OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

"Engel und Evas" - Eine neue Ausstellung im Forum Ohlsdorf

Autor:
 - Mai 2017
Ausgabe: 
Nr. 137, II, 2017

In der Ausstellung "Engel und Evas" im Bestattungsforum Hamburg, die vom 2. April bis zum 22. Oktober zu sehen ist, sollten eigentlich kleine Engelsskulpturen und Plastiken der Hamburger Künstlerin Bettina Thiessen mit großformatigen Fotografien vom Friedhof von Lutz Rehkopf zu einem reizvollen Ensemble zusammengestellt sein.

Leider hat die Künstlerin aus technischen Gründen ihre Plastiken bald nach Ausstellungsbeginn wieder entfernen lassen, so dass jetzt nur noch Fotos zu sehen sind. Diese Bilder konzentrieren sich etwas mehr auf die Evas als auf die Engel, zeigen doch die weiblichen Gestalten des Friedhofs die ideale Schönheit des menschlichen Körpers mit einer Sinnlichkeit, die einen Kontrast zur innerlichen Trauer bildet.

Bilder
Bilder aus der Ausstellung "Engel und Evas". Fotos: L. Rekkopf

Auf den Fotos erscheinen meist marmorne Frauengestalten des Friedhofs in ihrer idealen Schönheit, mit verhängtem Kopf und in trauernder Haltung in stimmungsvollen Bildern. Nirgendwo sonst findet man in Hamburg so viel weibliche Traurigkeit, Nachdenklichkeit, stillen Jammer und Verzweiflung wie in Ohlsdorf. Die Plastiken – auch mit Flügeln, zu Engeln verklärt – bilden unübersehbar das eigentliche, große Thema der Grabmalkunst. Dabei können hüllenlose Frauendarstellungen auf die Unvergänglichkeit der Schönheit selbst deuten, wie zum Beispiel die Skulptur auf der Grabstätte Groot von 1946. Hübsche, sitzende Trauernde aus neuerer Zeit können dagegen mit ihrer Natürlichkeit und ihrem freien Blick dem Betrachter sogar ihre Reize so anbieten, als ob sie an die errungene sexuelle Befreiung der letzten Jahrzehnte erinnern wollten, wie die Skulptur von Egon Lissow auf der Grabstätte Meyer-Schuchardt. Kleider werden oft wie nicht vorhanden dargestellt, hauchdünn werden sie erst durch Details auf beeindruckende Weise dort sichtbar, wo sie am Hals oder am Arm enden.

Besonders in den zahlreichen Grabskulpturen aus der Zeit des Jugendstils wird das Verführerische, Aufreizende oder Laszive des weiblichen Sujets deutlich. Insgesamt aber ist die überwiegende Zahl der weiblichen Trauernden eher zurückhaltend, häufig allerdings verknüpft mit einer sinnlich-erotischen Note. Beim Grabmal Diederichsen bringt der Bildhauer Caesar Scharff dabei wunderbar den Schritt vom Leben in den Tod zum Ausdruck. Die Haltung des jungen Mädchens halbverhüllt in einem hauchdünnen, fließenden Schleier verkörpert eine vage, ungewisse Vorstellung vom Jenseits. Diese zu "Pathosformeln" erstarrte Trauerhaltung sorgt sozusagen fühlbar dafür, dass der Betrachter innerlich dieselbe Haltung einnimmt, wie die Person, die er sieht. Die Trauernde verkörpert zwar kein Bild vom Jenseits, aber gibt der Ungewissheit über Tod und Ewigkeit Ausdruck.

Ein zweites Thema der Ausstellung sind die Augenblicke der Trennung, die von den Bildhauern auf dem Friedhof als Momente höchster Innigkeit gestaltet worden sind. Durch spannungsaufgeladene Blicke wie bei der Grabmalskulptur von Nordheim von Arthur Bock, durch Kopf- und Körperhaltungen, durch Hände und Berührungen wird die emotionale Spannung deutlich. Diese expressiven in Stein und Bronze eingefrorenen Gesten kennzeichnen gleichzeitig den schmalen Übergang vom Leben in den Tod, die den Betrachter mitten ins Herz treffen.

Als Drittes treten neben die schönen Frauen und die Paare auf dem Friedhof die Engel als Boten Gottes in der Welt, die den Trauernden Trost spenden und schützen können und sie sicher in die nächste Welt geleiten. Als Fazit kann man aus dem Besuch dieser Ausstellung mitnehmen, dass mit dem Bild der schönen Frau oder des erotischen Engels auch die Angst des Todes gemildert und verdrängt werden konnte, aber auch dass Schönheit und Erotik als trostspendende Elemente je nach Künstler und gesellschaftlichen Verhältnissen sehr unterschiedlich verstanden werden. Der Friedhof Ohlsdorf ist damit nicht nur ein trostvoller Ort für Hinterbliebene, sondern erzählt durch seine vielen großen Grabstätten in landschaftlicher Umgebung viel über den Umgang der Gesellschaft mit dem Tod.

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