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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ohlsdorf und die Künstlerinnen und Künstler der Sezession

Alle Künstlerinnen und Künstler der Sezession in diesem Heft näher vorzustellen, würde den Umfang übersteigen. Deswegen wird im Folgenden nur auf die meisten Bildhauer und einige Malerinnen und Maler eingegangen, die mit ihren Werken bzw. ihren Grabstätten auf dem Ohlsdorfer Friedhof präsent sind.

Diese kleine Auswahl ist in keiner Weise als Wertung zu verstehen, sondern hat sich teils aus dem momentanen persönlichen Interesse, teils aus der Quellenlage ergeben. (Bis auf die namentlich gekennzeichneten stammen alle folgenden Texte von Petra Schmolinske.)

Unter den Mitgliedern der Hamburgischen Sezession waren die Bildhauer eine Minderheit. Während sich bei den Malern zum Teil enge Kontakte und intensiver Austausch entwickelten, was tatsächlich den Malstil beeinflusste, lässt sich Vergleichbares bei den Bildhauern kaum erkennen.
Neun Bildhauer der Sezession sind mit Arbeiten in Ohlsdorf vertreten. Nicht alle sind auch in Ohlsdorf bestattet worden. Sechs von ihnen werden hier mit einer kleinen Auswahl ihrer Arbeiten vorgestellt. Stilistisch blieben die hier gezeigten Bildhauer, von wenigen expressionistischen Arbeiten abgesehen, überwiegend konventionell.

Ludolf Albrecht (1884–1955) stammte aus Baden-Württemberg. Er absolvierte zunächst eine Goldschmiedelehre und dann ein Bildhauerstudium an der Kunstgewerbeschule in München. Von 1908 an hatte er Unterricht an der Landeskunstschule in Hamburg bei Richard Luksch und unterrichtete dort auch selbst. Gefördert von Lichtwark und Schumacher machte er sich als freischaffender Künstler selbstständig. In der Sezession war Albrecht nur kurz von 1919 bis 1920 Mitglied und wechselte dann zur Hamburgischen Künstlerschaft. 1933 beteiligte er sich aktiv an der Gleichschaltung und dem Ausschluss jüdischer Mitglieder, daher wurde er 1951 von einem Ehrengericht aus dem Berufsverband Bildender Künstler ausgeschlossen. Er verstarb in Schenefeld, wo er ab 1923 gelebt hatte. In Ohlsdorf ist Albrecht nur mit einem Werk vertreten. Das Grabmal Zennig / Deussen (Grablage AD18, 159-80) ist eine kolossale Frauengestalt (Mutter Erde), an deren Beine sich auf jeder Seite ein nacktes Paar anlehnt. Die Inschrift am Sockel lautet: JA, DER GEIST SPRICHT, DASS SIE RUHEN VON IHRER ARBEIT.

Grabmal Zennig/Deussen. Foto: P. Schmolinske

Paul Wilhelm Henle (1887-1962) war ein Sohn des jüdischen Kantors und Komponisten Moritz Henle, daher begann er eine musikalische Ausbildung, wandte sich aber bald der bildenden Kunst zu. Nach Malunterricht in Hamburg und einer bildhauerischen Ausbildung in Berlin studierte er von 1908 bis 1910 in München. Bis 1913 hielt er sich dann zu Studien in Italien auf. Nach dem Ersten Weltkriegs lebte Henle in Hamburg. Er war nur kurzzeitig von 1919 bis 1920 Mitglied der Hamburgischen Sezession. Ab 1933 hatte Henle als Jude unter den einsetzenden Schikanen der Nationalsozialisten zu leiden. 1939 emigrierte er zusammen mit seiner nicht-jüdischen Frau, der Handweberin Margarete Brix-Henle, nach London. Dort arbeitete er als Bildrestaurator am Courtauld-Institute of Art und beteiligte sich an den Webarbeiten seiner Frau. Beide litten seelisch sehr unter den Verhältnissen im Exil. Nach Kriegsende nahm Henle seine künstlerische Tätigkeit wieder auf. Er starb durch einen Badeunfall auf Ibiza und wurde dort auch bestattet. In Ohlsdorf sind fünf von Henle geschaffene Grabmale bekannt. 1909/10 entstand das Grabmal Arnstedt (Grablage AB20, 26–35) und 1920 das Grabmal der Familie Cohen / Rosenfeld (Grablage T10, 218-26). Der Auftraggeber Louis Rosenfeld, ein Hamburger Kaufmann mit jüdischen Wurzeln, gehörte zu den Begründern der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung. Die anderen drei Grabmale stehen auf dem jüdischen Friedhof Ilandkoppel.

