OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Seelenwanderung und andere Phänomene im Zusammenhang yezidischer Bestattungspraxis in Deutschland

 - August 2010
Ausgabe: 
Nr. 110, III, 2010

Die Yeziden sind eine kleinere religiöse Gruppierung, die ihre Wurzeln in kurdischen Gebieten in der Türkei, Syrien, Iran und Irak hat.

Schild
Hinweisschild zu den Yezidengrabstätten. Foto: Th. Wettich

Ein überregionales Zentrum bildet die Grabstätte Sheikh Adis, des großen Reformators der yezidischen Gemeinschaft aus dem 12. Jahrhundert. Seine sterblichen Überreste sind in Lalish im Nordirak beigesetzt und werden dort von Tempeldienern und zwei älteren Nonnen umsorgt. Sie sind Ziel yezidischer Pilgerreisen, welche ähnlich wie der muslimische hadsch für Yeziden zumindest einmal im Leben Pflicht sind. Den Tempelbezirk betritt man über die weiße Brücke, die das Heilige vom Profanen trennt. Entsprechend ist man jenseits der Brücke dazu aufgerufen, den heiligen Boden nicht durch Schuhe zu verunreinigen. Im Tempelbezirk herrscht festliche, zuweilen ekstatische Stimmung mit Musik und Tanz, vor allem aber auch Rezitation religiöser Hymnen, sog. Qewls. Einige Qewls erzählen von den Gefährten Sheikh Adis; ihre Gräber im Tempelbezirk sind ebenfalls Stätten der Verehrung. An der Ruhestätte der Heiligen angekommen ist es üblich in die Tücher, die über den Sarkophagen liegen, Knoten zu binden, um Sheikh Adi und seine Gefährten an die jeweiligen Wünsche, die mit den Knoten verbunden sind, zu erinnern.

Knoten
An der Ruhestätte der Heiligen werden Knoten in die Tücher über den Sarkophagen geschlungen. Foto: Th. Wettich

Neben den prunkvollen Grabstätten in Lalish gibt es weitere Heiligengräber in den genannten Herkunftsländern. Aufwendige Gräber sind aber auch typisch für heutige yezidische Siedlungsgebiete im Kaukasus. Ein weiteres Hauptsiedlungsgebiet der Yeziden stellt seit etwa 30 Jahren Norddeutschland dar. Mit regionalen Schwerpunktgemeinden in Oldenburg, Hannover und Celle leben inzwischen etwa 50.000 Yeziden in Deutschland, die meisten davon in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Derzeitig handelt es sich dabei mehrheitlich um Yeziden aus der Türkei, wo heute nur noch etwa 400 Yeziden verblieben sind. Trotzdem war es bis vor wenigen Jahren üblich, die Verstorbenen nach Ostanatolien zu den traditionellen Grabstätten zu überführen, auch wenn dies (ebenso wie die deutsche Bestattungspraxis) mit der religiösen Vorgabe der Bestattung am selben Tag brach. Für die Oldenburger Gemeinde übernimmt die Überführung bis heute ein Familienunternehmen mit muslimisch-türkischem Geschäftsführer. Dies ist insofern erstaunlich, als Yeziden sich in historischer Sicht, was die kurdischen Herkunftsgebiete betrifft, von den ihnen feindselig gesinnten Muslimen unterdrückt fühlen. Die schlimmste diesbezügliche Erinnerung stellt die Schändung der sterblichen Überreste des auch als Gott verehrten Sheikh Adi durch Muslime einige Jahrzehnte nach dessen Tod dar. In Deutschland herrscht heute eine freundschaftliche Atmosphäre, es wird zwanglos mit dem muslimischen Bestattungsunternehmen und der lokalen Ortsgemeinde zusammengearbeitet.

Inzwischen hat sich jedoch das weltliche Oberhaupt der Yeziden Mir Tahsin Beg dafür ausgesprochen, die Verstorbenen in Deutschland beizusetzen.1 Diesem Ratschlag kamen in den letzten 10 Jahren zahlreiche Yeziden nach. Auf mehreren größeren Friedhöfen sind nun durch das Engagement der jeweiligen Vereine, die die Ortsgemeinden vertreten, Gräberfelder entstanden. Der größte davon liegt in Hannover-Lahe (Abteilungen 506-508) und wurde zunächst in Reihengrabform (Abteilungen 506 und 507) angelegt. "Hier wurden besondere Bestimmungen erlassen, um eine dem yezidischen Glauben entsprechende Ruhestätte zu schaffen und damit auch die yezidische Friedhofs- und Bestattungskultur in Hannover zu fördern."2 Um die spezifische Bestattungskultur zu verstehen, sollen nun einige zugrunde liegende religiöse Vorstellungen erläutert werden.

