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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Garten der Frauen, feierlich eingeweiht

Es mögen wohl fast 200 Interessierte, meist Frauen, gewesen sein, die sich am 1. Juli auf dem Ohlsdorfer Friedhof in der Nähe des Wasserturms versammelten, um den nunmehr bestellten Garten der Frauen mit Musik, Lesungen und natürlich auch Ansprachen gebührend zu feiern.

Durch die Initiative des gleichnamigen Vereins ist er mit den historischen Grabsteinen zu einem Ort der Erinnerung an bedeutende Frauen geworden, aber auch zu einer letzten Ruhestätte für Frauen (wir berichteten bereits darüber). "Der Garten der Frauen setzt damit ein Zeichen gegen das Vergessen", so die Schirmherrin des Gartens, Senatorin Dr. Christina Weiss. In der anwachsenden Besuchermenge war es bald nicht mehr möglich, in den hinteren Reihen dem Geschehen zu folgen, geschweige denn, den Garten in seiner ganzen Ausdehnung zu erfassen. Aber wer sich Zeit und Muße nimmt, der kommt wieder und lässt ihn in Ruhe auf sich wirken. Dabei kommen Gedanken, aber auch Visionen auf.

Die historischen Steine konnten mit finanzieller Unterstützung der Kulturbehörde, der Stiftung Denkmalpflege und der Umweltbehörde umgesetzt und erhalten werden, ein seltener aber lobenswerter Akt für das Gesamtkunstwerk Friedhof. Aber warum hat denn keine von ihnen gleichzeitig auch ein gartendenkmalpflegerisch kritisches Auge auf die hier beeinträchtigte historische Struktur des Friedhofs geworfen? Die durchgehende, typische Wegerandbelegung mit pfeilerartigen Grabmalen aus den 20er und 30er Jahren an dem breiten Erschließungsweg wurde am Eingang zum Garten ignoriert und unwiederbringlich unterbrochen. Die Grabmale von Karli Bozenhard und Yvonne Mewes hätten sich doch bestens für eine Ergänzung geeignet! Eine Chance, und dazu kostenlos, wurde vertan.

Setzt man sich anschließend auf die weiße Bank und lässt den Blick schweifen, so stellt sich mir die Frage: Warum wurde der Garten eigentlich an dieser Stelle errichtet? Ich suche vergeblich das Wesentliche eines Gartens, nämlich die räumliche Eingrenzung des Ortes zur Steigerung der Ruhe und Besinnung. In etwa 150 m Entfernung gibt es doch eine Lichtung mit viel Raum für künftige weitere Grabmale und Grabstätten. Lichtdurchflutet ist dieser Platz und damit gut geeignet für eine bunte Gartenstaudenvielfalt, deren Sonnenkinder hier auf das Heftigste den Blütenrausch der Rosen untermalen könnten. Das zarte Schleierkraut und genügsamer Frauenmantel, Salbei und Lavendel z.B., nicht einzeln, sondern in Pulks gepflanzt, untergliedert vielleicht von der immergrünen flächendeckenden Braunelle, die überreichlich im Juni/Juli blüht, könnten das Blütenthema des Hochsommers einleiten. Und die Grabstätten zierte die niedrige, ebenfalls immergrüne Waldsteinia mit ihrem gelben Blütenflor. Zur Maienzeit nimmt sie dann mit Wildtulpen eine fast heitere, tröstende Note an und strahlt ansonsten Ruhe aus.

Und wie sieht es mit der Umgebung dieser Lichtung aus, die auf die Photovoltaikanlage für den Brunnen erst am Abend Schatten fallen ließe? Schaut man sich um, höchst prädestiniert zum Thema "Frauengedenken" wäre sie. Denn nur wenige Schritte entfernt befinden sich die Gräber sieben junger Frauen, die im November 1944 durch einen Tieffliegerangriff ums Leben kamen, und schräg gegenüber auf dem Grabmonument von Eric Warburg hat dieser die Namen von Frauen aus seiner Familie einschlagen lassen, die 1942 in Auschwitz und Solibor ermordet wurden. In Sichtnähe, nur durch Rhododendronbüsche verdeckt, liegen die Gräber von Anna Cunigunde Wohlwill und der Familie Sieveking, von dort grüßen (darf man das sagen?) die historischen Grabsteine von Hannchen Sieveking und Sophia Carlota Sieveking, Domina des Klosters St. Johannis. Und last not least, der Findling von Marie Zacharias ist nur einen Steinwurf weit entfernt.

Schade, Regentropfen fallen, mein Traum ist zu Ende, und ich muss die Bank verlassen, die ich gern auf der besagten Lichtung hätte stehen sehen.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Kind und Tod (August 2001).
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