OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Reihen haben sich gelichtet! Ohlsdorf 2050 und der Ideenwettbewerb "Neue Wege auf dem Friedhof" aus der Sicht der Steinmetze

 - Oktober 2017
Ausgabe: 
Nr. 139, IV, 2017

Der Herbst war für den Steinmetz immer sehr geschäftig. Mein Vater musste früher viele Aufträge fertigstellen.

Wenn am Totensonntag die Besucher in hohen Zahlen an Absperrungen, Verkehrspolizisten sowie schwarzgekleideten Musikern, die Choräle sangen oder auf ihren Trompeten bliesen, vorbei zu den Friedhofseingängen in Ohlsdorf zogen, wollten die Kunden ihre Steine in den vollen Reihen schön haben.

Nun gehen wir durch Quartiere mit teils nur noch vereinzelten Gräbern. Die Verwaltung hat in den letzten Jahren abgelaufene Nutzungen intensiv geräumt, so dass man jetzt den Rückgang der Nutzungen deutlich sehen kann. Unser Steinmetz-Familienbetrieb wird jetzt von meinem Bruder und mir in der zweiten Generation geführt. Mit zwei Filialen an den Eingängen Bramfeld Seehof und Ohlsdorf haben wir die Veränderungen auf dem Friedhof ständig miterlebt.

In meiner Arbeit im Vorstand der Hamburger Steinmetzinnung habe ich auch gesehen, dass die Steinmetze gegenüber der Friedhofsverwaltung eine schwierige Position haben. So stellte zum Beispiel unser Innungsvorstand im Jahr 2008 dem Friedhof hinsichtlich der neuen Herausforderungen durch die veränderten Nutzungszahlen ein Konzept vor, das der Bundesinnungsverband der Steinmetze deutschlandweit ausgearbeitet hatte. Erst nach mehrfacher Nachfrage bekamen wir zwei Jahre später eine negative Antwort. Innerhalb unseres Innungsvorstandes diskutierten und arbeiteten wir weiter. Wir sprachen mit der Friedhofsgärtnergenossenschaft und dem Verband der Friedhofsverwalter. Wir verwiesen auf die mangelnde Werbung für Wahlgrabstätten gegenüber Themengrabstätten und anderen Grabarten. Gleichzeitig sehen wir auch keine große Lobby für Grabzeichen bei den Bestattern. Da wir Steinmetze nicht nur Grabsteine gestalten und produzieren oder handeln, sondern da wir ja hauptsächlich den trauernden Grabnutzer beraten und gegenüber der Friedhofsverwaltung in der Genehmigungsphase vertreten, kennen wir dessen Wünsche genau und stießen schnell auf Widersprüche. So zum Beispiel auf die Frage: Warum ist eine Urnenbestattung eigentlich günstiger als eine Erdbestattung? Auch die Gebührengestaltung nach Größe der genutzten Grabfläche ist bei leerer werdenden Friedhöfen aus unternehmerischer Sicht in Frage zu stellen. Weiterhin ist nicht zu erkennen, wie es nachhaltig möglich sein wird, immer mehr Gemeinschaftsgrabstätten mit dauergepflegten teils sehr aufwendigen Anlagen und gleichzeitig die nicht mehr voll genutzten Quartiere mit immer weniger Personal zu unterhalten.

Gelichtete Reihe
Grabfeld mit leeren Grabreihen auf dem Ohlsdorfer Friedhof 2017. Foto: M. Karbenk

Ohlsdorf 2050 Nachhaltigkeitsstrategie

2013 erhielten wir dann auf einer Innungsvollversammlung vom Friedhof die erste Information über neue Planungen und im folgenden Jahr die Mitteilung, dass drei Viertel der Friedhofsfläche zukünftig als Park genutzt werden soll. Bis dahin wurden wir zu keinem Planungsgespräch hinzugezogen. Im Vorstand entwickelten wir weiter Ideen um Wahlgrabstätten interessanter zu gestalten, so z. B. flexible Ruhe- und Pflegezeiten, Möglichkeiten der Verkleinerung und Vergrößerung der Grabstätte innerhalb der Ruhezeit und damit verbunden eine flexible Gebührengestaltung für den Grabnutzer. Die Gebührengestaltung ist unserer Ansicht nach der Schlüssel für Steuerungen. Auch stellt sich die Frage, ob die einfache Verkleinerung der Friedhofsfläche die öffentliche Aufgabe mit der Versorgung von Grabstätten erfüllt. Unser Vorstand bemühte sich weiter, an dem Prozess Ohlsdorf 2050 beteiligt und gehört zu werden.

