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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Tod in Venedig

Kann man eine so quirlige Touristenstadt wie Venedig einfach mit dem Tod verknüpfen?

Aber ja doch... Ihr morbider Charme wird sehr häufig erwähnt, Erinnerungen an Tod und Vergänglichkeit prägen ihren Jahresablauf. Allein die vergangene Größe der stolzen Republik mit ihrer Fülle an großartigen Kunstwerken, dazu die einmalige Lage der auf 117 Inseln gebauten und durch Verfall und Wasser bedrohten Lagunenstadt faszinieren immer wieder, nicht nur die heutigen Touristen. Glänzende Beispiele dieser vielschichtigen Todesfaszination gaben uns schon vor hundert Jahren Maurice Barrès mit seiner einprägsamen Reisebeschreibung "La mort de Venise" (Venedigs Tod, 1906) wie auch Thomas Mann mit seiner Novelle "Der Tod in Venedig" (1912); letztere beeinflusste wiederum spätere Werke wie Luchino Viscontis beeindruckende Verfilmung "Morte a Venezia" (1971), Benjamin Brittens letzte Oper und Schwanengesang Death in Venice" (1973) oder John Neumeiers choreographischen Totentanz "Tod in Venedig" (2003). Und nicht zuletzt fand eine Vielzahl von berühmten Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe in Venedig.

I. Der Tod in der Lagunenstadt

Von großer Bedeutung für die Geschichte Venedigs war nach ihrer Gründung im Jahre 421 zunächst die so genannte "Translatio", die Überführung des Leichnams des Evangelisten Markus, dessen angebliche Reliquien 828 von zwei venezianischen Kaufleuten von Alexandria in Ägypten unter einer Ladung Schweinefleisch verborgen an den islamischen Zollaufsehern vorbeigeschmuggelt wurden. Die ursprüngliche Dogenkapelle wurde Grablege des heiligen Markus; ihre heutige Gestalt erhielt die Basilica di San Marco zwischen 1063 und 1071. Geweiht aber wurde sie erst 1094, im Jahr der Wiederauffindung der seit dem Brand von 976 verschollenen Markusreliquien. So wurde aus dem Markusdom ein kostbarer Schrein und gleichzeitig ideeller Mittelpunkt, während der Schutzheilige selbst zur Integrationsfigur wurde – und sein Symbol, der Löwe, Sinnbild des jungen Staates.

Weltgericht
Basilika Santa Maria Assunta in Torcello: Detail auf dem Weltgerichtsmosaik
Foto: C. Behrens
Gestiftete Kerzen
In der Kirche Santa Maria della Salute werden der "Madonna der Gesundheit" große Kerzen gestiftet
Foto: C. Behrens

Auf einer Nachbarinsel in der "Laguna Veneta" steht die Basilika Santa Maria Assunta, im 11. Jh. mitten in einer noch blühenden Stadt gebaut, sozusagen für das tote Torcello, dessen Einwohnerzahl von damals über 50.000 auf heute knapp 50 geschrumpft ist. Einst die reichste Stadt der Lagune und Bischofssitz, fiel Torcello seit dem Mittelalter durch Seuchen und Versumpfung des Landes einem steten Untergang anheim. Hemingway, der viel Zeit in Venedig verbrachte, war fasziniert vom maroden Charme dieser gefallenen Stadt. Die dortige Basilika ist berühmt für ihr Weltgerichtsmosaik aus dem 12.-13. Jh.: Ihre schaurig-realistische Gestaltung des Jüngsten Gerichts liefert ein anschauliches Bild der Hölle, wobei insbesondere die Darstellung von Neid (siebzehn Totenköpfe mit Würmern in den Augenhöhlen) und Zorn (ein Durcheinander von Händen, Füßen, Knochen und Totenköpfen) besonders eindrücklich geraten sind.

