OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Tod und Sturmflut in der Kunst

 - November 2013
Ausgabe: 
Nr. 123, IV, 2013

Überschwemmungskatastrophen und sukzessive Eindeichung des Meeres prägten über Jahrhunderte die Wahrnehmung von der Nordsee. Aufgrund von Sturmfluten, die unzählige Tote und Landverlust forderten, und damit einhergehender Seuchengefahr wurde der Nordsee mit Angst und Furcht begegnet. Dies wird in der Kunst reflektiert.

Füesslin
Johann Melchior Füesslin, Darstellung der Sturmflut von 1717

Beispielhaft sei auf die Grafik von Johann Melchior Füesslin verwiesen. Die Sturmflut des Jahres 1717 ist visualisiert. Die Angst der Menschen vor der Gewalt der Nordsee und deren zerstörerische Macht sind sichtbar. Im Untertitel heißt es "Vorstellung der großen Wasser Flut, die Gottes Hand den 25. und 26. Dezember über viel Land geführt, in der viel Menschen, viel Häuser […] jämmerlich umkamen und zu Grund gegangen." Der Tod ist nicht direkt – zum Beispiel in Form von Leichen – dargestellt, doch ist er durch die Verbildlichung der gegen das Ertrinken kämpfenden Menschen und Tiere, sowie den eindeutigen Untertitel präsent. Zugleich erinnert dieses Werk, dass Sturmfluten und ihre verheerenden Auswirkungen lange Zeit als von Gott gesandt empfunden wurden und kollektive Angst und Furcht auslösten.

Im 18. Jahrhundert liegen noch zwei kontroverse Haltungen vor: Zum einen wurde der Gewalt des Meeres mit gottesfürchtiger Passivität begegnet. Zum anderen entwickelte sich ein auf aufklärerischer rationaler Haltung basierendes Naturverständnis. Mit der Entwicklung effektiverer Küstenschutzmaßnahmen und technischer Verbesserungen beim Deichbau und der zunehmenden Verbreitung von aufklärerischem Gedankengut vollzog sich eine Änderung in der Naturauffassung. Aus der "uralten" Angst vor dem Meer erwuchs eine Haltung, dieses als berechenbar zu begreifen. Sturmfluten werden nicht mehr als von Gott gesandt empfunden, sondern auf Basis von Naturgesetzen als erklärbar betrachtet. Durch diese veränderte Wahrnehmung ergaben sich für den Menschen innovative Handlungsstrategien im Küstenschutz und ein neues Selbstbewusstsein entwickelte sich.

Jedoch blieb das Motiv "Sturmflut" auch im zwanzigsten Jahrhundert mit Assoziationen von Tod und Vernichtung verbunden. Dies ist in der Kunst in unterschiedlicher Weise thematisiert. Exemplarisch sei auf eine Darstellung von Hans Bohrdt verwiesen, in der ein Sturmflutszenario visualisiert ist. Der Künstler war ein kaisertreuer Maler, der die wilhelminische Marinemalerei neben Stöwer und Saltzmann stark prägte. Unter Wilhelm II. erlebten maritime Themen, insbesondere Darstellungen der Kriegsmarine im Kontext der Flottenpolitik eine Blüte und Wertschätzung. Die von Bohrdt geschaffene Illustration "Auflaufende Seen kämmen über den Deich" wurde in einem Artikel über eine auf Neuwerk erlebte Sturmflut in der Illustrierten "Über Land und Meer" veröffentlicht.

Bohrdt
Hans Bohrdt, Auflaufende Seen kämmen über den Deich, 1901

In dem Text verweist er auf die Bedrohungen von Sturmfluten für die Hallig-, Insel- und Küstenbewohner: "Draußen aber auf den Halligen und niedrigen Marschen sieht man jedem Sturm mit Zagen entgegen. Die Warft auf der Hallig und der Deich am Rande der Marsch sind die einzigen Schutzwehren gegen das Element, das fast instinktartig die schwachen Stellen findet, um zerstörend herauszubrechen und Land und Leute zu verschlingen. Während der Seemann seinen geistigen und körperlichen Kräfte vertrauend, auf seinem Schiffe Gefahr trotzen kann, ist der Hallig- und Marschbewohner der andringenden See gegenüber machtlos. Ein eigenartiges Geschlecht, diese Leute. Jedes Jahrhundert hat mehrere vernichtende Sturmfluten zu verzeichnen. Wie viele in der Ahnenreihe dieser Menschen haben ihr Leben dabei eingebüßt, wie viele Verluste hat das Meer den Familien an Hab‘ und Gut zugefügt! Und dennoch kleben sie an der kleinen Scholle Land, die ständig von dem Wasser bedroht ist." (Bohrdt 1901: 207)

