OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Gräber der Familie Munch

 - Februar 2013
Ausgabe: 
Nr. 120, I, 2013

Auf dem alten Friedhof des Osloer Stadteils Nordstrand steht ein schlichter Granitstein, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Darunter liegen, so verrät die Inschrift, die Tante und die Schwestern des Malers Edvard Munch. Die drei, so lesen wir weiter, haben als erste sein Genie erkannt und alles geopfert, damit er dieses Genie entwickeln und zu Ruhm gelangen konnte. Das klingt schön und edel, und vor lauter Bewunderung hat der Steinmetz offenbar vergessen (bzw. es waren die Auftraggeber, die diese Information wohl nicht für wichtig hielten), uns auch die Namen der Damen mitzuteilen. Das allein macht den Grabstein schon zur Sehenswürdigkeit, denn so leicht finden wir keinen zweiten, in dem nicht die Namen der drei darunter liegenden Personen genannt werden, wohl aber der einer vierten, ganz woanders bestatteten.

Wir haben es hier zwar mit dem Familiengrab der Familie Munch zu tun, aber der Bruder und Neffe ist anderweitig bestattet, in einem Ehrengrab auf Oslos Vorzeigefriedhof Vår Frelsers Gravlund. Das Grab auf dem Friedhof von Nordstrand ist übrigens das zweite Familiengrab der Sippe, das erste befindet sich in der alten Osloer Innenstadt, auf dem aufgelassenen Friedhof Christ Kirkegård. Dieser Friedhof ist schwer zu finden, versteckt zwischen der alten Zentralbücherei und neuen Büroblocks, geöffnet ist er fast nie. Hier liegen die Eltern Laura Munch geb. Bjølstad (1838–1868), Christian Munch (1817–1889), Sofie Munch (1862–1867, von ihrem Bruder als "Krankes Mädchen" verewigt), davon kündet eine schlichte rechteckige Granittafel. Zwei Reihen weiter liegt Edvard Munchs Bruder Peter Andreas (1865–1895), ihm haben seine Freunde eine prachtvolle Gedenksäule errichtet, die Familie wollte offenbar auch nach seinem Tod nichts mit ihm zu tun haben.

Auf dem Christ Kirkegård liegen, gleich bei der übrigen Verwandtschaft, auch der Dichter Andreas Munch (1811–1884), vor Edvard der große Sohn der Familie und der erste norwegische Dichter, dem eine staatliche Ehrengage zugesprochen wurde. Er war ein Vetter von Edvards Vater. Dessen Bruder, der Historiker Peter Andreas Munch (1810–1863), gilt als Vater der norwegischen Geschichtsschreibung. Beide Herren haben reich verzierte prachtvolle Gedenksteine, wie es ihrem Rang entspricht.

Aber zurück zu den Damen, deren Namen wenigstens hier genannt werden sollen: Karen Bjølstad (1839–1931), Inger Marie Munch (1868–1952) und Laura Katrine Munch (1868–1926). Es wirkt ein bisschen traurig, ein Familiengrab, in dem nur drei Personen liegen, es scheint zugleich zur aufopfernden Haltung der drei Frauen zu passen, aber hätte Edvard nicht darauf bestehen müssen, bei seinen Lieben bestattet zu werden, nach allem, was die für ihn geopfert haben? Schon keimt der Verdacht … wie war das denn überhaupt mit dem Opfer? In der Munch-Familie und in der Munch-Literatur wird schon lange dieser Opferkult gepflegt. Edvard, ausersehen, den alten Ruhm der Familie wiederherzustellen, was ihm ja auch gelang, und Tante und Schwestern erscheinen als unverbrüchliche Einheit.

Der Ruhm der Familie war aber eigentlich gar nicht so groß, die Munchs stammten aus der alten dänisch-norwegischen Beamtenschicht, die nach der Union Norwegens mit Schweden, ab 1814, an Bedeutung verlor und verarmten. Der Vater war Armenarzt, er hatte nach Anschauung der damaligen Zeit unter seinem Stand geheiratet, denn Laura Bjølstad war eine Handwerkerstocher aus dem ländlichen Løten, hatte im Haushalt gearbeitet und kam noch dazu aus der pietistischen Sekte der Haugianer. Gesund war sie auch nicht, sie starb, als ihr Sohn Edvard gerade erst fünf Jahre alt war. Karen, die unverheiratete Schwester der Mutter, vertrat die Mutterstelle bei den fünf kleinen Munchs. Den Heiratsantrag des Vaters wies sie zurück. Sie wollte keine Kinder in die Welt setzen, um die Krankheiten, die in beiden Familien herrschten, nicht weiterzutragen. Das waren vor allem die damals unheilbare Schwindsucht, und – vermutet die Munch-Forscherin Bodil Stenseth – die damals ebenso unheilbare Syphilis, über die allerdings nicht offen gesprochen wurde.

