OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Eine Liebe in Hamburg: Über die Grabsteine von Juliane Louise Prinzessin von Ostfriesland und Harbert Dirk Harberts auf dem Ohlsdorfer Friedhof

 - Mai 2016
Ausgabe: 
Nr. 133, II, 2016

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg findet sich ein Grabstein-Ensemble, das zwei Ostfriesen verbindet – obschon sie sich nie begegnet sind. Erinnert wird an Juliane Louise Prinzessin von Ostfriesland und an den Emder Dichter Harbert Dirks Harberts, die beide über viele Jahre in Hamburg lebten. Die Prinzessin fand dort ihr Glück, der Dichter wählte den Freitod.

Eine Fürstentochter, die einen Hamburger Pastor ehelichen würde, bekäme heutzutage viel mediale Aufmerksamkeit. Hochglanzfotos würden das Paar auf Charity-Partys oder beim Einkaufsbummel auf dem Jungfernstieg zeigen. Dort, wo jene Prinzessin lebte, die schon vor 300 Jahren für Gesprächsstoff in der Hansestadt sorgte: Juliane Louise von Ostfriesland, Tochter des Fürsten Enno Ludwig von Ostfriesland (1632–1660) und seiner Frau Justine Sophie von Barby (1636–1677).

Dabei verliefen die ersten Jahrzehnte im Leben der Prinzessin eher im bescheidenen wie auch abgeschiedenen Rahmen. Juliane Louise wurde am 16. November 1657 in Aurich geboren; 1654 war ihr Vater Enno Ludwig von Ostfriesland durch Kaiser Ferdinand III. für eine stattliche Summe vom Reichsgrafen- in den Fürstenstand erhoben worden. Nachdem der erst 28-jährige Enno Ludwig an den Folgen eines Jagdunfalls verstorben war, zog seine Witwe mit den kleinen Töchtern Juliane Louise und Sophie Wilhelmine (1659-1698) auf die Burg in Berum.

Enno Ludwigs Bruder Georg Christian (1634–1665) übernahm die Regentschaft in Ostfriesland, nach dessen ebenfalls frühem Tod regierte vormundschaftlich seine Frau Christine Charlotte von Württemberg (1645–1699). Stetige Erbstreitigkeiten der ostfriesischen Adelsfamilie Cirksena prägten das Leben auf Burg Berum und, als Justine Sophie von Barby 1677 verstarb, hinterließ sie zwei mittellose Töchter. Diese lebten zunächst bei ihrem Vormund Rudolf August Herzog von Braunschweig-Lüneburg in Wolfenbüttel, ab 1686 im Hause von Johann Adolf Herzog von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön. Die Zwistigkeiten um Erbschaftsansprüche indes fanden erst 1695 ein Ende. Die bereits 38 Jahre alte Juliane Louise soll 59000 Taler erhalten haben – und somit endlich die Aussicht auf ein eigenständiges Leben.

Ihre Schwester wurde im selben Jahr dritte Ehefrau von Christian Ulrich I. Herzog von Württemberg-Oels und folgte ihm ins schlesische Bernstadt. Juliane Louise zog es nach Hamburg in eine Wohnung am (alten) Jungfernstieg; später erwarb sie das Haus von ihrem verstorbenen Vormund Rudolf August Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Außerdem kaufte sie sich ein Landhaus mit Elbblick in Ottensen, wo sie fortan die Sommer verbrachte. "Ihr früh vereinsamtes Gemüt, der stillen Einkehr in sich selbst längst gewohnt und derselben schon mit Lust zugetan, fand hier eine auch durch äußere Umstände begünstigte Befriedigung ... Bei ihrer, dem Treiben der großen Welt abgewandten, sinnig-beschaulichen Richtung, die gleichwohl ein reges inneres Geistesleben nicht ausschloß, gewährte es ihr ein eigentümliches Behagen, die Wogen des Weltverkehrs der großen Stadt um sich her brausen zu sehen, ohne von ihnen berührt zu werden; sie konnte alle Vorzüge derselben genießen und brauchte doch ihre Schattenseiten nicht zu kennen ...", wird das Leben der Prinzessin in einer Ausgabe der „Hamburgischen Geschichten und Denkwürdigkeiten“ aus dem Jahre 1856 skizziert.

Als "kleinen Hofstaat" hatte die Prinzessin zwei Damen um sich: Seit 1701 gehörte dazu das Hoffräulein von Brobergen – ein "hochbetrautes und hochgetreues Fräulein", wie später deren Grabinschrift lautete – sowie Juliane Louise Jensen, eine Pastorentochter aus Gleschendorf (zwischen Lübeck und Eutin) und überdies ein kleines Mädchen namens Jeanneton de la Marel, das aus einer verarmten französischen Familie stammte. "Umgang suchte sie nicht, mit Menschen kam sie eigentlich nur sonntäglich in der Kirche zusammen, welche sie niemals versäumte", heißt es über Juliane Louise – und doch sollte es dort, in der zum Waisenhaus gehörenden Maria-Magdalenen-Kirche, für sie zu einer schicksalhaften Begegnung kommen. 1698 war mit Joachim Morgenweck ein neuer Pastor an die Kirche berufen worden und Juliane Louise fühlte sich sogleich zu dem Seelsorger hingezogen. "Von der Natur freigebig mit den Gaben des Geistes ausgestattet, hatte er sich durch gründliches Wissen zu einer ungewöhnlichen Vielseitigkeit ausgebildet, von der seine Predigten, seine Schriften, seine erlesene Bibliothek, eine reiche Sammlung der seltensten schönsten Kupferstiche, Zeugniß ablegten ... eine Kanzelgabe zeichnete ihn vor Vielen aus: eine seltene Kraft und Eindringlichkeit der lebendig warmen Rede, die das Wort Gottes lauter und rein mit dem Ausdruck der innersten Überzeugung verkündete ..."

