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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die "Republik der Toten"

Friedhofs- und Bestattungskonzepte während der Französischen Revolution (Teil 1)

1. Im "Laboratorium der Moderne": Konzepte einer neuen Begräbniskultur in der Französischen Revolution

Die Französische Revolution war eine grundlegende Zäsur in der europäischen Geschichte, mit der eine fest gefügte Gesellschaftsordnung grundlegend in Frage gestellt und gewaltsam aus den Angeln gehoben wurde. In nicht einmal einem Jahrzehnt entfaltete sich zum ersten Mal eine demokratisch-politische Kultur, aus der unterschiedliche Verfassungen und Formen der Herrschaftslegitimation ebenso hervorgingen wie neue gesellschaftliche Modelle des Zusammenlebens. Hans-Ulrich Thamer hat die Revolution deshalb zu Recht als "Laboratorium der Moderne" bezeichnet, denn sie war ein Experimentierfeld für gesellschaftspolitische Veränderungen, von dem Impulse ausgingen, die für das 19. und 20. Jahrhundert weit über Frankreich hinaus richtungweisend waren. Gleichzeitig war sie aber nicht nur eine Zäsur, sondern auch ein Element der Kontinuität, denn in ihr verdichteten sich in rasanter Weise Prozesse sozialen und politischen Umdenkens, die sich europaweit mit Beginn der Aufklärung zu entwickeln begonnen hatten.

Auch das Verhältnis zu Tod und Bestattung war Bestandteil dieses "Laboratoriums" und in gleicher Weise geprägt durch ein Wechselspiel zwischen radikalem Neuanfang und der Kontinuität von aufklärerischen Reformideen. Diese Entwicklung soll im Folgenden skizziert werden, indem Konzepte zur Neugestaltung von Friedhöfen und Begräbniszeremonien aus der Revolutionszeit untersucht werden. Die meisten dieser Pläne wurden in den Wirren der Revolution nicht oder nur in Ansätzen umgesetzt. Eine Verwahrlosung der Begräbnissitten beherrschte stattdessen die Alltagsrealität, was nicht zuletzt auf die Allgegenwart des Todes während der Revolution zurückzuführen ist, als es vor allem "ums Sterben, nicht ums Totsein" ging, wie Peter Stephan etwas überspitzt aber zutreffend formuliert hat. Dieser Alltag findet sich nicht in den Konzepten, dafür allerdings die Zukunftsvisionen maßgeblicher gesellschaftlicher Kräfte für eine gänzlich neue Begräbniskultur.

Einige dieser Pläne wären in einem konsolidierten revolutionären Frankreich mit hoher Wahrscheinlichkeit umgesetzt worden, hatten vor allem aber einen nachhaltigen Einfluss auf die Veränderung der Sepulkralkultur im 19. Jahrhundert. Darüber hinaus geben sie einen Einblick in den grundlegenden Wandel im Verhältnis zum Tod, der sich bereits vor der Revolution vollzog und in ihren Konzepten seinen wohl radikalsten Ausdruck fand. Der Ursprung dieses Wandels ist schon im ausgehenden Spätmittelalter auszumachen, dessen christlich geprägtes Todesbild allerdings erstmals mit der Aufklärung fundamental in Frage gestellt wurde.

2. Ursprünge einer Veränderung: Der Einfluss von Reformation und Aufklärung

Bis ins 16. Jahrhundert gab es eine weitgehend geschlossene christliche Vorstellung vom Tod als Übergang der unsterblichen Seele vom Diesseits ins Jenseits. Er wurde nicht als Ende verstanden, sondern als Veränderung, über deren Art die göttliche Gerichtsbarkeit entschied. Je nach Beurteilung wartete auf die Toten Seligkeit oder Verdammnis. Mit dem Fegefeuer setzte sich dabei die Idee eines Ortes durch, an dem die Toten durch Sühne und reinigendes Feuer eine Möglichkeit bekamen, einen negativen Richterspruch abzuwenden. Entscheidende Bedeutung wurde hierbei der Fürbitte der Lebenden zugesprochen, welche die Toten im Jenseits durch fromme Dienste wie Gebete oder Messopfer unterstützen konnten.

