OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Cholera in Hamburg 1892

 - August 2017
Ausgabe: 
Nr. 138, III, 2017

Die letzte große Katastrophe des 19. Jahrhunderts

Die letzte große Katastrophe, die Hamburg im 19. Jahrhundert traf, war die Cholera-Epidemie von 1892. An diese Zeit erinnert auf dem Ohlsdorfer Friedhof seit 1992 der wohl selten wahrgenommene Gedenkstein an der Cordesallee, einige Meter östlich der Kreuzung mit der Ringstraße (Lage N18).

Die Inschrift lautet:

"Die Cholera forderte 1892 mehr als 8500 Opfer. Die meisten wurden hier begraben. Verantwortung für die Umwelt und ihre Lebensquellen sei uns ihre Mahnung. Patriotische Gesellschaft von 1765 im September 1992." Darunter sieht man das Symbol der Patriotischen Gesellschaft, den Bienenkorb.

Schwarze Bude
Foto: P. Schmolinske

Ein weiterer Hinweis auf die Ereignisse ist diese Tafel an der Gärtnerei in der Ringstraße:

Die Bezeichnung "Cholera", auch "Gallenbrechdurchfall", leitet sich ab von dem griechischen Wort für "Galle" und wurde damals für zwei unterschiedliche Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen verwendet, nämlich die sogenannte Cholera nostra, eine "normale" Durchfallerkrankung, die in den Sommermonaten regelmäßig auftrat, und die gefürchtete asiatische Cholera, die ursprünglich nur in Indien auftrat, von dort aber ab 1820 nach Europa eingeschleppt worden war. Hier wurde sie zu einem ähnlichen Schreckgespenst, wie es etwa 100 Jahre früher die Pest gewesen war, denn man stand dieser Krankheit anfangs genauso hilflos gegenüber, da man weder die Ursachen noch geeignete Behandlungsmethoden kannte.

Es wurden verschiedene Theorien über die Entstehung solcher Epidemien entwickelt. Der Chemiker Max von Pettenkofer, der die Hygiene als eigenständigen Bereich der Medizin durchgesetzt hatte, vertrat die Ansicht, dass vor allem Boden- und Grundwasserbeschaffenheit für den Ausbruch einer Seuche verantwortlich seien. Dabei blieb er auch, als Robert Koch 1884 in Indien den Erreger der Cholera – Vibrio cholerae, wegen seiner Form auch ‚Komma-Bazillus‘ genannt – eindeutig identifizieren konnte und auf Grund von Beobachtungen örtlicher Verhältnisse auch erkannte, wie die Krankheit sich verbreiten konnte, nämlich besonders über verunreinigtes Trinkwasser. Er war nicht der Erste, der entsprechende Beobachtungen gemacht hatte, aber durch Pettenkofers Einfluss hatte man diese nicht ernst genommen.

Die Symptome einer akuten Cholera-Erkrankung sind extremer Durchfall und Erbrechen, was starken Flüssigkeitsverlust verursacht. Unbehandelt führt die dadurch entstehende Austrocknung des Körpers häufig zum Tode, und 1892 stand man in Bezug auf geeignete Behandlungsmethoden noch weitgehend am Anfang, so dass etwa 50 Prozent der Erkrankten verstarben.

Der Verlauf der Epidemie

Am 15. und 16. August starben zwei Arbeiter, die auf dem Kleinen Grasbrook beschäftigt gewesen waren, an Brechdurchfall. Die erste bakteriologische Untersuchung in Hamburg kam, möglicherweise auf Grund mangelnder Erfahrung, zur Diagnose Cholera nostra, also "normale" Cholera. So war man zunächst relativ unbesorgt, und trotz deutlich zunehmender Erkrankungszahlen zusammen mit einem sehr heftigen Krankheitsverlauf verkündete der "General-Anzeiger für Hamburg-Altona" noch am 23. August, es gäbe keinen Grund zur Beunruhigung. Zu diesem Zeitpunkt hatte allerdings ein Altonaer Arzt bereits eindeutig nachgewiesen, dass es sich um die gefürchtete asiatische Cholera handelte und Robert Koch zur Hilfe gerufen, der am 24. August in Hamburg eintraf, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Auch Hamburger Mediziner waren mittlerweile zu dem gleichen Befund gekommen. Daher kam man nun von Seiten der offiziellen Stellen nicht mehr umhin, das Auftreten der Cholera zuzugeben, was man aus Sorge um den Handel so lange hinausgezögert hatte, bis die Diagnose eindeutig gesichert war. Damit war wertvolle Zeit für Gegenmaßnahmen ungenutzt verstrichen.

Binnen weniger Tage stieg die Zahl der Neuerkrankungen geradezu explosionsartig an. Am 27. August wurden 1 024 Fälle registriert. Nach 936 und 925 Fällen am 28. und 29. August gab es am 30. August nochmals einen Anstieg auf 1 008 Erkrankte. Entsprechend hoch war die Zahl der Todesfälle. Die höchsten Zahlen wurden am 30. August und 2. September registriert mit 537 und 561 Verstorbenen.1
Danach ging die Zahl der Erkrankungen sehr langsam zurück. Die letzten Fälle traten noch in den ersten Novembertagen auf. Nach offiziellen Angaben gab es 16 956 Erkrankungen, von denen 8 605 tödlich verliefen. Am 16. November wurde Hamburg amtlich für seuchenfrei erklärt.

Die Cholera und die "Medien"

Um 1892 bestand natürlich noch keine Medienlandschaft wie wir sie heute kennen, aber das Informationsbedürfnis – oder die Neugierde – musste auch damals schon auf die eine oder andere Weise befriedigt werden.

