OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Restaurierung auf dem Friedhof in Nebel auf Amrum

 - Mai 2012
Ausgabe: 
Nr. 117, II, 2012

Die historischen Grabsteine des Friedhofs in Nebel auf Amrum sind einmalige Zeugnisse der dortigen Steinmetzkunst. Sie sind nicht nur aus bildhauerischer Sicht von herausragender Qualität, auch die Darstellungen und Texte unterscheiden sich von den meist üblichen Auflistungen von Namen und Daten.

gereinigte Grabsteine
Gereinigte Grabsteine in der Zwischenlagerung. Foto: M. Krohn

Im September/Oktober 2011 wurden 53 historische Grabsteine im Rahmen der ersten von drei großen Restaurierungskampagnen gereinigt und konservatorisch behandelt. Die durchgeführten Maßnahmen sollen Gegenstand des vorliegenden Berichts sein.

Kurzbeschreibung der Objekte

Alle historischen Grabsteine auf dem alten Friedhof von Nebel waren im Rahmen eines umfassenden Gutachtens von R. Hooss im Vorjahr katalogisiert worden. Das Gutachten umfasste Vermessung, Fotografien und Beschreibung der Grabsteine. Es ist im Internet auf der Seite www.amrum-kirche.de einzusehen und herunterzuladen.

2 Inschriften
Stein mit zwei Inschriften, vor der Freilegung war dies nicht zu sehen. Foto: M. Krohn

Die zu bearbeitenden Steine sind sehr unterschiedlich. Es handelt sich um verschiedene Kalk- und Sandsteine, wobei häufig der Obernkirchener Sandstein insbesondere bei großen Stelen verwendet wurde. Die meisten Grabsteine sind Stelen, die auf der Vorderseite, vereinzelt auch auf beiden Seiten bearbeitet sind und oben in der Mitte eine eingemeißelte Darstellung zeigen. Partiell sind auch die schlanken Seitenflächen der Steine bildhauerisch etwa in Form von Ranken gestaltet. Bei zwei Steinen konnte nach Bergung aus dem Erdreich festgestellt werden, dass ein Stein zweitverwendet wurde: Diese Steine zeigten im unteren, vom Erdreich bedeckten Drittel eine ältere Inschrift.

Die Schrift auf den Steinen ist meist eingemeißelt, vereinzelt aber auch vorstehend. Die Schrifttypen sind unterschiedlich. Die Darstellungen reichen von Schiffen über florale oder geometrische Motive bis hin zu Kreuzigungsszenen und Familiendarstellungen. Der Steinmetz Jan Peters hat zahlreiche Steine namentlich bezeichnet, wobei Recherchen ergeben haben, dass dieser Steinmetz wohl über 150 Jahre gelebt haben muss, um all die von ihm signierten Steine hergestellt zu haben.

Bemerkenswert sind weiterhin die Inschriften. Typisch für die nordfriesischen Inseln ist die Beschreibung des gesamten Lebensweges: So sind Geburtsdaten, Ehepartner, Anzahl und Geschlecht der Kinder sowie Aussagen über den Charakter der Person und der Ehe zu lesen. Diese in Prosaform geschriebenen Lebensläufe sind zum Teil höchst unterhaltsam. Zugleich sind sie einmalige Beschreibungen des nicht immer einfachen Lebens auf der Insel. Auch wenn die Ehen oft „vergnüglich” waren, so starben doch zahlreiche Frauen im Kindbett und viele Kinder erreichten nur ein geringes Alter.

Zustand der Objekte zu Beginn der Maßnahmen

Die für die erste Restaurierungskampagne ausgewählten Steine stammen aus der Nordwestecke des Friedhofs. Sie befanden sich zu Beginn der Maßnahmen in unterschiedlichem Zustand: Einzelne standen frei und waren abgesehen von vereinzelten Flechten und oberflächlichen leichten Verschmutzungen in gutem Zustand. Der Großteil der Grabstelen stand bzw. lag entlang dem Friedhofswall. Hier waren die Steine rückseitig mit Erdreich bedeckt und teilweise durch Efeu und andere Ranken überwachsen. Zahlreiche Steine zeigten einen deutlichen Flechtenbefall, der sich schwarz, grün bis zu hellweiß in Form von kaugummiartigen Placken auf der Oberfläche zeigte. Die Stelen am Wall waren durchweg stark vergrünt und verschmutzt, teilweise war die Oberflächenbearbeitung nicht mehr erkennbar. Wie sich der Zustand der Steinsubstanz im Erdreich darstellen würde, war unklar.

