OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Inszenierte Gedächtnislandschaften: Perspektiven neuer Bestattungs- und Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert (Teil II)

 - November 2011
Ausgabe: 
Nr. 115, IV, 2011

Der vorliegende Beitrag ist die gekürzte Fassung einer von "Aeternitas e.V." in Auftrag gegebenen und im Internet veröffentlichten Studie. Der erste Teil erschien in der vorangegangenen Ausgabe Nr. 114. Die vollständige Online-Version, die auch Anmerkungen und Literaturnachweise enthält, ist zu finden unter http://www.aeternitas.de/inhalt/forschung/fischer/quellen/studie.pdf

4. Bestattungsritual im Übergang

Seit rund zwanzig Jahren zeigt sich ein neuer Umgang mit Sterben und Tod – erstmals umfassend dokumentiert auf einem Kongress in Wuppertal 1998 (Publikation 1999: "Neue Kultur im Umgang mit Tod und Trauer"). Katalysatoren sind gesellschaftliche Bewegungen wie die Hospizbewegung und die AIDS-Selbsthilfebewegung gewesen. Die zentralen Bausteine dieses neuen Umgangs lassen sich mit den drei Stichwörtern "Selbstbestimmung", "Anteilnahme" und "kulturelle Kreativität" benennen.

Der neue Umgang mit dem Tod hat zum "Bestattungsritual im Übergang" (Corinna Caduff) geführt und damit die Partikularisierung der Bestattungs-, Trauer- und Erinnerungskultur eingeläutet. Diese äußert sich in der Auflösung traditioneller Rituale bei gleichzeitiger Entfaltung neuer Muster. Entstanden sind Patchwork-Zeremonien, in denen selbstbestimmte Elemente einen höheren Stellenwert gewinnen: "Im Rahmen der gesetzlichen Bestattungsvorschriften sucht man Patchwork-Rituale zu kreieren, bei denen man auf Bestandteile der konventionellen kirchlichen Bestattung zurückgreift und sich aber gleichzeitig die Möglichkeit für einen eigenen Aktionsraum verschafft."

Die neue Bestattungs- und Erinnerungskultur präsentiert sich als vielfältiger Ausdruck neuer und alter Elemente mit großem Kombinationspotenzial. Die bisweilen ins Experimentelle reichenden zeremoniellen Abläufe können ein persönlich gestaltetes und angelegtes Totenkleid umfassen, die Bemalung des Sarges, eigene Reden und eigene musikalische Darbietungen. Insgesamt steigt der Anteil individueller, das heißt nicht-ritualisierter Elemente, die Hinterbliebenen greifen aktiv in die Gestaltung ein. Gleichwohl werden weiterhin grundlegende Elemente der Bestattung institutionell organisiert (Bestatter, Friedhofsverwaltungen). Damit sind die Patchwork-Rituale nicht zuletzt Zeichen des Übergangs: "Sie manifestieren den Übergang von dem prekär gewordenen religiösen Bestattungsritual hin zu einem neuen Ritual; ein Übergang, der geprägt ist von Suchbewegungen und Experimenten… Doch jede einzelne Bestattung mit nicht-delegierten Elementen, so gering und verborgen diese auch sein mögen, ist immer auch Teil dieser gegenwärtig stattfindenden, kollektiv-gesellschaftlichen Arbeit am Bestattungsritual."

Zugleich wird damit deutlich, dass die Traditionen des bürgerlichen Zeitalters zunehmend an normativer Kraft verloren haben, ohne dass sie vollständig aufgegeben worden sind. Die bürgerlichen Traditionen waren ja eingebunden in langwährende und identitätsstiftende soziale Strukturen, wie Familie, Konfession, soziale Gruppe beziehungsweise Schicht. Und auch andere gesellschaftliche Kollektive begleiteten – je nach historischer Epoche – die Toten und prägten die Bestattungskultur: Nachbarschaften, Bruderschaften oder Handwerkerzünfte, Genossenschaften oder auch Arbeitervereine und Gewerkschaften. All diese, zum Teil über Jahrhunderte wirksamen Strukturen lösen sich in der postindustriellen Moderne allmählich auf, zumindest aber verlieren sie an Bedeutung. Damit geht ein wichtiges identitätsstiftendes Fundament für den Umgang mit dem Tod und den Toten verloren, neue Muster werden nunmehr gesucht. Allgemein zählt die zunehmende Entritualisierung zu den wichtigsten Tendenzen der Bestattungs- und Erinnerungskultur zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dies ist verbunden mit einer Individualisierung und Privatisierung von Trauerbekundungen sowie mit einer potenziellen Abkehr vom Friedhof als traditionellen Ort der Trauer und Erinnerung.