Zwei berühmte Kirchen Venedigs entstanden nach Pestepidemien. Die Erlöser-Kirche Il Redentore wurde 1576 nach der Errettung Venedigs von der Pest aufgrund eines Regierungsgelöbnisses vom berühmten Andrea Palladio als Votivkirche auf der Insel La Giudecca erbaut. Seit ihrer Einweihung gedenken die Venezianer alljährlich am dritten Sonntag im Juli der Erlösung von der Pest, heutzutage mit einem großen Fest und Feuerwerk; eine Behelfsbrücke wird über den breiten Giudecca-Kanal geschlagen, um den Pilgern den Weg zu bereiten. Die imposante Kirche Santa Maria della Salute, Höhepunkt des venezianischen Barocks, entstand etwas später; sie wurde ebenfalls als Votivkirche auf Grund eines Gelübdes nach einer verheerenden Pestepidemie gebaut, welche 1630-1631 50.000 Menschen das Leben kostete. Die "Festa della Madonna della Salute" am 21. November ist ein stilles Fest, an dem noch immer aus Dankbarkeit große Kerzen der "Madonna der Gesundheit" gestiftet werden. Einen Tag zuvor – und jeweils nach der offiziellen Prozession – pilgern die Venezianer in Scharen auf einer Bootsbrücke über den Canal Grande zur Salute-Kirche, vor der anschließend ein Volksfest stattfindet.

Der erste Doge, Staatsoberhaupt auf Lebenszeit, wurde im Jahre 697 gewählt. Insgesamt 120 Dogen regierten in Venedig bis 1797 (erst mit der napoleonischen Besetzung endete nach 1100 Jahren die "Serenissima Republicca"), und der Dogenpalast lässt ahnen, mit welcher Pracht diese stolzen Herrscher auch begraben wurden. Wie damals in Europa üblich, befinden sich die meisten Gräber innerhalb der Kirchen, auch wenn die Kirche gegenüber des Markus-Platzes auf der anderen Seite des "Canal di San Marco" ihre beiden Dogen-Grabdenkmäler an ihrer Palladio-Außenfassade trägt. Die meisten Dogen und venezianischen Adeligen sind in den gotischen Zanipolo- und Frari-Kirchen bestattet – zwei bemerkenswerte Kirchen, die beide mit dem Titel "Pantheon der Venezianer" geadelt werden.

Die Basilika Santi Giovanni e Paolo, venezianisch San Zanipolo genannt, ist mit imponierenden Ausmaßen eine dieser großen Grablegen. Hier endeten ab dem 14. Jh. die prachtvollen Begräbnisprozessionen für die Dogen; insgesamt 27 von ihnen fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Ihre Grabdenkmäler – die nicht nur die Erinnerung an die Toten wach halten, sondern auch Macht und Ansehen des Staates demonstrieren sollten – gehören zu den bedeutendsten Werken europäischer Architektur und Plastik. So kann die gewaltige Dominikaner-Kirche wie ein Bilderbuch zur venezianischen Geschichte gelesen werden. Gleich rechts vom Eingang beeindruckt zum Beispiel das Grabmal aus Carrara-Marmor für den Dogen Pietro Mocenigo (1481), der energisch blickend auf seinem Sarkophag steht, statt darauf zu liegen. Und das jüngste und zugleich monumentalste Dogengrab Venedigs aus der zweiten Hälfte des 17. Jh. füllt nahezu die ganze Wand aus; es ist das pompöse Mausoleum der Dogen Bertuccio und Silvestro Valier sowie der Dogaressa Elisabetta Querini, die alle drei wie Schauspieler beim Schlussapplaus vor dem Vorhang posieren.

Monteverdi
Grabmal des Komponisten Claudio Monteverdi
Foto: C. Behrens

Bemerkenswerte Grabdenkmäler, nicht nur für Dogen, befinden sich auch im größten und bedeutendsten Sakralbau der venezianischen Spätgotik, in der Franziskanerkirche Santa Maria Gloriosa dei Frari. Dort findet man zum Beispiel die Grabstätte des Komponisten Claudio Monteverdi (1567-1643), der ab 1613 Organist von San Marco war; aber auch ein riesiges Erinnerungsdenkmal von 1853 für Tizian, der 1576 während der Pest starb und hier liegt. Im Zentrum dieses Grabmals aus Cararra-Marmor steht zwischen universeller Natur und Genius des Wissens die lorbeergekrönte Statue des Meisters, umgeben von den vier Statuen der Malerei, Bildhauerei, Graphik und Architektur; den Hintergrund bildet als Flachrelief die "Assunta", Maria Himmelfahrt (nach seinem berühmten Altarbild in der Hauptkapelle dieser Kirche), und ganz oben krönt der siegende Markus-Löwe das Ganze.

