OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Anonyme Bestattungen - Zur Geschichte und Gegenwart

 - Juni 2014
Ausgabe: 
Nr. 125, II, 2014

1. Varianten anonymer Bestattung

Unter anonymer Bestattung versteht man die vom Verstorbenen oder dessen Angehörigen verfügte Beisetzung in einer gemeinschaftlichen Anlage ohne individuelles Grabzeichen und ohne Möglichkeit zur individuellen Grabpflege. Ihr geht zumeist – aber nicht zwingend – die Einäscherung im Krematorium voraus. Die Asche wird in einer zweckentsprechend kleinen Urne von Friedhofsangestellten unter zunächst ausgestochenen und dann wieder eingesetzten quadratischen Rasensoden beigesetzt. Dabei kann es zu Sammelbeisetzungen von zahlreichen Urnen kommen. Der exakte Beisetzungsort der einzelnen Urne innerhalb dieser Anlage ist nur der Friedhofsverwaltung bekannt. Immer häufiger gibt es zentrale Gemeinschafts- oder Jahresdenkmäler, auf denen die Namen der Bestatteten summarisch verzeichnet werden. Eine Variante bilden in den Rasen oder in die Erde eingelassene Namenstafeln, die zunächst unter der – semantisch kuriosen – Bezeichnung "halbanonyme Bestattung" bekannt geworden sind.

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Nach der Einäscherung. Foto: N. Fischer

Die Bezeichnungen für die Anlagen variieren: Geläufig sind u.a. "Urnengemeinschaftsanlage", "Urnenhain", "Anonymer Urnenhain", "Urnengemeinschaftshain" oder auch schlicht "Rasenfriedhof". Neuerdings gibt es eine deutliche Tendenz zur gemeinschaftlichen Nennung von Namen und Lebensdaten. Auch werden die Bezeichnungen der Anlagen immer häufiger mit symbolischer Bedeutung versehen: zum Beispiel "Friedpark" (Stadtfriedhof Göttingen) oder "Ankerplatz" (Neuer Friedhof Westerland auf Sylt). Am zentralen Memorial oder in den Randbereichen besteht in der Regel die Möglichkeit, Blumenschmuck zu hinterlegen. Andere, aus dem Ausland bekannte Formen der anonymen Bestattung, wie das oberirdische Verstreuen der Asche, sind in Deutschland gesetzlich derzeit nicht gestattet bzw. nur vereinzelt als Aschestreuwiesen auf Friedhöfen bekannt.

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Anonyme Bestattungen Hamburg-Ohlsdorf. Foto: A. Götz

Darüber hinaus ist jedoch die vor allem im norddeutschen Raum bekannte Seebestattung als eine Sonderform der anonymen Bestattung zu betrachten. Der regulären Seebestattung geht eine Einäscherung in einem Krematorium voraus. Die Versenkung der wasserlöslichen Urne geschieht in speziell ausgewiesenen Gebieten, zumeist vor der deutschen Nord- oder Ostseeküste. Die Urne löst sich nach kurzer Zeit auf. Die Anfänge regulärer Seebestattungen für breitere Bevölkerungskreise in der Bundesrepublik Deutschland stammen aus den 1970er Jahren. 1975 wurde auf Initiative des Bundesverbandes des Deutschen Bestattungsgewerbes die Deutsche See-Bestattungs-Genossenschaft e. G. (DSBG) mit Sitz in Kiel gegründet. Ihr gehören gegenwärtig rund 400 Unternehmen an. In der DDR war die Seebestattung nicht möglich, aber auch hier gab es für Sterbefälle bei der Marine eine gesetzliche Regelung. Im Übrigen unterliegt die Seebestattung den entsprechenden gesetzlichen Verordnungen in den einzelnen Bundesländern. Nach wie vor setzt eine Seebestattung eine entsprechende amtlich-behördliche Genehmigung voraus. In der Praxis haben sich die Reglementierungen – und damit der Zugang zur Seebestattung – im frühen 21. Jahrhundert gelockert. So ist die Seebestattung beispielsweise in Schleswig-Holstein – wo besonders viele Seebestattungen stattfinden – anderen Bestattungsformen vollkommen gleichgestellt.

