OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Opfer der Novemberrevolution 1918 in Hamburg

 - November 2018
Ausgabe: 
Nr. 143, IV, 2018

Hamburgs Gedenkort für die Ereignisse am Ende des Ersten Weltkriegs und die unruhige Zeit danach ist die Grabanlage der Revolutionsopfer am Beginn der Bergstraße gegenüber dem Friedhofsmuseum.

Die Revolution begann in Hamburg am 5. November 1918, als der Aufstand von Kieler Matrosen, Soldaten und Arbeitern hierher übergriff. Es kam zu Sympathiestreiks und Massenkundgebungen und einzelnen gewaltsamen Aktionen, die auch Menschenleben forderten. Von dem sich bildenden Arbeiter- und Soldatenrat wurde der aus Köln stammende Dr. Heinrich Laufenberg zum Vorsitzenden gewählt. Laufenberg war Historiker und zunächst in der SPD aktiv, hatte aber wegen seines radikalen Standpunktes seine Parteiämter niederlegen müssen. Unter seiner Führung erklärte der Arbeiter- und Soldatenrat am 12. November 1918 Senat und Bürgerschaft für abgesetzt, betraute sie aber bereits sechs Tage später wieder mit administrativen Aufgaben, da anders eine Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung nicht möglich gewesen wäre.

Die Zahl der Todesopfer in diesen ersten Tagen der Revolution wird in verschiedenen Quellen mit 14 angegeben. Zehn von ihnen wurden noch im November 1918 zusammen in einer neuen Gemeinschaftsanlage in der Nähe des Haupteingangs bestattet.

Über die Geschichte der Anlage und des von Fritz Schumacher gestalteten Denkmals schrieb Barbara Leisner 2016 unter dem Titel ‚Friedhof und Politik‘ bereits in Ohlsdorf Zeitschrift für Trauerkultur Nr. 133 ausführlich.

Lässt sich aber auch etwas über die Bestatteten sagen? Das ist bei den meisten tatsächlich schwierig. Schon die Inschriften der Kissensteine machen dies deutlich, wenn die Angabe des Geburtsdatums oder sogar des Vornamens fehlt. Ein Toter konnte überhaupt nicht identifiziert werden.

Nur in einem Fall weiß man etwas mehr. Friedrich Peter, genannt Fiete (1894–1918), war Mitglied in der SPD und Kriegsgegner. Als er 1917 zum Militär eingezogen wurde, desertierte er und arbeitete illegal in Hamburg gegen den Krieg, bis er im Herbst 1918 verhaftet wurde und ins Untersuchungsgefängnis kam. Am 5. November 1918 wurde er befreit und wollte sich an den weiteren Aktionen beteiligen. Als die Revolutionäre am 6. November die Besatzung der Kaserne des Ersatz-Bataillons Infanterie-Regiment 76 an der Bundesstraße zur Übergabe aufforderten, kam es zu einem Schusswechsel. Fiete Peter starb durch Kopfschuss.

Die drei anderen Hamburger waren:

Peter Durke, 22 Jahre, Jäger, Seilerstraße 14, † 7.11.1918

Hans Else, 18 Jahre, Musketier, Hellbrook, † 7.11.1918

Walter Frischmuth, 25 Jahre, Gefreiter, Silbersackstraße 71, † 7.11.1918

Und dies sind die spärlichen Angaben zu den anderen Personen:

Baumann, Torpedoheizer, † 6.11.1918

Matthias Garbel, Heizer, Matrose aus Wolnzach, † 7.11.1918

Gregorius, Marinesoldat, † 8.11.1918

Stefan Kubicki, 21 ½ Jahre, Matrose, † 6.11.1918

Johannes Schröder, 39 Jahre, Landsturmmann, Kappeln a/d Schlei, † 7.11.1918

Der nicht identifizierte Tote starb ebenfalls am 7. November 1918.

