OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Erinnerungsmale für die Opfer der Revolutionszeit von 1918–1919

 - November 2018
Ausgabe: 
Nr. 143, IV, 2018

Die Opfer der Revolution in Hamburg sind ehrenvoll auf dem Ohlsdorfer Friedhof beerdigt worden.

Aufbahrung
Aufbahrung der Opfer der Revolution auf dem Ohlsdorfer Friedhof, November 1918
Quelle: Von Unbekannt - http://hdl.handle.net/2339/3512, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31209620

Wie aber wurde mit den Toten der Revolution in anderen Städten umgegangen? Wenn dieser Frage im Folgenden nachgegangen wird, dann geht es hauptsächlich um die Opfer der Novemberrevolution und des sich daran anschließenden Aufstandes im Januar 1919 – auch Spartakusaufstand genannt. Wie in Hamburg sind in manchen Grabstätten später auch die Opfer des Kapp-Putsches von 1920 bestattet worden, der hier aber nicht zum Thema gemacht wird.

Kiel

Vom 29. auf den 30. Oktober 1918 meuterten auf Schillig-Reede vor Wilhelmshaven die Matrosen der beiden Großkampfschiffe "Helgoland" und "Thüringen" und verhinderten damit einen Vorstoß gegen die britische Flotte. Darauf wurden etwa 5.000 Mann Besatzung nach Kiel, in den Heimathafen der Schiffe, verlegt. In Kiel wurden die "Rädelsführer" verhaftet. Das wollten ihre Kameraden nicht hinnehmen. Sie riefen zu einer politischen Versammlung am 3. November auf. Nach dieser Veranstaltung zog die Menge durch die Kieler Innenstadt um die Gefangenen zu befreien. Ihr Zug wuchs immer noch weiter an. Schließlich versuchten Marinesoldaten die Menge aufzuhalten. Die Menschen rückten trotzdem weiter vor. Darauf gab der Kommandierende den Schießbefehl. Die Folge waren sieben Tote und fast dreißig Verletzte.

Dieser Zusammenstoß gilt als das auslösende Ereignis für den wenige Tage später folgenden Machtwechsel im deutschen Reich. Die Unruhen in Kiel hörten damit aber nicht auf. Zehn Menschen verloren bei einer weiteren Schießerei zwei Tage später ihr Leben. Fünf der zivilen Opfer wurden am 10. November zum damals neuen Teil des Friedhofs Eichhof gebracht. Ihren Leichenwagen folgte ein großer "Demonstrationstrauerzug". Auf dem Friedhof war "unmittelbar am Hauptwege ein gemeinsames Grab hergerichtet worden", wie die Kieler Zeitung schrieb.

Als Anfang 1919 dann während des Spartakusaufstandes noch einmal fünf Männer zu Tode kamen, wurden sie am gleichen Ort beigesetzt. Ein Jahr danach – im Frühsommer 1920, nachdem der Kapp-Putsch weitere Tote gefordert hatte – wurden die Opfer der beiden Vorjahre in jene Grabstätte umgebettet, die heute an die Ereignisse der Revolutionsjahre erinnert. Sie befindet sich in Form eines Halbkreises im westlichen Teil des Friedhofs und ist von einer Hecke umgeben. Ihre Gestaltung geht auf einen Entwurf des Gartenarchitekten Leberecht Migge aus dem Jahr 1924 zurück. Die halbrunde Grabanlage trennt eine Stufe von einer tiefer gelegenen Versammlungsfläche. Ein Findling mit der Inschrift "Ruhestätte der Opfer der Revolution" benennt den Ort. 41 Grabsteine erinnern an die Toten der Jahre 1918–1920.

Gedenkfeier in Kiel
Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Revolution vom November 1918 auf dem Eichhoffriedhof, Kiel. Quelle: Von Magnussen, Friedrich (1914-1987) - Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69602138

Die Kämpfe hatten aber auch unter den angreifenden Matrosen Opfer gefordert. Für sie wurde auf dem damaligen Kieler Garnisonsfriedhof, dem heutigen Nordfriedhof, eine Grabstätte angelegt und mit einem Findling ausgeschmückt.