Diese Vorstellung vom Tod prägte auch die Konzeption des mittelalterlichen Friedhofs. Dessen Zentrum war immer eine Kirche, denn ein Grab in ihrem gesegneten Bereich galt als Grundvoraussetzung für das Seelenheil. Als Hilfe bei der Suche nach Erlösung wurde eine möglichst große Nähe zum Altar und seinen Reliquien angesehen. Ursprünglich nur für Kleriker vorgesehen, entwickelte sich deshalb das Grab im und direkt am Gotteshaus zum käuflichen Statussymbol für die Oberschicht. Es kam zu einer Hierarchie der Reliquiennähe auf den Kirchhöfen, gestaffelt nach sozialer Herkunft.

Doch nicht nur die Entfernung zum Altar kennzeichnete diese soziale Topographie, sondern auch die Art des Begräbnisses. Mit einem Einzelgrab konnten zumeist nur die Wohlhabenderen und (tendenziell) die dörfliche Bevölkerung rechnen. In den Städten war die Bestattung der ärmeren Bevölkerung in Massengräbern üblich, in welche die Leichen zumeist ungeordnet hineingeworfen wurden. Diese Gruben fassten oft mehrere hundert Körper, wurden für jede Bestattung neu geöffnet und häufig nur notdürftig bedeckt, so dass Leichenteile aus der Erde ragten.

Dennoch waren auch diese Toten in geweihter Erde begraben und bekamen somit die Möglichkeit, ihr Seelenheil zu erlangen. Anders erging es all jenen, die dieses bereits verwirkt hatten, weil sie fundamental gegen die Gebote der Kirche verstoßen hatten oder ihr gar nicht angehörten. Sie wurden auf freiem Feld – dem Schindanger – oder anderen 'unehrlichen' Plätzen verscharrt. So hatte der Beerdigungsritus auch eine Erziehungsfunktion, denn mit ihm wurde das Leben der Verstorbenen grundlegend beurteilt und zugleich wurden den Lebenden die Folgen eines nicht konformen Verhaltens deutlich vor Augen geführt. Eine ähnliche Funktion hatte das verbreitete Memento-Mori-Motiv (Gedenke des Todes). Durch explizite bildliche und literarische Darstellungen des Todes wurde damit die Vergänglichkeit betont und der Mensch ermahnt, seine Erfüllung im Jenseits zu suchen. Auf dem Kirchhof fand sich das Motiv in zweierlei Gestalt: Einerseits in den bildlichen Darstellungen des Totentanzes, in Form von Gemälden, in Standbildern oder auf Grabmälern; andererseits in den Beinhäusern, in denen etwa ab dem 14. Jahrhundert die menschlichen Überreste offen aufbewahrt und damit den Vorübergehenden präsentiert wurden. Denn wegen der beengten Verhältnisse und hohen Belegungsfrequenz mussten die Gräberfelder nach relativ kurzer Frist geräumt und neu belegt werden. Fehlte ein Beinhaus, wurden die Gebeine im Freien oder in den Vorhallen der Kirchen aufgeschichtet. So wurde den Menschen immer wieder das Antlitz des Todes als Spiegel der eigenen Vergänglichkeit präsentiert. Nicht die Trauer der Lebenden, sondern die Erinnerung an das eigene Seelenheil und die Unterstützung der Verstorbenen stand somit im Mittelpunkt des spätmittelalterlichen Friedhofs.

Diese fest gefügte Struktur bekam mit der Reformation erste Risse. Sie erschütterte die bis dahin geschlossene christliche Vorstellungswelt nachhaltig. Ohne die christliche Religion grundlegend in Frage zu stellen, wurden fundamentale Glaubenssätze verworfen. Dazu zählte die Vorstellung vom Fegefeuer sowie damit verbunden die Fürbitte für die Toten und die Mittlerrolle der Heiligen. Somit verlor für die Anhänger der Reformation der Zusammenhang zwischen Seelenheil und Nähe des Bestattungsortes zum Altar an Bedeutung. Nun stand nicht mehr das Seelenheil im Mittelpunkt, sondern die Trauer der Hinterbliebenen. Für die Reformatoren sollte der Friedhof ein Ort des Trostes und der Einkehr werden.