Paul-Wilhelm Henle: Grabmal Cohen/Rosenfeld, heute Patenschaft Hammond-Norden. Foto: P. Schmolinske

Ludwig Kunstmann (1877-1961) stammte aus Regensburg, absolvierte dort eine Ausbildung als Holz- und Steinbildhauer und studierte dann an der Kunstakademie Stuttgart. Nach 1910 ließ er sich in Hamburg nieder. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Hamburgischen Sezession, trat aber auf Grund von Differenzen innerhalb der Gruppe bereits 1920 wieder aus. In den 1920er Jahren gehörte er hier zu den gefragten Bauplastikern und schuf auch einige freie Plastiken. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören die Pferdeskulptur am Thalia-Hof und der Elefantenreiter am Brahmskontor.

Ludwig Kunstmann: Trauernde an der Haupttreppe des Krematoriums. Foto: P. Schmolinske

In Ohlsdorf war Kunstmann am Bauschmuck für das Neue Krematorium beteiligt. Die Haupttreppe ist flankiert von zwei Trauernden auf hohen kannelierten Bronzesäulen. Außerdem sind fünf Grabmale bekannt, darunter ein Christuskopf am Grabmal Arand (Grablage R7, 216; R8, 460-61) und der Grabstein für Richard Ohnsorg (Grablage AC6, 168-69). Ludwig Kunstmann wurde in Ohlsdorf bestattet (Grablage Q22, 248-50). Die Ruhezeit war bereits vor einigen Jahren abgelaufen, und das Grab ist geräumt.

Ludwig Kunstmann: Christuskopf Grabmal Arand. Foto: P. Schmolinske

Richard Kuöhl (1880-1961) war von 1919 bis 1933 Mitglied der Sezession, gehörte aber gleichzeitig auch anderen Künstlerverbänden an. Kuöhl stammte aus Meißen. Nach Ausbildung zum Töpfer und Modelleur studierte er an der Kunstgewerbeschule in Dresden, wo er Fritz Schumacher (1869-1947) kennenlernte. In der Folge vervollkommnete Kuöhl seine Fertigkeiten in der Ausführung großformatiger, farbig glasierter Terrakotten. Als er 1912 nach Hamburg kam, war er damit der geeignete Künstler für den plastischen Schmuck an den zahlreichen in Backstein ausgeführten Bauten, die unter Schumachers Leitung entstanden. Die letzte Zusammenarbeit war 1933, als Kuöhl den Fassadenschmuck am Neuen Krematorium gestaltete, u. a. die schwebenden Engel über den seitlichen Aufgängen (siehe Titelbild). Kuöhl beherrschte aber auch andere Techniken, wie zahlreiche Denkmäler, Brunnen und andere Kunstobjekte zeigen, die von ihm gestaltet wurden. Am bekanntesten in Hamburg sind der Hummel-Brunnen und das 76er-Denkmal am Dammtor.

Richard Kuöhl: Expressionistischer Christus, Grabmal Weissleder. Foto: P. Schmolinske

In Ohlsdorf existieren heute noch zahlreiche Grabmale in unterschiedlichen Techniken und Stilrichtungen, z. B. ein expressionistischer Christus in Terrakotta auf dem Grab Weissleder (Grablage P19, 378-87) oder eine klassische Schönheit in Marmor auf der Grabstätte Köser (Grablage O11, 99-106). Richard Kuöhl ist in Ohlsdorf auf der Familiengrabstätte beerdigt (Grablage Y10, 162-65).

