OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Grabstätten finnischer Jäger auf dem Ohlsdorfer Friedhof

 - November 2012
Ausgabe: 
Nr. 119, IV, 2012

Über mein Heimatland Finnland wird häufig in deutschen Medien im Zusammenhang mit der unberührten Natur, dem guten Abschneiden in den PISA-Studien oder den Kultfilmen von Aki Kaurismäki berichtet. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass während des Ersten Weltkrieges bis zu 2000 meist junge finnische Männer nach Deutschland kamen. Sie erhielten im Lockstedter Lager, dem heutigen Hohenlockstedt nahe Itzehoe, die vom deutschen Kaiserreich erbetene militärische Ausbildung.

Von 1809 bis 1917 war Finnland als Großfürstentum mit einer weitgehenden politischen Autonomie Teil des Russischen Reiches. Die Finnen sahen sich ab 1898 strengen Repressalien der Russen ausgesetzt und wollten sich von diesem Druck befreien. Deshalb suchte man Hilfe im Ausland und fand sie in Deutschland. Im Februar 1915 kamen die ersten finnischen Freiwilligen nach geheimer Anwerbung über teilweise abenteuerliche Schleichwege im Lockstedter Lager an. Die Finnen wurden nicht als Soldaten, sondern als zivile Gäste des deutschen Kaiserreichs behandelt. Sie trugen anfangs die Kluft der deutschen Pfadfinder, denn sie wurden unter größter Geheimhaltung als Pfadfinderkurs getarnt. Leiter des Kurses war Major Maximilian Bayer, eines der Gründungsmitglieder der deutschen Pfadfinderbewegung. Durch seine Arbeit baute er den Kern der späteren finnischen Armee auf.

Der Pfadfinderkurs erhielt Ende August 1915 die Bezeichnung "Ausbildungstruppe Lockstedt". Dabei änderte sich die rechtliche Stellung der Freiwilligen: Sie wurden Soldaten der deutschen Armee. Die Ausbildungstruppe wurde so zusammengesetzt, dass Führungs- und Stammpersonal für möglichst viele Waffengattungen einer zukünftigen Finnischen Armee geschult werden konnten. Im Mai 1916 wurde mit den finnischen Freiwilligen das "Königlich Preußische Jägerbataillon Nr. 27" aufgestellt. Bataillonskommandeur war Major Bayer, und die Stärke des Bataillons wuchs bis Anfang 1918 auf ca. 2000 Mann.

Um den Finnen auch Fronterfahrung zu ermöglichen, wurde das Bataillon Ende Mai 1916 in drei Eisenbahnzügen an die deutsche Ostfront verlegt – eine Ergänzungstruppe blieb allerdings im Lockstedter Lager. An der Rigaer Bucht sammelten sie bis März 1917 Kriegserfahrung, erlitten aber auch Verluste. Danach wurden sie aus der Front abgezogen und zur weiteren Ausbildung nach Libau in Lettland verlegt.

Der Großteil der Jäger kehrte am 25. Februar 1918, auf den Tag genau drei Jahre nach der Ankunft der ersten Freiwilligen im Lockstedter Lager, nach Finnland zurück und kämpfte danach im Bürgerkrieg auf der Seite der "Weißen". Die Jäger trugen dazu bei, dass die im Dezember 1917 erklärte finnische Unabhängigkeit bewahrt werden konnte. Lange wurde der Krieg "Freiheitskrieg" genannt, heutzutage spricht man – politisch korrekt – von einem Bürgerkrieg.

Neben dem Jägerbataillon 27 und seiner Ergänzung gehörte noch eine dritte finnische Einheit zur deutschen Armee. Dies war das Arbeitskommando des Artilleriedepots Altona-Bahrenfeld. Ab Dezember 1916 wurden dorthin 216 Jäger strafversetzt, die gegen die soldatische Disziplin verstoßen hatten. Sie wurden als Zwangsarbeiter behandelt. Ein Großteil von ihnen wurde im August 1917 entlassen.

Was hat dies alles mit dem Ohlsdorfer Friedhof zu tun? Dass Landsleute von mir dort bestattet sind, erfuhr ich zum ersten Mal aus dem Buch von Helmut Schoenfeld "Der Friedhof Ohlsdorf". Das erweckte zwar meine Aufmerksamkeit als Finnin, führte aber erst vor ein paar Jahren zur Suche nach den Gräbern. Da ich jetzt schon seit zehn Jahren Führungen über den Ohlsdorfer Friedhof mache, begann mich diese Thematik besonders zu interessieren. Dabei erfuhr ich auch von der Existenz eines Museums in Hohenlockstedt. Hier wird vom "Verein für Kultur und Geschichte von Hohenlockstedt" das "Museum am Wasserturm" ehrenamtlich betreut (www.museum-hohenlockstedt.de). Das Museum zeigt u.a. auch eine ständige Ausstellung der Geschichte der finnischen Jäger. Dieses Museum wird häufig von finnischen Reisegruppen besucht, denen ich als Gästeführerin die damaligen Ereignisse erläuterte.