In Bezug auf die Sturmflut, die er persönlich erlebte, beschreibt er die Tätigkeiten der Inselbewohner um Mensch und Tier zu retten: "Die Neuwerker waren unterdes thätig, ihr Vieh und Geflügel von der uneingedeichten Marsch zu retten. Für manches Tier jedoch zu spät. Schon vor Eintritt der Flut stieg das Wasser fort und fort, so daß an Rettung nicht mehr gedacht werden konnte. Dabei gehört Neuwerk noch zu den glücklichen Inseln, die durch einen Außen- und Innendeich geschützt sind, und deren Bewohner sich im Falle der Not, wenn beide Deiche gebrochen sind, noch in den 600 Jahre alten Leuchtturm retten können. Mancher besorgte Hausvater brachte denn auch die Frau und Kinder und seine Wertsachen zum Turme. Mit der einsetzenden Flut wuchs der Sturm bis zur Windstärke 10 der zwölfteiligen Beaufortschen Skala. Das bedeutet für die Nordsee schon recht böses Wetter. Nun stieg das Wasser schneller, und bald war der vorgelagerte Stein- und Bohlenwall überschwemmt. Fliegende Böen von Windstärke 11 trieben die wilden, weißschäumenden, graugelben Massen vor sich her. Höher und höher leckten die Wellen am Außendeich empor, schwere Brecher kämmten über ihnen." (Bohrdt 1901: 210)

Hartig
Hans Hartig, Der blanke Hans kommt, 1912

Diesen Anblick hat er in der dargestellten Abbildung visualisiert. Glücklicherweise forderte diese Sturmflut keine Menschenleben, jedoch fanden Tiere den Tod und bewirtschaftetes Land wurde zerstört. Bohrdt vergleicht die vom Sturm geschädigte Landschaft mit einem Schlachtfeld (vgl. Bohrdt 1901: 210). Durch die kriegerisch konnotierte Wortwahl erweckt er Assoziationen an einen Kampf.
Er war nicht der einzige Künstler, der die Erlebnisse von Sturmfluten in der Kunst verbildlichte. Hans Hartig hatte 1911 an der Nordsee eine verheerende Sturmflut miterlebt und auf Basis dieser Erfahrungen einen Bilderzyklus angefertigt. Das Werk mit dem Titel "Der blanke Hans kommt" stammt aus dieser Serie und zeigt die Zerstörungskraft der das Land überflutenden Nordsee.

Dazu schrieb der Künstler: " 'Der blanke Hans', so heißt die Nordsee seit alten Zeiten, besonders wenn sie verheerend ins Land bricht. Von dem Friesengehöft aus hoher 'Wurt' sieht man sonst weit über friedliche Marschen, mit weidendem Vieh und einzelnen Höfen, nur am fernen Horizont das Meer als schmalen Silberstreif. Nach Tagen starker westlicher Winde kamen plötzlich der Sturm und die Flut, und in einigen Stunden schlugen die Wellen schon an das Haus. Viel Vieh ertrank, weil es zur Rettung zu spät war. Nur ein paar gerettete Schafe drängen zum Stall. Die Männer suchen Wagen und Geräte zu bergen, einer noch schnell das letzte Süßwasser aus dem Brunnen zu retten, für die Tage dauernder Gefangenschaft auf dem Boden des Hauses. In der Nacht stieg das Wasser bis zum Dach, alles verwüstend." (Rohe 1926: 24)

Angesichts der dargestellten Flutwelle wirken die Menschen im Bild klein und hilflos. Dadurch wird der gefahrvolle Eindruck noch verstärkt. Die Sturmflut, die der Künstler an der Nordseeküste erlebte, hat bleibenden Eindruck auf ihn hinterlassen.