3 Zustände
Vorzustand, Zwischenzustand und Endzustand nach der Reinigung. Foto: M. Krohn

Während der Maßnahmen zeigte sich, dass zahlreiche Steine tief ins Erdreich abgesackt waren bzw. möglicherweise auch eingegraben worden waren, um die unterschiedlichen Größen anzupassen. So waren die Steine nach der Bergung um bis zu ein Drittel größer als ursprünglich sichtbar.

Als weitere Schadensphänomene wurden Fehlstellen und Risse, Auswitterungen, alte Eisenteile und gesteinsspezifische intensive Verfärbungen ermittelt. Sie wurden im Rahmen des maßnahmenbeschreibenden Gutachtens in Tabellenform zusammengetragen und sind bei der Kirchengemeinde einzusehen.

Bearbeitungskonzept

Die zu bearbeitenden Grabsteine waren im Rahmen des Gutachtens von R. Hooss ausgewählt worden. So sollten die Grabsteine aus der derzeitigen Lagersituation bzw. dem derzeitigen Standort geborgen, an das hintere Ende des Friedhofs transportiert und dort gereinigt werden. Einzelne dieser Steine waren darüber hinaus restauratorisch zu behandeln.

Im Rahmen eines Projektes hatten sich im Vorfeld zu den angestrebten Restaurierungskampagnen Naturwissenschaftler und Restauratoren zusammengefunden, um mögliche Behandlungsmethoden der Flechtenbesiedlung zu ermitteln. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen lagen zu Beginn der Restaurierungsmaßnahmen noch nicht umfassend vor. Voruntersuchungen hatten aber ergeben, dass eine Vorbehandlung der Flechten mit einem Biozid die Reinigung erheblich erleichterte. So sah das Konzept vor, die Steine zu bergen und im bzw. vor dem Zelt auf dem hinteren Teil des Friedhofs zunächst mit Alkohol vorzunässen und dann mit einem Biozid zu behandeln. Anschließend sollten die Reste des Biozids im Zuge der Heißdampfreinigung mit abgewaschen werden.

Alle Steine sollten begutachtet und restauratorisch bewertet werden. Ausgewählte Steine sollten von ihrem Betonsockel befreit werden und einen neuen Sockel erhalten. Weiter galt es, desolate und verrostete Eisenteile aus den Steinen zu entfernen und ggf. zu erneuern. Die damit verbundenen Fehlstellen sollten soweit notwendig verschlossen werden. Zerbrochene Steine sollten verdübelt und verklebt werden. Weitere restauratorische Arbeiten waren nach Bedarf durchzuführen.

Durch die Tatsache, dass ein Großteil der Steine vor den Maßnahmen zu einem entscheidenden Teil mit Erdreich bedeckt war, war der Aufwand an durchzuführenden Arbeiten im Vorfeld nur grob schätzbar. Die Größe der Steine war unklar, ebenso das damit verbundene Gewicht und damit auch die Vorgehensweise beim Transport (Portalkran, Muskelkraft?). Weiterhin war unbekannt, wie sich der Zustand der Steinsubstanz im Erdreich darstellte, ob es dort zu Schäden, Substanzverlusten oder Entfestigungen gekommen war oder ob sich das Gesteinsmaterial besonders gut erhalten hatte. Fraglich war weiterhin, inwieweit dort Eisenteile korrodiert waren oder die Steine weitere Oberflächenbearbeitungen zeigten.

