OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wiens ältester erhaltener Begräbnisplatz: Der Jüdische Friedhof Rossau in der Seegasse

 - August 2018
Ausgabe: 
Nr. 142, III, 2018

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs Seegasse, insbesondere seine vorübergehende Zerstörung, ist eng mit der nationalsozialistischen Diktatur und den Judenverfolgungen verknüpft.

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Jüdischer Friedhof Seegasse. Foto: N. Fischer

Im späten 20. Jahrhundert war der im 9. Wiener Stadtbezirk, Seegasse 9–11, gelegene Friedhof kaum noch als solcher zu erkennen. Stattdessen zeigte er sich noch Ende der 1970er Jahre als verwilderte Brache, die Grabsteine waren verschwunden. Damit schien einer der bedeutendsten Schauplätze der Wiener Kulturgeschichte verloren gegangen zu sein. Dann jedoch begann eine beispiellose Rettungsaktion. Sie führte dazu, dass bis heute ein Teil der historischen Grabsteine auf dem rund 2000 Quadratmeter großen Gelände wieder aufgestellt werden konnte. Ihre Inschriften sind hebräisch. Der Friedhof in der Seegasse war von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum späten 18. Jahrhundert der Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde Wien. Damit ist er der älteste erhaltene Begräbnisplatz in Wien. Zugleich ist die Geschichte des Rossauer Begräbnisplatzes eine Geschichte des wechselhaften, widersprüchlichen Umgangs mit Erinnerungskultur. Sie ist auch eine Geschichte des Eingriffes unterschiedlicher politischer Systeme – von der Monarchie über die Diktatur bis zur Republik.

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Jüdischer Friedhof Seegasse. Foto: N. Fischer

Friedhöfe sind seit Jahrhunderten zentrale Orte der Erinnerung und des Gedächtnisses. Mit ihrer räumlichen Struktur, ihren sepulkralen Monumenten und Bauten berichten sie über den wechselvollen Umgang mit Verstorbenen. Die Begräbnisstätten geben dem Gefühl der Trauer einen materialisierten kulturellen Ausdruck, dessen Wandel im Laufe der Geschichte die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Tod, Gesellschaft und Gedächtnis aufzuzeigen vermag. Zugleich sind sie Orte des Gedächtnisses – ja, der Friedhof kann gleichsam als eine sepulkrale "Gedächtnislandschaft" gelesen werden, die Zeugnis ablegt von kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Zäsuren und Verwerfungen.

Dies gilt auch für den Jüdischen Friedhof Rossau in der Seegasse. Letztere hieß übrigens bis zum späten 18. Jahrhundert "Gassel allwo der Juden Grabstätte", ab 1778 dann Judengasse. Um aber Verwechslungen mit der Judengasse im 1. Wiener Bezirk zu vermeiden, wurde sie ab 1862 mit dem heutigen Namen versehen.

Auf dem jüdischen Friedhof Seegasse sind insgesamt über 350 Grabmäler der einst 931 erhalten geblieben bzw. wiederaufgefunden worden – teilweise jedoch nur als Fragmente. Sie wurden entweder an der Friedhofsmauer aufgestellt oder auf dem Friedhof selbst. Ihre letzte Ruhe fanden auf dem Friedhof viele bekannte Repräsentanten der Wiener Jüdischen Gemeinde, darunter der Bankier Samuel Oppenheimer, der Religionsgelehrte und Finanzier Samson Wertheimer, der Kaufmann Koppel Fränkel und der Rabbiner Simeon Auerbach.

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Jüdischer Friedhof Seegasse. Foto: N. Fischer

Angelegt wurde der Begräbnisplatz wohl im 16. Jahrhundert, das genaue Datum ist unbekannt. Bestattet wurde hier zwischen 1540 und 1783, er war damals der Hauptfriedhof der Jüdischen Gemeinde. Die Stadt Wien verpflichtete sich nach einem Pogrom 1760 und der Zahlung einer Geldsumme durch einen jüdischen Kaufmann, den Friedhof auf Dauer zu erhalten. Nachdem 1783 Joseph II. als Teil seiner Reformgesetzgebung die Nutzung von Friedhöfen innerhalb des so genannten Linienwalls verboten hatte, wurde ein neuer Friedhof in Währing angelegt und 1784 eröffnet (dieser Friedhof wurde bis zum späten 19. Jahrhundert belegt und befindet sich derzeit in einem baufälligen Zustand). Da die jüdische Tradition ein ewiges Ruherecht voraussetzt, blieb der Friedhof Seegasse auch ohne weitere Belegungen erhalten.

