und Würdigung unabhängig davon, wie alt das Kind wurde oder vielleicht schon während der Schwangerschaft verstarb. Die Familie wird motiviert, für das gestorbene Kind einen angemessenen Platz in der Familiengeschichte zu finden, der seinem Leben und den Weiterlebenden Raum lässt. http://www.vesh.de/
Elke Heinen ist Theologin, Familientherapeutin und Referentin für Trauerbegleitung bei den Verwaisten Eltern und trauernden Geschwistern Schleswig-Holstein. Sie berichtet aus einer fast 30jährigen Erfahrung mit suizidbetroffenen Angehörigen in Schleswig und Umgebung. Die verstorbenen Söhne und Töchter wurden zwischen 17 und ca. 40 Jahre alt.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Freitod (April 2021).
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