OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Facebook als Ort der Trauer und Erinnerung

 - August 2018
Ausgabe: 
Nr. 142, III, 2018

Jonas Togler ist 17 Jahre alt, als er im Juni 2011 beim Baden mit Freunden nicht mehr aus dem Baggersee auftaucht.

Seine Kumpels glauben zunächst an einen Streich – nicht unüblich für den aufgedrehten, lebenslustigen Teenager, einen sportlichen Draufgänger –, vielleicht sei er heimlich an einer anderen Stelle aus dem See gestiegen und beobachte sie von dort aus kichernd bei der Suche nach ihm, denken sie. Doch wenige Stunden später bestätigt sich, was seine Mutter sofort spürte, als Jonas nicht zum Abendessen nach Hause kam: Jonas Togler ist tot.

"7 Jahre ohne dich", schreibt sie im Juni 2018 als Nachricht auf sein Facebook-Profil, daneben ein gelber Smiley, hilflos und traurig blickend, mit heruntergezogenen Mundwinkeln. In den vergangenen sieben Jahren seit Jonas‘ Tod war sein Facebook-Profil für seine Familie und Freunde der zentrale Ort ihrer Trauer: eine Art digitales Kondolenzbuch, das individuelles und kreatives Trauern ermöglichte, Anlaufpunkt für gegenseitigen Austausch und Trost und vor allem eine Möglichkeit, den Verstorbenen weiterhin im Alltag zu verorten und zu adressieren. Im Jahr von Jonas' Tod war dies anlässlich der Neuheit der Technik noch ein Novum, aber vorausdeutend für die heutige Nutzung digitaler Räume der Trauer und Erinnerung.

Dass Facebook diese zentrale Rolle nach Jonas' Tod spielte, hatte zunächst rein pragmatische Gründe. Die Familie Togler stand vor der Herausforderung, Jonas' Freunde und Klassenkameraden zu informieren. Jonas' Bekanntenkreis war aber geradezu unüberschaubar groß, beinahe jeder in dem kleinen Ort im Schwarzwald kannte ihn und die Jugendlichen über die Lehrer informieren zu lassen, war aufgrund der Sommerferien nicht möglich. Bei Facebook hatte Jonas zum Zeitpunkt seines Todes weit über 500 Kontakte, die sich dort alle mit nur einer Nachricht erreichen ließen. Einer der beiden älteren Schwestern gelang es, das Passwort zurücksetzen zu lassen und ein neues zu erstellen, mit diesem konnte nun die ganze Familie auf Jonas' Facebook-Account zugreifen. Der erste Eintrag verbreitete die Nachricht von Jonas' Tod: das Datum vom Vortag, seines Todestages, daneben ein Kreuz. Jonas war erst wenige Stunden tot, einige seiner engsten Freunde waren inzwischen zwar benachrichtigt worden, viele erfuhren aber erst über Facebook, dass ihr Freund nicht mehr lebte. Eine Flut an Reaktionen brach über die Familie herein. Allein unter der Todesnachricht sammelten sich im Laufe des ersten Tages fast hundert Kommentare, binnen der nächsten Woche kamen insgesamt knapp hundert weitere Beiträge auf Jonas' Seite dazu. Auch unzählige nicht-öffentliche Nachrichten erreichten die Familie via Facebook. In den meisten dieser Mitteilungen drückten Jonas' Freunde seinen Eltern und Schwestern ihr Beileid aus und wünschten ihnen Kraft für die nächste Zeit. In der oft einsilbigen und sich wiederholenden Wortwahl schien eine Sprachlosigkeit durch, die von den häufig verwendeten traurigen oder weinenden Smileys unterstrichen wurde. Viele wendeten sich in ihren Kommentaren oder Beiträgen auch direkt an Jonas und bekundeten ihre Sehnsucht nach dem Freund. Aber nicht nur seine gleichaltrigen Freunde, auch Bekannte der Eltern oder Lehrer nahmen über Facebook Abschied: "Lieber Jonas, Ich werde dich vermissen, dein Engagement, deine Power und deine Fröhlichkeit. Andreas Hansen (Lehrer)".