Um einen möglichst großen Teil der Bevölkerung zu erreichen, ließ die Medicinal-Behörde Plakate aufhängen, die vor dem Trinken des Leitungswassers warnten. Außerdem wurden 250 000 Flugblätter mit Verhaltensmaßregeln verteilt. Die offiziellen Stellen verfügten allerdings nicht über die Möglichkeiten, so viele Blätter zu drucken und zu verteilen, und man wandte sich dafür um Hilfe an die ungeliebten Sozialdemokraten. Diejenigen, die sich eine Tageszeitung leisten konnten, wurden in diesen Blättern informiert. So begann der Lokalteil des General-Anzeigers mehrfach mit dem Warnhinweis:

Anzeiger
Archiv P. Schmolinske

In zum Teil sehr umfangreichen Artikeln wurde die allgemeine Lage, das Versagen der Behörden und anderes ausführlich besprochen. Und es gab die verschiedensten Ratschläge, wie man sich am besten vor der Cholera schützen könnte. Auch damals galt schon der Spruch, dass Papier geduldig ist. So empfahl zum Beispiel Jacob’s Maschinenstrickerei "gestrickte wollene Leibbinden" als "bestes Schutzmittel gegen Cholera"2. Und auch bei diesem Inserat ist zu hoffen, dass sich die Leser nicht allzu sehr auf die angepriesene Wirkung verlassen haben:3

General-Anzeiger
Archiv Förderkreis

Den Tageszeitungen fehlten damals allerdings noch die Bilder. Die lieferten zum Beispiel Postkarten, deren Motive uns heute oft sehr eigenartig vorkommen, die aber recht eifrig verschickt wurden. Zur Cholera gab Knackstedt & Näther sogar ein Leporello mit zehn Aufnahmen heraus, von denen einige als Illustrationen hier Verwendung gefunden haben.

Eigene Anschauung war natürlich noch schöner – es war auch die Zeit von Hagenbecks Völkerschauen –, und so konnte man am 21. September im "General-Anzeiger" lesen:
"Komma-Bazillus im Panoptikum, A.-G. Dem Director Faerber ist es gelungen, von einem ihm befreundeten Arzte ein Naturpräparat einer Bazillen-Kultur zu erhalten, so daß dasselbe in 600-facher Vergrößerung in Wachs modelliert wurde. Das Präparat enthält zwei verschiedene Arten der cholera asiatica und zwar 1) den Komma-Bazillus und 2) die Spirellenbildung. Das Ganze befindet sich in einem achtäckigen Rahmen und ist im Panoptikum, A.-G., neben dem Prof. Robert Koch ausgestellt."

Faerber
Friedrich Hermann Faerber (1849-1908), Direktor des 1879 eröffneten Panoptikums - ältestes und größtes Wachsfigurenkabinett Deutschlands (Grablage O 7, 49-58) Foto: P. Schmolinske

Ob Direktor Faerber mit diesem speziellen Angebot mehr Besucher anlocken konnte, ist nicht überliefert.

Die Suche nach den Ursachen

Wie konnte es überhaupt zu dieser Epidemie kommen? Zu der Frage, woher die Cholera eingeschleppt worden war, gab es unterschiedliche Ansichten. Robert Koch nahm an, dass russische Auswanderer verantwortlich waren. Allerdings hatte er die Auswandererbaracken nach seiner Ankunft in Hamburg am 24. August selbst besucht und dort noch keinen einzigen Cholera-Fall festgestellt.

Deneke
Prof. Dr. Theodor Deneke (1860-1954), seit 1886 Assistenzarzt und von 1901 bis 1926 Direktor am Allgemeinen Krankenhaus St. Georg (Grablage Z 10, 52-55, 57-8, 60-3) Foto: P. Schmolinske

Der Mediziner Theodor Deneke, der am Krankenhaus St. Georg als Assistenzarzt tätig war und so die Entwicklung aus nächster Nähe verfolgen konnte, hielt eine andere Quelle für wahrscheinlicher. Die Cholera grassierte 1892 auch in Frankreich und war dort offenbar mit dem Wasser der Seine verbreitet worden. Hamburger Schiffe, die von Afrika kommend einen Teil ihrer Ladung z. B. in Le Havre löschten, nahmen dann das verseuchte Hafenwasser in ihre Ballasttanks auf und pumpten diese im Hamburger Hafen wieder leer. Auf die Weise konnten jedenfalls viele Kubikmeter kontaminiertes Wasser in die Elbe gelangen. Für diese These spricht zumindest, dass die ersten Erkrankten tatsächlich im Hafen gearbeitet hatten und dort sehr wahrscheinlich auch Wasser direkt aus der Elbe getrunken hatten. Eindeutig beantworten ließ sich diese Frage mit den damaligen Mitteln aber nicht.4

Über die Gründe für die extrem schnelle Ausbreitung der Epidemie war man sich dagegen weitgehend einig: Es waren die beengten und absolut unhygienischen Wohnverhältnisse in den ärmeren Vierteln, die unmoderne, schwerfällige Hamburger Verwaltung, die es trotz Warnungen versäumt hatte, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und vor allem das stark belastete Leitungswasser. Gerade der letzte Punkt war schon vor der Epidemie immer wieder Gegenstand kritischer Betrachtungen gewesen und wurde in der Tagespresse ausgiebig diskutiert.

Nach dem Großen Brand von 1842 hatte William Lindley die Pläne für ein modernes Wassernetz und eine Kanalisation entwickelt. In Rothenburgsort wurde das Elbwasser in große Absetzbecken geleitet, in denen sich im Laufe von mindestens 24 Stunden die Schwebstoffe absetzen sollten. Von dort wurde das Wasser durch Rohrleitungen in die angeschlossenen Häuser gepumpt. Die Kanalisation beförderte das verschmutzte Wasser dann zwischen Hamburg und Altona wieder in die Elbe.