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Sammelbeisetzungen Leipzig Südfriedhof. Foto: N. Fischer

Die anonyme Bestattung spielt, wie traditionell auch die Feuerbestattung, im protestantischen bzw. säkularisierten Nord- und Ostdeutschland eine größere Rolle als in katholischen Regionen. In Städten ist sie verbreiteter als auf dem Land. Der relativ hohe Anteil von Rasenbestattungen bedeutet das Ende einer jahrhundertealten Tradition: der Tradition des individuellen oder familienbezogenen Grabes. Damit verringert sich auch der Raumbedarf und die Raumstruktur auf Friedhöfen entscheidend: es kommt zu einem Flächenüberhang.

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Südfriedhof Leipzig, Rasenbeisetzungen mit gemeinschaftlichen Namensplatten. Foto: N. Fischer

Die anonyme Rasenbestattung zeugt zugleich von einem pragmatischen, entzauberten Umgang mit dem Tod. Sie repräsentiert in ihrer Negation des Erinnerungsortes eine mobile Gesellschaft, in der eine emotionale Bindung an die traditionellen Erinnerungorte des bürgerlichen Zeitalters keinen Sinn mehr zu machen scheint. Die anonyme Rasenbestattung dokumentiert darüber hinaus die Auflösung der ortsgebundenen Beziehungen zwischen den Generationen, wie sie vor allem die Familiengrabstätte des bürgerlichen Zeitalters repräsentierte, wie auch der bürgerlichen Muster zwischenmenschlicher Beziehungen (Familie, soziale Klasse, Konfession).

2. Historischer Rückblick

Gänzlich neu ist die anonyme Bestattung allerdings nicht, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Bereits auf traditionellen Kirchhöfen hatte keineswegs jede Grabstätte eine indivduelle Kennzeichnung erhalten. Gemeinschaftliche, immer wieder neu geöffnete Bestattungsgruben waren in einigen Städten noch bis ins 19. Jahrhundert hinein bekannt. Zum weltanschaulichen Postulat wurde der 1787 eingerichtete Neue Begräbnisplatz in Dessau, der vorübergehend über gezielt angelegte, namen- und zeichenlose Rasenflächen als Bestattungsort verfügte. Der Dessauer Friedhof galt damals als Modellfall eines Begräbnisplatzes, der den zeitgenössischen Idealen von sozialer Gleichheit einerseits, Naturästhetik andererseits entsprach. Noch radikaler waren utopische, nie realisierte Entwürfe aus dem Umfeld der Französischen Revolution, wie Pierre Girauds Pariser Bestattungspyramide, bei der ebenfalls individuelle Grabmäler entfielen, weil im Tod alle gleich sein sollten. Über 130 Jahre später – in der Weimarer Republik – schlug der Friedhofsreformer und Dresdner Stadtbaurat Paul Wolf kollektive Beisetzungen in einem monumentalen Aschengrab vor. Im Übrigen wurden bereits im frühen 20. Jahrhundert Armen- oder Sozialbestattungen an einigen Orten in Deutschland als anonyme Beisetzung vorgenommen. Darüber hinaus sind aus der Geschichte jene zwangsweisen anonymen Bestattungen bekannt, die etwa Seuchenopfer oder Kriegstote betreffen. Auch die Opfer von Diktatur und Gewaltherrschaft wurden häufig anonym beigesetzt, so in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur.

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Rasenbeisetzungen mit Namensplatten, kirchlicher Friedhof Hemmendorf (Niedersachsen). Foto: N. Fischer

Im engeren Sinn geht die anonyme Bestattung von Aschen letztlich auf die Einführung der modernen Feuerbestattung im späten 19. Jahrhundert zurück. Diese brachte neue Formen der Beisetzung hervor. Wurden zunächst – in antiker Tradition – Kolumbarien errichtet beziehungsweise Urnen oder Vasen mit der Asche auf den Grabstätten aufgestellt, so ging man alsbald zur platzsparenden unterirdischen Aschenbeisetzung über. Der gegen den Widerstand der Kirchen und des konservativen Bürgertums durchgesetzte Bau von Krematorien hat seit dem späten 19. Jahrhundert mit dem Aschengrab die Topographie des Friedhofs verwandelt. Das Krematorium vereint erstmals wichtige Etappen von Aufbahrung, Trauer und Bestattung in einem funktionalen Gebäude: Es ist Verwahrort für Verstorbene, Ort der Trauerfeier und Ort der Einäscherung. Ursprünglich war es mit seinen "Kolumbarien" sogar Beisetzungsort, später hat man jedoch das Aschengrab im Freien auf dem Friedhof bevorzugt. Nach anfänglichen Akzeptanzproblemen wurde die Feuerbestattung in der Zeit der Weimarer Republik zu einer üblichen Bestattungsart.