Eine wichtige Begleiterscheinung dieser Prozesse sind die anhaltenden Tendenzen zur Entkirchlichung. Vor allem im städtischen Raum wurden kirchliche Zeremonien zunehmend reduziert, ersetzt oder gänzlich aufgegeben. Immer mehr Trauerfeiern sind nicht-kirchlich und werden von weltlichen beziehungsweise freien Trauerrednern begleitet. Gesellschaftliche Re-Spiritualisierungserscheinungen verlaufen meist ohne die christlichen Kirchen und sind häufig im esoterischen Bereich angesiedelt. In ländlichen Regionen – fernab der größeren Städte – allerdings üben die Kirchengemeinden im Zusammenspiel mit der Familie weiterhin eine wichtige Rolle aus, wenn die Toten auf ihrem letzten Weg begleitet werden.

Der neue Umgang mit dem Tod und die Transformation der Bestattungsrituale hat nicht zuletzt zu einem tendenziellen Auseinderdriften von Bestattungsort einerseits, Erinnerungsort andererseits geführt. Ein anschauliches Beispiel ist das virtuelle Gedenken. Das Medium Internet hat seit den 1990er Jahren neue Ausdrucksformen von Tod und Trauer hervorgebracht. Die wachsende Zahl der Internet-Gedenkseiten zeigt, wie rasch sich der Umgang mit Tod und Trauer auch den neuen Medien der postindustriellen Gesellschaft anzupassen vermag. Sie sind – zusammen mit digitalen Netzwerken wie Facebook – Teil eines globalen Kommunikationsnetzes, das Privatheit und Öffentlichkeit in eine neue Beziehung zueinander setzt und einen bedeutsamen soziokulturellen Indikator des gegenwärtigen Umgangs mit dem Tod darstellt. Jenseits dieser privaten Gedenkseiten gibt es auch solche für berühmte Verstorbene sowie kollektive Erinnerungsseiten, zum Beispiel für Kriegsgefallene. In einer der frühen kulturwissenschaftlichen Studien zum virtuellen Gedenken heißt es: "Virtuelle Friedhöfe als Teil eines globalen kommunikativen Netzes setzen die private und die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Tod in eine neue Beziehung zueinander und stellen daher einen soziokulturellen Indikator gegenwärtiger Erinnerungs- und Trauerkultur dar".

5. Auf dem Weg zur Gedächtnislandschaft

Damit wird erneut deutlich, wie sehr der neue Umgang mit dem Tod die Erinnerungskultur verändert. Neben der digitalen Welt ist dieser Prozess vor allem, wie oben schon an Hand mehrerer Beispiele gezeigt worden ist, mit der "Eroberung" des öffentlichen Raumes verbunden. In der einschlägigen Fachliteratur wurde immer wieder beschrieben, wie bedeutsam Orte, Räume und Landschaften für das kollektive Gedächtnis sind. Dies gilt erst recht für die Räume und Orte der Bestattung, die sich teilweise zu regelrechten Gedächtnislandschaften entwickelt haben. Vorab zur Definition der hier verwendeten Termini: Der Begriff "Raum" wird verstanden als synoptische Verknüpfung einzelner Orte im Bewusstsein. Der Begriff "Landschaft" kann im Anschluss daran mit Karin Wendt beschrieben werden als kulturell geprägter Raum, der unter dem Interesse einer besonderen Formation, Gestaltung oder Organisation reflektiert wird. Landschaft bedeutet zugleich ein materielles Erbe wie auch einen Fundus von Ideen und Wahrnehmungsformen. Die Geschichte der Menschen ist in die Landschaft in mehreren miteinander verwobenen Schichten gleichsam eingeschrieben, sie kann also als Palimpsest gelesen und interpretiert werden. Ihre älteren und jüngeren Schichten, die sich – bezogen auf das Sepulkrale – beispielsweise auf dem Friedhof und im öffentlichen Raum zeigen, sind Ergebnisse eines gesellschaftlichen Prozesses, in dem das kollektive Gedächtnis in jeder historischen Periode neu definiert wird und die Artefakte von Tod, Trauer und Erinnerung mit neuer Bedeutung versieht. Zugleich können sie auch eine spezifische Identität produzieren, die im Gegensatz zu früher nicht mehr feste, sondern temporäre Gemeinschaften betrifft.