Maßnahmenbeschreibung

Die Steine entlang dem westlichen Friedhofswall wurden ebenso wie die einzeln stehenden Stelen des Ehrenmalbereichs zunächst mit Schaufeln ausgegraben. Dabei wurde darauf geachtet, die Steinoberflächen nicht zu berühren. Die Oberflächen wurden anschließend mit Bürsten und Besen so weit wie möglich von Erdreich befreit. Anschließend wurden die Steine einzeln gekippt und mithilfe von kleinen Unterlegsteinen auf Bodenniveau angehoben. Der Transport zum hinteren Teil des Friedhofs erfolgte auf einer speziellen Sackkarre durch zwei Restauratoren.

Vorzustand
Vorzustand entlang dem Friedhofswall. Foto: M. Krohn

Die Steine wurden auf Holzleisten gestellt und zunächst an das Regalsystem gelehnt. Dort wurden Vorzustandsfotos erstellt und eine erste Bestandsaufnahme durchgeführt. Die Steine wurden auf der Unterseite mit der neuen Kenn-Nummer gekennzeichnet. Diese ist nicht sichtbar, aber jederzeit während der Transporte abrufbar.

Die Sockelbereiche der Steine wurden jeweils einer Musterreinigung auf der Unterseite mit Wasserdruck (bis 50 bar) unterzogen. Es zeigte sich, dass einer solchen Wasserreinigung nichts entgegenstand: Die verwendeten Natursteine sind durchweg von hoher Qualität, sehr fest und zeigen kaum weiche Partien, wenn überhaupt im oberen Bereich. Insbesondere im Erdreich hatte sich die Steinsubstanz besonders gut erhalten und war in hervorragendem Zustand. Das anaerobe Milieu hatte zusätzlich dafür gesorgt, dass es hier zu keiner oder nur sehr eingeschränkter Besiedlung mit Mikroorganismen gekommen war.

Also wurden alle Steine soweit möglich und vertretbar mit geringem Wasserdruck von aufliegendem Staub, Schmutz, Flechtenresten und Erde befreit. Diese Feuchtreinigung wurde an jedem einzelnen Stein zunächst per Probefläche geprüft und dann in den Sockelbereichen und soweit möglich auch im bearbeiteten Reliefbereich angewendet.

Nach Kennzeichnung und Bestandsaufnahme erfolgte die Biozidbehandlung. Sie wurde gemäß Empfehlungen des o.g. Projektes vorgenommen: Alle Steine wurden zunächst mit Isopropanol vorgenässt. Der Auftrag erfolgte gleichmäßig mit der Gloria Sprühflasche. Unmittelbar danach wurde das Fungizid "Keim Algizid Plus" ebenfalls per Sprühflasche appliziert. Die Steine wurden umgehend mit Folie bedeckt, das Fungizid wirkte mindestens 24 Stunden. Die Fungizidbehandlung erfolgte ebenfalls am hinteren Ende des Friedhofs unmittelbar vor dem Wall, so dass eine Belastung des Geländes mit Fungizidresten soweit wie möglich ausgeschlossen werden kann.

Am Folgetag wurde dann die Reinigung der Steinoberfläche mit Heißdampf durchgeführt. Damit wurden die aufliegenden Flechten sowie Reste des Biozids entfernt. Schon die Druckreinigung hatte sehr gute Ergebnisse gezeigt: Die Steinsubstanz war unter den aufliegenden Schmutzkrusten in hervorragendem Zustand. Auswitterungen und Fehlstellen wurden kaum ermittelt. Oberflächenverluste zeigten sich nur sehr vereinzelt gesteinsbedingt (Auswaschungen weicher Sedimente) oder aufgrund von mechanischen Einwirkungen.

Die Qualität der Bildhauerarbeiten war und ist überdurchschnittlich hoch. Bemerkenswert war auch, dass es kaum zu Oberflächenverlusten durch Wind und Wetter, etwa durch sandführende Winde, gekommen war. Das Relief wirkte wie gestern gehauen, die Kanten der Buchstaben sind gestochen scharf.