Feddersen
Hans Peter Feddersen, Blanker Hans, 1902

Das Motiv "Sturmflut" wurde in der Kunst in unterschiedlicher Weise immer wieder thematisiert. Häufig wird das anbrandende Wasser in Konfrontation zu dem vom Menschen besiedelten Land und dessen Gebäuden dargestellt. Das Meer als eigenständiges Bildmotiv wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher selten aufgegriffen. Exemplarisch kann das Werk "Blanker Hans" von Hans Peter Feddersen angeführt werden. Die Gewalt des Meeres ist eindrucksvoll dargestellt. Im Kontrast zu den dunklen Himmelsflächen heben sich die grünen und hellblauen Bereiche des aufgewühlten Wassers leuchtend ab. Reste von Holzpfählen ragen aus dem Wasser und verweisen auf die Gewalt der Sturmfluten, die die Nordseeküste immer wieder heimsuchen.

Radziwill
Franz Radziwill, Sturmflut, 1956

Während in diesem Bild der Tod nicht direkt dargestellt ist, ist er im 1956 von Franz Radziwill geschaffenen Werk "Sturmflut" deutlich präsent. Auf der linken Seite des Bildes ist eine Ansammlung dicht gedrängter Häuser hinter einem Deich dargestellt. In der Bildmitte steht ein Sarg symbolträchtig auf dem Deich und aus der heranbrandenden Flut steigt ein Skelett mit schwarzer wehender Fahne den Deich hinauf. Mit der Sturmflut kommt der Tod. Verstärkt wird diese Aussage durch das apokalyptisch anmutende Szenario der Nordsee. Die weißen hohen Brecher wirken angesichts des Deiches und der dargestellten Häuser bedrohlich. Unzählige kleine Segelboote ragen aus den Wellen. Die bildbestimmende Motivik besteht neben einem fantastischen Wesen im Himmel in einem schwarzen lochartigen Wasserstrudel, aus dem Schiffsteile herausragen. Die Schiffe scheinen vom Meer verschlungen zu werden. Die Nordsee wird molochartig dargestellt. Von den Schiffsteilen im schwarzen Loch geht eine rote an einen Blitz erinnernde Zickzacklinie aus, und führt hinauf zu dem riesenhaft anmutenden fantastischen Wesen, das sich im Himmel befindet. Es erinnert sowohl an eine Flügel- als auch Flossengestalt. Dazu gibt es keine klare Horizontlinie, sondern das in bräunlich-grauen Farben gehaltene Meer scheint in den Himmel überzugehen.

Während die Häusergruppe hinter dem Deich in leuchtenden Farben gestaltet ist, ist die Sturmflutszenerie der Nordsee eher in gedämpften Tönen gehalten und verstärkt die von der Motivik ausgehende bedrohliche Wirkung noch. Dieses Bild symbolisiert die von Sturmfluten ausgehende Zerstörung und den Tod. Die fantastische rätselhafte Motivik verstärkt die apokalyptische Darstellung noch.

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Eckhart Grenzer, Friesendom, 2005

Nicht nur auf Bildern wird die Gefahr des Meeres erinnert, sondern auch vor Ort. So soll der in Dangast von Eckhart Grenzer errichtete "Friesendom" ein Gedächtnisort für die Opfer vergangener Sturmfluten sein. Ein sechs Meter hoher Granitblock wurde in vier Teile gespalten. Die Zwischenräume der Skulptur sind begehbar. Im Zentrum ist eine bronzene Glocke angebracht, die bei Orkanwindstärken läuten soll, um die Menschen vor Sturmfluten zu warnen. Auf Steinen am Friesendom sind die in Sturmfluten untergegangenen Orte verzeichnet. Weiterhin stellt er ein Mahnmal in Bezug auf die potenzielle Bedrohung, die vom Meer ausgehen kann, dar. Am Ende des 20. Jahrhunderts schien die Angst vor dem Meer durch die umgesetzten wirkungsvollen Küstenschutzmaßnahmen weitestgehend gebannt. Heute jedoch kehren mit bedrohlichen Prognosen infolge des Klimawandels gewisse Ängste zurück. Durch Wetterextreme und einen steigenden Meeresspiegel könnte sich die vom Menschen angenommene Beherrschung des Meeres als illusionär erweisen.