Lindley hatte bei der Planung seines Wassernetzes allerdings zunächst weniger die Versorgung der Bevölkerung im Auge als die Bereitstellung von ausreichenden Mengen Löschwasser im Falle eines Brandes, denn daran hatte es bekanntlich beim Großen Brand 1842 gemangelt. Aber mit dem Ausbau des Netzes wurden immer mehr Häuser angeschlossen. 1860 waren es bereits 80 Prozent aller Wohnhäuser. Das bedeutete allerdings keineswegs, dass damit auch nur annähernd heutige Standards erreicht waren. Zum Beispiel besagt eine Statistik für das Jahr 1900, dass gerade erst 13,2 Prozent aller Hamburger Wohnungen eine Badeeinrichtung besaßen.5

Aber nicht nur das Netz, auch die Bevölkerung wuchs. Als die Anlage 1848 in Betrieb genommen wurde, lebten in Hamburg 208 959 Menschen. Bis 1891 hatte sich die Bevölkerung schließlich mit fast 640 000 Menschen mehr als verdreifacht. Damit war man längst an die Grenzen gestoßen, denn der immer größere Verbrauch hatte zur Folge, dass das Wasser nicht mehr ausreichend lange in den Becken verblieb, so dass sich kaum Schwebteile absetzen konnten. Und dann wurde es auch ohne jegliche Klärung in die Leitungen gepumpt. Was aus dem Wasserhahn floss, war also himmelweit von Trinkwasser entfernt. Zu diesem Thema äußerte man sich in der Tagespresse ausführlich. So berief sich der "General-Anzeiger" am 25. September auf ältere Gutachten über den Zustand der Hamburger Wasserleitungen. Zum Beispiel zeigten von Dr. Julius Reincke untersuchte Leitungsrohre an der "… ganzen Innenwand eine sehr unregelmäßige, im Durchschnitt 2 bis 3 Zentimeter mächtige Auskleidung, die im wesentlichen aus Rost, Schlick und angehefteten Muschelschalen bestand, zwischen denen kleine Thiere in so enormen Mengen sich bewegten, daß die ganze feuchte Oberfläche lebendig erschien."

Reincke
Dr. Julius Reincke (1842-1906), von 1893 bis 1904 Leiter des Hamburger Gesundheitswesens (Grablage P 10,1-4 / Q 10, 346-49) Foto: P. Schmolinske

Dr. Julius Reincke löste infolge der Cholera-Epidemie den bisherigen Leiter des öffentlichen Gesundheitswesens Dr. Kraus ab, dem in der Öffentlichkeit schwere Versäumnisse bei der Bekämpfung der Epidemie angelastet wurden. In den Folgejahren konnte Reincke wesentliche Reformen im Hamburger Gesundheitswesen durchsetzen.

Kraepelin
Dr. Karl Kraepelin (1848-1915), u.a. Spezialist für Skorpione, von 1889 bis 1914 Direktor des Naturhistorischen Museums Hamburg (Grablage P 20, 298-307) Foto: P. Schmolinske

Auch der Direktor des Naturhistorischen Museums, Karl Kraepelin, hatte sich schon einige Jahre zuvor mit dem Hamburger Wasser befasst, wie der "General-Anzeiger" weiter berichtete:
"… Die eingehendsten Untersuchungen über die Zustände der Hamburger Wasserleitung hat Karl Kräpelin angestellt. Kräpelin fand nicht weniger als 50 Thiergattungen mit 61 Spezies, darunter Fische, Schneckenarten, Krebse und sogar marine Formen (ein kleiner Flunder und zwei Krebse)."

Dies inspirierte den Oberingenieur bei der Lübeck-Büchener Eisenbahngesellschaft Ernst Reiche zu dem folgenden Gedicht:

Dem Reinen ist Alles rein.

Vom Thier in Hamburg’s Wasserrohr
Da kommen 16 Arten vor:
Ein Neunaug‘, Stichling und ein Aal,
Drei Würmer leben in dem Strahl,
Drei Muscheln und drei träge Schnecken
Sich mit der munter’n Assel necken;
Ein Schwamm, ein Moosthier, ein Polyp,
Die dringen lustig durch das Sieb; –
An todten Thieren kommen ‘raus
Der Hund, die Katze und die Maus.
Noch nicht gefunden sind im Röhr
Der Architekt, der Ingenieur.6

Auch achtzig niedere Pflanzenformen wurden nachgewiesen, dabei in einer höheren Dichte als in der Elbe, da die Leitungen offenbar gute Lebensbedingungen boten. Das sogenannte Trinkwasser war also alles andere als appetitlich, und Verstopfungen durch kleine Aale oder andere Tiere waren an der Tagesordnung.

Die genannten Untersuchungen erklären jedoch noch nicht, wie es zur Verbreitung der Cholera kam. Das beschreibt aber in aller Deutlichkeit der folgende Text:

"Der Hamburger Hauptsammelcanal für die Abwässer und Fäcalien, das Haupt-stammsiel, mündet an der Grenze von Hamburg-Altona in die Elbe. Von hier aus wird der Schmutz aber nicht einfach flussabwärts weiter geführt, sondern dies geschieht nur zu der Zeit der Ebbe. Der Schmutz wird vielmehr zur Zeit der Fluth … flussaufwärts zurückgestaut und gelangt so jeden Tag sicher … bis zu jener Stelle bei Rothenburgsort, an der die Hamburger Staats-Wasserkunst ihr Wasser aus der Elbe entnimmt. … Dieses Wasser kann nur zur Zeit der Fluth, muss also stets sicher mit den Fäcalstoffen der Stadt beladen in die Ablagerungsbecken des Wasserwerkes gelangen. Der Bedarf an Wasser ist aber so gross, dass in diesen Becken selbst für die geringe Vorreinigung durch Sedimentirung keine ausreichende Zeit ist. In Folge dessen gelangt das Wasser, stets gemischt mit Hamburger Fäcalstoffen, direct in die Leitung, da keinerlei Filtration vorhanden ist. Das Wasser passiert nun nicht etwa schnell die Leitung, sondern in jedem Hause befindet sich ein kleines Wasserreservoir, in dem erst sich der Schlamm aus dem Wasser niederschlägt, so dass hier die verdächtigen Stoffe aus den Häusern, die durch Aborte und Kanäle entfernt wurden, zum Teil wieder in die Häuser gelangen und aufgespeichert und conservirt werden."7

Dies waren gute Bedingungen für die Verbreitung von Krankheitserregern. Dazu kam dann noch das sehr warme Wetter im Sommer 1892. Die Wassertemperatur der Elbe lag bei 18 bis 20° C, und in den beschriebenen Wasserreservoiren in den Häusern waren die Temperaturen wohl eher noch höher.