Am Abend des ersten Tages nach dem Unfall meldete sich Familie Togler erneut über Jonas' Facebook-Account zu Wort. In einem Eintrag gab sie Auskunft über die Umstände des Todes und bedankte sich für die Anteilnahme. Auch sollten an dieser Stelle bald weitere Informationen über die Trauerfeier folgen, hieß es. Unter dieser Nachricht kommentierten erneut Dutzende mit Beileidsbekundungen oder Botschaften an den verstorbenen Freund.

Schnell entwickelte sich Jonas' Facebook-Profil zum zentralen Informations- und Kommunikationsmedium der Familie und Freunde: Seine Eltern und Schwestern informierten mittels eines Beitrags über die Gelegenheit, sich in der städtischen Leichenhalle von Jonas zu verabschieden und gaben Ort und Datum der Trauerfeier bekannt. Sie erstellten zusätzlich ein Bild, in dessen Hintergrund in blassem Grau eine Sonne zu erkennen ist, die am Horizont über dem Meer strahlt, und in dessen Vordergrund Informationen zu beiden Anlässen sowie einer Gedenkveranstaltung in der Schule zu lesen sind. Das Bild fungierte kurze Zeit als Facebook-Profilbild, auf diese Weise waren die Informationen für Besucher der Seite sofort einsehbar und gingen nicht in der nicht abreißenden Flut der Kommentare, Nachrichten und Fotos unter. Am dritten Tag nach Jonas' Tod war die von seiner ältesten Schwester selbstgestaltete Todesanzeige fertig. Sie erschien nicht nur in der lokalen Zeitung, sondern ersetzte auch das am Vortag erstellte Bild und steht bis heute als Profilbild ganz oben auf Jonas' Facebook-Seite, um jeden Besucher auf den ersten Blick darüber zu informieren, dass der Inhaber des Profils nicht mehr lebt.

Das Profilbild übernahm damit sozusagen die Funktion eines Grabsteins – zusätzlich zu dem auf Jonas' Grab in der analogen Welt. Denn die digitalen Trauerpraktiken ersetzten die herkömmlichen traditionellen nicht, wie etwa die Trauerfeier oder die Aufbahrung, sondern ergänzten sie, indem sie andere Bedürfnisse der Trauernden zu befriedigen vermochten.

Nicht nur die Famiie, sondern auch Jonas' Freunde begannen unmittelbar, sein Profil untereinander als Kommunikationsplattform zu benutzen. Bis heute geht es dabei vor allem um den Austausch von Erinnerungen, Anekdoten, Musik und Fotos, die teilweise liebevoll bearbeitet und gestaltet werden und so den kreativen Ausdruck individueller Trauer mit einfachen Mitteln ermöglichen. Aber auch Praktisches ist Teil des Austauschs, wie eine verschobene Geografie-Klausur kurz nach Jonas‘ Tod. Von Anfang an bemerkenswert war die Vernetzung, die auf Jonas' Seite unter seinen Freunden stattfand. Unter nahezu jedem Beitrag eines Trauernden auf Jonas' Seite drückten andere Freunde und Bekannte ihr Mitgefühl aus, sei es mit weiteren Kommentaren oder mit einem Klick auf den "Gefällt mir"-Button, einer Facebook-Funktion, mittels derer nonverbal Zustimmung mitgeteilt werden kann. Oft fanden so auch bis dahin einander unbekannte Freunde von Jonas beieinander Trost und Unterstützung, wie zum Beispiel Kathrin, die mit einigen Tagen Verzögerung auf Facebook von Jonas' Tod erfahren hatte. Dort antwortete ihr Florian, ein Freund von Jonas, den sie selbst bis dahin aber nicht kannte:

