OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein "Albatros" und sein bedrohtes Grabdenkmal - Grabstein eines Lübecker Kap-Hoorn-Kapitäns gerettet

 - August 2010
Ausgabe: 
Nr. 110, III, 2010

Ein nur postkartengroßer Hinweis auf einem kleinen Grab des Burgtorfriedhofs in Lübeck: "Die Ruhezeit läuft ab, bitte im Büro melden".

Ein untrügliches Zeichen dafür, dass damit meist jede Erinnerung an die Beigesetzten ausgelöscht wird und der zertrümmerte Grabstein mit den Lebens- und Todesdaten im Bauschutt landet. Aber: Das kleine liegende Monument ruft das Interesse des Betrachters hervor. Über den Namen des Kapitän-Ehepaares ist in einem eingemeißelten Rettungsring der Kopf eines Seevogels und die Inschrift A.I.C.H. St. Malo zu sehen. Und das macht diesen zufällig entdeckten schlichten Kissenstein zu einem äußerst seltenen Zeugnis jüngster Seefahrtgeschichte.

Denn der hier bestattete Lübecker Offizier der Handelsmarine Ernst Krüger gehörte zu jener handverlesenen Crew von Seeleuten, die einst als Kapitäne auf frachtfahrenden Großseglern ohne Motor das berüchtigte Kap Hoorn "gemacht" haben und sich damit einen Platz im Hochadel der Traditions-Seefahrer gesichert hatten. Krüger war Mitglied der internationalen Bruderschaft der Kap-Hoorn-Kapitäne, der Amicale Internationale des Capitaines au Long Cours Cap Horniers A.I.C.H., die 1937 von französischen Kapitänen auf Großer Fahrt gegründet wurde und zu der ab 1951 auch deutsche Kap-Fahrensmänner mit den vier goldenen Ärmelstreifen gehörten.

Als Symbol ihrer Bruderschaft wählten die Kap Hoorniers den Albatros, und so nannten sie sich auch selbst. Der Albatros ist jener große Vogel der Weltmeere, der die Segler über lange Strecken begleitete und, so der Glaube der Jan Maaten, die Seelen der auf Fahrt verstorbenen Seeleute in sich trägt. Mit einem viereckigen Metallköder an einer Leine wurden die Albatrosse angelockt und an Bord gezogen, aber stets wieder freigelassen. Es wäre einem Seemann nie in den Sinn gekommen, Albatrosse zu töten.

Da die internationale Bruderschaft der Kap Hoorniers schon bei ihrer Gründung wusste, dass sie durch das Ende der Großseglerfahrt keinen Nachwuchs mehr haben werde, sah sie sich von vornherein als zeitlich begrenzter Zusammenschluss. Im Mai 2003 löste sie sich in St. Malo auf, das Durchschnittsalter der Brüder betrug 87 Jahre. Die seinerzeit noch 50 deutschen Kap Hoorniers – anfangs über 700 – folgten diesem Schritt im September 2004 in Hamburg. Unter ihnen waren zumeist "Malamoks" – Kap-Hoorn-Seeleute mit später erworbenem Kapitänspatent, benannt nach einem dem Albatros verwandten kleineren Seevogel. Derjenige von ihnen, der als letzter stirbt, wird die Fahne der deutschen Amicale mit ins Grab nehmen.

Grabstein Krüger
Grabstein von Kapitän Ernst Krüger. Foto: A. Schreiber

Anfragen zur Rettung dieses bemerkenswerten Zeugnisses berufsspezifischer Sepulkralkultur an die Friedhofsverwaltung, an die Seefahrts-Gedenkstätte St. Jacobi und an die Schiffergesellschaft hatten lediglich ein Echo der Schiffergesellschaft ohne weiteres Ergebnis zur Folge.

Grabstein-Fragment
Das Fragment eines Grabsteins im Straßenpflaster, gesehen im Juni 2010 im Innenhof der Zitadelle Spandau. Dieses Schicksal ist dem Grabmal von Kapitän Krüger erspart geblieben. Foto: A. Schreiber

Doch zum Jahresende meldete sich überraschend doch noch die Kirchengemeinde St. Jacobi, deren Sekretariat (Frau Ditscher) in der Zwischenzeit aktiv geworden war und somit das Grabmal vor der Vernichtung bewahren konnte. Es hat nun seinen Platz an der Außenmauer der Kirche gefunden, gegenüber der Schiffergesellschaft, die allerdings auf die Anregung, eine kleine Tafel mit Erklärungen zum Grabmal zu initiieren, bisher nicht reagiert hat.

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