OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Seit 140 Jahren: Ehrengrabstätte für Günther Ludwig Stuhlmann auf dem Diebsteich-Friedhof in Hamburg-Altona

 - Mai 2013
Ausgabe: 
Nr. 121, II, 2013

Kennen Sie den evangelisch-lutherischen Diebsteich-Friedhof? Ein Besuch dieses ältesten der sechs wie an einer Perlenkette im Altonaer Norden, in der Bahrenfelder Feldmark, aufgereihten Friedhöfe lohnt allemal, nicht nur wegen seiner schönen Gestaltung als Landschaftspark, sondern auch wegen der vielen alten Grabstätten, die er beherbergt und die Altonaer Stadtgeschichte erzählen.

Eine ganz besondere Grabstätte liegt groß und unübersehbar in prominenter Lage am Rande des sogenannten "Kapellenplatzes", dem großen nur von einigen Linden bestandenen freien Platz auf der Anhöhe des Friedhofes. Am 14. April 1872 wurde hier der Altonaer Kaufmann und Stifter, der Gründer und Direktor der Altonaer Gas- und Wasserwerke Günther Ludwig Stuhlmann beigesetzt.

Stuhlmann
Stuhlmann-Grabstätte. Foto: Friedhofsverwaltung Diebsteich

Günther Ludwig Stuhlmann wurde am 19. Februar 1797 in Ottensen-Neumühlen als vermutlich einziger Sohn des Kammerrathes Casper Hinrich Stuhlmann und seiner Ehefrau Sophia Dorothea, geb. Detenhof, geboren. Die Familie besaß eine Kalkbrennerei am Neumühlener Elbhang. Dort wuchs er gemeinsam mit seiner älteren Schwester Dorothea Henriette auf.

Über seine schulische und berufliche Ausbildung ist nichts bekannt. Bereits als junger Mann reiste er viel und war aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen. Zeitweise lebte er in Hamburg und Wandsbek. Auf seinen Auslandsreisen erwarb er sich große technische Fachkenntnisse auf dem Gebiet der Gas- und Wasserversorgung.

Um 1844 baute er in der dänischen Hauptstadt eine Gasanstalt zur Erleuchtung des Kopenhagener Casinos, die er neun Jahre lang leitete. Er genoss in dieser Zeit das Vertrauen des dänischen Königs, der ihn als Kaufmann und Ehrenmann schätzte. Die Ideale der Freimaurer – Toleranz gegenüber Andersdenkenden, brüderliche Verbundenheit und Barmherzigkeit für Schwache – beeindruckten Günther Ludwig Stuhlmann so sehr, dass er bereits um 1840 Mitglied der Hamburger Freimaurerloge "Zu den drei Rosen", später der Altonaer christlichen Loge "Carl zum Felsen" wurde. Nach einem unglücklichen Vermittlungsversuch im Auftrag des dänischen Königs bei einem Logenstreit trat er zwar 1851 wieder aus, den freimaurerischen Ideen blieb er jedoch zeitlebens verbunden.

1854 gründete er in Altona gemeinsam mit J. S. Lowe die "Altonaer Gas- und Wassergesellschaft AG", die die Stadt erstmals mit Gas und gereinigtem Elbwasser versorgte. Vorher war er noch einmal nach England, Frankreich und Belgien gereist, um sich dort mit dem neuesten Stand der Technologie zur Gasversorgung und Trinkwasseraufbereitung vertraut zu machen.1 1892 blieben die Altonaer dank des in ihrem Wasserwerk durch Sandfilter vorgereinigten Trinkwassers von der in Hamburg wütenden Cholera-Epidemie weitgehend verschont.2

Die letzten Jahre vor seinem Tod lebte Günther Ludwig Stuhlmann nicht mehr in seiner Heimatregion. Aus gesundheitlichen Gründen sah er sich 1869 "genöthigt, ungesäumt auf längere Zeit zu verreisen"3 und verließ die Stadt Richtung Mittelmeer, um dort in wärmeren Gefilden den Lebensabend zu verbringen. Vorher hatte er noch, unverheiratet und kinderlos, den größten Teil seines Vermögens zweckgebunden der Stadt Altona vermacht, u.a. für die Erneuerung des Kirchturms der Ottenser Christianskirche. Nur drei Jahre später, am 30. März 1872, starb er im Alter von 75 Jahren in Nizza.

