OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Mausoleen und Grabkapellen auf dem Ost- und Westfriedhof der Hansestadt Wismar

 - Februar 2011
Ausgabe: 
Nr. 112, I, 2011

Mecklenburg-Vorpommern gehört mit seiner Lage an der Ostsee und den sonnenreichen Inseln zu den beliebtesten Urlaubsregionen Deutschlands.

Zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten zählt neben den historischen Seebädern die für Norddeutschland berühmte Backsteingotik, die an vielen Profan- und Sakralbauten ihre Spuren hinterließ. Außerdem zeugen ungefähr 2000 Gutsanlagen mit herrschaftlichen Herrenhäusern von den bis heute vorwiegend landwirtschaftlich betriebenen Gegenden.

Ungeachtet dessen besitzt dieses Bundesland einen anderen Denkmalwert, der bisher eher unbeachtet blieb: Im 19. Jahrhundert wurden in den Städten, als die Bestattungen in den Kirchen und auf den Kirchhöfen verboten worden waren, neue Begräbnisplätze angelegt, die sowohl anhand ihrer Gestaltung als auch mit ihrem einmaligen architektonischen Erbe von unschätzbarer Bedeutung sind. Kein anderes Bundesland besitzt und besaß auf den städtischen Friedhöfen so viele Grabkapellen und Mausoleen, die generell Zeugnis eines im 19. Jahrhundert erstarkten Bürgertums ablegen.

In der Ausgabe Nr. 110, III/2010 stellte ich bereits den geschichtlichen Hintergrund sowie die kunsthistorische Wertschätzung dieser Bauten dar, belegt anhand der Grabgrüfte auf dem Alten Friedhof in Greifswald / Ostvorpommern. Nun richte ich das Augenmerk nach Nordwestmecklenburg.

Martens
Mausoleum Martens, 1832. Foto: A. Kretschmer

1831 entstand dort in der Hansestadt Wismar ein neuer Friedhof außerhalb der Stadtmauern. Der damalige Bürgermeister Anton Johann Friedrich Haupt (1800-1835) hatte bereits seit einiger Zeit eine Verlegung der Friedhöfe vor die Stadt mit der Begründung gefordert, dass: "Wismar würde jetzt, nachdem auch Rostock einen Gottesacker außerhalb der Thore angelegt hat, wohl der einzige Ort in ganz Norddeutschland seyn, wo noch eine Beerdigung der Todten in den Kirchen stattfindet."1

So forderte er einen Platz, der unmittelbar an die Stadt grenzte, damit der Fußweg und der Transport des Verstorbenen noch zumutbar wären. Außerdem sollte das Terrain auf einer kleinen Anhöhe liegen, damit man nicht Gefahr lief, bei der Aushebung eines Grabes auf Grundwasser zu stoßen. Die Errichtung eines Leichenhauses war gemäß der Zeit ein dringendes Bedürfnis, da die Angst vor dem Scheintod ihren Höhepunkt erreicht hatte. All diese Bedingungen erfüllte der Platz vor dem Mecklenburger Tor auf dem ehemaligen Galgenberg. Dadurch, dass der Hügel, der erstmalig 1295 urkundlich erwähnt wurde, jahrhundertelang dem Hochgericht gedient hatte, fand der Vorschlag wenig Begeisterung unter den Bürgern.2 Der Ort, an dem zuvor Dutzende von Straftätern erhängt worden waren, zeugte von einer unehrlichen Bestattung, auf dem kein "anständiger" Bürger seine letzte Ruhe finden wollte. Auch hier schritt der Bürgermeister beispielhaft voraus und kaufte genau den Platz für sein eigenes Begräbnis, auf dem der Galgen noch bis vor Kurzem gestanden hatte.

Um sich Anregungen für die Gestaltung eines neuen Friedhofs einzuholen, reiste der Bürgermeister u.a. nach Koblenz und Darmstadt, deren Anlagen beide "gartenähnlich, freundlich und zweckmäßig eingerichtet sind".3 Ähnlich wie in den anderen Städten berücksichtigte auch Haupt die in Privateigentum befindlichen Grabstätten in den Kirchen: "Es ist daher gewiß eine Forderung der Billigkeit, dass von der Kommune eine Art Entschädigung geleistet werde. Auf einfache Weise kann dieselbe dadurch geleistet werden, dass man für ein Grab in der Kirche den Eigentümern einen gleichen Raum auf den Gottesacker anweise!"4 Somit wurden zehn der schönsten Plätze für den Bau von Kapellen reserviert, deren Errichtung einer vorherigen Genehmigung seitens des Gottesackerdepartements bedurfte. Als 1862 auf der gegenüberliegenden Seite der Westfriedhof eröffnet wurde, wurden vier weitere Grabkapellen ausgeführt.

