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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein "feiner stiller ort" - Der Stadtgottesacker Halle und seine Grabgewölbe

War es die Angst vor Seuchen, die 1529 außerhalb Halles zur Anlage des Stadtgottesackers führte?

Oder ist der Friedhof dem baubegeisterten Kardinal Albrecht von Brandenburg zuzuschreiben? Er nämlich ließ ein Jahr später, 1530, die beiden gotischen Kirchen der Saalestadt, St. Marien und St. Gertruden, bis auf ihre Turmpaare abreißen und danach auf deren Zwischenraum das Kirchenschiff der heutigen Marktkirche errichten. Damit wurde Ersatz für die bis dahin bestehenden beiden Friedhöfe nötig. Der Kardinal sah außerhalb der Stadtmauern auf dem Martinsberg eine seinen Vorstellungen entsprechende Möglichkeit. Und folgte damit – wohl unbewusst – dem protestantischen Widerpart Martin Luther und seinen Friedhofsvorstellungen, nach denen dies ein abgesonderter „feiner stiller ort” sein sollte, „darauf man mit andacht gehen und stehen kuendte, den tod, das Juengste gericht und auferstehung zu betrachten und bethen”.

Wie auch immer: Zwischen 1590 und 1594 sah sich der Hallesche Ratsbaumeister Nickel Hofmann für die Ausgestaltung der Ruhestätte als ummauerten Raum der Stille im Stil der italienischen Renaissance verantwortlich. Er nahm sich dafür den italienischen Campo Santo zum Vorbild und schuf mit dem Stadtgottesacker Halle ein in Deutschland herausragendes und in seiner Geschlossenheit einzigartiges Renaissancedenkmal.

Das streng rechteckig angelegte Areal umgibt eine bis zu sechs Meter hohe Mauer mit 94 Grabgewölben. Sie sind vom Friedhof aus einsehbar, aber, da kunstvoll mit Eisen- oder Holzgittern abgegrenzt, nicht zu betreten. Die mit Ornamenten und Inschriften versehenen Vorderseiten der Arkaden sind gleichermaßen höchst eindrucksvolle Zeugnisse ihrer Zeit und deshalb ebenso von kunsthistorischem Wert.

Das Innere des Gevierts, Anfang des 19. Jahrhunderts gärtnerisch gestaltet, ist mit Grabstätten jüngeren Datums voll belegt. Seit drei Jahren aber können in ausgewählten Grüften und auf Grabfeldern unter Achtung der historischen Bezüge Urnen beigesetzt werden.

Halle
Grabbogengewölbe auf dem Stadtgottesacker Halle (Foto: Schreiber)

Die Grabbogengewölbe, im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erhaltungsbedürftig, wurden im Zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen schwer beschädigt. In den 50er-Jahren gelang nur eine teilweise Instandsetzung. 1998 begannen schließlich Sicherungs- und Instandsetzungsmaßnahmen, die 2001 abgeschlossen werden konnten. In Inschriften auf den Arkaden wie zum Beispiel „Bis zur Zerstörung im Jahre 1945 stand hier der 5. Bogen, durch Lazarus Czoch am 24. November 1559 als Bekenntnis zur Auferstehung der Toten erbaut. Seit 1794 ist hier die Grabstätte der Familie August Hermann und Agnes Wilhelmine Niemeyer und ihrer Nachbarn. In 2000 erneuert” wird der Nachwelt denkmalpflegerisches Engagement dokumentiert.

Die intensiven Erhaltungsmaßnahmen auf dem Stadtgottesacker Halle verdienen den Respekt und die Anerkennung des Betrachters – und jene, die sie ermöglicht haben, ebenso: Voran Dr. Marianne Witte und ihre Stiftung „in dankbarer Erinnerung an ihren Vater Prof. Dr. Karl Ziegler (1898 –1973), Träger des Nobelpreises für Chemie 1963, Ordinarius an der Universität Halle 1936 bis 1945”. Neben verschiedenen Behörden Halles und des Landes Sachsen-Anhalt sind hier die Stiftung Bauhütte Stadtgottesacker und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zu erwähnen.

Die außerhalb Halles wohl bekannteste Persönlichkeit, die in einem Grabbogengewölbe des Stadtgottesackers ihre letzte Ruhe gefunden hat, ist (der in Lübeck geborene) Pietist August Hermann Francke (1663–1727). Gemeinsam mit der Pietistengemeinde Halles schuf er die Francke’schen Stiftungen, ein Musterbeispiel christlicher Fürsorge und Mission. Als Armenanstalt begonnen, verfügte sie bald über eine Bürgerschule, ein Waisenhaus, ein Pädagogium, eine Lateinschule, eine Buchhandlung, eine Druckerei und eine Apotheke – und wurde somit bis in die Gegenwart hinein zu einer Kleinstadt christlicher Selbst- und Nächstenhilfe.

Francke
Grabmedaillon für August Hermann Francke (Foto: Schreiber)

Das Francke’sche Grabgewölbe mit seinem Gruftbogen auf dem Stadtgottes-acker ist zugleich ein herausgehobenes Zeugnis denkmal- und kulturschützenden Engagements. Zum 300-jährigen Bestehen der Anstalten wurde der Innenraum der Gruft ausgestaltet, die vier stark beschädigten Epitaphien nach überlieferten Vorgaben neu angefertigt. Zwei der vier ursprünglich vorhandenen Medaillons sind in Obhut der Kustodien der Universität. Auch hier wurden originalgetreue Nachbildungen ausgeführt; aus Sicherheitsgründen aber lediglich Fotos davon in der Gruft angebracht.

Luckner
Ruhestätte der Familie Graf Luckner (Foto: Schreiber)

In unmittelbarer Nähe dazu ist die Ruhestätte der Familie Graf Luckners zu finden. Es sind die Vorfahren und Verwandten des „Seeteufels” Felix Graf Luckner, geboren 1881 in Dresden, der Halle als seine Heimatstadt bezeichnete. Sein schlagzeilenträchtiges, von Legenden und Fragwürdigkeiten geprägtes Leben endete 1966 in Malmö. Seine letzten Jahre verbrachte er in Hamburg; beigesetzt wurde er auf dem Friedhof Ohlsdorf (Grablage AB 13, 89-90).

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Baumbestattungen (Februar 2004).
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