OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ohlsdorfer Friedhof: Ida-Ehre-Allee statt Kriegerehrenallee

 - Februar 2017
Ausgabe: 
Nr. 136, I, 2017

Im Oktober 1914 wurde auf dem östlichen Erweiterungsgeländes des Ohlsdorfer Friedhofs ein Gräberfeld für verstorbene Soldaten des Ersten Weltkrieges angelegt.

Zwar konnten die Pläne für eine "Heldengedenkhalle" nicht realisiert werden, aber die neu angelegte, beidseitig mit Kugelfichten bepflanzte Straße entlang des Soldatenfriedhofes erhielt dem wilhelminischen Zeitgeist entsprechend den Namen "Kriegerehrenallee". Weder der verheerende Zweite Weltkrieg noch die Umbettung von 264 NS-Opfern direkt an die Kreuzung Kriegerehrenallee/Mittelallee in den 1950er Jahren führten zu einer Namensänderung. Es vergingen über hundert Jahre, bis der Name geändert wurde: Am 27. Juli 2016 wurde die "Kriegerehrenallee" im Rahmen des 8. Ohlsdorfer Friedensfestes in Ida-Ehre-Allee umbenannt. Die Willi-Bredel-Gesellschaft – Geschichtswerkstatt e. V. gab 2015 den Anstoß zu einer Umbenennung. Nach Prüfung der zahlreichen Vorschläge für einen neuen Straßennamen, die auch in der Zeitschrift "Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur" diskutiert wurden, entschied sich die Behörde für Umwelt und Energie für eine Ehrung der Pazifistin Ida Ehre.

Staatsrat Michael Pollmann stellte in seiner Ansprache anlässlich der Enthüllung des neuen Straßenschildes fest: "Das Schicksal der in den Kriegen der Vergangenheit gestorbenen Soldaten ist im hohen Maße beklagenswert, aber sie in ihrer Funktion als Krieger zu ehren unterschlägt die bittere Wahrheit, dass Soldaten gerade in Deutschlands jüngster Vergangenheit zu Instrumenten brutaler Machtpolitik und eben auch zu Werkzeugen verbrecherischer Zielsetzungen wurden." Die Ehrung deutscher Soldaten ist allerdings schon seit 1901 politisch umstritten, als sich die Reichswehr an der internationalen Strafexpedition in China beteiligte, und die deutschen Soldaten im Krieg gegen die Hereros und Namas in Namibia 1904 waren alles andere als Helden.

Die Schauspielerin und Intendantin Ida Ehre (1900–1989) hat dagegen die Konsequenzen aus Verfolgung und KZ-Haft im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel (KolaFu) während der NS-Herrschaft und dem Zweiten Weltkrieg gezogen: Sie hat sich zeitlebens leidenschaftlich für Frieden und Abrüstung eingesetzt. Unvergessen ist ihr Friedens-Appell 1983, als sie im St. Pauli-Stadion Wolfgang Borcherts Gedicht "Dann gibt es nur eins: sag nein!" rezitierte. Staatsrat Pollmann begründete seine Entscheidung zugunsten von Ida Ehre in einem taz-Interview so: "Wir wollten schon einen bewussten Kontrapunkt setzen. Wir benennen die Straße aus einem politischen Grund um, aus einem geänderten Verständnis der Geschichte. Dieser Gedankengang soll im Namen zum Tragen kommen."

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