Im Oktober 2015 wurden wir dann zu einem Planungsgespräch eingeladen. Es fanden zusätzlich Termine im November statt. Hier brachten wir unsere Überlegungen ein. Die Landschaftsarchitekten bgmr aus Berlin waren beauftragt, das jetzt öffentliche Verfahren zu leiten. Herr Hübner aus dem Büro war uns sehr dankbar, da unsere Vorschläge und Gedanken bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht beachtet wurden. 2014, wieder zu unserer jährlichen Innungsvollversammlung, luden wir die Behörde für Umwelt und Energie zu diesem Thema ein. Herr Hoppe als zuständiger Vertreter der Behörde und der Friedhofsleiter Herr Wirz erschienen. Ich hatte für unseren Vorstand die Aufgabe übernommen, in einem kleinen Vortrag unsere Vorschläge vorzustellen. Hierfür hielt ich Rücksprache mit der AG Friedhof und Denkmal in Kassel, bei der mich Herr Dr. Venne gut beriet. Es war klar, die geplante Verkleinerung der Belegungsfläche wird kommen.

Da ein Viertel der Friedhofsfläche zukünftig von der öffentlichen Hand und nicht mehr von dem halböffentlichen Unternehmen Hamburger Friedhöfe finanziert wird, musste das Projekt öffentlich gemacht werden. Unsere Vorschläge waren zwei Säulen für die nachhaltige Planung des Friedhofs:

1. Wie gestaltet man das Nebeneinander der Nutzungen "Park" und "Friedhof"?

Wie sehen Übergänge der Nutzungen aus?

Wie vermeidet man Konflikte zwischen den Nutzungen?

2. Wie werden die Leistungsvergabe im freien Wettbewerb, die Qualität der Leistungen und die Nachfrage nach Gräbern gesichert?

Dazu kommen die Forderungen, dass die gesamte Friedhofsfläche als Grünfläche erhalten bleibt, die Friedhofssatzung Gültigkeit für die gesamte Fläche behält und die neuen Nutzungen regelt.
Nach den drei Werkstattgesprächen und der Abschlusstagung am 27. bis 28.4.2017 zeigte sich, dass wir einige Punkte – aber leider nicht alle – durchsetzen konnten. Wie sich die neuen Nutzungen in Zukunft vertragen, bleibt abzuwarten.

Der Ideenwettbewerb "Neue Wege auf dem Friedhof"

2016 wurde dieser Ideenwettbewerb unter dem Dach der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal (AFD) ausgelobt. Das Ziel waren innovative und zukunftsfähige Ideen für die Gestaltung und den Betrieb bürgernaher Friedhöfe. Der Friedhofsleiter Herr Wirz hatte die Chance erkannt und die friedhofsgebundenen Gewerke zur gemeinsamen Teilnahme aufgerufen; eine Initiative, die für die Gewerke von großer Bedeutung ist und Hoffnung erzeugt hat.

Skizze
Skizze der geplanten Neugestaltung am Zugang zum Feld BT 64. Foto: M. Karbenk