Über die Bestattung auf dem Ohlsdorfer Friedhof am 12. November berichteten am folgenden Tag der Hamburger Anzeiger und der Hamburgische Correspondent ausführlich: "Eine ungeheure, nach vielen Tausenden zählende Volksmenge strömte gestern nachmittag hinaus nach der großen Totenstadt in Ohlsdorf, um Zeuge der Beisetzung der soldatischen Opfer der Umwälzung vom Mittwoch voriger Woche zu sein und ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Der Vorraum und der freie Platz vor der Rückseite des Verwaltungsgebäudes waren zur Stätte der Trauerfeier vereinigt. Auf dem erhöhten Vorplatz des Verwaltungsgebäudes hatten sich ein Sängerchor, Träger mit umflorten Fahnen von sozialdemokratischen Organisationen und die Redner versammelt und ihnen gegenüber hatte sich in weitem Umkreis die Menschenmenge aufgestellt. Die Särge mit den zehn Toten standen in der Halle des Verwaltungsgebäudes."

Nach dem wirkungsvollen Vortrag des Liedes "Ein Sohn des Volkes will ich sein und bleiben", gab es mehrere Ansprachen. Dies ist die Rede von Dr. Laufenberg: "Der Krieg hat gewaltige Opfer gefordert. Dann kam der Zusammenbruch, so jäh und so völlig, wie es niemand geahnt hat. Die Entschlafenen haben nicht erst im Kampf, sondern schon früher ihr Bestes eingesetzt, und was sie erstrebt, mit dem Tode besiegelt. Es gibt nichts Schöneres, als sich selber treu zu sein, die Gefallenen können sich dieses Zeugnis ausstellen. Sie waren Opfer der Grundlegung einer neuen Zeit. Wir wollen dieses Werk ausbauen und erhalten, das ist es, was wir an dieser Stätte und zu dieser Stunde geloben."

Als sich der Trauerzug Richtung Grabstätte in Bewegung setzte, standen "in der ersten Reihe der Menschengasse" "in lückenloser Folge die Kranzträger der verschiedensten Arbeiter- und militärischen Gemeinschaften; … ausnahmslos trugen die Kranzspenden rote Schleifen. Unter den Klängen von Trauerweisen und während sich die Fahnen über der Gruft senkten, wurden die zehn Särge, von denen acht von Infanteristen, zwei von Matrosen getragen wurden, in zwei Gruppen in die Gruft gesenkt, derart, daß die Särge der zweiten Gruppe auf die der ersten gesetzt wurden."

Mit einer weiteren Ansprache, drei Gewehrsalven, Chorgesang und Liedvortrag der Musikkapelle endete die Feier.

Die zehn Personen, die hier mit militärischen Ehren bestattet wurden, waren aber nicht die einzigen Toten. Zumindest von zwei Zivilisten konnte die Neue Hamburger Zeitung am 11. November die Namen mitteilen. Es waren die 24jährige Kontoristin Emilie Riesche und der 29jährige Schmied Wilhelm Märtensdotter. In beiden Fällen erwarben Angehörige Grabstätten als Familiengrab (K30, 256-58 und K30, 259-60). Die Bestattung war ebenfalls am 12. November, allerdings erst um 16:30 Uhr, und hierzu gibt es keinen Zeitungsbericht. Diese Gräber sind mittlerweile allerdings lange abgelaufen und geräumt.

Ebenfalls geräumt ist das Grab von Heinrich Laufenberg. Er starb 1932 in Hamburg und wurde in der Nähe des T-Teichs (Bk54, 1704) beigesetzt.

Grabanlage 1918
Grabanlage für die Revolutionsopfer 1918. Foto: Archiv Förderkreis

Die Grabanlage der Revolutionsopfer ist dagegen weiterhin vorhanden, und da die unruhigen Zeiten nach 1918 nicht zu Ende waren, kamen bis April 1921 noch weitere Gräber hinzu. Hungerunruhen 1919, Unruhen 1920 als Folge des Kapp-Putsches und die Märzaktion der Kommunisten 1921 forderten weitere Opfer, von denen 49 ebenfalls hier bestattet wurden. Leider sind viele Kissensteine schon sehr verwittert. Nicht nur das Denkmal, sondern die ganze Anlage müsste dringend restauriert werden.

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