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Eckhart Grenzer, Tor zum Watt, 2003

Die in Sturmfluten versunkenen Dörfer sind aus dem heutigen Erscheinungsbild verschwunden. Kunst kann jedoch auf nicht sichtbare Orte und Begebenheiten aufmerksam machen. Die ebenfalls von Eckart Grenzer direkt am Wattenmeer geschaffene Skulptur "Das Tor zum Watt" lenkt den Blick des Betrachters durch zwei Granitplatten auf eine Stelle im Watt, an der früher eine Kirche stand, die in einer Sturmflut versunken ist.

Dieses sowie das zuvor benannte Werk, welche direkt an der Nordsee im öffentlichen Raum situiert sind, besitzen Erinnerungs- und Mahnfunktion in Bezug auf große Sturmflutkatastrophen. Ebenso reflektieren die zuvor benannten Bilder – aufgefasst als geistesgeschichtliche Zeugnisse – diese verheerenden historischen Ereignisse und können für uns heute Quellen zum Verständnis sein, wie Menschen mit diesen Katastrophen umgegangen sind und welche Angst sie vor der von ihnen ausgehenden Todesgefahr hatten.

Literatur:
Bieske, Dorothee: Hans Peter Feddersen: ein Maler zwischen Tradition und Moderne, hrsg. vom Museumsberg Flensburg, Heide 1998.
Bohrdt, Hans: Eine Sturmflut auf Neuwerk, in: Über Land und Meer, 1901, S. 207-210.
Fischer, Ludwig/Reise, Karsten (Hg.): Küstenmentalität und Klimawandel. Küstenwandel als kulturelle und soziale Herausforderung, München 2011.
Fischer, Norbert / Müller-Wusterwitz, Susan / Schmidt-Lauber, Brigitta (Hg.): Inszenierungen der Küste. Berlin 2007.
Hagen, Dietrich: Der Deichbruch als Gottesurteil? Zur Deutung einer Naturkatastrophe am Anfang des 18. Jahrhunderts. In: Corinna Endlich (Hrsg.): Kulturlandschaft Marsch. Natur – Geschichte – Gegenwart. Oldenburg 2005, 186-196.
Jakubowski-Tiessen, Manfred: Vom Umgang mit dem Meer. Sturmfluten und Deichbau als mentale Herausforderung, in: Fischer, Ludwig/Reise, Karsten (Hg.): Küstenmentalität und Klimawandel. Küstenwandel als kulturelle und soziale Herausforderung, München 2011, S. 55-64.
Jakobowski-Thiessen, Manfred: Mentalität und Landschaft. Über Ängste, Mythen und die Geister des Kapitalismus, in: Fischer, Ludwig (Hg.): Kulturlandschaft Nordseemarschen, Bredstedt/Bräist 1997, S. 129-143.
Der Tod und das Meer: Seenot und Schiffbruch in Kunst, Geschichte und Kultur. Hrsgg. von Stefanie Knöll, Michael Overdick, Norbert Fischer, Thomas Overdick. Handewitt 2012
Meyer-Friese, Boye: Marinemalerei in Deutschland im 19. Jahrhundert, Oldenburg, Hamburg, München 1981.
Meyn, Julia: "Mit dem Meer wird man geboren" – Vom Leben an der Küste Nordfrieslands (Studien zur Alltagskulturforschung 5). Wien et al. 2007.
Rohe, Maximilian Karl: Unsere Maler, unsere Bilder, in: Luckner, Felix Graf von/Sarnetzki, Dettmar Heinrich/Rohe, Maximilian Karl: Die See. Dreiundfünfzig Gemälde deutscher Maler von der Nord- und Ostsee und ihren Küsten in originalgetreuen Farbendrucken, Köln 1926, S. 22-28.
Rieken, Bernd: "Nordsee ist Mordsee": Sturmfluten und ihre Bedeutung für die Mentalitätsgeschichte der Friesen. Münster et al. 2005
Scholl, Lars Uwe: Hans Bohrdt: Marinemaler des Kaisers, Hamburg 1995.
Soiné, Knut (Hg.): Franz Radziwill. Bilder der Seefahrt, Bremen 1992.

Kontakt: nina-hinrichs@t-online.de

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