OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wenn die Verstorbenen heute noch "erzählen"

 - Mai 2011
Ausgabe: 
Nr. 113, II, 2011

Ein Projekt soll die historischen Grabsteine auf dem Friedhof der Nordseeinsel Amrum vor dem Verfall retten.

Friedhöfe – eigentlich Orte der Stille, Treffpunkt von Trauernden und weniger Sehenswürdigkeiten für Touristen. Auf der Nordseeinsel Amrum im nordfriesischen Wattenmeer ist das allerdings ein bisschen anders. Hier liegt ein kleiner Friedhof mitten im Ort Nebel auf dem Grund und Boden der Kirchengemeinde St. Clemens, bewacht von der reetgedeckten Kirche. Dieser Friedhof trotzt zwar dem touristischen Trubel, ist aber dennoch ein Anziehungspunkt. Hier muss man als Urlauber einmal gewesen sein. Nicht nur wegen der sehenswerten Kirche, sondern wegen der historischen Grabsteine, die einen Teil des Friedhofs einnehmen.

"Sprechende Steine" werden sie im Volksmund genannt. Und das aus gutem Grund. Sie erzählen das Leben der alten Seefahrer und ihrer Familien. Hier wird die Heimatgeschichte der Insel Amrum wieder lebendig. Ein interessanter Widerspruch, wenn man bedenkt, dass hier die Toten ruhen. Doch die alten Grabstätten sind längst eingeebnet und neu belegt, die Steine bis auf einen kleinen Bereich wahllos aneinandergereiht zusammengestellt. Zum Teil kaum noch lesbar verschwinden sie an manchen Stellen hinter Büschen und Bäumen. Dabei lesen sich ihre Worte so spannend wie ein Buch, ihre kunstvoll gestalteten Buchstaben und Bilder faszinieren.

Diese steinernen Tagebücher der Vergangenheit beinhalten ganze Lebensgeschichten. Schicksale spiegeln sich in ihnen wider. Auf den historischen Denkmälern stehen viele familiäre Ereignisse der vergangenen Zeit. Beruf und gesellschaftlicher Stand von damals beschreiben noch heute das Leben auf Amrum vor mehreren hundert Jahren. Anzahl der Kinder, Daten der Eheschließung, ob in glücklicher Ehe oder die tragisch verstorbene Ehefrau im Kindbett: Die als kühl geltenden Nordfriesen zeigen mit den liebevollen Inschriften große Zuneigung gegenüber den Verstorbenen. So ist der noch relativ gut erhaltene Stein des Schiffers Andreas Finck ein Spiegelbild seiner ganzen Familie. Wie die Orgelpfeifen aneinander gereiht zieren sie den Grabstein aus dem Jahre 1738. Doch nicht nur die Daten lassen Rückschlüsse auf damals zu. Die dargestellten Personen geben beispielsweise auch Auskunft über die damalige Mode. So beschreibt es jedenfalls Theodor Möller in seinem Buch "Der Kirchhof auf Amrum und seine alten Grabsteine" von 1926: "Frauen und Mädchen tragen über dem Smok – auch Hemd genannt – einem Unterkleid aus Wolle oder Leinen, den ‚Kortel‘ ein Wollkleid, das in der Mitte durch einen Gürtel zusammen gehalten wird. An den Füßen bemerken wir die damals üblichen Knöchelbinden. Den Mann und die Knaben sehen wir gekleidet wie damals die Schiffer in holländischen Hafenstädten."

Oft sieht man kunstvoll bis ins kleinste Detail gemeißelte Schiffe. Von klein bis prächtig zieren sie die Steine der Kapitäne und Schiffer. Bibelverse nehmen zudem einen großen Raum ein. Viele Steine sind sogar auf der Rückseite beschriftet. Auch der wohl bekannteste Vorfahr der Amrumer Hark Olufs ist hier mit seiner Lebensgeschichte kunstvoll in Sandstein verewigt. Sein Denkmal berichtet von der Gefangennahme durch türkische Seeräuber und dem Verkauf als Sklave, aber auch von seinem frühen Tod auf Amrum.

Insgesamt sind 152 Steine registriert. Der älteste von ihnen stammt aus dem Jahre 1678. Sie alle zusammen zeigen der Nachwelt ein klares Bild des Lebenswandels auf der Insel vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Deutlich wird die hohe Geburtenrate in so manchen Ehen, aber das bedeutet für die damalige Zeit nicht unbedingt Kinderreichtum. Viele Kinder starben im frühen Alter oder schon bei der Geburt samt der Mutter im Kindbett. Auch das ist bei dem einen oder anderen Grabstein vermerkt.

Eine Fülle von Informationen bietet sich den Betrachtern. So gibt der Stein von Hinrich Quedensen von 1799 einen Hinweis auf die Todesursache. "Er verunglückte am 19. August 1799 zwischen Amrum und Föhr" heißt es auf dem kunstvoll verzierten Stein. Wurde er von der Flut überrascht, ging er mit einem Schiff unter? Den Nachfahren wird der Grund vielleicht bekannt sein, auch in den Kirchenbüchern ist sicherlich ein Hinweis zu finden, aber dem Betrachter des Steins tut sich ein Rätsel auf, etwas Geheimnisvolles, das neugierig macht auf die Zeit vor vielen hundert Jahren mit allen ihren Lebensgewohnheiten. Und dass schon damals der Krebs für ein langes Leiden sorgte, bezeugt heute noch die Inschrift von Rauert Peters und Göntje Rauerts. "…die Ehefrau starb an einer schmerzhaften Krebskrankheit nach ausgestandenen vielen Leiden…" heißt es dort bereits 1787.