Richard Kuöhl: Trauernde, Grabmal Köser. Foto: P. Schmolinske

Emil Maetzel (1877-1955) war von 1919 bis 1933 Mitglied der Sezession und von 1928-1932 deren Vorsitzender. Nach 1945 war er zeitweise zweiter Vorsitzender der wiedergegründeten Sezession. Maetzel stammte aus Cuxhaven und hatte in Hannover und Dresden Architektur studiert. Ab 1907 war er Leiter der Städtebauabteilung in der Hamburger Baudeputation unter Fritz Schumacher und wurde 1933 von den Nationalsozialisten zwangspensioniert. Bekannt wurde Emil Maetzel als Maler, beschäftigte sich aber in den 1920er Jahren auch mit plastischen Arbeiten. Seit 1910 war er mit der Malerin Dorothea Maetzel-Johannsen verheiratet. Als sie 1930 im Alter von nur 44 Jahren starb, gestaltete er den Grabstein. Das Relief zeigt eine Schale auf einem Postament. Am oberen Rand steht die Inschrift: WO AM MEISTEN GEFÜHL IST – DA IST GRÖSZTES MÄRTYRERTUM (Grablage S12, 139-40). Außer dem Ehepaar Maetzel ist auch die Tochter Monika (1917-2010), die als bekannte Keramikerin in Volksdorf lebte und arbeitete, auf der Grabstätte beigesetzt. Leider fehlt dort ihr Name.

Grabmal Emil Maetzel

Friedrich Wield (1883-1940) absolvierte eine Bildhauerlehre und studierte dann 1900–1903 an der Akademie der Bildenden Künste in München. Von 1905 bis 1914 hatte er ein Atelier in Paris, musste aber zu Beginn des Ersten Weltkriegs aus Frankreich fliehen. Nach Kriegsende bekam er durch Vermittlung von Gustav Pauli ein Atelier in der Hamburger Kunsthalle. Er gehörte zu den Initiatoren der Hamburgischen Sezession und war bis 1922 Vorsitzender. In den Jahren bis 1933 erhielt Wield als gefragter Künstler mehrere öffentliche Aufträge. Auch zahlreiche private Auftraggeber schätzten ihn als Schöpfer ausdrucksstarker Bildnisplastiken. Nach 1933 wurde Wields wirtschaftliche Situation immer schwieriger. Da er auch sehr unter der Einschränkung seiner künstlerischen Freiheit durch die Nationalsozialisten litt, setzte er seinem Leben am 10. Juli 1940 ein Ende. Er wurde auf dem Grab seiner Eltern bestattet (Grablage G19, 378-9). Das Grabmal hatte er 1938 geschaffen.

Das Wieldsche Familiengrab. Foto: P. Schmolinske

Ein besonderes Schicksal hat Wields Hauptwerk "Ätherwelle", das Denkmal für den Physiker Heinrich Hertz. Er erhielt den Auftrag von offizieller Seite 1931. Er entwarf eine sehr expressive Darstellung – über einer sich wegduckenden Gestalt, der Erde, schwebt eine männliche Figur als Genius der Ätherwelle. An den mit der Stadt geschlossenen Vertrag fühlten sich die Nazis 1933 nicht gebunden. Sie wollten kein Denkmal für einen "jüdischen" Forscher – schon der Großvater von Heinrich Hertz hatte sich und seine Familie 1834 in der Leipziger Thomaskirche taufen lassen! – und verweigerten auch die vereinbarten Zahlungen an Wield. Das Gipsmodell hatte er noch fertigstellen können. Es wurde im Keller der Kunsthalle eingelagert. Nach mehr als 50 Jahren wurde es wiederentdeckt, als Bronzeguss vollendet und 1994 zunächst im Eichenpark an der Alster aufgestellt. Seit 2016 steht das Denkmal nun auf dem Gelände des NDR an der Rothenbaumchaussee 132.

Friedrich Wield: Die Ätherwelle. Foto: A. Schmolinske

Gegenüber den Bildhauern bildeten die Malerinnen und Maler innerhalb der Sezession eine weit größere und künstlerisch vielfältigere Gruppe. Von ihnen können hier nur einige wenige vorgestellt werden. Für die Auswahl gilt das schon oben Gesagte:

