OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Abschied von Zenon J., genannt „Klaus” - Ein Nachruf

 - August 2004
Ausgabe: 
Nr. 86, III, 2004

Er hatte seinen festen Platz im „Pik As”: Zenon J., genannt „Klaus”. Da saß er im Innenhof auf seinem Schemel, einer alten Brotkiste, fast wie auf einem kleinen Thron.

Um sich herum hatte er seine wenigen Habseligkeiten liebevoll aufgebaut, kleine Porzellanfiguren und anderes. Jeden Tag war er da mit seiner Zeitung, seinem Bier und manchmal auch seinem Korn. Klaus sprach nicht viel, schon gar nicht über sich selbst. Wenn die Ärztin kam, war er immer der erste am Wagen, holte sich seine Kopfschmerztabletten, die er mit dunkler Stimme einforderte. Es ging eine merkwürdige Ausstrahlung von ihm aus, die einerseits anzog und andererseits auch auf Distanz hielt. In jedem Fall aber Respekt erzeugte. Tag für Tag, jahrelang, hat Klaus so seinen Tag verbracht. Er gehörte zum „Pik As” und das „Pik As” zu ihm.

Und nun ist sein Platz leer. Von Heute auf Morgen. Ein Herzanfall hat ihn plötzlich aus dem Leben gerissen. Er fehlt. Allen. Aber so einfach will man ihn nicht gehen lassen. Und so kommen seine Freunde und eine Freundin noch einmal zu einer Abschiedsfeier zusammen. Sieben an der Zahl. Auch die Ärztin und die Krankenschwester sind dabei. Sie wollen ihrer Trauer Raum geben und Klaus als letzten Liebesdienst auf dem letzten Weg begleiten.

Kahl ist der Feierraum auf dem Friedhof. Ein kleiner Blumenstrauß liegt bei der Urne. Wir hören „Memories” aus dem Musical „Cats”. Rührung kommt auf. Dann bedenken wir, wie wechselvoll das Leben eines jeden Menschen sein kann. Und wir erinnern uns an Klaus, wie sein Leben verlaufen ist, was er gesagt hat, wie er sich verhalten hat.

Klaus hat die ersten Jahrzehnte ein „bürgerliches Leben” geführt. Er machte beruflich Karriere, war verheiratet und hatte eine Tochter. Aber dann hat das Schicksal zugeschlagen und sein Leben total verändert: seine Tochter wurde entführt, zur Prostitution gezwungen und mit Drogen ermordet. Das hat Klaus keine Ruhe mehr gelassen. Er hat den Mörder seiner Tochter ausfindig gemacht und erschossen. Er wurde verurteilt. „Ich war mit ihm viele Jahre im Gefängnis zusammen”, erinnert sich Costa, einer seiner Freunde, mit Tränen in den Augen, „wir haben uns sehr gut verstanden!” „Und mir hat er immer geholfen, wenn es mir schlecht ging. Ich konnte immer zu ihm kommen!” bricht es aus der Freundin hervor. Und Eddi, ein weiterer Freund, ergänzt: „Wir alle mochten ihn, auch wenn er seine Ecken und Kanten hatte. Er war eine Persönlichkeit.”

Nach dem Gefängnis ist Klaus „abgestürzt”. Er griff zum Alkohol und fand seinen Platz im „Pik As”. Ein gebrochener, aber kein zerbrochener Mann, wie es deutlich wird. Es passt zu ihm, als wir die Melodie von Frank Sinatras „I Did It My Way” erklingen lassen. Und es kommt uns so vor, als sei er plötzlich wieder unter uns. Das tut gut. Und Trost gibt auch das Bibelwort aus dem Römerbrief, dass „uns nichts, was es gibt oder geschieht, von der Liebe Gottes trennen kann”. Mit der Melodie des „Ave Maria” beschließen wir die Feierstunde.

Der Weg zum Grab verläuft schweigsam. Jeder hängt seinen Gedanken und Erinnerungen nach. Jeder von uns hat auch etwas von sich im Leben von Klaus wiedergefunden. Am Grab geben wir Klaus kleine wilde Gänseblümchen mit auf den Weg. Und eine Flasche Korn, die seine Freunde für diesen Abschied erspart haben. Sie wird über der Urne geleert. „Lass mich den Rest ausgießen”, sagt Costa, als die Flasche fast leer ist, „ich habe seinen letzten Korn mit ihm getrunken!” Danach bleiben seine Freunde noch eine Weile am Grab und trinken ein letztes Bier auf sein Wohl.

Später fahren sie im Bus an mir vorbei. Wir winken uns zu. Mit einer gewissen Freude in den Gesichtern. Denn es hat uns allen wohlgetan, so von Klaus Abschied zu nehmen. Zu seiner Würdigung und für unsere eigene Würde.

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