Die fast ausschließlich aus Sandstein bestehenden Grabsteine konnten sich zwar bis heute über 400 Jahre halten, doch ihre Inschriften zeigen, wie empfindlich die Zeugen der Vergangenheit sind. Bei Umwelt- und Witterungseinflüssen sich selbst überlassen, verblassen heute ihre wertvollen Informationen aus einer anderen Zeit zusehends. Flechten, Algen und Moose setzen ihnen arg zu. Bei manchen gerade noch lesbar, können andere Inschriften nur noch knapp ertastet oder gerade noch erahnt werden. Eisendübel aus früheren Jahren zur Befestigung sind korrodiert und haben teilweise das Material gesprengt.

Diesen Zustand beschreibt bereits Amrums Inselchronist Georg Quedens in seinem Buch "Im Hafen der Ewigkeit". Er befürchtet seit Jahren, dass die im Buch vorhandenen Illustrationen wohl das letzte Zeugnis der alten Grabsteine auf dem Amrumer Friedhof sind. Damit sie aber nicht nur auf Fotos erhalten bleiben, denkt man in der Kirchengemeinde St. Clemens schon seit langem darüber nach, wie man die Steine retten könnte. Dem Versuch, sie in einer eigens dafür geplanten Ausstellungshalle unterzubringen, hatte das Denkmalsamt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es untersagte seinerzeit die Versetzung der Steine, da sie nicht vom Friedhofsgelände entfernt werden durften. So herrschte vorerst Ratlosigkeit.

Um auch unseren Nachfahren noch diese Hinterlassenschaft zugänglich machen zu können, haben eine Reihe engagierter Insulaner zusammen mit der Kirchengemeinde einen neuen Anlauf gewagt, die steinernen Dokumente mit Hilfe von Fachleuten vor dem Verfall zu retten. Ein Restaurator hat nun im Frühjahr 2010 jeden einzelnen Stein, seine Vorder- und zum Teil auch Rückseite, fotografiert, beschrieben und in einem Katalog zusammengestellt.

Die Restaurierung der Steine ist ein kostspieliges und sehr zeitaufwendiges Unterfangen. Zwischen 300 bis 4000 Euro je nach Größe und Aufwand sind pro Stein veranschlagt. Bei 152 Steinen und Gesamtkosten von 300.000 Euro ist das für die kleine Amrumer Kirchengemeinde St. Clemens allein ein nicht realisierbares Vorhaben. Für die Nutzung möglicher Fördergelder über verschiedene Institutionen ist immer noch ein Eigenanteil von 40.000 – 50.000 Euro erforderlich.

Zudem sollen die Steine auch ihren Standort wechseln. Die Kommune hat hier ihre Unterstützung bereits zugesagt und einer Erweiterung des Friedhofs zugestimmt. Im Zuge der Restaurierung werden die historischen Grabsteine dann dort – nur wenige Meter von ihrem alten Standort entfernt – einen endgültigen Platz erhalten, wo sie Einheimischen und Gästen auch weiterhin zugänglich sind.

Unter dem Motto "Werden Sie steinreich" werden nun Paten gesucht, die die Restaurierung eines Steines mit einem finanziellen Beitrag unterstützen und damit ermöglichen, den dafür noch notwendigen Eigenanteil aufzubringen. Einige alt eingesessene Familien haben sich schon bereit erklärt, das Denkmal ihrer Vorfahren zu übernehmen und so wesentlich zum Erhalt einer lebendigen Heimatgeschichte beizutragen. Aber auch Amrumliebhabern, langjährigen Feriengästen oder Menschen, die sich mit der Insel einfach verbunden fühlen, liegt viel an diesen geschichtsträchtigen Denkmälern. Auch sie haben Interesse an einer Patenschaft signalisiert. In mehreren Veranstaltungen mit Unterstützung von Fachleuten wie Historikern und Denkmalschützern haben die Amrumer mit dieser Idee eine vertretbare Lösung gefunden. Bis zum Frühjahr 2013 soll dieses ehrgeizige Projekt in die Tat umgesetzt werden.

Die Steine sollen allesamt nicht nur restauriert, sondern auch gleichzeitig konserviert werden. Nach einer gründlichen Reinigung und Entfernung von Algen und Flechten und alter Eisenteile werden sie mit einem transparenten Silikonharz überzogen. Dadurch bleibt das Erscheinungsbild erhalten und der langfristige Feuchtegehalt, der ursächlich für den Flechten- und Algenbefall ist, wird reduziert. Zurzeit stehen die Grabplatten noch auf dem Boden. Durch Wasseransammlungen werden sie allerdings mit Feuchtigkeit stark belastet. Ein Schotterbett wird Abhilfe schaffen.

Die "Sprechenden Steine" berichten so viel aus der Inselgeschichte, dass sich dieser Aufwand mit Sicherheit lohnt. Sie sind historische Denkmäler, in denen sich die Kultur, die Schicksale und familiäre Ereignisse der kleinen Insel Amrum aus einer Zeit vereinen, die für die Amrumer durch florierenden Fischfang eher zu den goldenen Zeiten gehörte, während das damalige Weltgeschehen geprägt war von Ereignissen wie dem großen nordischen Krieg und der französischen Revolution.

Sicherlich lassen sich viele Begebenheiten auch anhand von Kirchenbüchern nachvollziehen, doch es hat seinen besonderen Reiz, diese Steine zu betrachten, sich seine Gedanken über die Amrumer Geschichte zu machen und die Kunst des Steinmetzes aus längst vergangenen Zeiten zu genießen.

Weitere Auskünfte und Informationen über das Projekt sind auf der Homepage www.amrum-kirche.de sowie bei der Kirchengemeinde St.Clemens direkt unter Tel. 04682/2389 oder per E-Mail kirchenbuero@amrum-kirche.de erhältlich.

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