OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

8. Symposium der FUNUS Stiftung

 - November 2018
Ausgabe: 
Nr. 143, IV, 2018

Nach gut einem Jahr der intensiven Planung und Vorbereitung der FUNUS Stiftung unter der Leitung von Frank Pasic und Juliane Uhl, sowie vieler weiterer Helfer, fand am 26. April 2018 das alljährliche Symposium zur Bestattungskultur statt.

"Der tote Körper" war diesmal Thema und passend dazu bzw. zum Thema ausgesucht, traf sich die Fachwelt im historischen Hörsaal der Anatomie Halle (Saale). Und nicht nur die Fachwelt, auch etliche Interessierte nutzten diese Veranstaltung, um einmal den Einblick in das für Außenstehende nicht ganz so einfache Thema zu bekommen und das faszinierende Ambiente der Anatomie zu erleben.

Der Leichnam selbst spielt in der westlichen Bestattungskultur eher eine untergeordnete Rolle, da die Abläufe und Rituale zum Abschied eines Verstorbenen vielmehr an Sarg und Urne stattfinden. Somit ist es auch wichtig, einmal den Blick auf den toten Körper selbst zu richten: Was geschieht nach dem Tod noch alles mit unserem Körper, muss geschehen oder kann geschehen und wie löst er sich letztendlich auf?

Juliane Uhl moderierte auch in diesem Jahr souverän und mit eingestreuten, nachdenklichen Fragen durch diesen Tag, zu dem auch Frank Pasic als stellvertretender Vorsitzender der FUNUS Stiftung einleitende Worte an die zahlreichen Teilnehmer richtete. So hat sich für die FUNUS Stiftung nach einer Wahrnehmungsanalyse gezeigt, dass man nicht nur mit dem inzwischen etablierten und qualitativ sehr hochwertigen Symposium, welches von Jahr zu Jahr nicht nur besuchermäßig steigt, sondern auch mit dem ebenfalls sehr hochwertigen Magazin "DRUNTER&DRÜBER" und mit der mehr als arbeitsintensiven Stadt der Sterblichen, die im vergangenen Jahr erstmals in Halle (Saale) stattfand, durchaus wahrgenommen wird und auch eine breite Masse erreichen kann. Auch der Death Slam hat sich in den beiden vergangenen Jahren bewährt und erfreut sich zunehmender Beliebtheit, so dass er auch in diesem Jahr am 1. September in Berlin stattfand (genauere Angaben hierzu gibt es auf www.funus-stiftung.de). Darüber hinaus ist auch geplant, die Stadt der Sterblichen im Zweijahrestakt stattfinden und bundesweit reisen zu lassen, was diese besonderen Kulturwochen im September 2019 nach Leipzig bringen wird.

Den Vortragsreigen eröffnete Prof. Dr. Lessig, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin Halle (Saale), indem er die rechtlichen Vorschriften darlegte, was überhaupt als toter Körper zu definieren und wie entsprechend mit diesem umzugehen ist, mit den daraus resultierenden Vorgängen, vom Ausstellen eines Totenscheins durch einen x-beliebigen Mediziner – was natürlich nicht ohne Probleme bleibt – bis hin zur zweiten Leichenschau oder der Leichenöffnung durch einen geschulten Rechtsmediziner, der manchmal nur Kopfschütteln übrig hat ob der Kuriositäten ausgefüllter Totenscheine. Prof. Dr. Lessig legte dar, dass der tote Körper für die Forschung und Wissenschaft mehr als wichtig für die Zukunft ist. Er zeigte auf, welche vielfältigen Möglichkeiten die Rechtsmedizin inzwischen für ihre Untersuchungen hat und sparte während seines lebhaften Vortrages nicht mit Zahlen, Statistiken und einer guten Portion Humor, trotz des eigentlich schwierigen Themas Tod.

