OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Sieben vorbei und acht verweht

 - Februar 2003
Ausgabe: 
Nr. 80, I, 2003

Ein Kapitän, eine geheimnisvolle Botschaft auf seinem Grabstein und das Ende einer weltweiten Brüderschaft

Eine Zufallsentdeckung beim Streifzug über den Ohlsdorfer Friedhof - und auf der Stelle ein Zeitsprung über ein halbes Jahrhundert zurück: Wieder ein 15-jähriger Schüler, der in den frühen 50er Jahren das altersgemäße Fernweh gedanklich in die Weite schickt: "Sieben vorbei - acht verweht. Wache kommt - Wache geht", so steht es auf dem Grabstein von Kapitän Bernhard Masson, geschmückt mit dem Konterfei eines Seevogels.

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"Grabstein Bernhard Masson" (Foto: Schulze)

"Sieben vorbei und acht verweht": So hieß das Buch damals, das in meisterhaft verständlicher Weise die Abenteuer früher Entdeckungen schilderte und gerade jüngere Menschen in einer Zeit ohne Fernsehen, in der Ferien-Radtouren ins Weserbergland als größte realisierbare Abenteuer galten, in seinen Bann zog. Was aber ist der Ursprung dieser geheimnisvoll-mystischen Botschaft? Wie ist sie zu deuten? Was verbindet sie mit der Inschrift auf dem Grabstein des Kapitäns?

Das wie schon so oft weiterhelfende Internet weist zunächst auf das 1952 im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe in zehn Auflagen erschienene Buch hin. Mit Hilfe des sehr entgegenkommenden Verlagsarchivs schließlich die Erklärung des Verfassers Paul Herrmann für die Wahl des Titels: Wenn auf den drei Karavellen des Kolumbus der Schiffsjunge zum letzten Male während der endenden Nachtwache die Sanduhr umgedreht hatte, wenn sieben Glasen vorbei war und das achte in halbstündigem Rieseln verwehte - unablässig, unaufhaltsam, als deutlich sichtbares Sinnbild der verwehenden Zeit -, dann sang er "In Gottes Namen: Sieben vorbei und acht verweht. Amen" über das stille Schiff. So geschah es in der Stunde zwischen Nacht und Morgen, so seit alters auf allen Schiffen von Aragon und Kastilien. Dann, wie es auf dem Stein weiter heißt, wohl aber eine Ergänzung aus neuerer Zeit: Wache kommt - Wache geht.

Ist die Inschrift auf diesem Grabmal unter den vielen von Seefahrern in Ohlsdorf allein schon bemerkenswert: Welche Bedeutung hat zudem das rote, blau umrandete Wappen mit dem Seevogel und der Bezeichnung A.I.C.H. St. Malo? Es weist darauf hin, dass der 1993 im Alter von 79 Jahren gestorbene Kapitän Bernhard Masson Mitglied des exklusivsten Zusammenschlusses der Welt gewesen ist, der "Amicale Internationale des Capitaines au Long Cours Cap Horniers". Wer Mitglied werden wollte in der 1936 im bretonischen St. Malo gegründeten Brüderschaft, musste mindestens einmal als Kapitän eines Frachtseglers Kap Hoorn umrundet haben und durfte sich dann "Albatros" nennen - nach dem stattlichen Seevogel, der im Polarmeer den Schiffen Geleit gab und das Wappen der Cap Horniers ziert. Besatzungsmitglieder ohne Kapitänspatent tragen die Bezeichnung "Malamok" - nach dem dem Albatros verwandten kleineren Seevogel.

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"Kapitän Bernhard Masson" (Foto: Privat)

Alle deutschen "Albatrosse" haben längst ihre letzte große Reise angetreten. Noch aber leben an die 90 "Malamoks". Zu ihnen gehörte der 1914 in Bremerhaven geborene Bernhard Masson. Zwischen 1929 und 1931 hat er auf dem Segelschulschiff "Bremen" des Norddeutschen Lloyd als Schiffsjunge, Leichtmatrose und Matrose viermal Kap Hoorn gemacht. Bis 1939 fuhr er, seit 1938 Kapitän auf großer Fahrt, weiter zur See, wechselte dann aus Gesundheitsgründen auf schifffahrtsbezogene Landstellungen in Bremen, Berlin und Bremerhaven und ging schließlich 1957 in den Seefahrtsbehörden in Hamburg vor Anker. Als er 1979 pensioniert wurde, war aus dem Kap-Hoorn-Segelschiffsjungen ein Ministerialrat in der Abteilung Seeverkehr des Bundesministeriums für Verkehr geworden.

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"Wappen der A.I.C.H." (Repro: Schulze)

"Sieben vorbei und acht verweht": Schon bei Gründung der Amicale vor nahezu 70 Jahren war abzusehen, dass die internationale Vereinigung, die sich keine verbindliche Satzung gegeben hatte, nicht mehr auf Nachwuchs hoffen konnte und deshalb nur auf Jahrzehnte Bestand habe werde. Denn schon damals hatten Dampf und Diesel die Frachtensegler trockengelegt.

So sind die letzten traditionsbewussten Cap Horniers der deutschen Sektion jetzt im Durchschnitt 88 Jahre. Sie halten an ihren festgefügten Aufnahmeregularien fest - anders als einige selbstständige Sektionen im Ausland. Dort können sich auch Besatzungsmitglieder von Militärfahrzeugen oder kentersicheren Hochseeyachten "Cap Horniers" nennen.

"Sieben vorbei und acht verweht": Für die weltweite Brüderschaft der Cap Horniers wird es keine Wachablösung mehr geben. In diesem Jahr wird sich die internationale Sektion ein letztes Mal im Gründungsort St. Malo treffen und sich danach auflösen. Dann bleiben der deutschen noch zwei Jahre. Und in absehbarer Zeit danach, so der 78-jährige Kapitän Hans Jürgen Peters aus Kiel im "Hamburger Abendblatt", hierzulande der Jüngste der Cap Horniers und Präsident der deutschen Sektion, werde der Letzte die Flagge mit ins Grab nehmen - "und dann ist das nur noch Geschichte". Wache geht...

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