Grabmal Canova
Monument für den Bildhauer Antonio Canova in der Franziskanerkirche Santa Maria Gloriosa dei Frari
Foto: C. Behrens

Ihm gegenüber befindet sich das aufwendig gestaltete, pyramidenförmige Monument für den Bildhauer Antonio Canova (1757-1822), von seinen Schülern gefertigt nach dem Modell, das er 1794 eigentlich für Tizian entworfen hatte. Sein Leichnam wurde zwar nach seinem Geburtsort Possagno überführt, sein Herz aber 1827 in einer Urne aus Porphyr im Innenraum des Grabmals beigesetzt. Vor der offenen Tür sieht man links den Genius Canovas mit erloschener Fackel und den trostlosen geflügelten Löwen (Venedig), rechts einherschreitende Frauenfiguren (weinende Bildhauerkunst, Malerei und Architektur), gefolgt von drei kleinen Genien mit brennenden Fackeln (die Kunst stirbt nicht!); es ist eines der charakteristischsten Denkmäler des Neoklassizismus, gleichzeitig eine dem Gesamtbild der Kirche etwas fremde Architektur. Ebenfalls erwähnenswert ist eine moderne Marienstatue in einer der Nebenkapellen. Der dort befindliche Messen-Opferstock ist speziell für Trauernde vorgesehen; am Fuß der Madonna liegen Briefe, Gebete und viele Fotos, hauptsächlich von Kindern.

Neben anderen Prominenten sind zahlreiche große Maler in Venedig begraben. Veronese (1518-1588) wurde beispielsweise unter der Orgel (deren Türen er gemalt hat) in der gerade wegen ihrer farbenprächtigen Gemälde berühmten Kirche San Sebastiano aus dem 16. Jh. beigesetzt, Tintoretto (1518-1594) mit seinen Kindern in der rechten Apsis der gotischen Kirche Madonna del Orto. In Venedig starb auch der Komponist Richard Wagner am 13. Februar 1883 als einer der bekanntesten Mieter des mächtigen Palazzo Vendramin-Calergi aus der venezianischen Frührenaissance; eine Gedenktafel am Ufer des Canal Grande erinnert daran. Auf diesem linken Ufer etwas westlich vom Palazzo steht übrigens die Scuola dei Morti, die man an einem Wappen mit Totenkopf erkennt – eine Bruderschaft, die nicht identifizierbare Verstorbene, meist Ertrunkene, zur Beerdigung begleitete. Eine weitere Prominenz liegt am Canal Grande mit "her beloved babies", ihren Hunden, im Garten des Palazzo Venier die Leoni – heute Guggenheim-Museum – begraben, die illustre amerikanische Millionärin und Sammlerin Peggy Guggenheim, die mit Max Ernst verheiratet war und dort bis zu ihrem Tode 1979 wohnte.

Dennoch wäre die Annahme falsch, in Venedig spränge einem an jeder Ecke der Tod ins Auge. So besonders die Lage und die Geschichte dieser Stadt ist, in dieser Hinsicht zeigt sie sich wie die meisten europäischen Städte – zurückhaltend. Abgesehen von frischen Blumen mit Foto am Straßenrand – Erinnerungen an einen Unfall – und einzelnen Todesanzeigen im Schaufenster eines Beerdigungsunternehmens, an der Wand einer Post oder einer Kirche, scheint der Tod im Alltag der Venezianer keine herausgestellte Rolle zu spielen – ganz so, als wäre er aus dem lebendigen Venedig verbannt worden. Allein in der Nähe der Fondamente Nuove, der Uferbefestigung aus dem 16. Jh. im Nordosten der Stadt, weisen einige Steinmetze und Blumenläden auf den Friedhof hin, der tatsächlich nur einige hundert Meter Luftlinie von der Innenstadt entfernt ist. Und noch direkt an der Haltestelle, an der das Linienboot (Vaporetto) in fünf Minuten zur Insel San Michele fährt, kann man frische Blumen fürs Grab kaufen.

