OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Trauerkultur im Iran – Reiseeindrücke

 - Februar 2018
Ausgabe: 
Nr. 140, I, 2018

Persien, seit 1979 offiziell "Islamische Republik Iran", liegt zwischen Kaspischem Meer im Norden, Persischem Golf und Golf von Oman im Süden.

Unter Darius I. (522-486 v. Chr.) in der höchsten Blütezeit der Achämeniden dehnte sich das Großreich von Libyen, Ägypten und Griechenland bis nach Indien aus. Heute nur noch viereinhalb Mal so groß wie Deutschland grenzt der Vielvölkerstaat an sieben Staaten: Irak, Türkei, Armenien und Aserbaidschan im Westen, Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan im Osten. In seine über 5000 Jahre alte und entsprechend reiche Geschichte konnte eine kleine Reisegruppe in zwölf Tagen (15.–27.10.2017) nur begrenzte Einblicke gewinnen. Dafür stand ausgerechnet in der genannten Reisezeit die Trauerkultur dieses Landes, in dem 99% aller Iraner Muslime sind und der schiitische Islam gemäß Verfassung Staatsreligion ist, besonders im Fokus – und dies unter verschiedenen, hochinteressanten Aspekten.

Ein ganzer Staat in Trauer

Der erste Eindruck kam aus dem "Muharram", dem ersten Monat des nach Mondjahren rechnenden islamischen Kalenders (von dem der Ramadan der neunte ist): In den ersten zehn Tagen dieses dreißig Tage lang dauernden Trauermonats – in 2017 vom 22. September bis zum 21. Oktober – begehen die Schiiten ihr höchstes Trauerfest und den bedeutendsten religiösen Feiertag im Iran, an welchem die Aschura-Riten vollzogen werden. Am zehnten Tag des Muharram gedenken sie des Todes des Imams al-Husain (oder Hossein) in der Schlacht von Kerbela im Jahre 680. Anlässlich einer Trauerprozession tragen viele Männer abwechselnd den geschmückten "Naql", ein schweres Holzgestell, und geißeln sich, um das Martyrium des Hossein "nachzuleiden" und dergestalt zu büßen.

Moschee mit schwarzen Fahnen
Moschee mit schwarzen Fahnen. Foto: C. Behrens
Shiraz, Shah Cheraq-Mausoleum
Shiraz, Shah Cheraq-Mausoleum. Foto: C. Behrens

Der folgende Monat "Safar" gilt ferner als Unglücksmonat, denn am 13. Tag soll die letzte Krankheit des Propheten Mohammed ausgebrochen sein. Laut Volksglauben sollen 12.000 unter den 12.400 vor Mohammed wirkenden Propheten in diesem Monat verstorben sein. In diesem doppelten Zusammenhang verstehen sich die vielen, vor allem schwarzen Fahnen, die wir an Minaretten, innerhalb und vor Moscheen bzw. Mausoleen oder um deren Säulen entdecken konnten, von selbst. Da der Islam – und dies ist im Iran besonders der Fall – keine Grenzen zwischen Staat und Religion zieht, finden sich ebenfalls unzählige schwarze Flaggen in jedem Stadtbild und darüber hinaus: entlang von Straßen, in Fußgängerzonen, innerhalb von Bazaren, am Flughafen, vor Hotels.

Straße in Kashan
Straße in Kashan. Foto: C. Behrens
Shiraz, Fußgängerstraße
Shiraz, Fußgängerstraße. Foto: C. Behrens
Märtyrerbilder
Straßenzug mit Märtyrerbildern. Foto: C. Behrens
Märtyrerbild
Märtyrerbild mit Tulpen. Foto: C. Behrens

In diesem Trauermonat werden darüber hinaus überall Portraits von Märtyrern aufgestellt, die 1980–1988 im irakischen-iranischen Krieg, bzw. später in Syrien starben. Hin und wieder werden Tulpenmotive hinzugefügt, da Tulpen hier als Trauerblumen gelten. Diese Bilder hängen bis in das entfernteste Bergdorf hinein einzeln oder gruppiert gut sichtbar an Kreuzungen, Hauptachsen, Brücken oder, dann auch länger, gemalt an Häusern – selbst in einer großen U-Bahn-Station von Teheran.

Trauerraum
Trauerraum für Märtyrer in Abyaneh. Foto: C. Behrens

Moscheen bauen in der Zeit häufig einen Stand vor ihren Türen auf. Dort können sich Besucher bei einem Becher Tee über den Islam und die Märtyrer informieren oder einen Erinnerungs- und Trauerraum für letztere aufsuchen.