"Kathrin: Das ist jetzt ein schlechter scherz hoff ich... oO [Emoticon für Überraschung oder Staunen, Anm. d. A.] Nein Jonas nicht echt jetzt????
Florian: es ist leider kein schlechter Scherz. Leider.
Kathrin: verdammt...ich hoffe dir geht es dort wo du jetzt bist gut. Ich werde dich sehr vermissen Jonas.Du bist ein großer Verlust für uns alle. Mein Beileid an die Familie.
Florian: du hast erst jetzt davon mitbekommen?
Kathrin: ja :‘-(
Felix: tut mir echt leid!
Kathrin: ich kanns grad echt nicht fassen..ist grad echt heftig..
Felix: glaube ich, aber aufgeklärt bist du?
Kathrin: habs auf vorhin der pinnwand gelesen..baggersee..
Florian: ja scheiß Sache so etwas. anfangs dachte ich hey er ist doch so ein super Schwimmer, wie kann so was passieren. Aber ja eine Schädelverletzung kann auch ein super Schwimmer nicht so zur Seite stecken."

Diese Möglichkeit des Kontakts ist es unter anderem auch, die Jonas' Mutter Linda heute so sehr an Facebook schätzt. Sie war zwar wie ihre drei Kinder bereits vor Jonas' Tod in dem Online-Netzwerk angemeldet, war aber im Gegensatz zu ihnen dort kaum aktiv. Erst nach dem Tod ihres Sohnes, nachdem sie von den Reaktionen der Freunde auf Facebook erfahren hatte, verband sie ihr Profil mit dem von Jonas und war seitdem dort im regen Kontakt mit seinen Freunden. Der Freundes- und Bekanntenkreis ihres verstorbenen Sohnes ist inzwischen Mitte 20, zum Zeitpunkt von Jonas' Tod hatten viele vorher noch keine Erfahrung mit Todesfällen gemacht. Nicht nur waren ihnen traditionelle Trauerriten dadurch fremd und etwa Friedhofsbesuche eine Rarität, auch war bei den Jugendlichen eine Unsicherheit spürbar: "Wir haben immer wieder gemerkt, dass manche da eine Scheu haben und nicht wissen, ob sie vorbeikommen können oder wie sie mit uns umgehen sollen," erzählt Linda Togler. Diese Problematik konnte über das soziale Netzwerk überwunden werden.

In diesem Zusammenhang spielen die dem Online-Netzwerk eigenen Kommunikationsstrukturen eine entscheidende Rolle. Im Gegensatz zum Friedhof unterliegt Facebook keinen räumlichen oder zeitlichen Begrenzungen und ist rund um die Uhr und nahezu unabhängig vom Aufenthaltsort zugänglich. Dort einen Beitrag oder Kommentar zu verfassen hat eine geringere Hemmschwelle, als eine Email oder einen Brief zu schreiben oder zum Telefon zu greifen – vor allem für jüngere Generationen, die aufgrund mangelnder Erfahrung in dieser Situation unsicher sind und zu Kommunikationsformen wie dem Online-Netzwerk eine stärkere Bindung haben als zu traditionellen Ritualen oder Verhaltensmustern. Einträge auf der Seite oder Kommentare unter den Beiträgen anderer Trauernder werden oft spontan aus einem kurzfristigen Impuls heraus getätigt und müssen nicht zwangsläufig in eine Kommunikation münden, ermöglichen diese aber auf unverbindliche Weise, die so den jungen Trauernden zugute kam: ein Angebot, das je nach individueller Bedürfnislage angenommen oder nicht angenommen wurde ohne die Angst, Erwartungen und unbekannten Kodizes nicht gerecht zu werden. Die Unverbindlichkeit des Online-Kontakts wird von vielen Trauernden aufgrund der spürbaren hohen Zahl der – wenn auch teilweise still – Mittrauernden nicht als solche empfunden.