Zusammen genommen bringen sie eine Gedächtnislandschaft als Palimpsest des Vergänglichen hervor. Als sepulkraler Raum sind sie zum Gedächtnis von historischen Biografien, Mentalitäten und gesellschaftlichen Strukturen geworden. Dabei geht es nicht in erster Linie um rein ästhetische Maßstäbe. In den Gedächtnislandschaften zeigt sich vielmehr, was der US-amerikanische Landschaftsforscher und Begründer der "Cultural Landscape Studies", John Brinckerhoff Jackson, mit den Worten ausdrückte, dass "selbst die unansehnlichsten Monumente einer Landschaft Schönheit und Würde" verleihen.

Der in der bürgerlichen Moderne ausgeprägten räumlichen Abgrenzung und Ausschließung, die sich vor allem im vor die Tore der Stadt verlegten Friedhof findet, setzen die neuen Bestattungs- und Erinnerungsorte eine Verknüpfung mit den Räumen der Lebenden entgegen. Einige Beispiele sind genannt worden, sie beziehen sich insbesondere auf die Naturlandschaft: Bäume und Wälder, Berge, Meeresküsten. Daher zählen die neuen Bestattungsorte in der Natur nicht mehr zu jenem "Fremden", das der klassische Friedhof immer bedeutete und das von Andrea Gerhardt wie folgt definiert worden ist: "Doch obwohl wir heute 'wissen', dass die Toten auch wirklich tot sind, ist der Friedhofsbesuch für manche Menschen noch immer mit einem unangenehmen Gefühl verbunden; ein störender, irrationaler Rest von Unwohlsein, der sich nicht 'wegrationalisieren' lässt. Dieser nicht konstituierbare Rest verweist auf das unverfügbare Fremde, das mit dem Tod, beziehungsweise dem Bewusstsein der Sterblichkeit in Verbindung steht."

Die neuen Orte der Bestattungs- und Erinnerungskultur reihen sich ein in die "Verflüssigung" der postmodernen Lebenwelten. Der neuen Mobilität entspricht ein neues Verständnis von Orten und Räumen. Es sind Räume, die wahlweise in "bezug auf bestimmte Zwecke … konstituiert" werden und keine festen Lebenszusammenhänge mehr bilden. Marc Augé beschrieb sie als Teil einer Welt, "in der die Anzahl der Transiträume und provisorischen Beschäftigungen … unablässig wächst." Bezogen auf die Bestattungskultur, handelt es sich um ein immer wieder neues Entwerfen von Gedächtnislandschaften, das zugleich die Tendenzen eines neuen selbstbestimmten, individualisierten Umgangs mit Tod, Trauer und Erinnerung dokumentiert. Wie in einer partikularisierten Welt individuelle Lebensstile und soziale Gemeinschaften stets aufs Neue ausgewählt werden, ist es auch zur Partikularisierung der Bestattungs- und Erinnerungskultur gekommen. Die Orte der Bestattungs- und Erinnerungskultur sind nicht mehr auf den klassischen Friedhof beschränkt, sondern entfalten sich im öffentlichen Raum. Die "Exterritorialisierung moderner Gesellschaften" (Helmut Willke) umfasst auch den Tod.