Gretchen Wohlwill (1878-1962) gilt als die "Mutter" der "Hamburgischen Sezession". Anders als auf dem Grabstein vermerkt, wurde sie am 27. November 1878 als viertes Kind des Chemikers Emil Wohlwill und seiner Frau Luise geb. Nathan in Hamburg geboren. Ihre Eltern stammten aus einer alteingesessenen jüdischen Familie, hatten aber den Glauben ihrer Vorfahren abgelegt und ließen ihre Kinder als "konfessionslos" in das Geburtsregister eintragen. Da sie künstlerisch begabt war, durfte Gretchen schon als Sechzehnjährige die Kunstschule von Valeska Röver besuchen. Zehn Jahre später setzte sie ihre Studien in Paris fort. Aber erst bei ihrem zweiten Parisaufenthalt, bei dem sie die "Académie" von Henri Matisse besuchte, öffneten sich ihre Augen für die zeitgenössische Kunst der Impressionisten, die ihre vorherigen Lehrer noch verspottet hatten. Um ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, gab sie Zeichenunterricht und wurde nach ihrem Lehrerinnenexamen an der Emilie-Wüstenfeld-Schule eingestellt. Daneben arbeitete sie in ihrem eigenen Atelier, das zum Treffpunkt junger Künstler wurde. Daraus ergab sich die Gründung der Hamburgischen Sezession. Als sie 1933 wegen ihrer jüdischen Abstammung aus dem Schuldienst entlassen und aus der Hamburgischen Künstlerschaft ausgeschlossen wurde, zerbrach ihr Leben als bekannte Hamburger Künstlerin. Sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und verarmte. Ihr Wandbild in ihrer ehemaligen Schule wurde mit NS-Figuren übermalt. In letzter Minute emigrierte sie 1940 zu ihrem Bruder nach Portugal. 1952 kehrte sie nach Hamburg zurück. Bis zu ihrem Tod am 17. Mai 1962 arbeitete sie als freischaffende Malerin. Sie wurde im Familiengrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt. Ihr Grab war mit einem Kissenstein bezeichnet, der heute im Garten der Frauen bewahrt wird. [BL]

Grabmal Familie Wohlwill. Foto: P. Schmolinske

Anita Rée (1885-1933). Die am 9. Februar 1885 in Hamburg geborene Anita Rée entstammte wie Gretchen Wohlwill einer alteingesessenen jüdischen Bürgerfamilie. Dennoch wurde sie evangelisch getauft und in großbürgerlicher Umgebung erzogen. Ab 1905 nahm sie für einige Jahre beim Hamburger Maler Arthur Siebelist Unterricht und wurde stilistisch vom Naturalismus und der Pleinair-Malerei beeinflusst. Anschließend gründete sie eine freie Ateliergemeinschaft mit den Malern Franz Nölken und Friedrich Ahlers-Hestermann, bevor sie sich 1912/13 in Paris bei Fernand Léger weiterbildete. Anita Rée verkehrte gesellschaftlich in gebildeten Kreisen und mit bekannten Persönlichkeiten. 1919 zählte sie zu den Mitbegründerinnen der Künstlervereinigung Hamburgische Sezession, bald darauf trat sie der Hamburgischen Künstlerschaft bei. Von 1922 bis 1925 lebte sie in Italien, wo sie sich der Kunstrichtung der Neuen Sachlichkeit zuwandte. Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg gehörte sie, unter anderem neben Ida Dehmel, zu den Mitbegründerinnen der GEDOK (Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen aller Kunstgattungen). Vor allem ihre Porträtbilder fanden weite Anerkennung, auch für die Ausstattung von Schulen erhielt sie unter dem Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher Aufträge. Nach 1930 wurde Anita Rée wegen ihrer jüdischen Herkunft von nationalsozialistischer Seite denunziert, persönliche Enttäuschungen kamen hinzu. Später vernichteten die Nationalsozialisten ihr Wandbild „Die klugen und die törichten Jungfrauen“ für die Berufsschule Uferstraße. 1932 verließ sie Hamburg und ließ sich auf der Insel Sylt nieder. Im April 1933 wurde sie als „artfremdes Mitglied“ von der Hamburgischen Künstlerschaft ausgeschlossen. Ende desselben Jahres, am 12. Dezember 1933, nahm sich Anita Rée in Kampen auf Sylt das Leben. Sie zählt zu den bedeutendsten Hamburger Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Durch die private Initiative eines Hausmeisters der Hamburger Kunsthalle, der ihre dort vorhandenen Werke 1937 versteckte, konnten diese vor der Zerstörung durch Nationalsozialisten gerettet werden.