Berlin

Nach den Ereignissen in Kiel griff die Revolution schnell auf andere Städte über. Am 9. November 1918 dankte der Kaiser in Berlin ab und Philipp Scheidemann rief die Republik aus. In den Folgemonaten erschütterten bürgerkriegsartige Zustände mehrere Orte im ganzen Reich. In Berlin wurden am 20. November acht Tote auf dem Friedhof der Märzgefallenen begraben. Dieser Friedhof im Volkspark Friedrichshain war sechzig Jahre früher für die Opfer der Barrikadenkämpfe der Märzrevolution von 1848 angelegt worden. Jetzt wurde mit einem neuen Gräberbereich die Verbindung zwischen den beiden Revolutionen untermauert. Die Trauerfeier fand unter großer Beteiligung auf dem Tempelhofer Feld statt. Danach folgten "etliche tausend" Menschen dem Trauerzug zur Grabstätte.

Berlin FdM_Grabplatten
Grabstätte für die Opfer der Novemberrevolution auf dem Friedhof der Märzgefallenen, Berlin. Von © Achim Raschka / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40535

Auch in Berlin gingen die tödlichen Auseinandersetzungen auf der Straße in den beiden folgenden Monaten weiter. Anfang Dezember starben 16 Menschen, die in einer zweiten gemeinsamen Grabstätte auf dem Friedhof der Märzgefallenen beerdigt wurden. Weitere elf Tote von Kämpfen am Weihnachtsabend wurden in einer dritten Grabstätte beigesetzt.

Im Januar 1919 beantragten KPD und USPD dann die Beerdigung von 31 Toten des Spartakusaufstandes am gleichen Ort. Unter ihnen war auch Karl Liebknecht, der Mitbegründer des Spartakusbundes. Doch der Magistrat verweigerte diese Ehrung. So wurden diese Opfer der Revolution auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde beigesetzt.

Der Friedhof der Märzgefallenen wurde in der Weimarer Republik zu einer Gedenkstätte, an der linke und sozialistische Parteien und Organisationen alljährlich an die politischen Ereignisse der Revolutionsjahre erinnerten. Zu Beginn der 1920er Jahre wurde die Anlage zusammen mit dem Eingangstor neugestaltet, um dem Friedhof ein "würdiges Aussehen zu verleihen". Die Nationalsozialisten unterbanden auch in Berlin eine öffentliche Ehrung der Gefallenen der Novemberrevolution und sorgten dafür, dass der Friedhof der Märzgefallenen fast in Vergessenheit geriet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Ort zu einem der zentralen Gedenkplätze der DDR. Zum 100. Jahrestag der Revolution von 1848 wurde ein neuer Gedenkstein in seiner Mitte aufgestellt. In Vorbereitung auf den 40. Jahrestag der Novemberrevolution wurde der westliche Teil mit drei Grabplatten als Gedenksteinen für die Opfer von 1918 ausgestattet und das Tor erneuert. 1960 kam die Figur des Roten Matrosen direkt vor dem Eingang hinzu. Jährlich fanden Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen statt. Das Ende der DDR führte nicht dazu, dass der Friedhof wieder vergessen wurde: Neben jährlichen Gedenkfeiern, gibt es seit 2011 vor und auf dem Friedhof eine Informationsausstellung, die das Geschehen in seinen historischen Kontext einordnet.

Auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde ließ die Kommunistische Partei Deutschlands ein Denkmal für Karl Liebknecht und die Opfer der Januarkämpfe, sowie für die ermordete Rosa Luxemburg errichten. Es wurde von dem damals noch recht unbekannten Architekten Mies van der Rohe entworfen und durch Spenden finanziert. Die mit Klinkern verblendete monumentale Wand wurde 1926 feierlich enthüllt.

Gedenkstaette
Einweihung des Revolutionsdenkmals nach einem Entwurf von Mies van der Rohe durch Wilhelm Pieck im Juni 1926, Berlin, Friedrichsfelde. Von Bundesarchiv, Bild 183-08783-0009 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5338844

Sie war in rechteckige, vor und zurückspringende Flächen unterteilt und rechts mit einem großen Sowjetstern mit Hammer und Sichel und einer Fahnenstange geschmückt. Bis 1933 fanden davor jährlich Aufmärsche und Gedenkfeiern zu Ehren von Lenin, Liebknecht und Luxemburg (als "LLL-Wochen" bezeichnet) statt. Kurz vor der Machtergreifung rissen Nationalsozialisten den fünfzackigen Stern und die Fahnenstange ab. Zwei Jahre später wurden dann – anders als in Hamburg – das Denkmal und die meisten umliegenden Grabsteine vollständig zerstört. Die Fläche wurde später sogar zur Neubelegung freigegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand für die wiederauflebenden Kundgebungen am selben Ort ein provisorisches Mahnmal in der alten Form. Nachdem unter der DDR-Führung eine neue Gedenkstätte der Sozialisten geschaffen worden war, geriet der frühere Standort jedoch fast in Vergessenheit. Heute befindet sich dort eine Tafel mit dem Bild des ehemaligen Aufbaus und einer erklärenden Inschrift.

