Direkt zum Inhalt

OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Von Eiche zu Eiche - ein dendrologischer Spaziergang über den Ohlsdorfer Friedhof

Etwa 200 Arten von Eichen haben ihre Heimat in der nördlich gemäßigten Klimazone der Erde und nur hier.

Ob sie nun die uns vertraute gelappte Blattform haben oder nicht, ob die Laubblätter immergrün sind oder im Herbst abfallen, eines haben sie gemeinsam und sind daran zweifelsfrei als Eichen zu erkennen: An den Triebspitzen häufen sich dichtgedrängt unterschiedlich große Knospen.

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof ist die heimische Stieleiche zahlreich vertreten und das seit seinem Bestehen. Als nämlich um 1840 die Bauern hier ihre Ländereien neu ordneten, d.h. verkoppeln ließen, begrenzten sie die Flurstücke mit niedrigen Erdwällen und bepflanzten sie u.a. mit dieser Eichenart. Vorher muß es in der Gemarkung sehr baumlos gewesen sein. So berichtet der Chronist, dass am Ende des Dreißigjährigen Krieges im "Dänenwinter 1641" wegen des großen Holzbedarfes der Truppen 1002 Eichen geschlagen werden mussten. Als 1718 die letzten Rehmen, Gehölzstreifen zwischen den Äckern, verschwanden, verkaufte das Kloster St. Johannis aus Hamburg als Eigentümerin alle Ohlsdorfer Bäume, insgesamt 1080 große und kleine Eichen für 825 Mark. Zwei Hufner kauften die Exemplare auf ihren Hofstellen für teures Geld zwar zurück, aber erst die 80 Jahre später auf den Wallhecken gepflanzten und ab 1875 nicht mehr auf den Stock gesetzten Bäume, machen den heutigen Eichenbestand auf dem Friedhof und seiner näheren Umgebung aus.

Eichen sind Lichtholzarten. Freistehende Eichen blühen erst in einem Alter von 40 bis 50 Jahren. Stehen sie dicht, stellt sich ihre Fruchtbarkeit erst nach 80 Jahren oder später ein. Die Blüten erscheinen im Frühjahr gleichzeitig mit den Laubblättern und sitzen getrennt nach Geschlechtern (Einhäusigkeit) am gleichen Baum. Von Laien zu bemerken sind nur die männlichen Blüten, die als unscheinbare, gelblichgrüne und 4 bis 5 cm lange Kätzchen ausgebildet sind. Die Bestäubung erfolgt durch den Wind. Als deutsche Eiche mag sowohl die Stieleiche als auch die Traubeneiche gelten. Ihre Bedeutung im deutschen Volkstum, ihr hohes Alter und ihre sichtbare Härte machen sie zum Lebensbaum schlechthin. Damit hätte sie auch Grund auf Begräbnisplätzen gepflanzt zu werden.

Auf den ersten Blick sind die beiden heimischen Arten nicht leicht voneinander zu unterscheiden, gibt es doch vielfach Kreuzungen unter ihnen. Mit drei Merkmalen jedoch kann auch der Ungeübte sie erkennen: Bei der Stieleiche sitzen die Eicheln an einem langen Stiel, die Blätter jedoch nicht und der ausgewachsene Baum hat eine starkästige, unregelmäßige Krone. Die Eicheln der Traubeneiche dagegen sind kaum gestielt, aber ihre Blätter. Ihre regelmäßige Krone fällt durch einen bis zum Wipfel durchgehenden Stamm auf.

Ein älteres Exemplar der Traubeneiche Quercus petrea steht in S 11 gegenüber der Grabstätte Gätjens. Das Grabmal hat die Form eines aufgeschlagenen Buches. Wenn auch nicht kerzengerade, der bis in die Spitze durchgehende Stamm ist südlich des Asphaltweges schnell auszumachen. Ihr Stamm hat einen Durchmesser von etwa 80 cm.

