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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Meine Skulptur "Grablegung Jesu"

Ein großes rostfarbenes Objekt steht seit Oktober auf der Wiese vor den deutschen Soldatengräbern, nicht zu übersehen, für den, der über den Friedhof fährt.

Wer stehen bleibt, vom Fahrrad steigt oder sein Auto anhält, um zu sehen, was ihn da ärgert, intrigiert oder neugierig macht und auf die Eisenskulptur zugeht, sie umrundet, wird erkennen, dass eine große Kreuzform von 10 x 8 Metern die Basis der Skulptur bildet.

Aus der Eisenfläche erheben sich drei liegende Figuren, senken ihre ausgestreckten Arme über die Köpfe nach vorne, um eine vierte liegende Figur sanft zu halten, um sie in eine dunkle Grabstelle zu legen.

Die Figurengruppe stellt die Grablegung Jesu dar.

Die Bettung des toten Christus verheißt den Menschen Auferstehung: sie erstehen aus der Fläche und beugen sich gemeinsam, aber doch ganz unterschiedlich in ihrer Gestik, zu dem Toten: Die gemeinsame Trauer der Hinterbliebenen im letzten Akt des Begräbnisses.

Von März bis Oktober 2000 stand diese Skulptur auf dem Vorplatz der Michaeliskirche als Teile meiner Ausstellung "Kreuzwege" in der Krypta des Michels, die Themen der Passionszeit beinhaltete. Die "Umbettung" des Objekts zu seiner endgültigen "Grabstätte" an der Mittellallee in Ohlsdorf brachte sie von St. Michaelis nach hierher an den wohl richtigen Ort.

Mir, als Gestalterin dies Skulptur, ist es ein Erlebnis, die Gruppe bei Tag und Nacht, bei Sonne und Regen, vom Herbst bis in den Winter dort in diesem symbolischen Akt verharrend zu wissen. Der Rost auf den Figuren erinnert an die Vergänglichkeit.

Die "Farbe" Rost überzieht die Figuren mit einer samtenen Patina. Die geometrischen Flächen erhalten mit dem sich ändernden Lichtverhältnissen, wie Licht und Schatten, direktem und indirektem Licht die verschiedensten Rot-Orange-Braun- bis Violett-Töne. Je nach Standpunkt verdichten sich die Flächen der Figuren oder werden fast zu Linien.

Im Frühsommer werden das Gras und einige Blümchen die Kanten der Kreuzplatte erreichen und Jesus wird "gebettet" sein.

Von der Fläche in den Raum: In der Suche nach Reduktion und Abstraktion, nach Körper und Raum, gehe ich von der Fläche aus und gestalte die Figuren in strikten minimalen Eingriffen. In den drei gleichen Ausschnitten der elementaren Menschenformen liegen schon die individuellen Körper der Figuren und ihrer Gestik. Jede der drei Figuren entsteht aus der gleichen Grundfläche. Sie ergeben aneinander geschoben die Kreuzform.

Die Eisenskulptur wurde unter meiner Aufsicht und Anweisung nach einem Modell 60x80 cm in der Lehrwerkstatt der Schiffswerft Blohm + Voß gebaut.

Zu obigem Artikel veröffentlicht die Redaktion im folgenden zwei Stellungnahmen:

Ist diese Skulptur speziell für den Friedhof Ohlsdorf und für den jetzt gewählten Aufstellungsort angefertigt worden oder hat man nur einen genügend großen freien Platz im öffentlichen Raum dafür gesucht?

Mein erster Eindruck beim Vorbeifahren war: viel angerostetes Eisen liegt wie freischwebend auf Unterlegscheiben auf vorher freier Rasenfläche. Beim Betrachten aus der Nähe kamen mir zunächst zwei Vergleiche in den Sinn: einerseits Erinnerung an den Teil "Hamburger Feuersturm" des "Gegendenkmals" von Alfred Hrdlicka beim Dammtorbahnhof, andererseits die Ähnlichkeit mit japanischen Origami-Papierfaltfiguren (trotz des ganz anderen Materials). Nach längerem Betrachten erkannte ich die Kreuzform der Grundplatte, sah den Negativ-/Positiveffekt der aus der Grundplatte herausgearbeiteten Figuren: Drei aufgerichtete Personen sind um eine liegende Person herum gruppiert. Die Darstellung ist völlig schlicht, ohne Schnörkel dem Material angepasst.

Ich sehe die Skulptur als Produkt der modernen Kunst, die dem einen mehr und dem anderen weniger gefällt. Künstler im 21. Jahrhundert versuchen, anders zu gestalten als ihre Kollegen in der Antike, im Mittelalter oder zu anderen Zeiten.

Brigitte Scheer, Hamburg

Als häufiger Besucher des Ohlsdorfer Friedhofs begrüße ich es, dass eine moderne Skulptur an der Mittelallee Platz gefunden hat. Angetan bin ich von der Arbeit, weil sie für alle Kulturen spricht. Sie zeigt den letzten Dienst an einem Menschen. Ich erkenne Abschied, Grablegung und darüber hinaus denke ich an das Leiden Jesu Christi. Die Vergänglichkeit unseres Lebens ist treffend durch das rostende Material symbolisiert. Die Gestalten lassen trotz aller Ähnlichkeit ihre Individualität erkennen. Sie erheben sich aus der Ebenerdigkeit zu ausdrucksvollen Figuren. Den Toten dagegen sehe ich wieder in den ewigen Kreislauf unserer Welt zurückkehren.

Vielen Dank für diese Plastik, vielleicht ist es möglich, hier und dort auf dem Friedhof weitere moderne Kunstwerke, die das Denken anregen,aufzustellen.

Harald Meier-Weigand, Hamburg

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft In der Fremde begraben (Februar 2001).
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