Gerade für Jonas' Vater Wolfgang habe die Möglichkeit der anonymen und distanzierten Kontaktaufnahme, wie sie das Internet bietet, eine wichtige Rolle gespielt, erzählt seine Frau. Er selbst hat eine Interviewanfrage abgelehnt. "Er hat sich sehr zurückgezogen und das alles in sich reingefressen, wollte mit niemandem reden", sagt Linda Togler über die Zeit nach dem Unfall. Dann meldete sich Wolfgang Togler bei Facebook an. In den folgenden Wochen und Monaten veröffentlichte er dort unzählige Erinnerungen an Jonas, Anekdoten aus dem Familienleben und Fotoalben mit Bildern von Jonas, er zitierte Gedichte und schrieb in den Einträgen auf seiner eigenen Facebook-Seite von der ewigwährenden Trauer um seinen Sohn. Auch im Sommer 2018 ist Wolfgang Togler noch aktiv. Sein jüngster Eintrag: ein Foto von Jonas, bemalt in Schwarz-Rot-Gold, das er mit Verweis auf die Fußball-Weltmeisterschaft hochlud, bei der Jonas "in allen Farben" dabei gewesen wäre, wie er schreibt. Wolfgang Togler verknüpft so seine aktuelle Lebensrealität mit der Erinnerung an seinen verstorbenen Sohn und integriert ihn damit in seinen Alltag.

In den Jahren seit Jonas' Tod hat sich bei Facebook einiges verändert, was den Umgang mit verstorbenen Nutzern und ihrem digitalen Nachlass angeht. Vor allem reagierte das Netzwerk auf rechtliche Problematiken, die erst mit der Zeit ans Licht kamen. Facebook war – gegründet 2004 – zum Zeitpunkt von Jonas' Tod noch verhältnismäßig jung, Todesfälle unter den Nutzern bildeten eher eine Ausnahme. Inzwischen ist das Netzwerk doppelt so alt und die Nutzerzahlen haben sich vervielfacht, damit auch die Zahl der Todesfälle. Um dem Problem der Deutungshoheit über das Profil eines Verstorbenen vorzubeugen, hat Facebook den sogenannten "Gedenkzustand" eingeführt, in den Profile versetzt werden können. Hierzu muss der Tod des Nutzers etwa über die Sterbeurkunde nachgewiesen werden. Nutzer können sich dann zwar noch – wie Jonas' Familie und Freunde – dort mitteilen und austauschen, Nachrichten im Namen des Verstorbenen oder Veränderungen der zu Lebzeiten geteilten Inhalte sind dann jedoch nicht mehr möglich. Die nicht-öffentliche Online-Kommunikation des Verstorbenen – mit anderen Nutzern ausgetauschte Privatnachrichten – beschäftigte aktuell den Bundesgerichtshof. Der Fall, um den es sich handelt, ist dem von Jonas‘ ähnlich: Die Mutter einer verstorbenen Jugendlichen wünschte sich Zugang zu deren Facebook-Profil. Das Grundsatzurteil wurde im Juli 2018 verkündet und ermöglicht nun den Zugang zum Facebook-Profil.

Auch heute, sieben Jahre nach seinem Tod, ist auf Jonas' Profil mehr Aktivität zu verzeichnen als auf den meisten Profilen von lebenden Personen. Regelmäßig hinterlassen Familie und Freunde dort noch Botschaften, die sich an Jonas richten, Fotos und Musikvideos, und das heute vor allem, aber nicht nur zum Geburts- oder Todestag. Besonders häufig sind die Einträge von Linda Togler. Lange hielt sie, auch wenn sich die Nachrichten an Jonas richten, dessen Freunde auf dem Laufenden. So berichtete sie zum Beispiel von der Abiturfeier, bei der Jonas' Schulkameraden seiner gedacht haben, und nutzte diesen Weg, um sich bei ihnen dafür zu bedanken. Ebenso teilte sie Jonas, bzw. seinen Freunden über Facebook mit, dass er Onkel geworden sei, als das Kind seiner ältesten Schwester zur Welt kam. Wie ihr Mann bindet sie Jonas und die Erinnerung an ihn so regelmäßig in ihren Alltag ein. Sie freut sich über jede Reaktion der Freunde auf Facebook, weiß aber auch, dass sie mit der Zeit wahrscheinlich abnehmen werden. "Ich denke, das Leben geht weiter, und gerade bei den Jüngeren ist das völlig in Ordnung, wenn das irgendwann in den Hintergrund tritt." Dann könne sie sich auch vorstellen, das Profil löschen zu lassen, sagt sie. Bestehen tut es aber bis heute.

Hinweis: Die Namen der Personen wurden geändert.

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