München

Noch vor der Reichshauptstadt Berlin erreichte die Revolution das Königreich Bayern und dessen Hauptstadt München. Am 7. November wurde der König abgesetzt. Kurt Eisner von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) rief den Freien Volksstaat Bayern aus und wurde vom Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der neuen bayerischen Republik gewählt. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Schießereien und Straßenkämpfen. Im Januar 1919 wurde der verfassunggebende Landtag gewählt, bei dem die USPD verlor. Kurt Eisner war auf dem Weg zum Landtag um seinen Rücktritt bekannt zu geben, als er von einem Rechtsextremisten umgebracht wurde. In der Landtagssitzung kam es zu Tumulten, die zwei weitere Todesopfer forderten. Ab Mitte April wurden die Verteidiger der Räterepublik von Freikorpseinheiten angegriffen, die zusammen mit aus Berlin entsandten Reichswehrverbänden um die Vorherrschaft in der Stadt kämpften. Anfang Mai beendeten Reichswehr und Freikorps gewaltsam die Räterepublik.

Davor und danach kam es zu blutigem Terror, sowohl von den "Weißen Garden", die aus regulären preußischen, württembergischen und bayerischen Truppen und den Freikorps bestanden, als auch in geringerem Umfang durch die "Rote Armee", die die Räterepublik verteidigte. So kam es vier Tage nach der Besetzung der Stadt durch die "Weißen" zu der grausigen Ermordung von einundzwanzig Mitgliedern des katholischen Gesellenvereins St. Joseph. Diese regierungstreuen Handwerker, die der neugegründeten Bayerischen Volkspartei beigetreten waren, trafen sich wöchentlich in einem Kasino. Doch eine Kompanie der Regierungstruppen hielt sie für Anhänger der Räterepublik, die sich heimlich versammelt hatten. Das Treffen ging schon zu Ende, als eine Patrouille auftauchte und die letzten 25 Männer verhaftete, die noch vor Ort waren. Sie wurden ermordet und ausgeraubt. Nur vier überlebten, weil die Soldaten sie für tot gehalten hatten. Die Täter wurden niemals vor Gericht gestellt. Die Ermordeten wurden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung gemeinsam auf dem Westfriedhof in München-Moosach bestattet und erhielten ein aufwändiges Grabmal, das aus einem sarkophagartigen Sockel besteht, der eine große Kreuzform trägt. Seine Vorderseite ist mit einem Relief geschmückt, das zwei Engel zeigt, die in ihrer Mitte einen Toten in einen Sarg legen. Über ihnen schwebt Christus in einer Mandorla.

Gesellengrabstaette
Gesellengrabstätte München-Moosach, 2018 (Foto Karl Hofmann)

Die Anzahl der Toten in München, die bei den Kämpfen Anfang Mai 1919 ums Leben kamen, reicht je nach Quelle von 557 bis zu 1.200 Menschen. Belegbar sind etwa 650 Opfer. Etwas mehr als die Hälfte waren Zivilisten. Bei den Regierungstruppen gab es dagegen nur 38 "Gefallene". Terror und Willkür setzten sich noch den ganzen Mai hindurch fort. Häuser wurden nach Anhängern der Räterepublik und nach Waffen durchsucht, wobei brutale Gewalt angewendet und geplündert wurde.

Anders als in Hamburg und in Berlin wurde in München aber keine gemeinsame Grabstätte für die Revolutionsopfer auf einem der vier damals noch relativ neuen Friedhöfe der Stadt eingerichtet. Ob es dazu Ansätze gab ist – soweit mir bekannt – nicht erforscht. Man muss also bis auf weiteres davon ausgehen, dass nicht der Staat sondern die einzelnen Familien selbst sich um die Bestattung ihrer Angehörigen kümmerten. Tatsächlich wird heute noch auf verschiedenen Friedhöfen an einzelne Personen erinnert, die den Kämpfen zum Opfer fielen.