Die miniaturisierenden Tendenzen der Aschenbeisetzung passten sich gut ein in die im frühen 20. Jahrhundert in Deutschland einsetzende so genannte Friedhofs- und Grabmalreform. Die Aschenbeisetzung führte tendenziell zu einer Verkleinerung der Grabstätten, was der von den Reformern angestrebten einheitlich gestalteten Gesamtanlage entgegenkam. Aschenbeisetzungen entsprachen dem reformerischen Ansatz nicht zuletzt dann, wenn auf einer Grabstätte mehrere Aschen beigesetzt werden konnten – und zwar mit einem im Vergleich zum Erdgrab erheblich geringeren Raumverbrauch. Diese spezifische Funktionalität sorgte dafür, dass Aschengräber zu einem wichtigen gestalterischen Element der Friedhofsreform mit ihrer typisierten, ja geradezu "serialisierten" Ästhetik. Häufigste Formen waren kleine Stelen, rechteckige Platten, Kissensteine oder auch so genannte Reihenmauerstellen (Dresden-Tolkewitz). Systematisch gestaltete Aschengärten mit reglementierter Formensprache wurden zu einem Leitbild der Friedhofsästhetik, wie auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Dies waren wichtige Stationen auf dem Weg zur anonymen Bestattung.

In der ehemaligen DDR entstanden bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs so genannte "Urnengemeinschaftsanlagen" – großflächige, meist rasenbegrünte Beisetzungsflächen ohne individuelle Grabstätten bzw. -mäler. Sie entsprachen den staatssozialistischen Vorstellungen von kollektiver Bestattung, die gesellschaftliche Unterschiede im Tod verschwinden lassen sollte. Auf dem Leipziger Südfriedhof haben sich aus einem bereits früher für Sozial- und Anatomieleichen angelegten Urnengarten seit 1960 mehrere Urnengemeinschaftsanlagen entwickelt und wachsenden Zuspruch gefunden. So lag bereits in den 1990er Jahren der Anteil der anonymen Beisetzungen auf dem Leipziger Südfriedhof bei 50 %. In der Bundesrepublik entstanden erste anonyme Anlagen Mitte der 1970er Jahre in Bremen und Hamburg.

3. Resümée

Zusammenfassend betrachtet, hat die Einführung der modernen Feuerbestattung den Umgang mit dem Leichnam technisiert und durch die Aschenbeisetzung das Erscheinungsbild der Friedhöfe verändert. Kam es zunächst zur Miniaturisierung und Typisierung der Grabstätten, so hat die anonyme Bestattung als Folgeerscheinung seit Mitte des 20. Jahrhunderts die traditionelle bürgerlich-individuelle Erinnerungskultur überformt. Sie kann als neuer Höhepunkt einer fortschreitenden "Entzauberung" des Umgangs mit den Toten verstanden werden.

Der vorliegende Text basiert im Wesentlichen auf folgenden Publikationen (dort auch detaillierte Literaturnachweise):
Norbert Fischer: Formen der Aschenbeisetzung – Geschichte und Gegenwart. In: Handbuch des Feuerbestattungswesens. Hrsg.: Tade M. Spranger, Frank Pasic, Michael Kriebel. München 2014, S. 288–298
ders.: Schauplatz Krematorium – Zur Aktualität und Geschichte des verborgenen Todes. In: Thomas Klie (Hrsg.): Performanzen des Todes. Neue Bestattungskultur und kirchliche Wahrnehmung. Stuttgart 2008, S. 44–55

Weitere Literaturhinweise:
Traute Helmers: Anonym unter grünem Rasen. Eine kulturwissenschaftliche Studie zu neuen Formen von Begräbnis- und Erinnerungspraxis auf Friedhöfen. Online-Publikation http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/dissertationen/2005/...
Barbara Happe: Vom zeichenlosen Rasenfeld zur zeichenhaften Gemeinschaftsanlage. In: Grabkultur in Deutschland. Geschichte der Grabmäler. Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal/Museum für Sepulkralkultur. Berlin 2009, S. 215-228

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