Vielleicht lässt sich diese Entwicklung am besten mit der zunehmend beliebten Seebestattung veranschaulichen – der Ort der Bestattung ist für die Hinterbliebenen im Allgemeinen unerreichbar, die Asche löst sich in der Weite des Meeres auf. Dennoch schafft auch sie "besondere Orte", wie etwa jenes Seebestattungs-Memorial, das an einem beliebten Spazierweg bei Travemünde auf dem Steilufer der Ostsee errichtet worden ist. Jährliche Rituale wie Gedenkgottesdienste und Gedenkfahrten zu den Schauplätzen der Seebestattung produzieren einen rituellen Rahmen der Erinnerungskultur. Dieser Rahmen kann wahlweise ergänzt werden durch private Formen der Erinnerungskultur im eigenen Haus oder in der Wohnung.

Damit aber verlieren die Bestattungsorte auch ihren geschlossenen Charakter des "Gräber-Machens", wie ihn noch Andrea Gerhardt in ihrer Studie über Friedhöfe als "ex-klusive Orte" und gesellschaftliche Ordnungsleistung konstatierte. Bemerkenswert ist dabei eine Beobachtung, die belegt, dass sich der Friedhof zumindest teilweise moderner Urbanität bis heute verweigert hat: "Interessanterweise ist kaum ein Friedhof mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet und hohe Mauern, immergrüne Pflanzungen und Zäune halten den Stadt- und Verkehrslärm zwar draußen, die Besucher allerdings auch drinnen, sollten die offiziellen Zugänge unvermittelt verschlossen sein. Die Nichterschließung des Friedhofs durch Elektrifizierung weist diesen Ort in der Wahrnehmung als 'nicht normal(isiert)' aus."

Blicken wir auf einige weitere, im öffentlichen Raum verankerte Gedächtnislandschaften im Umfeld von Tod und Trauer. Zu denken wäre an jene in Deutschland immer zahlreicher werdenden Kreuze am Straßenrand, die an den Verkehrstod erinnern und bisweilen mit persönlichen Attributen versehen und wie kleine Altäre gestaltet sind. Die Straße ist ein Raum, der wie nur wenige andere als Symbol der mobilen Gesellschaft gilt. So sind die Kreuze an der Straße ein individueller und kreativer Akt der Trauer- und Erinnerungsarbeit in der mobilen Gesellschaft. Diese Form der Gedächtnislandschaft ist inzwischen mehrfach kulturwissenschaftlich untersucht worden.

Immer häufiger sind auch – meist provisorische, temporäre – Artefakte der Trauer und Erinnerung im öffentlichen Raum zu finden, die an den Tod mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten erinnern. Dies können besonders tragische Fälle sein (Beispiel: Fußballtorwart Robert Enke, 2009) oder Fälle, in denen eine weitreichende persönliche Identifikation eine Rolle spielt, wie im Starkult (Beispiel: Michael Jackson, 2009). Hier spielen mediale Inszenierungen – wie Fernseh-Livesendungen – inzwischen eine ebenso katalysatorische Rolle wie die neuen sozialen Netzwerke des digitalen Zeitalters (Facebook). In anderen Fällen können auch besondere lokale Umstände, etwa der Tod einer stadtbekannten Persönlichkeit, eine entscheidende Rolle spielen, um eine spezifische Gedächtnislandschaft im öffentlichen Raum zu formen. Auch aus anderen Räumen sind solche provisorischen Orte der Erinnerung bekannt. In alpinen Regionen markieren Memorials die Stelle, an denen Bergsteiger den Tod fanden. In vielen Orten und Städten erinnern Hinweistafeln oder Denkmäler an die Opfer von Brand-, Überschwemmungs- und anderen Katastrophen.

Resümierend zeigt sich, dass die Eroberung des öffentlichen Raumes zu den markantesten und wegweisenden Phänomenen für den neuen Umgang mit Tod und Trauer zählt. Entstanden sind palimpsestartige Gedächtnislandschaften, die Zeugnis ablegen von kulturellen und gesellschaftlichen Zäsuren und Verwerfungen, von Traditionen und Utopien. All dies sind Zeichen, dass der Friedhof nicht mehr der einzige Schauplatz von Trauer und Erinnerung ist, dass sich die Erinnerung ihre Orte immer wieder neu sucht, dass Bestattungs- und Erinnerungsort immer häufiger auseinanderdriftet. Die neuen Gedächtnislandschaften im öffentlichen Raum geben jenem Gefühl der Trauer einen materialisierten Ausdruck, dessen Wandel im Laufe der Geschichte die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Tod, Gesellschaft und Gedächtnis aufzuzeigen vermag. In den Gedächtnislandschaften lässt sich, wie es Hermann Lübbe formulierte, "Vergangenes gegenwärtig" halten.