Die Versorgung der Erkrankten und die Bekämpfung der Seuche

Immer wieder wurde in den Zeitungen der Vorwurf erhoben, der Senat habe die mögliche Ursache der ersten Todesfälle aus Sorge um die Auswirkungen auf die Wirtschaft zu lange verheimlicht. Diese vorhergesehenen Auswirkungen traten dann ja auch tatsächlich ein, als die Epidemie offiziell bestätigt wurde und sich so verheerend entwickelte. Hamburg war weitgehend isoliert und der Verkehr von und nach außerhalb der Stadt stark eingeschränkt. Der Handel hatte schwere Verluste zu verzeichnen, was Massenentlassungen, besonders im Hafen, oder zumindest Lohnkürzungen zur Folge hatte.

Krankentransportwagen
Krankentransportwagen. Archiv P. Schmolinske

Wohl niemand hatte sich aber vorstellen können, dass die Cholera die medizinischen Einrichtungen völlig überfordern würde. Da Hamburg im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrfach von Epidemien heimgesucht worden war, hatte man bei der Planung des neuen Eppendorfer Krankenhauses auch eine entsprechende Abteilung vorgesehen, deren acht Pavillons mit 120 Betten 1885 fertiggestellt waren. Doch zeigte sich, dass die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichten. Und das betraf nicht nur die Unterbringung. Es fehlte auch an Transportmitteln, Ärzten und Pflegepersonal. In den ersten Tagen waren die Zustände tatsächlich schrecklich, aber was sich damals in Hamburg abspielte, lässt sich in diesem Rahmen nicht in allen Einzelheiten schildern.

Die Probleme begannen schon mit dem Transport zum Krankenhaus. Angeblich gab es beim Ausbruch der Epidemie nur vier Krankenwagen und sechs Träger. Als eine der ersten Maßnahmen wurde also die Zahl erhöht. Ab 28. August hatte man immerhin 30 Wagen im Einsatz. Trotzdem konnte es einen halben Tag dauern, bis die Kranken tatsächlich im Krankenhaus ankam. Viele Menschen starben daher schon unterwegs.

Feldlazarett
Feldlazarett. Archiv P. Schmolinske

Die beiden staatlichen Krankenhäuser, St. Georg und Eppendorf, mussten die Cholera-Kranken aufnehmen. Sie verfügten zusammen über 3 820 Betten, die überwiegend mit "normalen" Patienten belegt waren. Nun wurden jeden Tag einige hundert Cholera-Fälle aufgenommen, die isoliert und behandelt werden mussten. Soweit es möglich war, entließ man zunächst andere Patienten oder verlegte sie in kleinere private Einrichtungen. Aber schon am 27. August beschloss der Eppendorfer Direktor, Professor Theodor Rumpf, eine drastische Maßnahme, nämlich die Verlegung eines Großteils der Rekonvaleszenten der chirurgischen Abteilung und weniger ernsthaft erkrankter Personen, insgesamt 2 400 Menschen, in Notlazarette, eingerichtet in den Schulen, die wegen der Epidemie geschlossen waren. Außerdem wurden Cholera-Baracken errichtet, auch an den Standorten einiger anderer Krankenhäuser, und es wurde von der Armee ein Feldlazarett angefordert und am Blumenweg – heute Curschmannstraße – südlich vom Eppendorfer Krankenhaus eingerichtet. Es bestand aus 6 Baracken und 35 Zelten und verfügte über 500 Betten.

Cholera-Baracke
Cholera-Baracke. So friedlich wie auf diesem Foto war es in den ersten Wochen der Epidemie mit Sicherheit nicht. Archiv P. Schmolinske

Um die personellen Engpässe beim ärztlichen Personal zu beheben, erließ man Aufrufe, auch in anderen Teilen Deutschlands, auf die sich eine Reihe von Ärzten meldete. Für die Pflege stellten sich die verschiedenen Rotkreuzorganisationen Hamburgs zur Verfügung, wie der Vaterländische Frauen-Hülfs-Verein und die Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger.

Allerdings herrschte in Bezug auf die Behandlungsmethoden noch weitgehend Hilflosigkeit und die gelegentlich gestellte Frage, ob die Menschen an der Krankheit oder an der Behandlung starben, hatte ihre Berechtigung.

Über die Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche informierten die Tageszeitungen. Die Schulen wurden geschlossen, und Veranstaltungen wurden untersagt. Vor allem ging es immer wieder um Desinfektionsmaßnahmen, um weitere Ansteckungen zu unterbinden. Dazu suchten die Behörden Unterstützung in Teilen der Bevölkerung. Am 23. September konnte man im "General-Anzeiger" lesen, dass in den einzelnen Bezirken Gesundheitskommissionen gebildet worden waren, deren Aufgabe darin bestand,

"durch ihre Mitglieder die Verhältnisse ihres Bezirkes in gesundheitlicher Beziehung zu überwachen und von sanitären Mängeln der Polizei-Behörde zum Zweck der Abhülfe Mittheilung zu machen. ... Sie haben insbesondere darüber zu wachen, daß in jeder Wohnung, in welcher ein Cholerafall vorgekommen ist, eine ausreichende Desinfektion vorgenommen werde, und, wo das etwa noch nicht geschehen sein sollte, die polizeilichen Desinfektionsanstalten zur Vornahme der Desinfektion zu requirieren."

Turnhalle und Desinfektionskolonne
Turnhalle und Desinfektionskolonne. Archiv P. Schmolinske

Die Desinfektionsanstalten waren in 20 der ungenutzten Turnhallen eingerichtet. Dort konnte man die bewegliche Habe, vor allem Kleidung und Bettzeug, desinfizieren lassen, und dort waren auch die offiziellen Desinfektions-Kolonnen stationiert, die also in Aktion traten, wenn die Bewohner die angeordnete Maßnahme nicht selber vornahmen.

Der "General-Anzeiger" fährt fort:
"Sie [die Gesundheitskommissionen] haben ferner darüber zu wachen, daß die angeordnete Desinfektion und Reinigung der Wasserkasten ordnungsgemäß ausgeführt und in Zwischenräumen von vier Wochen wiederholt werde, erforderlichenfalls auch die Polizei-Behörde zur Veranlassung der Desinfektion und Reinigung zu requirieren."