In diesem Sinne plädierte unter anderem Luther für eine Anlage der Friedhöfe außerhalb der Stadt. Gleichzeitig machte er auch angesichts der eng besetzten Kirchhöfe hygienische Bedenken geltend, wobei er durch medizinische Empfehlungen unterstützt wurde, so dass es bereits im 16. Jahrhundert zu ersten Friedhofsauslagerungen kam. Durchgreifend waren diese Veränderungen allerdings noch nicht. Im protestantischen Raum gab es noch lange ein zähes Festhalten an althergebrachten Bräuchen und der lutherische Klerus hatte wenig Interesse, Veränderungen durchzusetzen, weil er an den weiterhin prestigeträchtigen Kirchengräbern gut verdienen konnte. Dazu kam, dass in manchen Ländern die Gegenreformation prägend war, die zu einer neuen Dogmatisierung katholischer Riten führte. Dies gilt unter anderem für Frankreich, wo das Fegefeuerkonzept bis ins 18. Jahrhundert dominierte. Dennoch: Trotz dieses Beharrungsvermögens bedeutete die Reformation das Ende einer universellen Sinndeutung durch den alten Glauben. Zusammen mit Renaissance und Humanismus kam es zu einer neuen Vielfalt an Ideen, von denen entscheidende Impulse für eine nachhaltige Veränderung des Denkens ausgingen.

Doch erst mit der Aufklärung kam es zu einer grundlegenden Zäsur in der Haltung zum Tod. Die sachlich-rationale Sichtweise der Aufklärung führte für viele Menschen zu einem Plausibilitätsverlust der ausschließlich religiösen Weltdeutung. Selbst in weitgehend katholischen Ländern wie Frankreich verloren die althergebrachten christlichen Vorstellungen zunehmend an Bindungskraft, auch wenn der kirchliche Ritus weiterhin das Alltagsleben bestimmte. Dieses neue Bewusstsein zog eine Säkularisierung des Todes nach sich.

Für Frankreich weisen unter anderem Reihenuntersuchungen von Testamenten auf diese Veränderung hin, in denen sich zeigt, dass in der Zeit von 1730 bis 1780 fortschreitend christliche Gesten zugunsten des eigenen Seelenheils aufgegeben wurden. Dieser Wandel wirkte sich europaweit auf die Konzeption von Friedhöfen aus. Die beiden bestimmenden Faktoren waren hierbei hygienische Überlegungen sowie eine neue Empfindsamkeit im Umgang mit dem Tod. Diese beiden Aspekte waren auch Schlüsselelemente in den Bestattungskonzepten der Revolutionszeit. Vor allem begünstigt durch einen bis dahin beispiellosen Bruch mit religiösen Traditionen kam es zugleich auch zu Entwürfen einer radikal neuen Sepulkralkultur.

3.1. Früchte der Aufklärung: Hygiene und Nützlichkeitsdenken

Ein Anliegen weitgehend aller Friedhofskonzepte der Revolution war die Anlage der Friedhöfe nach hygienischen Gesichtspunkten. Damit schlossen sie direkt an einen Meinungsbildungsprozess im 18. Jahrhundert an, bei dem sich zunehmend die Ansicht durchgesetzt hatte, Grabstätten seien hygienisch bedenkliche Infektionsherde. Nach neuen medizinischen Erkenntnissen wurde angenommen, dass von verwesenden Körpern hochtoxische Ausdünstungen – sog. Miasmen – ausgingen. Diese Erkenntnisse ließen eine Bewegung zur Reformierung der Bestattung entstehen, deren Wortführer zunächst Ärzte und Wissenschaftler waren. Ihnen schlossen sich schon bald weite Kreise der aufgeklärten Öffentlichkeit an. Dies hing eng mit einer neuen Sensibilität für hygienische und medizinische Probleme zusammen, die mit der Aufklärung einherging und zu einer Vielzahl hygienisch-medizinischer Maßnahmen führte. Angesichts dieses neuen Bewusstseins wurden die Zustände auf den Friedhöfen nun als Skandal wahrgenommen.