6. Was wird aus den Friedhöfen?

Auch die klassischen Friedhöfe befinden sich in einem grundlegenden Umbruch. Die Friedhöfe werden diversifiziert und partikularisiert, vor allem "Diversifikation" ist dabei zu einem programmatischen Schlüsselbegriff geworden – einige Beispiele werden später vorgestellt.

Blicken wir zunächst noch einmal zurück in die Vergangenheit: Im bürgerlichen Zeitalter war der Friedhof mit seinen individuellen, meist familienbezogenen Grabstätten der klassische Ort von Bestattung und Erinnerung. Es war ein Ort, zu dem man – häufig generationenübergreifend – eine feste Beziehung einging: mit Grabdenkmal, Grabbepflanzung, Grabpflege und regelmäßigen, gelegentlich institutionalisierten Grabbesuchen (zum Beispiel zum Todestag oder zu Allerheiligen). Darin konnte die eigene Biografie ihr Ziel finden, ihren Sinn und ihre Identität. Der Sozialwissenschaftler Zygmunt Bauman verglich den bürgerlichen Lebenslauf mit einer zielgerichteten Mission, die in der geradlinigen Verwirklichung des eigenen Lebensziels bestand. Diese wurde dann für die Nachwelt im prachtvollen Grabdenkmal verewigt und gebot dieser, die eigene Lebensleistung auch nach dem Tod zu erinnern und zu würdigen. In den Familiengrabstätten des bürgerlichen Zeitalters entstand eine Art weltlicher Unsterblichkeit – ein materialisiertes Weiterwirken nach dem Tod. Es lohnte, weil die Hinterbliebenen in der Regel vor Ort ansässig waren, das Grabdenkmal würdigen und die Grabstätte pflegen konnten.

In der Gegenwart haben diese traditionellen Ortsbindungen, wie bereits erläutert, an Bedeutung verloren. Dies betrifft den Friedhof im besonderen Maße.

Die seit dem späten 20. Jahrhundert vollzogene funktionale Neugliederung des Raumes schuf die Plattform für neuartige, partikularisierte Lebenswelten im Umgang mit den Toten. Der klassische Friedhof droht zum bloßen technischen Bestattungsort zu werden – legitimiert vor allem durch hygienische Argumente.

So steht die Friedhofskultur an einem Scheideweg. Auf der einen Seite hat die anonyme Rasenbestattung das klassische Grabmal zurückgedrängt und droht es stellenweise verschwinden zu lassen. Andererseits entfaltet sich ein breites Spektrum an neuer Erinnerungs- und Gedenkkultur auf den und abseits der Friedhöfe: Baumgräber, künstlerisch-innovativ gestaltete Grabmäler, Gemeinschaftsgrabstätten mit ihrer speziellen Form von "corporate identity", Grabanlagen für totgeborene Kinder, Aschenlandschaften mit kollektiven Denkzeichen oder auch Bestattungspyramiden – bis hin zur Renaissance der Kolumbarien.

Anschauliches Beispiel der aktuellen Diversifikation des Friedhofsraumes ist der so genannte "Garten der Frauen" auf dem Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof. Im Jahr 2001 als "Friedhof im Friedhof" eröffnet, vereinte diese Anlage museal aufgestellte Grabdenkmäler bedeutender Hamburgerinnen mit gartenarchitektonisch ansprechend eingebetteten Grabstätten für Mitglieder des gleichnamigen Vereins. Zur Anlage gehören auch historische Erläuterungstafeln sowie Ruhebänke.

Der Garten der Frauen ist zugleich ein Beispiel für jene Gemeinschaftsgrabanlagen, die im Sinn einer corporate identity zunehmend aktuell werden. Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre werden Gemeinschaftsgrabstätten für mittellose AIDS-Tote eingerichtet. Teilweise werden dabei historische Grabanlagen unter Beibehaltung des Grabmals umgestaltet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich darüber hinaus weitere Formen der Gemeinschaftsgrabstätten entwickelt: etwa für Anhänger bestimmter Fußballvereine, wie sie aus Großbritannien und den Niederlanden bekannt sind. In Deutschland hat der Hauptfriedhof Hamburg-Altona eine Bestattungsfläche für Anhänger des Hamburger SV, dessen Stadion hier übrigens in Sichtweite liegt, eingerichtet.