Historische Spuren

Eins der bekanntesten Zeugnisse der früheren Trauerkultur Irans liegt in der ersten Achämeniden-Königsresidenz Pasargad (Provinz Fars), die Kyros II. gründete und in welcher er sich begraben ließ. Das aus hellen Kalksteinquadern gebaute, insgesamt elf Meter hohe Grabmal Kyros des Großen (559–530 v. Chr.) soll kurz vor der Eroberung durch Alexander den Großen ausgeraubt worden sein, aber laut Plutarch eine beeindruckende Grabinschrift gehabt haben: "Mensch, wer du auch seist und woher du kommen magst – denn dass du kommen wirst, weiß ich – ich bin Kyros, der den Persern die Herrschaft erworben hat. Missgönnt mir nicht die wenige Erde, die meinen Leichnam deckt". Ebenfalls sehr beeindruckend ist die Nekropole Naqsh-e Rostam mit vier Felsgräbern achämenider Könige (Darius II., Artaxerxes I., Darius I. und Xerxes I.), alle vier älter als diejenigen des berühmten Persepolis und mit Sicherheit als Vorbilder anzusehen. Das „National Museum of Iran“ in Teheran besitzt einen fast intakten Sarg aus glasiertem Ton mit Deckel (Susa, Provinz Khuzistan, 250-224 A.D.).

Grab Kyros
Grab Kyros des Grossen in Pasargadae. Foto: C. Behrens

Als eine der ältesten Religionen der Welt zählt der Zoroastrismus weltweit etwa 130.000 Anhänger mit fast 100.000 allein im heutigen Mumbai (in Hamburg leben an die 1000 von ihnen); seit 1970 ist die im Iran, meist in Teheran, verbliebene Gemeinde auf ca. 30.000 Zoroastrier zusammengeschmolzen. Die Stadt Yazd, mit einer seit rund 1300 Jahren ansässigen, noch heute großen zoroastrischen Gemeinde (über 5000 Mitglieder), besitzt einen 1934 von indischen Glaubensbrüdern gestifteten Feuertempel, sowie 12 km südwestlich der Stadt noch zwei alte Bestattungstürme. Nach traditionellem, diesem Wüstenklima angepassten Brauch wurden die Leichen auf diesem "Turm des Schweigens" ausgesetzt, damit das verwesende "schmutzige" Fleisch des Verstorbenen von Geiern gefressen wird und die Erde nicht verunreinigt wurde; unterhalb des Turms lagen Wohnbauten und Totenhäuser für die früheren Rituale der Totenfeierlichkeiten, die bis vor zwei Generationen noch üblich waren. Auch in Yazd selbst wurde diese Art der Bestattung Mitte der 1960er Jahre aus hygienischen Gründen verboten, so dass die Zoroastrier einen Friedhof hinter einer Mauer anlegen mussten. Um dem religiösen Gebot der Reinheit zumindest symbolisch weiter Rechnung zu tragen, werden die Gräber am Boden mit Zementplatten ausgekleidet und mit einer Platte abgedeckt, bevor man sie zuschüttet.

Turm des Schweigens
Turm des Schweigens in Yazd. Foto: C. Behrens

Eine weitere Minderheit sind die Armenier, eines der ältesten christlichen Völker und mit ca. 80.000 Gläubigen, von denen drei Viertel in Teheran leben, die wichtigste christliche Bevölkerungsgruppe Irans.

Armenisches Grab
Altes armenisches Grab in Isfahan. Foto: C. Behrens

Die Stadt Isfahan besitzt mit Jolfa ein sehenswertes Armenierviertel mit Kirchen und Friedhof. Die Vank-Kathedrale, ehemalige Klosteranlage mit der Erlöserkirche ist heute Museum und besitzt unter anderem viele alte Grabsteine: Auf einem einfachen Relief des wohl ältesten Grabsteins entdeckt man links eine Kreuzigung, rechts Adam und Eva. Viele alte Grabplatten liegen vor bzw. an der Außenwand der Kirche, einige ganze Gräber stehen inmitten des Innenhofs. Erwähnenswert ist auch hier die Erinnerungsskulptur vom Prälat Khachatour Vardapet aus Cesarea (1590–1646), Gründer der ersten Druckerei im Vorderen Orient. Und vor allem das "Armenian Genocide Memorial" von 1975, Mahnmal für die 1.500.000 Opfer des Völkermords von 1915 an den Armeniern im Osmanischen Reich – mit gut nachvollziebarer Darstellung der Chronologie.

Chronologie
Chronologie des armenischen Völkermords. Foto: C. Behrens

Bedeutung von Mausoleen in Iran

Allein die Hauptstadt der Provinz Fars, Shiraz, im Süden des Landes auf 1540 m Höhe liegend und heute 1,5 Mio. Einwohner zählend, besitzt mindestens vier sehenswerte Mausoleen.

