Direkt zum Inhalt

OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Annegret List: Das Alte Krematorium Gera

Dresden 2000. 80 Seiten, zahlreiche Abbildungen

Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um die überarbeitete Fassung von Anngret Lists Diplomarbeit, die 1998 an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur eingereicht wurde.

Der Krematoriumsbau der Kaiserreich-Zeit gehört zu den monographisch immer noch kaum untersuchten Forschungsfeldern im Schnittpunkt von Architektur, Kultur, Gesellschaft, Religion und Politik (die Veröffentlichung der im Manuskript fertiggestellten Dissertation des leider frühverstorbenen Henning Winter zu diesem Thema steht noch aus). Annegret List hat sich der Entstehungsgeschichte des Krematoriums und seiner technischen Einrichtungen im zeitgenössischen Kontext angenommen und liefert damit einen wichtigen Baustein zur Sepulkralgeschichte.

In den ersten Abschnitten erläutert sie den Forschungsstand, beschreibt die historische Entwicklung der Bestattungskultur und die Aktivitäten des Feuerbestattungsvereins Gera (der das Krematorium initiierte). Anschließend geht sie ausführlich auf die Baugeschichte ein. Das 1910 in Betrieb gegangene Geraer Krematorium gehört zwar nicht zu den frühen Bauten seiner Art, zeigt im Architektonischen gleichwohl jene Spannung zwischen Technik und (Bestattungs-) Kultur, die allgemein für die Krematorien der Kaiserreich-Zeit charakteristisch ist. Auch in Gera war man bemüht, den eigentlichen technischen Kern der neuen Bestattungsart architektonisch regelrecht zu verhüllen – hier mit den Mitteln des Jugendstils.

Darüber hinaus aber zeigt das Geraer Krematorium eine international wohl einmalige Besonderheit, die mit dem Stichwort "Monistenloch" verbunden ist und Beispiel für die Konflikte zwischen Feuerbestattung und Kirche ist. Die Landeskirche im thüringischen Kleinfürstentum Reuß (jüngere Linie), zu dem Gera damals gehörte, setzte durch, daß für nicht-christliche Bestattungsfeiern ein separater Versenkungsschacht benutzt werden mußte, um den Sarg in den Einäscherungstrakt zu befördern. Dieses als "Monistenloch" bezeichnete Kuriosum blieb bis nach dem Ersten Weltkrieg bestehen – der Begriff geht auf den kurz zuvor im benachbarten Jena gegründeten Monistenbund zurück, zu dessen Anhängern auch ein bekannter Kommunalpolitiker aus Gera zählte. Neu und ebenfalls als baugeschichtliches Kuriosum zu bezeichnen ist auch die Verbindung von Krematorium und Kolumbarium in Gera, die auf den Stadtbaurat Adolph Marsch zurückgeht und daher als patentiertes "Kremato-Columbarium System Marsch" in die Krematoriumsgeschichte einging. Das Geraer Krematorium wurde bis Ende der 1990er Jahre genutzt und gilt heute als wichtiges Architektur- und Technikdenkmal. Seiner Restaurierung, der Aktivierung des Kolumbariums als Begräbnisstätte und weiteren – auch musealen – Nutzungsmöglichkeiten widmet sich Annegret List in den letzten Abschnitten ihrer für die Sepulkralforschung überaus wichtigen Monographie.

Bezugsquelle: Annegret List, Wachwitzgrund 7, 01326 Dresden

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft In der Fremde begraben (Februar 2001).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2020).