Im Anschluss an Prof. Dr. Lessig zeigte Prof. Dr. Heike Kielstein, die Direktorin des Instituts für Anatomie und Zellbiologie in Halle (Saale), die Geschichte der Anatomie auf – von Leonardo da Vinci bis hin in die Gegenwart zu Gunther von Hagens. Anatomie ist die beschreibende Lehre vom Aufbau bzw. der Gestalt des menschlichen Körpers und umfasst die Lehre, Forschung, Wissenschaft und Weiterbildung. Die Anatomie ist also ganz besonders auf Körperspender angewiesen. Diese Körperspenden sind für die Präparationskurse der Studierenden von immenser Bedeutung, um direkt am menschlichen Körper einen Einblick, Übung und einen haptischen Vergleich zu erleben. Prof. Dr. Kielstein erläuterte auch die Voraussetzungen und die finanziellen Zusammenhänge, die mit einer solchen Körperspende einhergehen. Nach bis zu drei Jahren der Konservierung und mehrfachen Verwendung der toten Körper werden diese dann kremiert und auf einer Ehrengrabstelle im Beisein der Studierenden und der Angehörigen beigesetzt.

Im weiteren Verlauf erläuterte Prof. Dr. Dr. Tade Spranger den toten Körper aus juristischer Sicht und definierte zunächst einmal die Begriffe Leiche und Leichenteile, festgeschrieben in den jeweiligen Landesbestattungsgesetzen, beschrieb die postmortale Dimension der Menschenwürde, überlagert vom öffentlichen Interesse, wenn es zum Beispiel um Seuchengefahr geht. Damit einhergehen etliche Verordnungen wie Friedhofszwang, Leichentransport und Beschaffenheit von zu verwendenden Stoffen. Spranger spannte im Weiteren den Bogen zu sogenannten Sonderkonstellationen, die ja bereits seine Vorredner benannt haben, da sowohl die Körperspenden als auch die KÖRPERWELTEN von Gunther von Hagens nicht mit den deutschen Bestattungsgesetzen konform gehen. Erstere bedürfen einer Ausnahmegenehmigung zur Überschreitung der Bestattungsfristen und letztere verstoßen gegen den Bestattungszwang. Auch Museumsleichen, also historische Leichen, würden strenggenommen der Bestattungspflicht unterliegen, gelten aber auch als Kulturgüter, sprich Gegenstände, wo ohnehin ein Alter nicht exakt festgelegt werden kann. Generell gibt es am toten Körper kein Eigentumsrecht, sondern lediglich ein Verfügungsrecht.

Jörg Vieweg, Bestatter und Thanatopraktiker aus Rellingen bei Hamburg berichtete über seine besondere Arbeit. Die Thanatopraxie ist die Kunst der modernen Einbalsamierung Verstorbener und Rekonstruktion von mehr oder weniger entstellten toten Körpern. Die Frage nach dem WARUM stellt sich immer wieder und kann in erster Linie damit beantwortet werden, dass durch diese besondere Art der Versorgung den Angehörigen ein persönlicher Abschied am offenen Sarg ermöglicht und oder erleichtert wird. Gerade bei plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissenen Menschen – zumeist durch Unfälle mit entsprechenden Verletzungen und Entstellungen – ist eine derartige, aktive Abschiednahme für die Zurückgebliebenen mehr als wichtig und kann durch die Thanatopraxie ermöglicht werden. Sie ist aber auch bei Auslandsüberführungen fast immer unumgänglich. Jörg Vieweg sparte auch nicht damit, seine Arbeit an Fallbeispielen fototechnisch darzulegen.

Zu guter Letzt beendete Dr. Mark Benecke – den meisten wahrscheinlich bekannt als Kriminalbiologe durch Fernsehen, Talksendungen und andere Medien – den Reigen der Referenten mit seiner dokumentarischen Fotostrecke über den Verwesungsprozess eines menschlichen Schädels in freier Natur, einmal unter dem Gesichtspunkt der Hautveränderung und anschließend noch einmal mit Schwerpunkt auf die Maden- und Insektenbildung.

Auch das diesjährige Symposium schaffte es wieder, das Thema Tod emotionsgeladen und unter den verschiedensten Sichtweisen zu präsentieren, und – wie Juliane Uhl bereits mit ihren einleitenden Worten treffend darlegte – es gibt gerade beim Thema toter Körper sehr verschiedene Sichtweisen; zum einen faktische, darunter auch zumeist sehr juristische, aber auch durchaus symbolische. Der Bezug dazu bzw. die Bindung zum Toten und Einstellung zum Tod selbst ist dabei entscheidend. Insgesamt kann dieses Symposium mit den erstklassigen Referenten und in einer solch passenden und historischen Location als voller Erfolg gewertet werden und weckt Neugierde auf die kommende Ausgabe im nächsten Jahr.

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