OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Den Tod vor Augen – Wie stirbt es sich in Deutschland?

 - August 2017
Ausgabe: 
Nr. 138, III, 2017

Und wieder einmal war es soweit, das inzwischen 7. Symposium der FUNUS Stiftung zur Bestattungskultur fand am 4. Mai 2017 statt.

Funus-Tagung
Funus-Tagung. Foto: Michael Kriebel

Diesmal nicht, wie in den Vorjahren, im Leipziger Kubus, sondern im geschichtsträchtigen Salinemuseum in Halle (Saale). Ein durchaus passender Ort, zumal dort auch die Halloren ansässig sind, welche in der gesamten Umgebung durch ihr Grabgeleit bekannt und geschätzt sind. Bereits 2011 fand das seinerzeit zweitägige Symposium dort statt. Jahr für Jahr hat sich diese Veranstaltung gesteigert, so dass man nunmehr ohne Zweifel behaupten kann, dass es sich zu der Fachtagung in der Mitte Deutschlands etabliert hat. Nicht nur Bestatter, Mitarbeiter von Feuerbestattungseinrichtungen und Friedhöfen, auch Wissenschaftler und andere Interessierte aus ganz Deutschland, die sich mit den Themen Sterben, Tod und Trauer beschäftigen, kommen regelmäßig zu dieser Tagung. Und ebenso breit und vielschichtig ist auch das Programm aufgestellt, wie die folgenden Berichte verdeutlichen.

Den ersten Vortrag hielt Prof. Dr. Dr. Tade Spranger, der all die Jahre bereits mit seinen teils absurden Urteilsbeispielen einen spannenden Einblick in die sonst so trockene Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit in Deutschland gibt. Sein Thema in diesem Jahr war die Vorsorge zwischen Selbstbestimmung und Abzocke. Die allgemeine Handlungsfreiheit und das Persönlichkeitsrecht sind verfassungsrechtlich geschützt und sollten so jedem auch die Freiheiten im Sterben und nach dem Tod bezüglich der Bestattung geben, die gewünscht sind. Einige ordnungsbehördliche Anordnungen beschränken dieses zwar, was generell in der Praxis jedoch nicht zu großen Problemen führt. Lediglich einige Friedhöfe möchten sich hier manchmal noch gerne in einer Art rechtsfreiem Raum bewegen, was z. B. die Gestaltungsformen von Grabanlagen betrifft und des Öfteren zu absurden und keineswegs nachvollziehbaren Vorgaben führt. Spranger stellte die verschiedenen Möglichkeiten zur Vorsorge vor: Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Register zur Hinterlegung und weitere Vorsorgeverträge wie Testament, Bestattungsvorsorge und andere. Sie sind freiwillig und grundsätzlich auch formfrei. Jedoch sind mögliche Gefahren, Fallen und Probleme zu beachten, welche er mit den Anwesenden lebhaft diskutierte.

Begleitetes Sterben: Möglichkeiten der ambulanten Palliativversorgung war das Thema von Dominik Thamm vom ambulanten Palliativzentrum Saalekreis GmbH. Was ist palliative Arbeit, was wünschen wir uns in schwerer, oftmals todbringender Krankheit und im Sterben? Was für Möglichkeiten haben wir inzwischen für eine gute Versorgung eines Patienten und seines gesamten Umfeldes? Diesen Fragen ging Thamm in seinem Vortrag auf den Grund. Es gilt, die Beschwerden durch die palliative Versorgung zu lindern, und zwar in körperlicher, seelischer, psychosozialer und auch spiritueller Hinsicht. Halt geben und Haltung zeigen! Dies kann auf entsprechenden Palliativstationen im Krankenhaus oder Pflegeheim stattfinden, ist im ambulanten, also häuslichen Bereich jedoch genauso wichtig und kann durch spezielle Verordnungen der behandelnden Ärzte über die Kranken- u. Pflegekassen entsprechend abgerechnet werden. Auch Hospizdienste, ob stationär oder ambulant, sind in den meisten Fällen mit eingebunden.