In der ehemaligen Scuola Grande di San Marco ist seit 1809 das große Krankenhaus Ospedale civile untergebracht; dass der dort befindliche (und offensichtlich zugängliche) Raum, in dem die Angehörigen sich von den im offenen Sarg aufgebahrten Toten verabschieden können, seinen Ausgang in unmittelbarer Nähe eines Kanals hat, ist kein Zufall: Da es in Venedig keinen Autoverkehr gibt, müssen hier, wie bei allen Warenlieferungen wie auch sonstigen Dienstleistungen und bis zur Müllabfuhr, nicht nur Friedhofsbesucher sondern auch Tote und Särge per Boot (früher nur Gondel) befördert werden. Immerhin sind die Leichentransporte neuerdings durch mit Kränen ausgestattete Boote etwas einfacher geworden.

Figur Totenfährmann
Die Figur des Totenfährmanns Charon, die in Richtung der Toteninsel San Michele weist
Foto: C. Behrens

Mitten im Wasser, zwischen der Stadt der Lebendigen und der Insel der Toten, fällt eine bronzene Skulptur auf – eine weitere Anspielung auf Thomas Manns Werk – die eines flachen Nachens, in dem zwei Gestalten stehen: ein Verstorbener mit dem Totenfährmann Charon, der auf San Michele hinzeigt...

II. San Michele, die Insel der Toten

Es war der damalige Herrscher Napoleon, welcher 1804 aufgrund der in einer Lagune besonders problematischen Verseuchungsgefahr des kostbaren Trinkwassers mit dem Edikt von Saint-Cloud alle kleinen Kirchhöfe schließen ließ. Für sein Vorhaben eines großen Friedhofes, der abseits von Venedig die früheren Friedhöfe an den Pfarrkirchen ersetzten sollte, wählte er im Nordosten die Nebeninsel von San Michele, San Cristoforo de la Pace, und beauftragte dazu den Architekten Gian Antonio Selva, Schöpfer der berühmten Oper La Fenice. Bis zu ihrer Schließung war die Kirche San Michele in Isola seit 1212 die Kirche des Inselklosters der Kamaldulenser; das Kloster wurde säkularisiert. Die offizielle Eröffnung des Cimitero Generale di Venezia fand 1813 statt, 1818 besetzte die österreichische Regierung einen Teil der Insel als Strafanstalt für politische Gefangene, 1823 wurde die ganze Insel gekauft. Durch Aufschütten des dazwischen liegenden Kanals verband man 1835 die Insel San Michele mit der Nebeninsel San Cristoforo, erhöhte den Grund um circa zwei Meter über den höchsten Wasserstand und errichtete den mit einer Mauer umgebenen Zentralfriedhof. Durch seinen einmaligen Standort umweht den heute fast recht-eckigen Inselfriedhof San Michele eine ganz besondere Stimmung. Zwischen Himmel und Lagune wird die auf festem Unterbau harmonisch gegliederte Außenmauer, aus roten Ziegelsteinen, verziert mit weißen Steinen aus Istrien, durch den vielfältigen Baumbestand unterstrichen. Rund 1.500 Gewächse schmücken den Friedhof – nicht nur viele Zypressen, sondern auch Lorbeeren, Eichen, Ahorne, Kiefern, Magnolien und seltenere Pflanzen.

