OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Nutzungsgeschichte des alten Krematoriums nach 1933

 - Oktober 2017
Ausgabe: 
Nr. 139, IV, 2017

Mit der Einweihung des neuen, durch Baudirektor Fritz Schumacher errichteten Krematoriums im Januar 1933 wurde der veraltete Bau an der Alsterdorfer Straße geschlossen. Aber noch bis 1949 fanden dort Trauerfeiern und Urnenbeisetzungen statt.

Im Jahre 1954 wurde per Gesetz die Schließung und Aufhebung des Urnenfriedhofs bis Ende 1979 verfügt, die 1962 sogar mit einer Abbruchgenehmigung des Krematoriums durch die Baubehörde untermauert wurde. Doch andere Behörden, wie das Garten- und Friedhofsamt, setzten sich ab 1975 für den Schutz des Ensembles ein.

Im Denkmalschutzamt wurde 1976 durch den damaligen Mitarbeiter Hermann Hipp ein Gutachten erstellt, das trotz des desolaten Zustands von Friedhof und Gebäude deren hohe geschichtliche und kunstgeschichtliche Bedeutung unterstrich. Er sah in dem Krematorium eine für seine Zeit "völlig originale, vorbildlose Lösung", die als gültiges Modell in der Folgezeit aufgenommen und weiterentwickelt wurde. Hipp verteidigte den ursprünglichen Entwurf von Ernst Paul Dorn wegen der "Ungewöhnlichkeit der Bauaufgabe" gegenüber dem Vorurteil, der historistische Stilmix seiner Gestalt bringe eine inhaltslose Beliebigkeit zum Ausdruck. Gerade der Backsteinrohbau entsprach einer künstlerisch fortschrittlichen und technisch modernen Materialwahrheit, wie sie als Reaktion auf die Großstadtaufgaben insbesondere von der in Hamburg einflussreichen Hannoverschen Schule vertreten wurde. Insofern markiert die Unterschutzstellung des alten Krematoriums samt Urnenfriedhof 1981 auch das mit dem Denkmalschutzjahr 1975 eingeleitete Umdenken in der Bauforschung und Architekturgeschichtsschreibung.

Bereits 1979 setzte sich ebenfalls die "Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V." mit Sitz in Kassel für den Erhalt des Hamburger Krematoriums ein, indem darauf hingewiesen wurde, dass das mit dem Gebäude verbundene Feuerbestattungswesen einen beispielhaften Innovationsprozess des 19. Jahrhunderts darstellt. In den folgenden Jahren gab es für die 800 qm Gebäude- und 7.000 qm Grundstücksfläche die verschiedensten Nutzungsvorschläge. Sie reichten von der Einrichtung eines Sepulkralmuseums über ein Islamisches Kulturzentrum bis zu einem Modeatelier. 1983 gründete sich der Verein "Rettet das Alte Krematorium", um das sich in einem erbärmlichen Zustand befindliche Gebäude vor dem völligen Verfall zu retten. Im Juli 1983 aufgenommene Fotos dokumentieren die damals durch Vandalismus, offene Fenster und Oberlichter entstandenen Schäden. Am 8. April 1984 organisierte der Verein eine öffentliche Veranstaltung mit einem Vortrag von Gerhard Hirschfeld, um die "kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung dieses Gebäudes für Hamburg – einer Stadt, die arm an historischen Bauwerken ist" – zu unterstreichen. Anfang 1985 beschloss die Hamburgische Architektenkammer ihre Geschäftsstelle in das Krematorium zu legen, musste aber aus Kostengründen diese Pläne aufgeben. Dennoch erfolgten im selben Jahr erste Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen; ein 1986 ausgeschriebener Wettbewerb für Nutzungsinteressenten brachte allerdings keinen Erfolg. Wieder vergingen Jahre, 1992 richtete der "Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof" im alten Krematorium die Ausstellung "Tod und Technik – 100 Jahre Feuerbestattung in Hamburg" aus, um auf die Situation des Gebäudes aufmerksam zu machen. In den folgenden Jahren nahmen es wieder die Tauben in ihren Besitz. Erst 1996 ging das Gelände zusammen mit einem Nachbargrundstück an die Vereinigte Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft (vhw). Nebenan entstanden Seniorenwohnungen und das Krematorium wurde zu einem Restaurant umgebaut, wozu auf der Rückseite eine Art Wintergarten entstand, während u. a. die ehemalige Trauerhalle zur Cocktailbar umfunktioniert wurde. Diese umstrittene Umnutzung war der Wermutstropfen für den Erhalt des Gebäudes. So kam auch beim Arbeitskreis Denkmalschutz in der Patriotischen Gesellschaft von 1765 keine "Hochstimmung" auf, aber die Rettung des Krematoriums war ihm eine Nominierung der Sanierungsarbeiten für den "Preis für Denkmalpflege 1999" wert. Es blieb allerdings bei der Auswahl für die auszuzeichnenden Objekte und einer Besprechung in der Festbroschüre.

Von 1998 bis 2002 residierte das "Alsterpalais" in dem Gebäude, auch die nachfolgende Gastronomie hielt sich nicht lange. Doch die Wandlung des alten Krematoriums war noch lange nicht abgeschlossen. Wieder vergingen Jahre bis die vhw 2007 das Krematorium an den damaligen (heute mehr umstrittenen) "Kultur-Investor" Klausmartin Kretschmer veräußerte, der es an Kinderwelt Hamburg e.V. weiterverkaufte. Der Verein ließ dort seine hundertprozentige Tochter Flachsland Zukunftsschulen gemeinnützige GmbH eine Schule einrichten. Dazu waren wieder eine Sanierung und Umbauten fällig. Unter der ehemaligen Auffahrt wurden Räume für eine Kita geschaffen, was allerdings dazu führte, dass die Balustrade unschön von den Sockelstützen getrennt wurde und steinerne Treppenstufen zum Teil sinnlos in der Luft hängen. Hinter dem Kerngebäude entstanden halbkreisförmig angelegte Neubauten, die durch einen fünf Meter glasüberdachten Zwischenraum abgetrennt sind, sodass die alte Fassade wahrnehmbar ist. Durch einen gläsernen Eingang in der Mitte erreicht man über eine Treppe in der ehemaligen Apsis die Feierhalle, die heute als Aufenthaltsraum dient. 2009 wurde die "Flachsland Zukunftsschule" eingeweiht. Während die äußeren Fassaden und das Innere der Kuppelhalle die ursprüngliche Funktion erahnen lassen, sind auf dem als Kinderspielplatz genutzten Grundstück nur marginale Spuren einer Feuerbestattungskultur erkennbar. So sehr begrüßenswert die lebendige Inbesitznahme und damit dauernde Erhaltung dieses – ursprünglich rationalem Denken verpflichteten – Denkmals ist, stellt sich doch die Frage, ob bei einem so einmaligen Bauwerk andere Nutzungen (s. o.) sinnvoller gewesen wären.

Auszug aus dem im November 2017 erscheinenden hamburger bauheft 22 "Krematorien in Ohlsdorf. Bauten der Architekten Ernst Paul Dorn und Fritz Schumacher". Dr. Jörg Schilling ist freier Kunsthistoriker, Autor, Kurator und Dozent und Verleger und Inhaber des Schaff-Verlags, in dem die hamburger bauhefte erscheinen.

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