Kaufmann und Schiffsdeklarierer Johann Gottfried Martens, der der Friedhofskommission angehörte und die Bürger aufrief, Sträucher und Bäume für die Friedhofsgestaltung zu spenden, war einer der ersten, der sich 1832 den größten Platz für ein Mausoleum kaufte. Aufgrund seiner einzigartigen Dimensionen bildete das Mausoleum, welches im Stil griechischer Tempelarchitektur erbaut worden war, bis zur Erweiterung um 1900 die östliche Begrenzung des Friedhofs.

Herrlich
Grabkapelle Herrlich, 1832. Foto: A. Kretschmer

Bei dem Ausmaß des antikisierenden Bauwerks wird deutlich, welche Auswirkung einflussreiche Stadtbürger auf den Standort und die Gestaltung ihrer eigenen Grabstätte hatten. Ebenfalls 1832 wurde in unmittelbarer Nachbarschaft eine Grabkapelle für die Familie des Amtssenators Johann Gabriel Herrlich errichtet. Bei dieser einzigartigen Stilistik handelt es sich um eine sehr frühe Form des Historismus im Sinne der klassisch-antiken Mittelalterarchitektur.

Portal
Portal der Grabkapelle Herrlich. Foto: A. Kretschmer

Während die Symmetrie und Schlichtheit des Grabbaus dem klassizistischen bzw. antiken Vorbild entspricht, wurden romanische Zierelemente in der Fassadengestaltung verwendet. Eine Besonderheit stellt dabei die zurückgesetzte Portalausführung dar. Eine zweiflüglige Metalltür greift die Stilistik des Bauwerks auf und vereint sowohl christliche als auch antike Symbolik.

Hermes
Mausoleum Hermes, 1834. Foto: A. Kretschmer

1834 wurde in der Nähe des Friedhofeingangs ein klassizistisches Mausoleum für die Senatorenfamilie Christian Wilhelm Hermes (1778-1850) errichtet und gehört ebenfalls zu den zehn vorher bestimmten Erbauungsflächen.

Dieser Bau wurde durch Zweckentfremdung seitens des Friedhofspersonals stark in Mitleidenschaft gezogen. Die originale Tür ist verschwunden und durch eine unschöne Brettertür ersetzt. Auch die Raumgestaltung wurde aufgrund der Nutzung als Werk- und Abstellraum immens verändert.

Im Folgenden möchte ich eine Korrektur der bisherigen Erkenntnisse über die Bauherren des Grabbaus vornehmen, welcher sich neben dem Hermes-Mausoleum befindet und das erste Gebäude nach Betreten des Friedhofs bildet. Bisher wurde angenommen, dass es der Familie Weckmann gehörte. Nach gründlicher Recherche und Abgleichung der Grabfeldnummerierung ist jedoch belegbar, dass ursprünglich drei Bauwerke auf dieser Fläche errichtet wurden, wovon heute nur noch zwei erhalten sind. Dies ist neben dem Hermes-Mausoleum der klassizistische Grabbau der Uhrmacherfamilie Peter Johann Müller aus dem Jahre 1832.

Müller
Mausoleum Müller, 1832. Foto: A. Kretschmer

Dieser Bau befindet sich in einem sehr desolaten Zustand und wird bis dato als Abstellraum zweckentfremdet, wobei bereits zu DDR-Zeiten die Tür entfernt und der Eingang für eine Garagennutzung vergrößert wurde.

Die beiden anderen Grabgebäude auf dem Ostfriedhof wurden nach den ersten Friedhofserweiterungen errichtet und gehören somit nicht mehr zu den zehn vorher reservierten Plätzen der Gottesackerkommission. Dies wird zum einen an den abweichenden Standorten und zum anderen an der variierenden Ausrichtung deutlich.