Diese Wasserkästen sind die im vorigen Kapitel schon erwähnten Wasserreservoire. Sie befanden sich in den Häusern direkt unter dem Dach und hatten den Zweck, bestimmte Zeiten zu überbrücken, wenn Teile der Stadt nicht versorgt wurden. Das hing mit den unterschiedlichen Höhen der einzelnen Stadteile zusammen, denn man versorgte im Wechsel die niedriger gelegenen Stadtteile mit Wasser bei geringerem Wasserdruck und die höher gelegenen Bereiche mit höherem Druck, den man nicht volle 24 Stunden aufrecht erhalten wollte.

In diesen Wasserkästen setzte sich sehr viel Schmutz ab, nicht nur aus der Leitung. Ein Mechaniker fand im Wasserkasten "einer eleganten Wohnung auf Hohenfelde" auch "todte Fledermäuse, die schon stark in Verwesung übergegangen waren."

Weiter heißt es im Bericht über die Tätigkeit der Kommissionen:

"Von solchen Grundstücken, in welchen eine größere Anzahl von Cholerafällen vorgekommen ist, haben die Mitglieder der Gesundheitskommissionen der Polizeibehörde besondere Mitteilung zu machen, … Soweit es den Umständen nach geboten erscheint, wird die Polizeibehörde behufs der Vornahme der Desinfektion die Bewohner solcher Wohnungen für einige Tage anderweitig unterbringen lassen."

Dies traf auch die Bewohner des Hauses Kastanienallee 37 auf St. Pauli. Es war ein typisches gründerzeitliches Wohnhaus und Beispiel dafür, dass die Epidemie keineswegs nur im Gängeviertel wütete. Hier wurde auf polizeiliche Anordnung das ganze Haus geräumt, als von den mindestens 128 Bewohnern 28 erkrankt und 13 gestorben waren. Neun der 13 Todesopfer ließen sich beim Durchsuchen des Ohlsdorfer Bestattungsregisters bisher namentlich feststellen, darunter sechs Kinder im Alter zwischen 4 Monaten und 4 Jahren.

Kastanienallee
Wohnhaus Kastanienallee 37 in St. Pauli. Archiv P. Schmolinske

Die Beschreibungen in der Tagespresse vermitteln jedenfalls den Eindruck, dass ganz Hamburg nach Chlorkalk, Karbol und anderen Desinfektionsmitteln gerochen haben dürfte.

Wasser für Hamburg

Die wichtigste Maßnahme, um die Epidemie unter Kontrolle zu bekommen, war es aber, die Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Mit der Empfehlung, alles Wasser abzukochen, war es nicht getan, auch weil der ärmeren Bevölkerung dazu vielfach das Geld für das nötige Brennmaterial fehlte. Daher "richtete man in den verschiedenen Stadttheilen zusammen 43 Kochstellen ein, aus denen von Morgens bis Abends gekochtes Wasser unentgeltlich abgegeben wurde. Zum Wasserkochen dienten kleine Dampfkessel"8. Auch Brauereien und ähnliche Unternehmen, die über eigene Brunnen verfügten, gaben Wasser ab. Die Kapazitäten waren auf diese Weise aber begrenzt. Eine effektivere Maßnahme schien daher die Erbohrung weiterer Brunnen zu sein. Im "General-Anzeiger" vom 25. September wurde dazu mitgeteilt, es werde

Wasserwagen
Wasserwagen der Winterhuder Bierbrauerei, Barmbecker Straße 260. Bild: Archiv P. Schmolinske

"… die Bohrung der abessynischen Brunnen zur Versorgung der Stadt mit gutem Trinkwasser mächtig beschleunigt, und giebt auch bereits einer derselben, die, wenn wir nicht irren, sämmtliche von den Herren Deseniss & Jacobi angelegt werden, Wasser. Der bezeichnete Brunnen befindet sich an der Kuhmühle, ist 27 bis 28 Meter tief und giebt ein helles, reines Wasser; dasselbe wird jetzt chemisch untersucht und wird der Brunnen nach Beendigung der Analyse und Anlegung der Pumpapparate dem Betrieb übergeben werden."

Brunnenbohrung
Bohrung eines artesischen Brunnens. Bild: Archiv P. Schmolinske

Deseniss & Jacobi waren zu der Zeit Spezialisten für Tiefbohrungen und bekamen Aufträge aus vielen europäischen Städten. Bereits 1891 befasste sich Deseniss erstmals mit der Beobachtung des Grundwassers und Überprüfung der Wassergüte. Nach dem Ausbruch der Cholera-Epidemie bohrte man daher nicht nur Brunnen für Trinkwasser, sondern auch Beobachtungsbrunnen für das Physikalische Staats-Laboratorium.

Allerdings waren nur wenige der damals durchgeführten Brunnenbohrungen wirklich erfolgreich. Von 130 Flachbrunnen gaben nur 27 ein unmittelbar brauchbares Wasser, und von vier Tiefbrunnen brachte nur der am Anckelmannsplatz mit einer Tiefe von 195 Metern ein befriedigendes Ergebnis.9

Deseniss
Das Grabmal auf dem Doppelgrab der Familien Deseniss und Jacobi oberhalb vom Althamburgischen Gedächtnisfriedhof ( R 8, 366-38, 375-77 und R 8, 369-374) Foto: P. Schmolinske

Ein Brunnen allerdings plätscherte auch noch viele Jahre nach dem Ende der Epidemie. Mittlerweile ist er nun doch versiegt, existiert aber immer noch am Hofweg 51 vor dem heutigen Hofweg-Palais. Die Tafel am Brunnen trägt den folgenden Text: "Dieser Brunnen wurde im Auftrage von D. G. Croissant Uhde u. Frau Helene geb. Albrecht gebohrt und zu allgemeiner Benutzung bestimmt im Cholerajahr 1892." Der Brunnen entstand also als private Initiative eines einzelnen Ehepaares. Wer waren die Auftraggeber? David Gustav Croissant Uhde war Kaufmann. Zusammen mit seinem Schwiegervaters Martin Albrecht war er Inhaber der Firma Samuel Albrecht, der Hamburger Niederlassung eines englischen Unternehmens der Textilbranche. Außerdem war er in weiteren Unternehmen aktiv, u.a. im Aufsichtsrat der Deutschen Übersee Bank.