Als Beispiele der recht häufig vorkommenden Stieleiche Quercus robur dienen drei Bäume südlich der Cordesallee in M 11, etwa gegenüber dem Margarethenbrunnen. Eine von ihnen trägt ein Namensschild. Zu diesen dreien hat sich links dahinter eine Roteiche Quercus rubra gesellt. Ihr Stamm ist geneigt und verzweigt sich in vier Metern Höhe. Da ihre Heimat das östliche Nordamerika ist, wird sie auch Amerikanische Roteiche genannt. Sie ist raschwachsend und wenn sie freisteht, wird die Krone sehr breit ausladend. Die spitz gelappten, bis zu 20 cm langen Blätter schmücken den Baum mit einer Herbstfärbung, die von orange über scharlach bis braunrot reicht. Ein ähnliches Erscheinungsbild besitzen alle Eichenarten, die ihre Heimat in Nordamerika haben, die gelappten Blätter der europäischen Arten sind in der Regel dagegen mehr oder weniger abgerundet und im Herbst weniger farbprächtig.

In kurzer Entfernung, vor der Brücke am Südteich in M 8, fällt ein sechsstämmiger Großstrauch auf, der sich über die Wasserfläche neigt und sich erst beim näheren Hinsehen (Knospen!) als Eiche erweist. Es ist die Kaukasische Eiche Quercus pontica. Sie ist die Eichenart mit den wohl größten, bis zu 30 cm langen Blättern. Sie färben sich im Herbst dunkelgelb. Das Gehölz ist schwachwachsend und reagiert empfindlich auf einen Schnitt. Verliert es nämlich seine Endknospe, wird sein Wuchs jahrelang gehemmt. Ebenfalls am südlichen Fußweg der Cordesallee, jedoch in Richtung Wasserturm in N 19, wachsen unscheinbar in einer Strauchpflanzung zwei Vertreter der Persischen Eiche Quercus macranthera. Die von unten beasteten schmächtigen Stämme säumen den abgehenden schmalen Weg. Ein markantes Erkennungszeichen sind die jungen graufilzigen Zweige und die sich unterseits weich anfühlenden großen, dunkelgrünen Blätter. Die gehäuften Endknospen sind weich umhüllt. Sie erreicht eine maximale Wuchshöhe von etwa 20 m.

Wir wenden uns nun der Nebenallee zu. Auf ihrer nördlichen Seite in Höhe V 10 stehen in unmittelbarer Nähe zueinander zwei mächtige Eichen mit spitz gelappten Blättern und einem Stammdurchmesser von 100 cm. Gegenüber der Grabstätte Brüggemann ist es eine Sumpfeiche Quercus palustris. Obwohl ihr Name auf einen feuchten Standort hinweist, kann sie trockene Lagen gut vertragen. Sie wächst als junger Baum rasch und wird wegen ihrer Anspruchslosigkeit gern als Straßenbaum gepflanzt. Die Zweige stehen besonders in der Jugend fast horizontal von dem geraden Stamm ab. Die Blätter sind tief geteilt, haben spitze Lappen und sind im Herbst mehr oder weniger lebhaft rot gefärbt. An der nächsten Wegekreuzung ragt eine mächtige Färbereiche Quercus velutina über das kleine Grabmal Guthmann. Sie kann bis zu 50 Meter hoch werden. Ihre gelbe Innenrinde war früher ein wichtiges Gelbfärbemittel. Die bis zu 25 cm langen Blätter sind im Herbst lebhaft rötlich gefärbt.

Drei andere Eichenarten wurden 1978 in der Nähe der Kapelle X gepflanzt. Ihre benachbarten Standorte lassen daher ein leichtes Unterscheiden zu. Betritt man rechts neben der Bushaltestelle das erste Grabfeld, so stehen rechts und links mehrere Exemplare der Zerreiche Quercus cerris. Sie ist ein typischer Baum des mediteranen Trockenwaldes Südosteuropas, wird aber gern bei uns als Parkbaum gepflanzt. Ihre Herbstfärbung ist gelbbraun, die Eicheln werden bis zu 4 cm lang. Hinter dem nächsten Querweg hat auf dem rechten Grabfeld die Scharlacheiche Quercus coccinea ihren Platz. Den Namen hat sie von der prächtig scharlachroten Herbstfärbung der tief gelappten Blätter. Im Sommer sind sie lebhaft grün und glänzend. Hinter einem weiteren Querweg, und nunmehr in L 29, fallen einzelstehende Eichen auf, deren Stamm sich in zwei Metern Höhe stark verzweigt. Es ist der typische Habitus der Ungarischen Eiche Quercus frainetto. Die dunkelgrünen kurzgestielten Blätter sind oberseits glänzend, unten graugrün und behaart und färben sich im Herbst gelb bis braun. Auffallend ist auch die graue, borkige und längsrissige Rinde.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Kind und Tod (August 2001).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2020).