Friedhof
Yezidengrabstätten. Foto: Th. Wettich

Im Yezidentum besteht die Vorstellung einer Seele, die zu Lebzeiten an den Körper gebunden ist, ihn aber auch im Schlaf verlassen kann, um zum Himmel zu reisen. Träume sind die Ergebnisse einer solchen seelischen Himmelsreise. Verstirbt ein Mensch, so ist seine Seele zunächst noch bis zum Abschluss der Bestattungszeremonie an den Körper gebunden. Das heißt, sie ist auch noch anwesend, wenn zunächst eine rituelle Leichenwäsche vorgenommen wird. Diese führen Geistliche Sheiks und Pirs durch, die der Familie auch zu Lebzeiten zugeordnet sind. Anwesend ist außerdem die sogenannte Jenseitsschwester (bei Frauen) bzw. der Jenseitsbruder (bei Männern). Zwischen Jenseitsgeschwistern besteht eine enge spirituelle aber auch familiäre Verbindung, wobei keine leibliche Verwandtschaft herrschen darf. Unrühmliche Taten eines Geschwisterteils fallen unmittelbar schadhaft auf den Anderen zurück. Hierdurch verpflichten sich beide zu untadeligem Leben, d. h. vor allem der Beachtung herrschender Endogamieregeln sowie Speisevorschriften und dergleichen. Zwischen Jenseitsgeschwistern herrscht auch über den Tod hinaus eine Verbindung, etwa so, dass gute Taten des noch lebenden Parts sich positiv auf das Weiterleben der Seele des Verstorbenen auswirken können.

Tisch
Tisch für die rituelle Waschung. Foto: Th. Wettich

Nach der rituellen Waschung in eigens dafür eingerichteten Räumen werden weiße Erdkugeln, Berat genannt, auf die Körperöffnungen gelegt. Sie entstammen der heiligen Weißen Quelle in Lalish und bereiten den Toten auf dessen Ankunft dort vor. Es ist auch davon zu lesen, dass dieses Verfahren dazu dient sich zu vergewissern, dass der Tote tot ist. Danach wird der Tote in ein Leichentuch gehüllt, das mit einer bestimmten Technik aus einem einzigen Stück Leinen genäht sein muss. Die Jenseitsschwester verknotet zusätzlich ein Tuch über dem Bereich der Augen, das sie noch dreimal rituell wieder öffnet, um der Seele den späteren Ausgang aus dem Körper zu bedeuten. Während der meist mehrtägigen Trauer um den Verstorbenen wird den angehörigen Frauen ein eigener Raum zur Klage hergerichtet, in dem sie auch übernachten. Einige ältere Frauen haben sich auf Totenklage spezialisiert, welche sie im genannten Rahmen mit weinerlicher Stimme und eigener Melodie musikalisch vortragen. Der männliche Teil der Familie – mit Ausnahme der engsten Verwandten, die geschont werden – ist für die Verpflegung der Trauergemeinde zuständig, die sich auch in Deutschland meist aus mehreren hundert Personen zusammensetzt. Auf diese Weise stellen Beerdigungen neben Hochzeiten neben Festen die markanteste Form der yezidischen Religionsausübung in Deutschland dar.

Die Trauergemeinde zieht zum Grab, und der Leichnam wird beigesetzt. Hier wird noch einmal die Hymne des Todes durch einen Qewwal rezitiert. Diese endet darin, dass sich der Verstorbene wiederum der Weißen Brücke in Lalish gegenüber sieht:

"Auf der einen Seite der Weißen Brücke ist das Paradies,
auf einer ist Dunkelheit, auf einer ist Hölle.
Es gibt Hilfe von Freunden und Jenseitsgeschwistern,
von ihren Brüdern, den Sündern.
Wir sind fehlerhaft, Gott ist perfekt."3

An der Weißen Brücke scheiden sich also die Geister, sie kann im Falle sündhaften Lebens auf die Breite eines Bindfadens schwinden. Auffällig ist, dass das Paradies vorgestellt wird wie Lalish. Die Begebenheit aus der zitierten Passage spielt sich ja nicht im Nordirak, sondern an einem jenseitigen Ort ab, dessen Beschaffenheit der von Lalish gleicht. Sheikh Adi und seine Gefährten weilen an diesem Ort, der Besuch ihrer sterblichen Überreste in Lalish lässt das Paradies erahnen. Bevor aber die Seele noch den Körper verlässt, hat sie während der Rezitation der Qewls am Grab den Eindruck leiblich anwesend und Teil der Trauergemeinde zu sein. Sie bemerkt nicht, dass sie selbst verstorben ist. Erst wenn sich die Trauergemeinde zum Gehen wendet, will die Seele mit ihnen gehen, stößt sich dann aber an einer kleinen Mauer, die auf dem Kopfende des Grabes gemauert wurde. Gräber von Frauen und Männern verfügen über einen Stein am Kopfende, letztere zusätzlich über einen am Fußende. Wenn die Seele sich an ihnen den Kopf gestoßen hat, bemerkt sie, dass sie an einem toten Körper hängt und fährt aus ihm aus. Im Jenseits wird dann über ihr Schicksal entschieden.