Brunnen vor dem Hofweg-Palais
Der Brunnen vor dem Hofweg-Palais. Foto: P. Schmolinske

Auch die Brunnenbohrungen waren aber nur als Übergangslösungen gedacht. Über die Unzulänglichkeiten der Stadtwasserkunst war ja schon jahrelang diskutiert worden. Abhilfe sollte eine Verlegung der Wasserentnahmestelle weiter elbaufwärts auf die Elbinsel Kaltehofe schaffen mit gleichzeitigem Einbau einer Sandfiltration, wie sie in Altona bereits seit 1859 existierte. Dafür waren aber erhebliche Investitionen erforderlich, die gerade von Anhängern der Pettenkoferschen Theorie als unnötig angesehen wurden. Hauptsache, man schaffte seinen Dreck aus der Stadt, den Rest würde schon die Elbe erledigen. Für die Personen, die die Problematik erkannten, bedeutete es daher einen jahrelangen, zähen Kampf in Senat und Bürgerschaft, bis es 1888 zu einer Einigung kam und die erforderlichen Mittel bewilligt wurden. Der Beginn der Arbeiten zog sich dann bis 1890 hin, und sie waren beim Ausbruch der Epidemie noch nicht sehr weit fortgeschritten.

Croissant Uhde
Grabmal auf dem Grab Croissant Uhde (O 24, 104-09; O 25, 43-57). Foto: P. Schmolinske

Darauf bezog sich dieser am 8. September 1892 im "General-Anzeiger für Hamburg-Altona" erschienene Artikel:

"Zur Wasserfrage in Hamburg. Seit Jahren hat die Einwohnerschaft durch die Bürgerschaft ein gutes gereinigtes Wasser verlangt, geschehen ist bis heute nichts, Millionen sind seit einigen Jahren bewilligt, fertiggestellt ist noch nicht ein einziges Bassin. Woran liegt dieses? Und man kann diese Frage doch nur dahin beantworten, es muß an der Oberleitung der Baudeputation liegen. Der Leiter der Stadtwasserkunst ist zugleich der Leiter des Sielbaues. Liegt nun die Sielmündung nahe der Schöpfstelle der Wasserkunst, so mußte der leitende Oberingenieur dies wissen, und seine Pflicht und Schuldigkeit wäre es gewesen längst Abhülfe zu schaffen. Man hätte doch die Schöpfstelle, und hätte es Millionen gekostet, über die Kaltehofe vorerst ausführen müssen. Wie viele Opfer hat das verseuchte Wasser gefordert und was wird noch kommen? Beamte, die mehr als Ministergehalt, ca. 22 000 M per Jahr beziehen, sollten doch vor allen Dingen erst ihr Augenmerk und ihre Arbeitskraft Hamburgischen Verhältnissen widmen und nicht Kieler Hafenanlagen-Projekten und Malmöer Begutachtungen. Über diejenigen, die gesündigt, muß mit großem Besen hinweggefahren werden."

Auch wenn kein Name genannt wird, ist klar, wer hier angegriffen wurde: Franz Andreas Meyer. Meyer hatte am Polytechnikum in Hannover studiert. 1862 wurde er zunächst Mitarbeiter der Schiffahrts- und Hafendeputation und 1872 zum Leiter des Ingenieurwesens befördert. In dieser Position war er oberster Planer der Speicherstadt und neben vielen anderen Projekten auch an der Gestaltung des Ohlsdorfer Friedhofs beteiligt.

Meyer
Grabmal Franz Andreas Meyer (1837-1901), Porträtrelief von Johannes Schilling. (Grablage U 22, 56-67, 125) Foto: P. Schmolinske

Meyer war sicher jemand, der sich um vieles selber kümmern wollte und als Experte bei vielen, auch auswärtigen Projekten um Rat gefragt wurde. Trotzdem war der vorstehende Artikel ungerecht, denn er hatte schon um 1885 die Filtrationsanlage mit sogenannten "Langsamsandfiltern" auf Kaltehofe geplant. Es war nicht seine Schuld, dass sich die Bewilligung der Mittel so lange hinzog und weitere Verzögerungen eintraten, weil man versuchte, das Projekt auf mehrere Jahre zu strecken.

Schieberhäuschen
Eines der Schieberhäuschen auf Kaltehofe, mit denen der Zu- und Ablauf der Filterbecken geregelt wurde - in dem für Franz Andreas Meyer typischen Stil. Foto: P. Schmolinske

Nachdem die Arbeiten 1890 endlich in Gang gekommen waren, rechnete Meyer mit der Fertigstellung Ende 1893 oder Anfang 1894. Da die Epidemie die Mängel der alten Anlagen in Rothenburgsort deutlich vor Augen geführt hatte, konnten die weiteren Arbeiten dann wenigstens beschleunigt werden, so dass die Inbetriebnahme der neuen Anlagen in Kaltehofe bereits im Mai 1893 möglich war. Damit hatte die Epidemie zumindest in diesem Punkt unmittelbare Wirkung gezeigt, und zukünftig blieb Hamburg von derartigen Ereignissen verschont.

Die Gräber der Cholera-Opfer

Wo hatte man während der Epidemie die Verstorbenen begraben? Dazu kursieren bis heute noch manche recht abenteuerliche Erzählungen von Massengräbern, die auf den alten Friedhöfen vor dem Dammtor oder auf dem daran angrenzenden Gelände – heute Planten un Blomen – verortet werden.

Die alten Friedhöfe waren schon länger so voll belegt, dass seit 1884 Bestattungen dort nur noch in den bestehenden Familiengräbern zugelassen waren. Für alle anderen waren sie bereits geschlossen. Auch neben dem Friedhofsgelände gab es keine freie Fläche mehr, denn hier befand sich seit 1863 der Zoologische Garten. Auf diesem Gelände lag zwar ein wirkliches Massengrab, der sogenannte 'Pesthügel', entstanden jedoch schon während der Pestepidemie, die Hamburg in den Jahren 1712 bis 1714 heimgesucht und rund 10 000 Opfer gefordert hatte. Der Hügel hatte also nichts mit der Cholera zu tun und war 1892 längst umgestaltet und in die Anlage des Tierparks einbezogen worden.