Glücklicherweise werden Soldatengräber nicht geräumt. So ist es auch heutzutage noch möglich, fast hundert Jahre alte Gräber zu finden. Ohne die Unterstützung von vielen hilfsbereiten Deutschen und Finnen hätte ich nicht gewusst, wie man bei einer Gräbersuche vorgehen soll. Als Erstes wandte ich mich an Herrn Schoenfeld vom Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V., dem ich sehr zu Dank verpflichtet bin. Er hatte schon 1998 auf Bitte der finnischen Seite eine Liste nach Finnland geschickt, auf der acht auf Ohlsdorf bestattete Finnen genannt wurden. Bei einigen von ihnen war sogar die Grablage bekannt. Danach konnte ich mit dem Finnen Kyösti Tammisto Kontakt aufnehmen. Er hatte mit seiner Frau, selbst Tochter eines Jägers, Ende der 90er-Jahre alle deutschen Friedhöfe, in denen finnische Jäger vermutet wurden, kontaktiert und auch teilweise besucht. Seine wertvolle Excel-Datei stellte er mir dankenswerterweise zur Verfügung. Seinem Wunsch, bei einer Veröffentlichung die Datei in Andenken an seine verstorbene Frau zu verwenden, komme ich hiermit gern nach.

Tammistos Liste enthielt fünf Namen von finnischen Jägern, die auf Ohlsdorf bestattet und mit Grablage versehen sind. Beim Vergleich der Listen von Schoenfeld und Tammisto stellte ich fest, dass neun Jäger auf Ohlsdorf bestattet sein sollten. Gefunden hatte ich bis dahin nur die fünf Gräber, die auf Tammistos Liste aufgeführt waren.

Otto Luoti
Otto Luoti. Foto: Stadtbücherei Lappeenranta
Grabstein Luoti
Der Grabstein von Otto Luoti in Ohlsdorf. Foto: Antti Ahtola

Im Mai 2011 hatte ich Gelegenheit, mich mit Herrn Tammisto auf seiner Durchreise in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof zu treffen. Herr Schoenfeld hatte uns auf das Friedhofsarchiv aufmerksam gemacht. Dort stellte uns Frau Schröder verschiedene Ordner zur Verfügung. Im Ordner "Internationale Gräber 1914-1918" fanden wir den Namen Otto Luoti unter den russischen Opfern. Anschließend suchten wir das russische Gräberfeld auf und fanden tatsächlich den „verlorenen Sohn“ in Z 34. Sein Grabstein gibt als Todesjahr 1917 an, als Finnland noch zu Russland gehörte. Nach der finnischen Liste starb er aber an demselben Tag ein Jahr später, als Finnland schon unabhängig war. Von ihm ist bekannt, dass er von Beruf Arbeiter war.

Ernst Back
Ernst Back. Foto: Stadtbücherei Lappeenranta
Grabmal Back
Grabstein von Ernst Back. Foto: Aila Radden

Die anderen bis jetzt bekannten finnischen Jäger wurden unter den deutschen Soldatengräbern bestattet. So auch Edvard Back in Y 34, von dem man weiß, dass er die Volksschule besucht hat und Arbeiter in seinem Heimatort war. Auf seinem Grabstein ist als Vorname Ernst angegeben. Die finnischen Namen enthalten häufig Schreibfehler, und es wurde nicht immer erwähnt, dass sie im Jägerbataillon 27 gedient hatten. Es war auch üblich, einen Tarnnamen in Deutschland anzunehmen, bei dem man z.B. den ersten Buchstaben des Familiennamens änderte. So hieß der auf Ohlsdorf bestattete Jäger Kalske in Deutschland Halske. Im Allgemeinen sind jedoch die Lebensdaten richtig, mit Ausnahme der Angaben von Otto Luoti.

Beide Männer waren im Bahrenfelder Straflager und starben an einer Krankheit in Hamburger Krankenhäusern. Die gescannten Fotos von Otto Luoti und Edvard Back stammen aus der finnischen Jägermatrikel. Sie wurden mir von der Stadtbücherei meiner Heimatstadt Lappeenranta freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Herr Schulze vom Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof und Herr Luckner vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge waren mir dankenswerterweise auch bei der Suche der Gräber behilflich. Trotz der umfangreichen Recherchen von Herrn Luckner, die fehlenden drei Gräber noch zu finden, war die Suche leider nicht erfolgreich.

Die Gräber der finnischen Jäger sind nicht nur als Grabstätten einzelner Personen zu betrachten, sondern sind Teil eines bedeutsamen Abschnitts der finnischen Geschichte. Interessierten Besuchergruppen habe ich bereits die Gräber gezeigt.

Der hundertste Jahrestag der Ankunft der ersten finnischen Freiwilligen im Lockstedter Lager nähert sich im Februar 2015. Bis dahin beabsichtigt der Traditionsverein des Jägerbataillons 27 e.V., alle in Deutschland vorhandenen Gräber mit einer Jägermarke, die das Emblem des Jägerbataillons 27 darstellt, zu versehen. Es wäre wünschenswert, dass bis dahin auch die drei noch fehlenden Grabstätten gefunden werden.

Quellen:
Das Lebenswerk der Jäger FÜR DIE SELBSTÄNDIGKEIT. Hrsg. Traditionsverein Jägerbataillon 27 e.V. o.J.
Suomen jääkärien elämänkerrasto. (Biographiensammlung der Jäger Finnlands).
Hrsg. Jääkäriliitto (Jägerverband).1975.

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