Graeber
Yezidengrabstätten im Schnee. Foto: Th. Wettich

Daran, ob ein oder zwei Steine an den Enden des Grabes vorliegen, lässt sich nun in der Regel bereits von weitem das Geschlecht des Verstorbenen erkennen. Diese Regel ist jedoch in Deutschland nicht einheitlich durchgeführt. Bei der Ausgestaltung der Grabsteine waren zunächst die Gräber in der Osttürkei (die etwas weniger prunkvoll als solche in Armenien sind) Vorbild. Weiterhin haben die Vereine ihre Vorbildfunktion auch bei der Vereinheitlichung der Gräber geltend gemacht. In Kooperation mit den örtlichen Friedhofsverwaltungen wurden gemeinsame Verabredungen getroffen, die bisweilen die Grabgestaltung recht genau vorgeben. In dem Infoblatt des Friedhofs Hannover-Lahe heißt es dazu: "Die Grabmalgestaltung kann an die Grabsteinformen der Osttürkei angepasst werden. Nachfolgend werden beispielhaft drei Grabmaltypen gezeigt, die sowohl für die Kopfsteine (Männer und Frauen) als auch für die Fußsteine (Männer) gewählt werden können. Für den Kopfstein können das Symbol der Sonne (als Kennzeichen für die yezidische Religion) und der Schriftzug YEZIDI gewählt werden." Ausnahmen dieser einheitlichen Gestaltung lassen sich verschiedentlich beobachten. Häufig wird eine prunkvollere Gestaltungen des Grabes gewählt. Statt der Sonne können andere Symboliken für das Yezidentum verwendet werden – etwa die Silhouette der Grabstätte Sheik Adis. Eine kleine Varianz besteht auch in der Wahl der Sprache des Schriftzuges. Während "Yezidi" die englische Schreibweise der Religionsbezeichnung darstellt, finden sich kurdische ("Ézdí") und deutsche ("Yezide, Yezidin") Varianten. Auf dem Oldenburger Friedhof hat man sich wegen besonderer Verbundenheit zur Kommunalverwaltung bzw. deutschen Bevölkerung generell für die deutsche Schreibweise entschieden. Als Marker der Religion dient hier eine vereinfachte Darstellung der Statue des pfauengestaltigen Gottes Taus-i Melek.

Yezidengrab
Yezidengrabstein. Foto: Th. Wettich

Auf dem Hannoveraner Friedhof wird noch strikt die Trennung nach Kasten vorgenommen, während dies andernorts nicht mehr der Fall ist. Die ursprüngliche Doktrin nicht in der Nähe von Muslimen beerdigt zu werden, wurde ebenfalls aufgeweicht. In Lahe entsteht gerade in direkter Nachbarschaft ein jüdisches Gräberfeld.

Die Auseinandersetzung mit yezidischen Bestattungsritualen gibt viel Aufschluss über eine interessante Religion in unmittelbarer Nachbarschaft. Ihre Grabgestaltung trägt zur Diversifizierung der Sepulkralkultur in Deutschland bei. Dass es für Yeziden selbstverständlich geworden ist, ihre Toten in Deutschland beizusetzen, zeigt ihren Willen hier sesshaft zu werden. Ihre Religionsgeschichte empfinden die Yeziden als eine Leidensgeschichte, die erst jetzt ihren vorzeitigen Ruhepunkt gefunden hat – zumindestens für die Toten.

(Hinweis: Ein Beitrag mit dem Titel "Grabstätten der Yeziden" von Peter Schulze ist in Nr. 80, I, 2003, S. 31-33, dieser Zeitschrift erschienen.)
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1 K. Tolan / T. Tolan, "Ein Gespräch mit dem Oberhaupt der Yeziden – Mir Tahsin Saied Beg", Dengê Êzîdiyan 8/9 (2001), 16.

2 zitiert aus den zweiseitigen „Informationen über Grabstätten für Yezidi auf dem Stadtfriedhof Hannover Lahe“ hrsg. von der Friedhofsverwaltung.

3 aus dem Englischen übersetzt nach Kreyenbroek, P. G., "Yezidism – Its Background, Observances and Textual Tradition", (1995), 323.

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