Dagegen wurde die Beisetzung der Asche von Kurt Eisner am 26. Februar 1919 auf dem Münchener Ostfriedhof zu einer machtvollen Demonstration der Stärke der links-revolutionären Kräfte. Gleich nach seiner Ermordung war es am Ort des Geschehens immer wieder zu Menschenaufläufen gekommen. Ein provisorisches Erinnerungsmal aus einer Gewehrpyramide mit einem Kranz und dem Portrait des Toten wurde errichtet, an dem Blumen niedergelegt wurden. Fotos davon wurden als Postkarten verbreitet.

Am Tag der Beerdigung bildete sich ein riesiger Trauerzug – es sollen ungefähr 100.000 Menschen gewesen sein –, der von der Theresienwiese zum Ostfriedhof führte. Vor dem Friedhof fand die eigentliche Trauerfeier statt. Zur Kremation war dann nur ein kleiner Kreis zugelassen. Die Asche wurde auf dem Friedhof bestattet. Auf dem Grab Eisner enthüllten die Münchner Freien Gewerkschaften am 1. Mai 1922 ein Denkmal, das nicht nur Eisner, sondern auch "Den Toten der Revolution" gewidmet war. In den Sockel wurde die Urne eingemauert. Das schlichte aber monumentale Mal bestand aus einem aufgesockelten Steinquader mit flachem pyramidalem Abschluss.

Auch dieses Denkmal wurde bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zerstört. Da Kurt Eisner Jude gewesen war, wurde seine Urne auf den Neuen Israelitischen Friedhof an der Garchinger Straße gebracht. Dort befindet sich noch heute sein Grab. Das Denkmal auf dem Ostfriedhof wurde nach dem Krieg originalgetreu nachgestaltet.

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Erinnerungsmal für Kurt Eisner, München Ostfriedhof, 2018 (Foto Karl Hofmann)
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Erinnerungsmal für Kurt Eisner, Beschriftung der anderen Seiten "Den Toten der Revolution 1918", "Den Opfern des Widerstandes 1933-1945" und "Wer die Pfade bereitet/stirbt auf der Schwelle/ Doch es neigt sich vor ihm/ in Ehrfurcht der Tod / Ernst Toller 1893-1939", 2018 (Foto Karl Hofmann)

In die Grabstätte Eisners auf dem jüdischen Friedhof wurden 1933 auch die Gebeine von Gustav Landauer umgebettet. Landauer war unter anderem ein einflussreiches Mitglied der Münchner Räterepublik. Er wurde von Freikorps-Soldaten verhaftet, während seiner Haft ermordet und auf dem Waldfriedhof beigesetzt. Auf seiner Grabstätte errichtete man 1925 ein großes Denkmal in Form eines schlichten Pfeilers. Es sollte am 1. Mai eingeweiht werden, doch wurde die Feier von der Polizei verboten. Erst einen Tag später kam es zu einer kleinen Einweihung, die unter vielen Auflagen und großer Polizeipräsenz stattfand. In den Jahren danach wurde das Grab jeweils Anfang Mai zum Versammlungsort der Anhänger Landauers. Auch dieses Grabmal zerstörten die Nationalsozialisten und schändeten zugleich die Grabstätte: Landauers Gebeine wurden ausgegraben und in einem Sack an die Jüdische Gemeinde geschickt. Sie wurden dort in der Grabstätte Kurt Eisners wiederbestattet. Ein Bruchstück des ehemaligen Steines vom Waldfriedhof steht dort noch heute als Grabmal. Erst im Juni 2017 wurde am Ort der Erstbestattung ein neuer Gedenkstein aufgestellt.

Eisner Landauer
Grabstätte Kurt Eisner und Gustav Landauer, München, Neuer Israelitischer Friedhof, 2018 (Foto Karl Hofmann)

Während in Bayern die Kämpfe um die Macht tobten, ging der Machtwechsel anderswo, wie zum Beispiel in Baden und in Württemberg, aber auch im Ruhrgebiet ohne Blutvergießen vor sich. Doch der jungen Weimarer Republik stand mit dem Kapp-Putsch ein weiterer Kampf auf Leben und Tod bevor. Die gemeinsamen Grabstätten aus dieser Zeit sollen einem späteren Beitrag vorbehalten sein.

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