Wegweiser
Wegweiser auf dem Inselfriedhof San Michele
Foto: C. Behrens

Gleich am Eingang weist ein großes Schild auf Sehenswürdigkeiten wie auch auf die 23 verschiedenen Abteilungen ("recinti") hin, die römisch nummeriert und durch Alleen und Mauern von einander getrennt sind. Der erste "recinto"– in Form eines griechischen Kreuzes mit halbrundem Kopfende im Nordosten – ist bei weitem der größte und bedeckt etwa die Hälfte der circa 20 ha großen Gesamtfläche. Er wird alphabetisch in gemeinsame Felder oder "campi" unterteilt, seine Innenwände ihrerseits arabisch in sechzehn "lati". So findet man zum Beispiel die Gräber von Soldaten ("Militari") zusammen im "campo" G, und in deren Nähe die "Religiosi"– sauber getrennt in Ordensschwestern und Priester. Bei den italienischen Soldaten entdeckt man übrigens auch eine Erinnerungstafel für die österreichische Besatzung eines am 8.8.1915 ganz in der Nähe gesunkenen U-Boots; auch achtzehn französische Flieger bzw. Seeleute wurden hier begraben, nachdem am 31.10.1916 eine Bombe bei einer Wasserflugzeugskatastrophe explodiert war. Die mittleren Felder sind allgemein dicht besetzt; teilweise sind sie sehr schlicht und einheitlich gehalten: mit weißem Kreuz, Namen – und, ausnahmslos, Fotos. Viele kleine Papst-Büsten (meist Johannes XXIII) erinnern zusätzlich daran, dass der Friedhof sich in einem katholischen Land befindet.

Für andere christliche Konfessionen ("Acattolici") befinden sich außerhalb des griechischen Kreuzes zwei verwilderte Quadrate, die Recinti Greco (XIV) und Evangelico (XV) – wegen ihrer Prominentengräber ein Muss für den Besucher. Im griechisch-orthodoxen Quadrat liegt der Komponist Igor Strawinski (1882-1971) neben seiner Frau – ihre beiden flachen Grabsteine sind mit frischen Blumen, Steinen, Kastanien, Muscheln, usw. und erstaunlich vielen Visitenkarten bedeckt. Links davon befindet sich ein zwei Meter hohes Grab, auf das manche junge Tänzer ihre Ballettschuhe niederlegen: der russische Tanz-Impresario Serge de Diaghilew (1872-1929) arbeitete nicht nur kongenial mit Strawinski zusammen ("Der Feuervogel", "Petruschka", "Le Sacre du Printemps"...), sondern auch mit den Musikern Debussy, Ravel, Satie, Poulenc, Milhaud, de Falla oder Prokofjew, mit den Malern Matisse, Braque, Picasso und Cocteau, sowie den großen Tänzern bzw. Choreographen Anna Pawlowa, Nijinski, Lifar und Balanchine. Wie am Haupteingang auch hingewiesen wird, liegt der "Künstler der Rebellion" Emilio Vedona (1919-2006) ebenfalls dort, Hauptvertreter des italienischen abstrakten Expressionismus, dessen Werke in Berlin (einer Stadt, mit der er sich verbunden fühlte) im Frühjahr 2008 ausgestellt wurden.

In dem evangelischen Rechteck findet man den amerikanischen Poeten, Musiker und Kritiker Ezra Pound (1885-1972) und den russisch-amerikanischen Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky (1940-1996). Darüber hinaus erzählen die weniger bekannten Namen von vielen protestantischen Gesandten und Reisenden aus Nordeuropa, Deutschland, Österreich, Holland, Großbritannien, Dänemark, Frankreich, welche womöglich die Sehnsucht nach Kultur, Wärme oder Gesundheit nach Venedig trieb. So erzählt es etwa das gusseiserne Kreuz mit der Inschrift "Hermann Schües, geb. 5. Mai 1817 zu Hamburg, gest. 24. Juli 1831 zu Mirano", oder auch das wunderschöne Relief aus weißem Marmor für den knapp fünfzehnjährigen Karl Filtsch, "geb. den 28. Mai 1830 zu Mühlbach in Siebenbürgen, gest. den 11. Mai 1845 in Venedig".

Neben diesen beiden Abteilungen entdeckt man auch an der Wand der alten, kleinen und großen Kreuzgänge im Bereich der Kirche San Michele, ältere Grabsteine – etwa den weltbekannten Salzburger Naturwissenschaftler Christian Doppler (1803-1853). Auch die inneren Wände des großen Kreuzes präsentieren bürgerliche und kunstvolle Grabstätten, häufig mit Portraits der Verstorbenen. Typisch für das lokale Kolorit seien hier die zwei bemerkenswerten Grabstellen der Familie Tramontin, die heute noch den traditionellen Gondelbau ausübt: Beide Grabmale nehmen Bezug auf die seit Jahrhunderten zu Venedig gehörenden Gondeln, das erste zeigt links den typischen Bug, rechts das Werkzeug, das andere, für die angeheiratete Familie Casal, eine ganze Fabriklandschaft bei der Herstellung einer Gondel. Auch auf anderen Gräbern findet man hin und wieder das Herzstück der Gondel, die "Forcola" oder Rudergabel, die das Manövrieren ermöglicht, etwa auf dem Grab eines Gondoliere.