Der einzige Friedhof, der genügend Platz bot, war der Ohlsdorfer Friedhof. Tatsächlich wurden 1892 etwa 94 Prozent aller im Hamburger Stadtgebiet verstorbenen Personen dort bestattet und somit auch die meisten Cholera-Opfer. Im "General-Anzeiger" konnte man am 6. September lesen:

"Die Beerdigungen der Todten auf dem Friedhofe zu Ohlsdorf erfolgen nicht nur am Tage, sondern auch während der Nacht. Die vierspännigen Wagen mit 50 Leichen bringen ihre schauerliche Ladung auch am Tage, gewöhnlich in 24 Stunden 5 Mal nach dort, fahren direkt in den Kirchhof hinein und zwar bis zu den Gräbern, wo des Nachts bei Petroleumbeleuchtung ununterbrochen die Todten beigesetzt werden. Selbstredend sind die Leichen, wenn sie die Leichenhallen der städtischen Krankenhäuser oder den Exerzier-Schuppen vor dem Holstenthor verlassen, fest eingesargt, und keineswegs ohne daß dieselben in ihre "4 Bretter und 2 Brettchen" gebettet sind, durch die Stadt nach dem Friedhofe gebracht."

Die hier erwähnten Wagen waren Möbelwagen, die man für die Leichentransporte requiriert hatte, denn diese waren groß genug für 50 Särge. Die Bestattung erfolgte aber keineswegs in Massengräbern, wie oft angenommen wird. In den ersten Jahrzehnten nach Eröffnung des Ohlsdorfer Friedhofs wurden etwa 80 Prozent aller Toten im ‚allgemeinen Grab‘ bestattet, auch als 'gemeinsames Grab' bezeichnet, was eventuell zur dieser Assoziation geführt hat. Im Schnitt waren dies auch zu normalen Zeiten etwa 30 Särge pro Tag. Dafür wurde nicht jedes Grab einzeln ausgehoben, sondern ein Graben begonnen, etwa 4 Meter breit, in den die Särge zweireihig ziemlich dicht nebeneinander eingestellt wurden. Mit dem Fortschreiten der Belegung wurde der Aushub dann zum Wiederverfüllen verwendet und das einzelne Grab anschließend mit einem Schild gekennzeichnet. Dieses Verfahren wurde auch während der Epidemie angewandt.

Sämtliche Bestattungen wurden mit Angabe der Grablage in das Bestattungsregister eingetragen, so dass sich jedes Grab genau lokalisieren ließ. Auch dies wurde während der Epidemie von Seiten des Friedhofs konsequent durchgeführt. Natürlich konnten nur die Informationen eingetragen werden, die man vorliegen hatte. Wenn es zu Verwechslungen kam oder einzelne Personen anonym beerdigt wurden, lag es an vertauschten oder fehlenden Unterlagen. In Einzelfällen veranlassten Angehörige später eine Umbettung, was ohne Probleme möglich war.

Heute kann man allerdings nur noch sehr ungefähr herausfinden, wo ein einzelnes Grab damals gewesen sein könnte. Für 'allgemeine Gräber' gilt bis heute eine Ruhezeit von 25 Jahren ohne die Möglichkeit der Verlängerung. Die Grabfelder der Cholera-Opfer sind also schon lange neu belegt worden und wurden zugleich umgestaltet.
Eine Frage, die damals in der Tagespresse häufig gestellt wurde, betraf die tatsächliche Zahl der Opfer. Nach offiziellen Angaben waren es insgesamt 8 605 Menschen. Das wurde damals jedoch vielfach angezweifelt, und auch später wurden teilweise Zahlen genannt, die doppelt so hoch oder höher waren.

Generalplan v. 1893
Im Generalplan von 1893 sind die Gräberreihen der Choleraopfer dunkel eingezeichnet. Bild: Archiv Förderkreis

Hier lohnt sich ein Blick in das Bestattungsregister des Ohlsdorfer Friedhofes. Bis zum Ausbruch der Cholera am 16. August waren etwa 8 700 Menschen in Ohlsdorf bestattet worden. Als die Epidemie am 12. November offiziell für beendet erklärt wurde, war die Zahl bereits auf 21 800 gestiegen. Somit waren in dem Zeitraum etwa 13 100 Menschen beerdigt worden. Davon sind natürlich die "normalen" Todesfälle abzurechnen. Da die Todesursache nicht vermerkt ist, muss man dazu auf Vergleichszahlen in anderen Jahren zurückgreifen. In den Jahren 1890 und 1891 gab es in der vergleichbaren Zeitspanne nur 2 550 bzw. 3 250 Sterbefälle. Somit ergibt sich eine wahrscheinliche Opferzahl zwischen 9 850 und 10 550.

Diese Zahl hielt auch der Arzt Dr. Theodor Deneke für realistisch. Er erklärte, man habe

"… die Fälle von Brechdurchfall der Kinder, die im Verlauf der Epidemie sehr stark anstiegen, in den heißen Sommermonaten aber alljährlich zunahmen, nur dann als Cholera gezählt, wenn bei ihnen entweder Choleravibrionen nachgewiesen waren oder in demselben Haushalt Cholerafälle vorgekommen waren. Im Jahre 92 stiegen die Zahlen der tödlichen Brechdurchfälle der Kinder aber so hoch, daß ein erheblicher Teil Cholera gewesen sein muß. Wenn man diesen Umstand berücksichtigt, kommt man auf rund 10.000 Opfer der Seuche in Hamburg."

Der Gedenkstein für die Opfer der Cholera und andere Denkmäler

Katastrophen führen zu Veränderungen, so auch bei der Choleraepidemie. Sichtbares Zeichen war das Verschwinden der Gängeviertel, weniger sichtbar die Veränderungen in der Verwaltung. Nachdem man sich an die Neuerungen gewöhnt hatte, gerieten die Ursachen dafür dann weitgehend in Vergessenheit, zumal eine derartige Katastrophe nicht unbedingt als geeigneter Anlass für die Errichtung von Denkmälern empfunden wurde.