Hafiz' Mausoleum
Shiraz, Hafiz' Mausoleum. Foto: C. Behrens

Das erste gehört Hafiz (um 1320–90), einem der größten Dichter Irans und Ikone der persischen Dichtung. Seine Gedichte sprechen von Anbetung und Liebe, Wein und Genuss – eine Ode an die Freude des Daseins; sein berühmter "Diwan", Hausbuch jedes Iraners, beeinflusste auch den 70-jährigen Goethe und dessen "West-östlichen Diwan" von 1819. Das ursprüngliche Mausoleum wurde im 18. Jh. durch einen schlanken Pavillon ersetzt und 1936 restauriert. Vor allem jüngere Verliebte kommen, sowohl am Wochenende als unter der Woche (und möglichst zur Hochzeitreise!), um das Grab aus Marmor zu streicheln und den Schutzpatron der Liebe zu verehren, während andere Besucher gerne Hafiz‘ Gedichte laut rezitieren.

Saadi's Mausoleum
Shiraz, Angebot beim Saadi's Mausoleum. Foto: C. Behrens

Der zweite berühmte Shirazer Dichter ist der ältere Saadi (um 1193–1292) – mit zwei Hauptwerken, dem "Golestan" (Rosengarten) und dem "Bustan" (Fruchtgarten). Sein Mausoleum von 1952, im Nordosten der Stadt gelegen, erscheint sogar als Motiv auf dem 100.000 Rial-Schein. Wie beim Hafiz-Grabmal wird es gerne als Hintergrund für Selfies benutzt. Besucher können auch sich fotografieren lassen sowie entsprechende T-Shirts oder Geschirr mit dem Bild kaufen.

Cheraq-Mausoleum
Shah Cheraq-Mausoleum, Verspiegelungen. Foto: C. Behrens

Ganz anders dann das dritte, beeindruckende Shah Cheraq-Mausoleum, mit welchem ein um 835 verstorbene Bruder des 8. Imam Reza verehrt wird. Der Grabbau in seiner heutigen Form wurde im 15. Jh. errichtet, seitdem mehrfach restauriert; die berühmten Verspiegelungen im Innern wurden im 19. Jh. angebracht. In vielen Nebenräumen gehen, beten, sitzen oder essen (auch Eis!) Familien mit Kindern, weiter entfernt stillt eine junge Mutter ihr Baby. Weniger bekannt ist das bescheidenere, jedoch hoch geschätzte Mausoleum von Ali Ibn Hamzeh mit ähnlichem Spiegel-Dekor im Inneren, dafür aber viel weniger Besuchern, zumindest am hellen Tag: Verehrer sind allerdings bereit, im Innenhof einen teuren Grabplatz in direkter Nähe des Heiligen zu bezahlen. Diese vier Beispiele aus Shiraz sind nur eine kleine Auswahl, denn Mausoleen scheinen in fast jedem Ort vorhanden zu sein, bis hin zur kleinen Bergstadt Abyaneh, 20 km entfernt von der Hauptachse Süd-Nord. Häufig werfen Besucher Geldscheine durch das Grabgitter (die iranische Währung ist nicht viel wert). Selten sieht man allerdings so viel Geld wie in Isfahan, im kleinen Mausoleum von Harun Welayat, dem ältesten Bauwerk der Sasaniden-Zeit (224–642 n. Chr.) und einem wahren Kunstwerk; dieser Heilige soll Fruchtbarkeitsprobleme geheilt haben und wird deswegen von Frauen noch heute gerne besucht.

Hamzeh-Mausoleum
Shiraz, Ali Ibn Hamzeh-Mausoleum. Foto: C. Behrens
Geldscheine
Teheran, Geldscheine am Grab von Harun Welayat. Foto: C. Behrens

Unbedingt erwähnenswert wäre hier noch das Mausoleum des Imam Reza in der zweitgrößten Stadt Mashhad, Anziehungspunkt für Millionen von Pilgern; leider liegt es weit abseits im Nord-Osten Irans und wurde daher auf dieser Reise nicht besichtigt.

Khomeini-Mausoleum
Khomeini-Mausoleum mit Händlern. Foto: C. Behrens

Südlich von Teheran dagegen steht der riesige Grabbau für Ayatollah Khomeini mit seinen vier vergoldeten Minaretten sowie der Kuppel schon von der Flughafen-Autobahn gut sichtbar. Zelte von Pilgern reihen sich in der Nähe aneinander, viele Verkäufer stehen bis zur Eintrittshalle davor und bieten Kleidung, Getränke oder Brot zum Verkauf an. Der Bau selbst, bald nach dem Tod des Revolutionsführers 1989 begonnen, ist immer noch nicht ganz fertiggestellt und soll – offiziell – ausschließlich durch Spenden finanziert worden sein. Angeblich war es der Wunsch Khomeinis, auf dem Zentralfriedhof Behesht-e Zahra, in der Nähe der "mostazafan" oder "Entrechteten" und in unmittelbarer Umgebung der vielen Kriegstoten beigesetzt zu werden.