Eine Hauptforderung der Bewegung war die Separierung der Friedhöfe von den Städten. Religiöse Elemente spielten bei den Aufklärern keine wesentliche Rolle mehr. Widerstand gegen diese Bewegung gab es vor allem von den Kirchen, die um ihren Einfluss fürchteten, und von Menschen, die an ihrer gewohnten Lebenswelt festhalten wollten. Dies galt vor allem für einfachere Menschen, die von der Aufklärung oft nicht erreicht wurden, aber auch für Teile der konservativen Oberschicht, die ihre privilegierten Kirchengräber nicht aufgeben wollten.

Da sich die Ideen der Aufklärung zunächst im gebildeten Bürgertum und der Oberschicht verbreiteten, wurde die Reformbewegung jedoch schon bald von einer Mehrzahl der ausschlaggebenden Meinungsmultiplikatoren und Entscheidungsträger befürwortet. So konnte sie sich im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend durchsetzen, selbst wenn aufgrund von Widerständen nicht selten Jahrzehnte bis zur Umsetzung ihrer Forderungen vergingen. Dies zeigte sich auch in Frankreich. Dort scheiterte 1763 ein Dekret des Pariser Stadtparlaments zur Schließung der innerstädtischen Friedhöfe und Anlage neuer Bestattungsplätze im Umkreis der Stadt am Widerstand der Kirchengemeinden. Nur zwei Jahre später wurde dann die Bestattung in Paris verboten. Auch wenn dieser Beschluss zunächst nicht umgesetzt wurde, hatte er doch eine richtungweisende Wirkung, die ihren Niederschlag 1776 in einer königlichen Deklaration fand, mit der die Verlegung gesundheitsgefährdender Friedhöfe aus den Städten angeordnet wurde. Zwar war auch die Umsetzung dieser Anordnung mit Verzögerungen verbunden, dennoch führte sie unter anderem dazu, dass der überfüllte Pariser Zentralfriedhof wegen hygienischer Missstände 1785/87 geschlossen und aufgegraben wurde.

Daran anknüpfend gab es zur Notwendigkeit einer Auslagerung der Friedhöfe aus den Städten auch in der Revolutionszeit einen breiten Konsens. Der Vorteil wurde nicht nur in der Befreiung der Stadtbewohner von den Miasmen gesehen, sondern auch in der Möglichkeit einer freieren Luftzirkulation außerhalb der Stadt, die als Beitrag zur Luftreinigung galt. Gleichzeitig sollte die Errichtung größerer Friedhöfe es ermöglichen, Einzelgräber in möglichst großer Distanz voneinander anzulegen. Damit sollte die Vermischung von Leichenabsonderungen verhindert werden, was besonders große hygienische Ängste hervorrief. Die räumliche Trennung der Körper entsprach zudem den revolutionären Prinzipien der Gleichheit und Individualisierung, sodass es auch zu einer Verbindung von hygienischen und politischen Vorstellungen kam.

Gab es zu diesen Aspekten noch weitgehende Übereinstimmung, galt dies nicht mehr für die Bepflanzung der Friedhöfe, der ebenfalls Einfluss auf die Hygiene zugeschrieben wurde. Dies zeigt sich beispielhaft an zwei Friedhofskonzepten, die von dem Administrator Monbalon 1791 in Bordeaux und Jean-Baptiste Avril 1794 in Paris vorgestellt wurden: Monbalon stand einer Bepflanzung kritisch gegenüber, denn er glaubte, die Fähigkeit der Pflanzen, "lebenswichtige Luft zu erzeugen", könne ihre andere Eigenschaft nicht ausgleichen, nämlich die Luft "im Schatten zu vergiften". Er problematisierte also den Schatten als hygienisches Problem und berief sich dabei auf den Naturforscher Priestley, der eine desinfizierende Kraft der Sonne beschrieb. Als Folgerung wollte er nur wenig Pflanzen mit schmalen Blättern zulassen, die keinen großen Schatten werfen. Dagegen betonte Avril in seinem Konzept den wohlriechenden Duft der Pflanzen, der die Miasmen neutralisieren könne. Wie bestimmend die Bepflanzung für seine Pläne war, verdeutlicht der Umfang der für sie vorgesehenen Fläche: Jeder der vier Friedhöfe, die die Pariser Verwaltung nach seinen Plänen außerhalb der Stadt anlegen wollte, hatte eine Fläche von zwanzig Morgen, von denen alleine acht für eine Begrünung vorgesehen waren.