Volker Uhl berichtete von den Erlebnissen und Erfahrungen der Polizisten im Umgang mit dem Tod – Der Polizist und der Tod, Erfahrungen aus dem Polizeidienst. Nach dem Motto: Die erste Leiche vergisst man nicht! stellte er dar, wie wichtig es ist, sog. Konfliktberater in der Polizei zu haben und so betroffenen Kollegen mit ihren mehr oder weniger schlimmen Erlebnissen durch Zuhören, Dasein und dem Sich-von-der-Seele-Schreiben helfen zu können. Anhand von Auszügen aus den veröffentlichten Texten und Büchern aus dieser Arbeit heraus gelang es Uhl, alle Anwesenden zutiefst zu berühren und einen durchaus bewegenden Beitrag mit Gänsehautmoment abzuliefern. Die Arbeit der Konfliktberatung erfährt zunehmend breite Unterstützung und positives Feedback, so dass es in den letzten Jahren auch zu einem Wandel zu mehr Offenheit gekommen ist – „Früher hat man alles nur mit sich selbst ausgemacht!“ All dieses führt zu mehr Zusammenhalt, nicht nur in Bezug auf Austausch, Konfliktberatung, gegenseitige Hilfe und Verständnis. Es stellt sich demnach auch die Frage, inwiefern eine derartige Offenheit und ein Zusammenhalt unter Kollegen bei allen anderen funktioniert, die vor, mit oder nach der Polizei an einen Unfallort oder Tatort kommen: Ersthelfer, Rettungskräfte, Feuerwehr und Bestatter.

30 Gedanken zum Tod – Ein multimediales Konzept gab es von Prof. Dr. Martin Schnell. Er führt mit seinem wissenschaftlichen Team einen öffentlichen Diskurs im Netz in Form von Interviews und Befragungen durch. Dabei wird der Tod in der 1. Person als der eigene Tod, in der 2. Person unter nahen Bekannten und in der 3. Person als der allgemeine Tod abgegrenzt. Die Befragungen laufen prä, post und postpost, also vor, nach und weit nach dem Tod und wurden unter 30 jungen Menschen und parallel dazu unter älteren Menschen durchgeführt. Das Ergebnis ist eine durchaus beachtliche Sammlung an Filmmaterial, eine aktive Homepage und unzählige Fotos, die in Form von Fotobänden und einer Wanderausstellung zu sehen sind. Das Resümee hier lautet: Es macht Sinn, über den Tod zu reden.

Dr. Ruthmarijke Smeding berichtete über ihre jahrzehntelange Erfahrung in der Trauerarbeit. Sie befasste sich in ihren Ausführungen dabei mit der folgenden Frage: Trauerbegleitung in Deutschland – Einzigartig in Europa? Und sie schaute in ihrem Vortrag weit über den Tellerrand Deutschlands hinaus und stellte fest, was hier bereits erreicht wurde und wo es noch Arbeit bedarf. Frau Dr. Smeding überzeugt stets durch ihre mitreißende Art und scheut sich nicht, notwendige Forderungen in unserem täglichen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer zu benennen und so auch einzufordern. Sie wies eindringlich darauf hin, wie wichtig das Berühren und Anfassen unserer geliebten Verstorbenen ist, um den Verlust auch im wahrsten Sinne des Wortes begreifen zu können und formuliert daraus ihren Leitspruch: Die Bilder sind immer schlimmer als die Wirklichkeit!

Da Eric Wrede aufgrund eines Autounfalls während der Anreise nicht zum Symposium erscheinen konnte, referierte Tade Spranger kurzerhand ein zweites Mal an diesem Tage und stellte die verschiedensten Möglichkeiten der Aschebeisetzung / -verwendung dar. Neben den herkömmlichen Aschebeisetzungen auf Friedhöfen und der bekannten Seebestattung ist auch die Flussbestattung mehr und mehr im Kommen. Auch Kolumbarien, sogenannte Urnenwände funktionieren aufgrund des Friedhofzwangs nur in Verbindung mit solchen Trägerschaften. Bei der Ascheteilung verwies er auf die "objektive Unmöglichkeit", wodurch sich die Frage nach der Legalität nicht wirklich stellt. Auch die Diamantbestattung und das Projekt „Unser Hafen“ – Mensch-Tier-Bestattungen sind inzwischen alternative Formen der Aschebeisetzung / -verwendung.

Frank Pasic, Vorstand der FUNUS Stiftung, schloss das diesjährige Symposium mit den treffenden Worten des Tages: Es gibt nicht DEN TOD, sondern nur verschiedene Sichtweisen darauf!

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