Grabstätte Anita Rée. Foto: G. Kell

Im Bereich des Althamburgischen Gedächtnisfriedhof befindet sich das Grabdenkmal für Anita Rée. Es kam 1995 im Zuge einer Umbettung auf den Ohlsdorfer Friedhof, nachdem Rée zunächst auf dem Urnenfriedhof des Alten Hamburger Krematoriums an der Alsterdorfer Straße bestattet worden war. Im Stadtteil Neu-Allermöhe erinnert außerdem eine Straße an die Künstlerin, in Kampen auf Sylt sowie an ihrem letzten Hamburger Wohnort in der Fontenay jeweils ein „Stolperstein“. [NF]

Ivo Hauptmann (1886-1973) wurde am 9. Februar 1886 in Erkner bei Berlin als ältester Sohn Gerhart Hauptmanns und seiner ersten Frau Marie geb. Thienemann geboren. Nach eigenem Bekunden war ihm schon mit sechs Jahren "klar, daß ich Maler werden würde." (Brief von Ivo Hauptmann an den Juristen Ernst Buchholz, 29.1.1951 – Archiv P. Schmolinske). Sein künstlerisches Talent wurde von klein auf vom Vater gefördert, der dafür viel Verständnis aufbrachte, hatte er doch zunächst selber eine Laufbahn als Bildhauer angestrebt. 17jährig reiste Ivo Hauptmann zum ersten Mal nach Paris, wo er die bedeutendsten Maler der französischen Avantgarde kennenlernen konnte. 1903–1904 war er Schüler von Lovis Corinth in Berlin, dann bis 1908 Schüler von Ludwig von Hofmann an der Großherzoglichen Kunstschule in Weimar. Anschließend ging er erneut nach Paris. Hier lernte er Paul Signac kennen, der ihn an die pointilistische Malweise heranführte. Bis zum Ersten Weltkrieg war Hauptmann ein führender Vertreter dieses Stils in Deutschland. Später gab er die zeitaufwendige Technik jedoch wieder auf und näherte sich mehr dem Expressionismus, aber auf eine eher dekorative, sehr farbige Weise.

Grabstätte Ivo Hauptmann. Foto: P. Schmolinske

1912 heiratete Hauptmann Erica (Yvette) von Scheel, eine Schülerin und Mitarbeiterin Henry van de Veldes. Ab 1913 hielt er sich immer wieder zeitweise in Dockenhuden auf, heute ein Teil von Blankenese. Nach 1919, in der Inflationszeit, war seine wirtschaftliche Situation besonders schwierig, was er selber so beschrieb: „1923 nach Verlust des bescheidenen Vermögens neben der Malerei Betätigung als Kohlenhändler. Unterstützung durch Otto Blumenfeld, der Bilder von mir besaß.“ (Brief von Ivo Hauptmann an den Juristen Ernst Buchholz, 29.1.1951 – Archiv P. Schmolinske).

Ivo Hauptmann: Stillleben mit Äpfeln und Krug, Öl auf Leinwand, 1965 (Sammlung P. Schmolinske) Foto: P. Schmolinske

Im Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs "Der Neue Rump" heißt es allerdings, er wäre Angestellter in der Reederei Otto Blumenfeld gewesen, sogar mit Prokura. Auf jedem Fall konnte er 1925 mit seiner Frau und dem 1914 geborenen Sohn das Gartenhaus auf dem Blumenfeldschen Grundstück Elbchaussee 134 beziehen. 1928 wurde Hauptmann Mitglied der Hamburgischen Sezession und 1932 deren Vorsitzender. Als 1933 der Ausschluss der jüdischen Mitglieder gefordert wurde, löste sich die Gruppe auf seine Anregung hin auf, um dem zuvorzukommen. Da Hauptmanns expressionistische Malweise als „entartet“ galt, hatte er während der Zeit des Nationalsozialismus zwar erhebliche wirtschaftliche Probleme, erlebte aber keine lebensbedrohliche Verfolgung. Nach Ende des Krieges wurde der Maler von Friedrich Ahlers-Hestermann als Dozent an die Landeskunstschule am Lerchenfeld berufen. Außerdem wurde er Vorsitzender der im Juni 1945 neu gegründeten Hamburgischen Sezession. Die Bestrebungen, diese wiederzubeleben, scheiterten aber, und 1952 löste sich die Sezession wieder auf. Ivo Hauptmann erhielt bereits zu Lebzeiten zahlreiche Ehrungen, u. a. 1961 das Bundesverdienstkreuz. Er verstarb am 28. September 1973 und wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet.