Grabmal Tramonti
Basilika Santa Maria Assunta in Torcello: Detail auf dem Weltgerichtsmosaik
Foto: C. Behrens

Grabmal der Familie Tramontin, die in Venedig den traditionellen Gondelbau betreibt
Foto: C. Behrens

Unter vielen anderen Prominenten könnte man noch den italienischen Komponisten Luigi Nono (1924-1990) nennen, desgleichen den mythischen Fußballtrainer Helenio Herrera (1916-1997) aus Argentinien, der in Frankreich, Spanien, Portugal und zuletzt auch in Italien unzählige Pokale gewann. Und wie es darüber hinaus einem lokalen Friedhofsführer von 1992 zu entnehmen ist, hat auch die Familie des amerikanischen Schauspielers Anthony Quinn (1915-2001), der vor allem durch seine Hauptrollen in den Filmen "La Strada" von Fellini und "Alexis Sorbas" von Cacoyanni bekannt geworden ist, eine Grabstelle im Recinto XX.

Heute sind der Plan und das Übersichtsfoto der Insel aus dem eben erwähnten Führer längst überholt. Wieder einmal war der Friedhof zu eng geworden, weswegen San Michele nach einem Wettbewerb von 1998 inzwischen um zwei neue Rechtecke (XXII und XXIII) erweitert worden ist. Zum Friedhof gehören nebenbei gesagt nicht nur zwei Kreuzgänge, die Kirchen San Cristoforo, San Michele de Isola mit ihrer Nebenkapelle Emiliana sowie die Kapelle San Rocco, sondern auch ein "Obitorio" (Leichenhalle), ein "Cinerario" (Kolumbarium) und seit 1992 ein Krematorium – moderne Lösungen für den schon immer akuten Platzmangel. Das neue Erweiterungsprojekt des – auch in Deutschland (Neues Museum in Berlin, Riverside Empire Hotel in Hamburg...) hoch anerkannten – britischen Architekten David Chipperfield läuft noch bis 2013. Früher brachte man die Knochen nach Nordosten hinter Torcello zur Knocheninsel Sant’Ariano, die als Ossarium für die Friedhöfe der Umgebung diente; dort sollen Knochen hinter einer undurchdringlichen Mauer von Brombeergestrüpp mehrere Meter hoch aufgeschichtet liegen. Heute – wie auch in anderen katholischen Ländern ebenfalls üblich – fallen in San Michele die bis zu sechs Etagen hohen "Hochhäuser" mit ihren Kunstblumen auf: Findet heutzutage keine Einäscherung statt, so werden die Knochen nach zwölf Jahren aus dem großen katholischen "Recinto I" zu den neuen Abteilungen der Insel, auch zunehmend auf das Festland nach Mestre, verlegt, und um das Bild abzurunden, seien hier abschließend noch zwei weitere Friedhöfe erwähnt – der kleine im 14. Jh. gegründete jüdische Friedhof von S. Nicoló di Lido im Nordosten der legendären Insel und der armenische Friedhof auf der Insel San Lazzaro degli Armeni.

Literatur:
Maurice Barrès: La mort de Venise
Paolo Franceschi: Venezia San Michele in Isola, Guida pratica illustrata, 1992
Jutta Seibert: Lexikon christlicher Kunst, Themen, Gestalten, Symbole, Herder, 2002
Cristina Beltrami: Un’isola di marmi – guida al composanto di Venezia, Philippi 2005
Birgit Weichmann: Venedig und die Lagune, Peter Rump, aktualisierte Auflage 2008
Dagmar v. Naredi-Rainer: City Guide Venedig, Vista Point Verlag, Köln, aktualisierte Auflage 2008
Philippe Landru: Venise – cimetière San Michele, 2008
P. Luciano Marini: Die Frari Basilika, Kina Italia

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Friedhofsführer (August 2009).
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