Walsleben
Grabbau Walsleben, um 1850. Foto: A. Kretschmer

Der Grabbau Walsleben, welcher der historistischen Formensprache der Neogotik verhaftet ist und in Anlehnung an die Bäderarchitektur mit Vordach und dekorativer Holzkonstruktion gestaltet wurde, entstand um 1850 auf der ehemaligen privaten Gartenfläche des Friedhofswärters.

Keding
Grabkapelle Keding, 1884. Foto: A. Kretschmer

Die einzige neogotische Backsteinkapelle befindet sich hinter dem Herrlich-Grabbau mit Ausrichtung zum angrenzenden See. Die Eigenheit dieses Bauwerks besteht darin, dass sie 1884 die Familie Keding errichten ließ, obwohl zu dieser Zeit der Westfriedhof bereits eröffnet worden war und dort die ersten Grabkapellen entstanden.

Seeler
Grabkapelle Seeler, 1862. Foto: A. Kretschmer

Auf dem Westfriedhof sind drei neogotische Grabkapellen erhalten geblieben, die in einer Reihe errichtet wurden. Die erste Backsteinkapelle, deren Portal zum Friedhofseingang gerichtet ist, wurde kurz nach Einweihung des Friedhofs 1862 für den Kaufmann Seeler errichtet und wird seit einiger Zeit als Urnenabschiedsraum genutzt.

Warncke
Grabkapelle Warncke, 1868. Foto: A. Kretschmer

Sechs Jahre später folgte die backsteinerne Kapelle für das Ehepaar Warncke, die in ihrer Ausführung weitaus schlichter ausfiel.

Bei der nachfolgend um 1871 erbauten und verputzten Grabkapelle im Stil der Tudorgotik handelt es sich um ein monumentales Denkmal für eine angesehene Schlachterfamilie der Brüder Meyer.

Zu dem fast quadratischen Bau gehört eine zweigeteilte Gruftanlage, die sich sowohl unter als auch neben der Grabkapelle befindet. Dieser Bau befindet sich in einem stark gefährdeten Zustand und bedarf einer dringenden Instandsetzung.

Die monumentalen Sepulkralbauwerke auf den beiden Wismarer Friedhöfen, die zwischen 1832 und 1871 entstanden, wurden von namhaften und einflussreichen Bürgern der Stadt in Auftrag gegeben. Darüber hinaus ließen auch zu Reichtum gelangte Handwerker derartige Gebäude ausführen, um sich ein bleibendes Denkmal für ihr aufgestiegenes Dasein innerhalb der Gesellschaft zu setzen.

Entgegen der Standortbestimmung für Grabkapellen und Mausoleen auf anderen Stadtfriedhöfen, zumeist an der Friedhofsmauer, wählte der Bauherr nach den ersten Erweiterungen der Wismarer Friedhofsanlage selbst den Platz zur Errichtung seiner letzten Ruhestätte. Der stilistische Wandel von dem bis 1830/40 vorherrschenden klassizistischen Vorbild in Form von antiken Tempelformen hin zu neogotischen und backsteinsichtigen Grabgebäuden mit sakralem Leitbild in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnet sich auf beiden Friedhöfen deutlich ab. Wismar hat bis heute die meisten erhalten gebliebenen Grabbauten auf den Stadtfriedhöfen von Mecklenburg-Vorpommern. Einige wurden bereits saniert, während drei in einem desolaten Zustand verharren und entgegen jeglicher Pietät umgenutzt wurden. Dies wieder herzustellen besitzt oberste Priorität.
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1 StA HWI, Ratsakte XXIII, 7, 14 I, vom 13. Juli 1831.

2 Der denkmalgeschützte Friedhof der Hansestadt Wismar, hrsg. von Stadt Wismar, 2001, S. 12 sowie s. Techen, S. 312. Auf dem Galgenberg wurde letztmalig 1746 ein Galgen errichtet, der dort bis 1829 stand. In Anbetracht dessen, dass noch vor fünf Jahren der Galgen auf diesem Platz als warnendes Symbol stand, ist der Unmut der Bürger, sich dort eine schöne Begräbnisstelle herzurichten, durchaus verständlich.

3 Ebd., 2. November 1830.

4 StA HWI, Ratsakte XXIII, 7, 14 I, 2. November 1830.

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