Ivo Hauptmann: Frau mit Hut (Sammlung P. Schmolinske) Foto: P. Schmolinske

Willem Grimm (1904-1986) wurde in Eberstadt bei Darmstadt geboren. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung zum Schrift- und Buchgestalter an der Kunstgewerbeschule Offenbach. 1924 zog er nach Hamburg und bildete sich an der Landeskunstschule bei Willi Titze in graphischen Techniken weiter. Nach einigen Gastausstellungen trat er 1929 der Hamburgischen Sezession bei. 1930 erhielt er einen Lehrauftrag für Naturzeichnen an der Landeskunstschule.

Willem Grimm: Vogelkäfig - Druck, undatiert (Sammlung P. Schmolinske) Foto: P. Schmolinske

Bereits in den Jahren von 1926 bis 1929 war Willem Grimm viel gereist. Ziele waren Paris, New York und Westindien. In den 1930er Jahren folgten regelmäßige Aufenthalte auf Sylt, aber auch Fernreisen nach Italien, Schweden und Norwegen. Neben Porträts, Landschaften und Stillleben beschäftigte er sich ab 1931 häufig mit dem Motiv des "Rummelpottlaufens", ein Thema, das ihn offenbar faszinierte. Nach 1933 konnte Grimm zunächst weiterarbeiten, zog sich dann aber ganz aus dem Kunstbetrieb zurück und versuchte sich, allerdings wenig erfolgreich, in der biologischen Landwirtschaft. Nach Kriegsbeginn wurde er als Munitionsbewacher in Wedel, später in Kampen auf Sylt eingesetzt. Sein Atelier in Hamburg wurde 1943 durch Bomben zerstört. 1945 begann Grimm wieder künstlerisch zu arbeiten. Friedrich Ahlers-Hestermann berief ihn als Professor an die Landeskunstschule. Hier war er Dozent für freie Malerei. Zu seinen Schülern gehörte Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot. Für sein Wirken im Kulturleben Hamburgs wurde Grimm 1959 mit dem Edwin-Scharff-Preis ausgezeichnet. Willem Grimm verstarb 1986 in Hamburg.

Grabstätte Grimm. Foto: P. Schmolinske

Willem Grimm: "Een Huss wieder", Holzschnitt, undatiert (Sammlung P. Schmolinske) Foto: P. Schmolinske

Für Interessierte, die bei einem Ohlsdorf-Spaziergang die Gräber der Sezessions-Mitglieder besuchen möchten, hier eine Übersicht über Namen und Grablagen derjenigen, die auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden haben und deren Gräber heute noch erhalten sind:
- Alma del Banco, 1863-1943, Mitglied von 1919-1933, Grablage AC8, 215-24 Grabstätte Lübbert
- Willem Grimm, 1904-1986, Mitglied von 1929-1933, Grablage Y21, 42-51
- Ivo Hauptmann, 1886-1973, Mitglied von 1928-1933, Grablage T26, 78-79
- Maximilian Jahns, 1887-1957, Mitglied 1919/20, Grablage Bi52, 245-6
- Karl Kluth, 1898-1972, Mitglied von 1931-1933, Grablage G11, 282
- Richard Kuöhl, 1880-1961, Mitglied von 1919-1933, Grablage Y10, 162-65
- Emil Maetzel, 1877-1955, Mitglied von 1919-1933, Grablage S12, 139-40
- Dorothea Maetzel-Johannsen, 1886-1930, Mitglied von 1919-1930, Grablage S12, 139-40
- Karl Opfermann, 1891-1960, Mitglied von 1919-1933, Grablage Bh64, 229
- Anita Rée, 1885-1933, Mitglied von 1919-1933, Althamburgischer Gedächtnisfriedhof Grab 16 – ursprünglich im Urnenhain des Alten Krematoriums beigesetzt, vor einigen Jahren auf den Gedächtnisfriedhof umgebettet
- Otto Rodewald, 1891-1960, Mitglied von 1928-1933, Grablage W20, 120-22
- Willi Titze, 1890-1979, Mitglied von 1932-1933, Grablage W11, 210
- Friedrich Wield, 1880-1940, Mitglied von 1919-1923, Grablage G19, 378-79
- Albert Woebcke, 1896-1980, Mitglied von 1927-1933, Grablage T14, 167-68
- Gretchen Wohlwill, 1878-1962, Mitglied von 1919-1933, Grablage U29, 148-52 (Familiengrabstätte), Grabstein im Garten der Frauen.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Kunst in Hamburg (November 2019).
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