Unter den Nationalsozialisten wurde der Friedhof Anfang 1941 zerstört. Am 8. Januar 1941 erfolgte ein Beschluss der Wiener Ratsherren zur Auflösung aller jüdischen Friedhöfe. Eine Schleifung des Friedhofs war vorgesehen. Auf Bitten des jüdischen Ältestenrates wurde diese mehrfach verschoben. So konnten die Grabsteine von jüdischen Zwangsarbeitern unter höchstem körperlichem Einsatz bis Ende 1943 zum Zentralfriedhof abtransportiert werden. Die Nationalsozialisten erhofften sich von dieser Aktion die endgültige, aus ihrer Sicht "bequeme" und in der Praxis zynische Auflösung des Friedhofs. Ein Teil der Grabsteine wurde auf dem Zentralfriedhof vergraben – ein anderer Teil von ihnen, wie man erst später herausfand, auch auf dem Gelände an der Seegasse selbst. Dort blieben sie aber bis auf weiteres verschollen. Nach Ende der Diktatur glich der Friedhof einem Trümmerfeld, nur eine einzige Grabplatte lag noch an Ort und Stelle. Der Friedhof war gänzlich verwildert und war auch Ende der 1970er Jahre als solcher kaum noch zu erkennen. Aber beim Verkauf des Geländes an die Stadt Wien in jener Zeit wurden Erhalt und Unantastbarkeit des jüdischen Friedhofs für alle Zeiten festgeschrieben. Die Stadt errichtete dort das Pensionistenheim Rossau, zugleich diente der Neubau der Zentralverwaltung aller Pensionistenheime. Die ersten Heimbewohner zogen 1982 ein.

Anfang der 1980er-Jahren wurden von den einstmals 931 Grabsteinen 280 auf dem Wiener Zentralfriedhof wieder aufgefunden. Nach einem aus dem frühen 20. Jahrhundert überlieferten Plan wurde mit der Wiederaufstellung begonnen. Der Friedhof wurde am 2. September 1984 wieder eingeweiht und wird seit dem Jahr 2008 restauriert. Diese in Kooperation zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde und dem österreichischen Bundesdenkmalamt durchgeführten, von der Stadt Wien finanziell unterstützten Arbeiten sollen bis 2018 abgeschlossen sein. Zusätzlich wurden bei den Restaurierungsarbeiten in der Seegasse weitere, bisher im Boden vergrabene 20 historische Grabsteine sowie zahlreiche Reste von Grabsteinen entdeckt. Sie waren offensichtlich nach der befohlenen Auflösung des Friedhofs heimlich dort vergraben worden, um sie zu retten.

Die Lage des Friedhofs und die spätere Neu-Bebauung bringen es mit sich, dass die Anlage heute nur über das Foyer des städtischen Pensionistenheimes erreichbar ist. Der Friedhof ist nicht begehbar, kann aber von einem hochliegenden, am Pensionistenheim angebrachten Fußsteg aus gut eingesehen und überblickt werden.

Öffnungszeiten des Jüdischen Friedhof in der Seegasse 9–11: Mo–Do 7–17 Uhr, Freitag 7–15 Uhr; aktuelle Informationen unter: www.wien.gv.at/umwelt/parks/anlagen/seegasse.html)

Literaturhinweise:

Traute Veran: Das steinerne Archiv. Der Wiener jüdische Friedhof in der Rossau, Wien 2006 (2., überarbeitete Auflage)

Bernhard Wachstein: Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien. Wien/Leipzig, 2 Bände: I. 1912, II. 1917 (auch als Digitalisat)

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