Der Friedhof Behesht-e Zahra bei Teheran – und weitere Trauersitten

Größer als Ohlsdorf – mit mindestens 424 Hektar Fläche (aber 534 laut Wikipedia!) – gilt der größte Friedhof Irans auch als zweitgrößte Begräbnisstätte der Welt – nach dem nicht weit entfernten "Wadi as-Salam" in der Nähe der für Schiiten heiligen Stadt Nadschaf in Irak. Letzerer mit einer Größe von rund 917 Hektar wird bereits seit dem 7. Jahrhundert benutzt. Behesht-e Zahra (oder "Paradies der Prophetentochter Fatemeh") wurde dagegen erst 1970 und noch zu Schah-Zeiten gegründet. Durch Revolution und Krieg hat sich der Friedhof schnell ausgedehnt und zählt 1,3 Mio Grabstellen, darunter seitenweise Prominente – zum Beispiel die erste Frau sowie drei Kinder von Reza Shah.

Grabreihen
Dichte Grabstättenreihen. Foto: C. Behrens
Frisch belegtes Grab
Frisch belegtes Grab. Foto: C. Behrens

Von Teheran aus ist der Friedhof mit der Metro Linie 1 nach Süden gut erreichbar. Bevorzugt wird allerdings offenbar der Weg über die Autobahn; dort findet man in der Feldlandschaft viele bunte Blumenverkäufer. Dem Autoverkehr entsprechend sind im Friedhof selbst nicht nur große Parkplätze sondern zwischen den verschiedenen Sektionen breite sechs- bzw. achtspurige Straßen vorgesehen. Der Umweg über diesen Friedhof kurz vor dem Rückflug erlaubte uns lediglich die Besichtigung eines der wahrscheinlich vielen Mahnmale für die Kriegstoten: das für die Opfer der Luftwaffe. Trotz des trockenen Klimas und obwohl die Grabstätten dicht aneinander liegen, geben die vielen im Friedhof gepflanzten Bäume einen grünen und schattigen Gesamteindruck.

Abyaneh
Neue und alte Gräber bei Abyaneh. Foto: C. Behrens

Trauernde besuchen ihn gerne besonders freitags, etliche Gräber sind daher mit frischen Blumenblüten sehr liebevoll geschmückt – ob einzeln, gereiht oder gestreut (nicht allein im Trauermonat Muharram). Im Iran wie in Hamburg sind Porträts weit verbreitet, nicht nur von Männern. Wichtig hier bei der Inschrift am Anfang der Hauptzeile rechts ist die Angabe, ob der Verstorbene die Wallfahrt nach Mekka machen konnte. Neben der traditionellen Markierung eines Grabs (mit zwei senkrechten Steinen am Kopf und Fuß) werden auf dem Lande ähnliche Modernisierungstrends auch erkennbar, wie etwa auf dem Weg nach Abyaneh.

Blumen
Blumen vor einer Moschee bei einer Trauerfeier. Foto: C. Behrens

Unterwegs fallen weiterhin ergänzende Eindrücke auf: Auf dem Zentralfriedhof das für eine Beerdigung stehende Zelt mit drei Reihen roter Klappstühle. Oder die riesigen Kunstblumen mit Foto des Verstorbenen, die bei einer Abschiedsfeier vom Eingang der Moschee bis an der Straße stehen… und jedoch später mit kleinen Lastwagen transportiert werden können. Ein Trauerfall wurde im Bazar von Kashan am geschlossenen Laden kundgetan, weitere am Haus durch Stoffbanner mit abgebildeten Kerzen, durch das Bild des Verstorbenen oder Blumen.

Trauer im Haus
Trauer im Haus. Foto: C. Behrens

Und immer wieder finden sich Heldenbilder und Todesanzeigen an der Außenwand einer Moschee und an Häusern, Mauern oder Plakatständern, sogar in Autos.

Auto
Todesanzeige in einem Auto. Foto: C. Behrens
Kind
Weinendes Kind. Foto: C. Behrens

Manche besonders rührende Kinderfotos wollen an die getöteten Väter erinnern. Diese Bilder sind selbstverständlich nur ein kleiner Teil inmitten vieler weiterer Eindrücke aus einem faszinierenden Land mit äußerst freundlichen Menschen!

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