Unter einem gänzlich anderen Vorzeichen – aber dennoch bedeutsam für die Bestattungs- und Erinnerungskultur auf den Friedhöfen – sind jene Denk- und Erinnerungsmäler, wie sie mittlerweile auf vielen Begräbnisplätzen für totgeborene Kinder aufgestellt wurden. Häufig in Zusammenarbeit mit lokalen Krankenhäusern entstanden, sind sie zu besonderen Orten der Trauer und Erinnerung auf Friedhöfen geworden. Wie vielgestaltig eine solche Anlage aussehen kann, zeigt beispielsweise der 2004 eingeweihte "Sternengarten" auf dem Hauptfriedhof Mainz. Der Name dieser Grabanlage für frühverstorbene Kinder und Tot- beziehungsweise Stillgeburten bezieht sich auf den Roman "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry (eine vergleichbare, aber weitaus größere Bestattungs- und Erinnerungslandschaft befindet sich übrigens auf dem Zentralfriedhof Wien).

Wenn einerseits die bisher allein dem kommunalen oder kirchlichen Friedhof vorbehaltene Bestattungsfunktion allmählich in den öffentlichen Raum ausgedehnt wird, so beeinflussen umgekehrt die neuen, naturnahen Gedächtnislandschaften die aktuelle Gestaltung der Friedhöfe. Formen der Naturbestattungen werden zunehmend häufiger auch auf klassischen Friedhöfen angeboten – Beispiele aus Karlsruhe, Hamburg und Ahrensburg wurden oben genannt.

Wie bei der Friedhofs- und Bestattungskultur im Allgemeinen, so ist auch in der Grabmalkultur im Besonderen ein Zeitalter zu Ende gegangen. Sowohl die klassische Familiengrabstätte als auch das einzelne Reihengrab haben an Bedeutung verloren. Sie waren Ausdruck des bürgerlichen Zeitalters, dessen Anfänge in der Zeit um 1800 lagen und das die Grabmalkultur bis weit ins 20. Jahrhundert geprägt hat. Zeigten sich die bürgerlichen Grabdenkmäler vor allem um 1900 teils monumental und reich geschmückt, so führte bereits die Grabmalreform des frühen 20. Jahrhunderts zu reduktionistischen Tendenzen, indem sie Form und Größe der Grabmäler reglementierte und uniformierte. Damit war jener Weg zur Miniaturisierung der Grabstätte bis hin zur gänzlichen Aufgabe individueller Grabzeichen auf dem Friedhof geebnet, der schließlich in die anonymen Rasenbeisetzungen mündete. In ihrer extremen Ausprägung ohne Namens- beziehungsweise Gedächtnistafeln führt sie zur Auflösung jeglicher Form individueller Erinnerung auf den Friedhöfen.

Aber auch hier setzen auf den Friedhöfen gegenläufige Tendenzen ein: Eine besonders spektakuläre Variante der Aschenbeisetzung bieten die 2008 auf dem Hauptfriedhof Saarbrücken eingerichteten Urnenpyramiden. Sie beherbergen Kammern für eine oder mehrere Urnen, auf deren Kupfertür Namen und Daten des oder der Verstorbenen verzeichnet werden. Auf einer Balustrade können Kerzen und Blumen aufgestellt werden. Nach Ende der Ruhefrist wird die Urne dann ins Pyramideninnere transloziert. Auf dem Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof wird eine ehemalige Friedhofskapelle als Urnenbeisetzungsstätte genutzt. Welche Ergebnisse eine Diversifikation des Friedhofsraumes zeitigen kann, lässt sich beispielhaft am Assistens Kirkegård in Kopenhagen beobachten. Teilbereiche des großstädtischen Friedhofes werden differenziert genutzt. Dabei entstanden unterschiedliche Funktionsflächen: Der museale Bereich umfasst historische Grabstätten aus dem ältesten Teil des 1760 eröffneten Friedhofs und der Kapelle und ist als Ensemble erhalten geblieben ist. Ein "Gedächtnispark" ("mindepark") beherbergt ebenfalls kulturhistorisch bedeutende Grabstätten, dient aber zugleich der Erholung. Ein allgemeiner Park ist ausschließlich für Erholungs- und Freizeitzwecke vorgesehen. Last not least werden immer noch Flächen für Bestattungen genutzt.