Ein "Denkmal" zur Erinnerung an die Cholera-Epidemie entstand allerdings doch bereits 1895-96. Es ist der Hygieia-Brunnen im Innenhof des Hamburger Rathauses, gestaltet von dem Münchner Bildhauer Joseph von Kramer. Hygieia ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Gesundheit. Der Drache ihr zu Füßen symbolisiert die Cholera. Vom Namen "Hygieia" ist der Begriff "Hygiene" abgeleitet.

Auch die Gräber der Choleraopfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof verschwanden nach Ablauf der Ruhezeit und damit aus der Erinnerung. 1991 wurde man aber im Arbeitskreis Denkmalschutz der Patriotischen Gesellschaft auf das Thema aufmerksam und beschloss, einen Gedenkstein aufzustellen. Man suchte dafür einen historischen Grabstein und entschied sich für das ehemalige Grabmal Strohn / Gliesing (ehemalige Grablage G18, 143-148). Das Grab hatte der Kaufmann und Weinhändler Wilhelm Friedrich Eugen Strohn 1895 erworben, als die Gesellschafterin der Familie, Elisabeth Anna Martha Gliesing, mit 28 Jahren verstorben war.10 Das Grabmal schuf der Bildhauer Cesar Scharff. Im vertieften Mittelfeld stand die Inschrift "Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen", die man von der ursprünglichen, leider verlorengegangenen Bronzetafel übernommen hatte. Herr Strohn selber wurde allerdings 1905 noch im Familiengrab auf dem alten St. Jacobi-Friedhof bestattet.11

Denkmal
Cholera-Gedenkstein. Foto: R. Lüdemann

Die neue Inschrifttafel führte der Steinmetzmeister und Bildhauer Henning Hammond-Norden aus – übrigens zum Selbstkostenpreis, mit dem Bienenkorb, dem Symbol der Patriotischen Gesellschaft, als Zugabe. Am 22. September 1992 wurde das Denkmal an der Cordesallee (Lage N18), also ganz in der Nähe der ursprünglichen Grabfelder, in einer kleinen Feierstunde eingeweiht.
Seit einigen Jahren gibt es nun mit Kaltehofe einen weiteren Erinnerungsort. Bereits ab 1905 hatte man wegen der immer schlechteren Qualität des Elbwassers mit der Umstellung auf Grundwasser begonnen. 1990 wurde Kaltehofe endgültig stillgelegt und einige Jahre sich selbst überlassen, so dass die Natur sich weite Teile zurückeroberte. Nachdem zunächst über Wohnbebauung in größerem Umfang diskutiert worden war, konnte die Anlage aber als Baudenkmal unter Schutz gestellt werden. Die "Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe" ist seit 2011 in der "Villa Kaltehofe", dem ehemalige Betriebsgebäude, untergebracht. Hier und in einem angeschlossenen Neubau ist ein Museum zur Geschichte der Hamburger Wasserversorgung eingerichtet. Wer mehr über die Cholera-Epidemie und überhaupt über das Hamburger Wasser erfahren möchte, ist auf Kaltehofe und im nahegelegenen WasserForum der Hamburger Wasserwerke – Billhorner Deich 2 – an der richtigen Adresse.

1 Diese Zahlen gibt Richard Evans in ‚Tod in Hamburg‘ an. In anderen Publikationen finden sich abweichende Zahlen.
2 Altonaer Nachrichten 24.8.1892
3 General-Anzeiger 29.8.1892
4 Theodor Deneke, S. 130–133
5 Statistisches Handbuch
6 Gedenkblätter, S. 96
7 Dr. Ferdinand Hueppe, S. 9f
8 W. Melhop – Historische Topographie, S. 439
9 W. Melhop – Historische Topographie, S. 439
10 Bestattungsregister Ohlsdorf
11 Hamburger Nachrichten 1.9.1905

Literatur zum Thema:
– Alfred, Aust – Vor 80 Jahren: Die Cholera in Hamburg – in: Die Heimat, Monatsschrift des Vereins zur Pflege der Natur- und Landeskunde in Schleswig-Holstein und Hamburg – Neumünster 1972
– Theodor Deneke – Die Hamburger Choleraepidemie 1892 – in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Band XXXX, S. 124-158 – Hamburg 1949
– Richard J. Evans – Tod in Hamburg, Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910 – Reinbek 1990
– Dr. Ferdinand Hueppe – Die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892 – Berlin 1893
– Der blaue Tod, Die Cholera in Hamburg 1892 – Begleitschrift zur Ausstellung im Altonaer Museum – Hamburg 1992
– Hamburg in den Zeiten der Cholera – Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales (Hrsg.) – Hamburg 1992
– Eva Decker, Jörg Schilling – Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe, hamburger bauheft 15 – Hamburg 2016
– Hrsg. DRK Landesverband Hamburg e. V. – Notizen zur Hamburger Rotkreuzgeschichte, 13. Ausgabe – Hamburg 2017
Weitere Quellen:
– Hamburg in naturwissenschaftlicher und medizinischer Beziehung – Hamburg 1901
– Wilhelm Melhop, Historische Topographie der Freien und Hansestadt Hamburg von 1880 bis 1895 – Hamburg 1895
– Hrsg. Statistisches Landesamt – Statistisches Handbuch für den Hamburgischen Staat – Hamburg 1921
– Gedenkblätter zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Vereins für Kunst und Wissenschaft in Hamburg – Hamburg 1893
– Digitalisate der Tageszeitungen: http://www.theeuropeanlibrary.org/tel4/newspapers
– Bestattungsregister und Grabregister Friedhof Ohlsdorf

Heft-Rubrik: 

Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V.
Fuhlsbüttler Strasse 756, 22337 Hamburg
Telefon: 040 / 50 05 33 87 | E-Mail: info@fof-ohlsdorf.de
Werden Sie Mitglied oder unterstützen Sie uns durch eine Spende.

© Stero Webservice www.stero.de