Die Reinigung mit Heißdampf ermöglichte eine restlose Entfernung von aufliegenden und oberflächennahen Schmutz- und Staubpartikeln. Partiell wurden weiche Bürsten und Skalpelle zu Hilfe genommen. Nach der Reinigung präsentierte sich die Oberfläche deutlich aufgehellt und zeigte die markante Bänderung der verwendeten Natursteine.

Die Steine, die keiner weiteren Behandlung bedurften, wurden fotografisch erfasst und in das Regalsystem eingestellt. Steine, die konservatorisch und restauratorisch bearbeitet werden sollten, wurden entlang der Kirchenwand bzw. im Regalsystem vorn oder im Zelt gelagert.

Einzelne Steine mussten erneut verdübelt und verklebt werden, da die alten Anker verrostet waren, den Stein gesprengt und verfärbt hatten und/oder gebrochen waren. Durch die Steinmetze erfolgte an den zu bearbeitenden Steinen zunächst eine Entfernung alter Mörtelaufträge und der desolaten Eisenteile. Die Arbeiten wurden mit Hammer und Meißel, partiell unter Zuhilfenahme einer Flex durchgeführt. Dann wurden die Reste von altem Mörtel, Bleiverfüllungen und Eisenteilen aus den Grenzflächen entfernt und diese gründlich gereinigt. Die beiden zu verdübelnden Teile wurden angebohrt und mindestens zweifach mit V4A-Stahldübeln versehen, die mit Epoxidharz eingeklebt wurden. Anschließend erfolgte eine Verklebung der beiden Objektteile, ebenfalls mit Epoxidharz. Die Fehlstellen in den Oberflächen wurden anschließend mit Restauriermörtel (Remmers Restauriermörtel SK) verschlossen. Diese härteten über Nacht aus. Die Steine wurden anschließend ebenfalls in die Regale eingestellt. Eine Endretusche erfolgt im nächsten Jahr nach Abschluss aller Restaurierungsmaßnahmen. Derzeit ist bei einigen Steinen noch unklar, wie eine erneute Präsentation aussehen kann (Sockel fehlt etc.).

Zusammenfassung

Nach der Reinigung präsentieren sich die Grabsteine in deutlich aufgewertetem Zustand: Das Relief ist durchweg besser lesbar, die Steinsubstanz aufgehellt. Die markante Zeichnung der nicht gefassten Grabsteine tritt nun wieder deutlich in Erscheinung. Flechten wurden entfernt. Die hohe Qualität des Steinmaterials und der bildhauerischen Bearbeitung ist nun wieder erkennbar. Die Steinsubstanz war generell in gutem Zustand.

Die bearbeiteten Objekte wurden nach Abschluss der Maßnahmen in unterschiedlichen Regalsystemen untergebracht. Dort können sie bis zur endgültigen Aufstellung verbleiben. Auf lange Sicht soll das gesamte Friedhofsgelände umgestaltet werden. Die historischen und wertvollen Grabsteine, die ein starker Publikumsmagnet sind, werden in einem abgetrennten, als Gedenkstätte und Wandelbereich bezeichneten Bereich neu präsentiert.

Die Bedingungen während der Restaurierungskampagne, die Ende September bis Anfang Oktober 2011 stattfand, waren optimal: Neben dem hervorragenden Wetter war die Betreuung durch die Kirchengemeinde eine Bereicherung des Arbeitsalltags. Das Interesse sowohl der Insulaner als auch der Touristen war eine Freude und macht Mut, dass auch weiterhin Interesse am Erhalt von Kunst- und Kulturgut besteht, auch wenn insbesondere in Schleswig-Holstein gerade der Denkmalpflege ein Schuss vor den Bug erteilt worden ist.

Vor- und Endzustand
Gegenüberstellung von End- und Vorzustand am Beispiel von zwei Steinen aus demselben Steinmaterial (Obernkirchener Sandstein). Foto: M. Krohn

Man kann sich natürlich generell auch keine besseren Bedingungen wünschen als dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Und mit der eigenen Arbeit dazu beizutragen, ein besonderes Stück Kulturgeschichte zu erhalten, macht den Beruf des Restaurators so besonders reizvoll.

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