Eine wichtige Rolle spielt der Friedhof in seiner Rolle als pädagogischer Raum – hier gibt es zugleich erhebliches Entwicklungspotenzial. Dies gilt zum einen für museale Aufstellungen kulturhistorisch bedeutsamer Grabsteine. Aktuell wird beispielsweise ein neues Konzept für eine öffentlichkeitswirksame Präsentation der berühmten Seefahrer-Grabsteine auf dem Kirchhof Nebel auf der Insel Amrum erarbeitet. An vielen Orten engagieren sich Vereinigungen um den Erhalt alter Friedhöfe und Grabdenkmäler – die Friedhofs- und Grabmalkultur wird musealisiert. So gibt es mittlerweile auf fast allen größeren Friedhöfen Museal-Bereiche als Sonderflächen, in denen historische Grabdenkmäler neu aufgestellt und dokumentiert werden.

Auch bilden die klassischen Friedhöfe ökologische Nischen. Ökologisch wertvolle Areale werden zunehmend – beispielsweise in Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen wie dem NABU (Teichanlage auf dem Frankenthaler Friedhof) – als wichtiger Bestandteil betrachtet und dienen der gesellschaftlichen Aufwertung des Friedhofs. Dies gilt auch für die Einrichtung so genannter Naturschutzlehrpfade oder der gängigen Praxis botanischer oder ornithologischer Führungen.

7. Resümee

Der Umgang mit den Toten, das heißt vor allem: die Bestattungs- und Erinnerungskultur, unterliegt jenen allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozessen, durch die das postindustrielle Zeitalter gekennzeichnet ist. Die Prozesse haben in vielen Bereichen feste Denk- und Verhaltensmuster aufgelöst, die sich über Jahrzehnte hinweg eingeschliffen hatten. Wenn das "Feste" auch noch nicht ganz vergangen ist, so hat das "Flüssige" doch deutlich an Bedeutung gewonnen. Sowohl die dauerhaft materialisierten Orte der Bestattung als auch die temporären Schauplätze von Trauer und Erinnerung repräsentieren den aktuellen Wandel.

Erinnerung und Gedächtnis bleiben ohne gesellschaftliche Relevanz, wenn sie nicht auch vermittelt werden. Dies geschieht in der postindustriellen Moderne durch die als Gedächtnislandschaften im öffentlichen Raum – und zunehmend auch auf den klassischen Friedhöfen – inszenierten neuen Bestattungs- und Erinnerungsorte. Es geht hier also um die sinnhaft-symbolische Aneignung von Orten, Räumen und Landschaften durch Artefakte der Erinnerung, die damit zum Medium eines gesellschaftlichen Gedächtnisses werden.

Die postmodernen Ausdrucksformen von Tod und Trauer sind in der Regel individualistischer und pluralistischer als die des bürgerlichen Zeitalters. Sie bilden Ansätze einer neuen Bestattungskultur, die einerseits den Friedhof in seiner bisherigen Funktion als sepulkraler Repräsentationsort in Frage stellen, zugleich neue Erscheinungsformen der Bestattungs- und Erinnerungskultur evozieren.

Erinnerungsakte und deren Wahrnehmung beziehungsweise Deutung zeigen sich immer als gesellschaftlich-kulturelles Handeln, geprägt von unterschiedlichen Akteuren und Institutionen. Die Analyse ihres Wandels lässt jeweils – auch noch in der Negation von Erinnerung (anonyme Rasenbestattung) – allgemeine Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Produktion kultureller Muster zu. So ist die neue Bestattungs- und Erinnerungskultur ein bedeutsamer Indikator der Postmoderne geworden.

Kontakt zum Autor: norbertfischer@t-online.de

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