Die Annahme einer positiven hygienischen Wirkung von Pflanzen, wie von Avril vertreten, setzte sich bis zum Ende der Revolution weitgehend durch. So forderte das Institut National während des Direktoriums, die Friedhöfe seien von den Städten durch Baumanpflanzungen abzugrenzen, damit die Luft auf dem Weg zur Stadt besser gereinigt werde. Von den Memoranden, die anlässlich eines Wettbewerbs des Instituts 1799 eingingen, sprachen sich zudem mehr als zwei Drittel für eine umfassende Bepflanzung der Friedhöfe aus. In diesen hygienischen Strategien zeigt sich eine Biologisierung des Todes, die zum Bestandteil naturwissenschaftlicher Welterfahrung wurde.

Dieser neuen Perspektive entsprangen nicht nur hygienische Überlegungen, sondern auch Verwertungsgedanken. So vertraten nicht wenige Revolutionsakteure die Meinung, auch der tote Mensch müsse einen gesellschaftlichen Nutzen haben. Dabei dominierten landwirtschaftliche Ideen. So schrieb der in den Büros des Direktoriums tätige Literat Duval, Friedhöfe sollten auf wenig fruchtbaren Böden angelegt werden. Die verwesenden Körper würden diese in gutes Ackerland verwandeln und so die Toten die Lebenden ernähren; andere Autoren machten ähnliche Vorschläge. Eine landwirtschaftliche Nutzung des Friedhofs findet sich bereits im Mittelalter, etwa im Weiden von Vieh auf den Kirchhöfen. Allerdings zeigt sich in den Ansätzen der Revolutionszeit eine ganz neue Qualität im Verhältnis zum Tod. Im Mittelalter war dieses noch in ein sakrales Konzept eingebunden, das von dem Communio-Sanctorum-Gedanken (Gemeinschaft der Lebenden und Toten) geleitet war und die Toten – und somit auch den Kirchhof – in das Leben integrierte. So ging es also bei der Nutzung des Friedhofs nicht um eine Nutzung der Verstorbenen selbst. Dies ist der zentrale Unterschied zu den Revolutionsansätzen, in denen der tote Körper als nutzbare Komponente zur Düngung des Bodens angesehen wird.

Besonders deutlich und zugespitzt zeigt sich diese neue Qualität in einem Vorschlag, den ein Leutnant Delacroix 1794 dem Konvent machte. In seinen Augen sollten Friedhöfe durch große Destillationsanlagen ersetzt werden, in die die Toten zu bringen seien, um bei geringen Kosten Öl und Seife herstellen zu können:

"Statt uns Angst zu machen, würden unsere Eltern, unsere Freunde und unsere Feinde unsere Schritte in der Dunkelheit leiten und mit allen darin wetteifern, uns vor Übeltätern zu bewahren; außerdem wäre dies eine Rohstoffquelle für die Seifenherstellung [...]."

Der tote Leib wird in dieser Anschauung auf sein biologisches Ende reduziert, was erst seine Verwertung ermöglicht. Ein solches Nützlichkeitsdenken war keinesfalls ein revolutionsspezifisches Phänomen, sondern lässt sich bereits seit Anfang des 18. Jahrhunderts mit zunehmendem Interesse der Medizin am toten Körper beobachten. Dieses war mit einer geradezu ausufernden Obduktionspraxis verbunden, die zunächst vor allem Hingerichtete, später dann auch Arme zu Versuchsobjekten machte und ebenfalls mit dem Hinweis auf gesellschaftlichen Nutzen legitimiert wurde.

(Teil 2 folgt in der nächsten Ausgabe)

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Katastrophen und Unglücksfälle (Mai 2009).
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