Auf das Ziel, die Familienkrankheit nicht weiterzugeben, schwor die Tante die Nichten und Neffen ein – was damals ein enthaltsames Leben bedeutete. Der Bruder Peter Andreas (1865–1895, so genannt nach dem vorerst einzigen großen Sohn der Familie) scherte aus dem Familienverband aus, schwängerte zuerst das Dienstmädchen der Familie und heiratete dann zum großen Entsetzen der Tante, starb aber kurz vor der Geburt seiner einzigen Tochter Andrea an Schwindsucht. Die Tante, so, wie sie in ihren hinterlassenen Briefen erscheint, wird schadenfroh genickt haben. Immerhin, Nachkommen dieser Tochter leben noch heute, über eventuelle Nachkommen des Dienstmädchens ist nichts bekannt.

Edvard hat nicht enthaltsam gelebt, das wissen wir aus seinen Briefen und Notizen, verheiratet hat er sich nicht, einmal war er verlobt. Als er die Verlobung lösen wollte (nach eigener Aussage wegen der Familienkrankheiten), schoss sie auf ihn. Als Mann von Welt behauptete er jedoch, der Schütze gewesen zu sein, erhaltene Röntgenbilder zeigen die Deformation des Knochens im getroffenen Finger der linken Hand.

Tante und Schwestern lebten nicht so lustig, die Schwestern durften keine Ausbildung machen, zumindest Laura wäre gern Lehrerin geworden, aber dafür war kein Geld da, alles musste ja für den begabten Edvard ausgegeben werden. Alle drei verdienten ihr Geld durch Herstellung von Reiseandenken. Norwegen erlebte damals den ersten Touristikboom (sicher auch gefördert durch das Vorbild von Kaiser Wilhelms alljährlichen Nordlandreisen). Laura war offenbar nicht zum edlen Verzicht geboren, sie wurde depressiv und landete im Irrenhaus; einem Irrenhaus von damals, mit riesigen Sälen und kaum anderer Behandlung als eiskalten Bädern. Bruder Edvard übrigens kannte diese Schübe von Schwermut, aber wenn er einen herannahen spürte, begab er sich in ein teures Privatsanatorium, wurde erstklassig verpflegt und von den leitenden Fachleuten seiner Zeit betreut. Schwester Laura muss eine unglaubliche starke Persönlichkeit gewesen sein, sie hielt acht Jahre durch, dann war Edvard zu Geld gekommen, holte sie aus dem Irrenhaus und nun führte sie ihm den Haushalt. Der anderen Schwester und der Tante machte er bittere Vorwürfe, weil sie Laura ins Irrenhaus gesteckt hatten. Der Einwand, alles Geld sei doch für seine Aufenthalte im Sanatorium benötigt worden, für die Schwester sei einfach kein Geld da gewesen, konnte ihn nicht besänftigen. Der innige Zusammenhalt war nachhaltig geschwächt, man korrespondierte nur noch selten, persönliche Treffen fanden nicht statt.

Dann starb Laura und es kam zu einer Aussöhnung. Die Tante starb 1931 und Edvard schrieb schöne Worte über diese gütige Frau, die ihm eine zweite Mutter gewesen war und alles für ihn geopfert hatte. Die verbliebene Schwester Inger wäre gern zu ihm gezogen, um nun ihm dem Haushalt zu führen, nachdem sie jahrelang die bettlägerige Tante gepflegt hatte (während der so dankbare Edvard sich nicht blicken ließ), aber so weit wollte er es mit der Versöhnung doch nicht kommen lassen. Er wohnte auf seinem Gut Ekely in Hvisteen bei Oslo, sie im Osloer Stadtteil Nordstrand, also nicht einmal weit entfernt.

Im Jahre 1944 starb Edvard dann auf Ekely. Seine Schwester Inger überlebte ihn noch um acht Jahre. Edvard bekam ein Ehrengrab, auf dem sein Gesicht in Bronze gegossen zu sehen ist. Schwestern und Tante blieben in dem eher unscheinbaren Grab in Nordstrand. Den zu seinen Lebzeiten hochgeachteten Onkel Andreas mit ins Ehrengrab zu packen, fanden die Osloer Honoratioren nicht nötig. Die Familie Munch hat daher drei Familiengräber, und in allen wäre noch viel Platz gewesen.

Die norwegische Historikerin Bodil Stenseth hat ein Buch über Munch und die Beziehung zwischen Edvard und seinen Geschwistern geschrieben, basierend auf der seltsamen Grabinschrift für Tante und Schwestern – "Pakten" ("Der Pakt"; eine deutsche Fassung ist in Vorbereitung). Die Nachkommen des verfemten Bruders Andreas, die derzeit noch die Rechte auf Edvard Munchs Werk verwalten, zeigen sich seltsamerweise pikiert.

Kontakt zur Autorin: haefs@cucuphatus.de

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