Vom Vorstand unserer Innung wurde ich delegiert an der Arbeitsgruppe teilzunehmen. Von September 2016 bis Januar 2017 fanden neun Sitzungen von jeweils drei bis vier Stunden statt. Anfänglich waren die Vorschläge sehr unterschiedlich. Der erste Ansatz kam vom Friedhof, die neue Grabform, die zu entwickeln war, sollte in ausgesuchten Quartieren auf dem ganzen Friedhof angeboten werden und einen regionalen Namen bekommen. Der Friedhof wollte das Grab zu einer reduzierten Gebühr für Wahlgrabstätten anbieten. Nach intensiven Diskussionen wurden die Rahmendaten für das Konzept festgelegt: günstige Nutzungsgebühr; keine Unterscheidung zwischen Urnen- und Erdgrab; Anlage wird dauergepflegt; Vertrieb des Grabes in Kooperation aller Beteiligten, wobei die Friedhofsgärtner fixe Kosten in drei Varianten anbieten und die Bestatter und Steinmetze den Kunden Preisempfehlungen in Abstimmung mit ihrer Innung geben. Weiter wurde für das Konzept beschlossen, dass im Zuge der Grabvergabe die wirtschaftliche Neugestaltung eines bestehenden Quartiers stattfinden sollte. Als Beispiel wurde das Quartier BT 64 gewählt, das durch Leerstand geprägt ist. Der Streuwiesencharakter dieses Bereiches soll aufgebrochen werden und die vorhandenen Grabreihen, die man zurzeit nicht mehr sieht, sollen durch ein architektonisches Element wie z. B. einen Steinfluss und eine Musterbepflanzung betont werden. Außerdem wird eine historische Stufenanlage restauriert. Das alles ist ohne großen Aufwand möglich und erzielt ein attraktiveres Bild, wobei das historische Landschaftskonzept des Friedhofs wieder aufgegriffen wird.

Siegel
Glasierter Ziegelstein mit dem farbigen Hamburgsiegel, der zum Graberwerb gehört. Foto: M. Karbenk

Als Novum setzten die Friedhofsgärtner durch, dass die Dauerpflege der Anlage bei den ersten Feldern durch die privaten Friedhofsgärtner ausgeführt werden soll. Nun fehlte noch das regionale Identifikationselement. Eine Schirmherrschaft durch einen prominenten Hamburger fand allgemeine Zustimmung. In einer nächtlichen Runde entwickelten der freie Hamburger Künstler und Restaurator Knut Weser und ich dann die Idee, dass ein kleiner farbig glasierter Ziegelstein mit dem Hamburger Siegel zum Erwerb des Grabes gehören und in das Grabzeichen eingebunden werden sollte. Inspiriert wurden wir durch die norddeutsche Tradition des Feierabendziegels, den man in Ziegelfassaden als Schmuckstück einsetzte, und durch den babylonischen Ziegelnagel. Der Graberwerb soll so insgesamt aufgewertet werden. Dieses Element war etwas Neues, dem alle zustimmen konnten. Von der Verwaltung kam dann noch die Idee, dass bei diesen Gräbern die Namen aller Bestatteten auf einer Tafel an einem gemeinsamen Ort auch über die Ruhezeit hinaus festgehalten werden.

Auf Kosten der Friedhofsverwaltung wurden diese Ideen grafisch aufwendig dargestellt und sodann das Konzept fristgerecht eingereicht. Bei der Preisverleihung in Berlin erhielten wir zusammen mit dem Berliner Zwölf Apostel Friedhof einen von zwei ersten Plätzen – dotiert mit 8.000 Euro –; ein schöner Erfolg für die Bemühungen der gesamten Arbeitsgruppe!

Wettbewerb
Ein Ausschnitt aus der Wettbewerbspräsentation "Das Hamburger Grab - Meine Stadt, meine Heimat, mein letzter Hafen". Foto: M. Karbenk

Die Arbeit beginnt

Das Projekt wird nun realisiert und das ist ein großer Erfolg. Wir Steinmetze danken dem Hamburger Friedhof für diese Initiative. Doch es sind natürlich noch große Anstrengungen nötig, um die Idee erfolgreich umzusetzen. Wir dürfen jetzt nicht ausruhen. Wir werden auf jeden Fall im Förderkreis nach der Umsetzung über den Fortgang berichten. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Nachfrage nach unseren individuellen Grabsteinen und Grabzeichen nicht nur durch diese Maßnahmen fortsetzt. Jeder Mensch verdient nach meiner Ansicht ein Denkmal mit einer Inschrift, das ein Zeugnis für sein Dasein ablegt. Ein Grabstein oder Grabzeichen auf einem Friedhof kann diese Funktion für den Verstorbenen und seine Hinterbliebenen, sowie die persönliche Trauerbewältigung am besten erfüllen.

Heft-Rubrik: 

Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V.
Fuhlsbüttler Strasse 756, 22337 Hamburg
Telefon: 040 / 50 05 33 87 | E-Mail: info@fof-ohlsdorf.de
Werden Sie Mitglied oder unterstützen Sie uns durch eine Spende.

© Stero Webservice www.stero.de