Am 14. April 1872 wurde der Leichnam per Bahn nach Altona überführt. Noch am selben Tag fand in einem "angemessen geschmückten" Wagenschuppen des alten Altona-Kieler-Bahnhofes die Trauerfeier statt. Propst Lilie sprach, städtische und kirchliche Honoratioren begleiteten anschließend den Sarg auf dem langen Weg vom Bahnhof zur für die Beisetzung vorbereiteten Grabstelle auf dem Diebsteich-Friedhof. Dort wurde der Leichnam nach einem weiteren Gebet beigesetzt.4

Es war ein etwas trauriger Leichenzug, denn auf dem erst vier Jahre vorher eröffneten Friedhof gab es noch keinen Ort, an dem der Verstorbene hätte aufgebahrt werden können. Eine Kapelle – die heutige Kapelle am Friedhofseingang – wird erst in den 1920er Jahren gebaut werden, nachdem ein endlich projektierter Kapellenbau von 1912/13 vermutlich aufgrund des Ersten Weltkrieges verschoben werden musste. Bis es soweit sein wird, konnte man sich ab Ende des 19. Jahrhunderts dann immerhin schon mit der Kapelle auf der nahe gelegenen, 1880 fertiggestellten Friedhofserweiterungsfläche, dem sogenannten Friedhof Am Bornkamp, behelfen.5

Die Ehrengrabstätte, auf der Günther Ludwig Stuhlmann seine letzte Ruhe fand, wurde von der Stadt Altona, wie vom Erblasser vorgesehen, würdig und großzügig gestaltet. 5.000 Mark Courants hatte Günther Ludwig Stuhlmann in seinem Testament hierfür zweckbestimmt.6

Umgeben wurde die große Grabanlage mit dem heute noch erhaltenen, schmiedeeisernen Ziergitter, dass vor einigen Jahren denkmalgerecht restauriert worden ist. In der Mitte des Grabes erhob sich, aus Sandsteintrümmern herausragend, ein großer, glatt gearbeiteter Sandstein mit der Inschrift: "Günther Ludwig Stuhlmann. Von der Liebe zur Heimat zeugen bleibend seine Vermächtnisse". Ein sitzender Todesengel bekrönte den Sockel – in der linken Hand eine Trompete, den Arm auf eine abgebrochene Säule gestützt. Die rechte Hand ruhte auf der Brust der Grabplastik.7 Das alte Grabmal ist nicht erhalten und wir wissen heute leider auch nicht mehr, aus welchem Material die beschriebene Grabfigur hergestellt wurde. 1956 wurde das Grab mit einem neuen, schlichten Gedenkstein geschmückt und die Marmorplatte mit der alten Inschrift erneuert.8 1882 erfährt der Verstorbene weitere Ehrungen. Die Stadt Altona benennt einen Platz und eine Straße in der Altonaer Altstadt nach ihm.

Aber vor allem dank einer seiner Stiftungen ist Günther Ludwig Stuhlmann bis heute in Altona unvergessen. Jeder kennt den monumentalen Brunnen mit den mächtigen, wasserspeienden Zentauren, die um einen Fisch kämpfen, dieses Wahrzeichen der ehemals selbstständigen Stadt, das den jahrhundertelangen Streit um die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung zwischen Hamburg und Altona symbolisiert. Stuhlmannbrunnen wurde er zu Ehren seines Stifters genannt und steht heute auf dem Platz der Republik.

Brunnen
Stuhlmannbrunnen am alten Standort zwischen Altonaer Bahnhof und Platz der Republik. Postkarte um 1900. Stadtteilarchiv Ottensen

Aufgrund der geschilderten Lebensleistung Stuhlmanns, seiner Bedeutung für die Geschichte und Geschicke der Stadt Altona wird verständlich, warum die Ehrengrabanlage, obwohl das ursprünglich weithin sichtbare Grabmonument verloren ist, unter Denkmalschutz steht.

Anmerkungen:

1 Offen-Klöckner, Kathrin: Günther Ludwig Stuhlmann – ein Altonaer Bürger stiftet einen Brunnen und errichtet sich damit ein wasserspeiendes Denkmal, in: Stadtteilarchiv Ottensen / Denkmalpflege Hamburg (Hg.): Der Stuhlmannbrunnen. Sinnbild und Wahrzeichen im Herzen Altonas, Hamburg 2000, S. 25-33
2 Evans, Richard J.: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 373 ff
3 StAHH, Urkunden und Rechtssatzungen der Stadt Altona, Sign. IV 936: Stuhlmannsches Testament (Abschrift)
4 Zeitungsartikel, Altonaer Nachrichten, 14. April 1872 u. 16. April 1872
5 Aktenbestand Archiv der Friedhofsabteilung des Kirchengemeindeverband Altona
6 siehe oben, Anm. 3
7 Sammlung Stadtteilarchiv Ottensen: handschriftl. Vermerk (Kopie)/Original: ZA-Sammlung, StAHH, Dienststelle Altona
8 Aktenbestand Archiv der Friedhofsabteilung des Kirchengemeindeverband Altona u. Archiv Denkmalschutzamt, Aktenzeichen 39-215303.

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