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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Eine Dorfbestattung in China (Teil II)

Freitag, 29. März 2019, 6.00 Uhr: Wir stehen auf. Irgendjemand hat am Sarg gewacht, man hat sich abgewechselt. Als ich dorthin gehe, bringt jemand eine Schale Getreidebrei, ich denke, sie sei für mich und will sagen, dass ich im Hof mit allen anderen zusammen essen werde, aber ich habe das falsch verstanden, sie ist natürlich für den Schwiegervater. Der Tote bekommt traditionell immer zuerst eine Portion.

8.00 Uhr: Nach dem Frühstück gehen wir im pastellenen Morgenlicht – wieder in unseren Leinengewändern – zum Zelt. Die Fünf-Minuten-Nudeln sind bereits abgeholt worden. Lao Du und mir werden die Fotografien seines Vaters in die Hände gedrückt und wir gehen unter Leitung des Zeremonienmeisters ins Haus von Du Weiguo, wo sie ihren Platz finden, und wir uns wieder verbeugen. Irgendwie sind heute alle etwas hektisch. Während das Zelt abgebaut wird, verlassen wir Frauen den Sportplatz zuerst und begeben uns klagend zu den Gräbern. An diesem Morgen klingt das durch das Tal schallende "aya, aya, ohhh" passend. Mir hat man einen Holzbottich und einen Reisigbesen gegeben. Ihre Bedeutung kenne ich nicht, weiß nur, dass ich den Bottich keinesfalls auf den Boden stellen darf. Auf der Terrasse mit den Gräbern stehen und liegen bereits die Papierfiguren – das Pferd und sein Pferdeknecht, Häuser und symbolische Goldbarren. Die Sargträger kommen den Berghang hinaufgekeucht, der Sarg wird in die Erde gelassen und der Fengshui-Meister verrichtet einige letzte Zeremonien, wobei nun auch der Hahn zum Einsatz kommt. Er muss ein wenig Blut lassen, das an den Sarg gehalten wird. Am Kopfende der Grube brennt eine kleine Kerze, Lao Du schippt die ersten drei Würfe Erde auf den Sarg, dann greifen mehrere Männer zu den Schaufeln und vollenden das Werk. Die Kerzenflamme hält sich erstaunlich lange. Die Papierfiguren werden ins Feuer geschmissen, und sind in Nullkommanichts Vergangenheit. Nur das Pferd scheint noch einmal auszutreten und sich zu wehren. Zuletzt wird als Abschluss der Grabstelle ein Mäuerchen errichtet und die Blumenräder aufgestellt. Auch die Bambusstäbe, die uns Trauernden als Stütze dienten, finden ihren letzten Platz auf dem Grab.

Verbrennen der Opfergaben

Der Cousin hatte mehrmals die Frage eines Grabsteines angesprochen. Seiner Meinung nach brauchten wir einen, um später die richtige Stelle wiederfinden zu können. Zum Glück hatten wir dazu keine Entscheidung getroffen, denn in dieser Region ist es nicht üblich, Grabsteine aufzustellen. Man geht davon aus, dass sich innerhalb eines Zeitraumes von 30 Jahren immer noch irgendjemand erinnern wird, wer wo liegt. Danach sind alle Verpflichtungen zum Grabfegen oder Opferbringen abgelaufen und die Natur kann ihren Lauf nehmen.

9.30 Uhr: Unterdessen haben die anwesenden Leute begonnen, an den Bäumen der anderen Gräber weiße Papierstreifen anzubringen und auf den Mäuerchen Opfergaben, Nahrungsmittel verschiedenster Art abzustellen. Vor jedem Grab wird eine kleine Grube freigelegt, um Papiergeld zu verbrennen. Wegen des Qingming-Festes haben manche Angehörigen die Gelegenheit ergriffen, ihre Gräber gleichzeitig mit Du Lichengs Bestattung zu "fegen". Auf den Friedhöfen in den Städten ist das Verbrennen von Papiergeld und anderen Devotionalien schon lange unerwünscht, wenn nicht verboten. Und vielleicht wird es schon 2020 auch auf dem Land verboten sein. Überhaupt frage ich mich, wie lange es solche Begräbnisse, deren Ablauf zum Teil auf sehr alten, teils konfuzianischen teils volksreligiösen Traditionen beruht, noch geben wird. Die jungen Leute verlassen die Dörfer und scheinen nicht mehr viel Wert darauf zu legen.

17.00 Uhr: Lao Du hat – alleine – noch ein letztes Ritual zu erfüllen. Schweigend und ohne sich umzusehen muss er eine Schüssel Suppe zum Grab tragen, beim Gehen immer ein wenig Suppe versprengen und zum Schluss die Schüssel am Steinmäuerchen zerschlagen.
Du Weiguo präsentiert die ordentlich geschriebene Rechnung. Neben dem Sarg ist der größte Posten "Schnaps und Zigaretten". Die niedrigste Summe entfällt auf den Hahn. 1 Hahn – 100 RMB (etwa 12 Euro) lautet die letzte Zeile.

Bewirtung der Helfer und Gäste im Hof

19.00 Uhr: Einige der Männer, die bei allem mitgeholfen haben, kommen zu Besuch. Man sitzt unter dem großen neuglänzenden Mao-Poster in Du Weigous Wohnzimmer, trinkt Schnaps, prostet sich zu und snackt Wurstscheiben und Sonnenblumenkerne. Wir können nur vermuten, dass alle noch einmal ihre Eindrücke austauschen, denn auch Lao Du versteht ihren Dialekt kaum.

Das fertige Grab

Samstag, 30. März 2019. Wir werden gegen acht abgeholt. Natürlich gehen wir noch einmal zum frischen Grab, an dem der Wind einiges durcheinandergebracht hat. 2020 sollten wir zum Qingming-Fest wiederkommen.

Fotos: Maja Linnemann / Lao Du

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Kunst in Hamburg (November 2019).
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