Heimliche Heirat

Joachim Morgenweck und Juliane Louise von Ostfriesland kamen sich näher – und irgendwann muss aus der Zuneigung zwischen dem Prediger und der Prinzessin Liebe geworden sein, denn sie heirateten. Im Jahre 1700. In aller Heimlichkeit und so sollte es auch bleiben. Deshalb setzten der 34-jährige Morgenweck und die 43-jährige Prinzessin ihr Leben wie gewohnt fort. Der Hamburger Gesellschaft blieb das Miteinander der beiden wohl verborgen oder man schwieg sich aus; vielleicht waren die Zeiten zu bewegt, um Aufhebens davon zu machen.

Allein: "Wer in den Jahren um 1705 in Hamburg sonntags die Waisenhauskirche besuchte, um eine Predigt des beliebten Pastor Morgenweck zu hören, der konnte auch sicher sein, als die andächtigste unter den andächtigen Zuhörerinnen in der vordersten Reihe eine vornehme Dame von edler Erscheinung und Haltung zu gewahren, die mit gespanntester Aufmerksamkeit der ebenso glaubenstreuen als geistreichen und mit hinreißender Beredtsamkeit vorgetragenen Predigt folgte. Wenn diese dann zu Ende war, und die Dame sich erhob, um mit einer sehr kleinen zarten Gesellschafterin zu ihrer draußen harrenden Carosse zu gehen, so wollten scharfsinnige Beobachter in ihren fast verklärten Gesichtszügen auch denjenigen Ausdruck erkennen, der das Antlitz so mancher guten Pfarrersfrau nach besonders gelungenem Sermon ihres Gatten durchleuchtet; ein Ausdruck, welchem sich zuweilen auch ein gewisser Zug beimischt, dessen Übersetzung in Worten etwa lauten würde: ,Das ist aber auch mein Mann, der so herrlich gepredigt hat."

Es dauerte einige Jahre, bis die Zuneigung der beiden doch noch Gesprächsthema wurde. Es heißt, Pastor Morgenweck habe um einen Kanzelumbau gebeten und das mit einer Vehemenz, die ihm viel Ärger beschert habe. Seine Vorgesetzten hätten sich geweigert und überdies auf die Kosten verwiesen. Ein Umdenken hätte erst eingesetzt, als eine "gottliebende Seele" dem Waisenhaus eine Spende von 4000 Talern avisiert hätte – mit der Bedingung, dass die Kanzel der Maria-Magdalenen-Kirche verlegt werde. Besagte "gottliebende Seele" war Juliane Louise – und das blieb nicht im Verborgenen.

Joachim Morgenweck hatte sich und das Verhältnis zu der Prinzessin hernach beim Ältesten zu erklären. Das tat er dann auch und versicherte, dass ihre Beziehung rechtmäßig sei. Ein Skandal blieb wiederum aus – vielleicht weil "die Geschichte durch ihre moralische Wahrheit den unmoralischen Reiz verloren hatte, gar bald wieder spurlos in den Wogen der Tagesereignisse untergegangen sein mag". Da Juliane Louise nicht nur den Prediger der Maria-Magdalenen-Kirche in ihr Herz geschlossen hatte, sondern auch das kleine Gotteshaus selbst, hatte sie sich dort ein Grabgewölbe einrichten lassen – "unter dem Altare zu ewigen Tagen". Für dessen Pflege verfügte sie testamentarisch eine Summe von 3000 Talern. Ihrem Mann wollte sie das Haus in Ottensen hinterlassen. Ihre Nichte, Auguste Louise Prinzessin von Württemberg-Oels (1698–1739), bedachte sie nicht mit Werten aus der hamburgischen Zeit, da dieser ohnehin ihre Medial-Güter zufielen.

Späte Bestattung

Doch als die ostfriesische Prinzessin am 30. Oktober 1715 verstarb – vermutlich an der Pest –, geschah dies derart unverhofft, dass sie ihr Testament nicht abschließend hatte unterschreiben können. Ihre Verfügungen wurden daraufhin von ihrer Nichte angefochten, was mit üblen Verdächtigungen einherging. Mithin Pastor Morgenweck, so heißt es, habe weiterhin das Geheimnis um seine Ehe mit Juliane Louise gewahrt – "Er mochte es unter seiner Würde achten, um irdischer Vortheile willen, oder zur Abwendung ungerechter Beschuldigungen, das von der verklärten Freundin so geheim gehaltene Bündniß durch Bekanntmachung zu profanieren". Infolge der Streitigkeiten war auch die Bestattung der Prinzessin nicht möglich, denn die Zahlung der 3000 Taler für das von ihr verfügte Gewölbe stand aus.

Somit stand ihr Sarg 16 Monate in der Diele ihrer Wohnung am Jungfernstieg, bevor ein Vergleich eine Einigung brachte. Im März 1717 fand die Beisetzung in der Maria-Magdalenen-Kirche statt – in einem kupfer-vergoldeten und mit fürstlichem Wappen verzierten Sarg. Zugleich wurde in dem Gewölbe auch das Hoffräulein beigesetzt; deren Sarg trug die Inschrift: "Hier im Grabe der durchlauchtigsten Fürstin Juliane Louise zu Ostfriesland, Esens, Stedesdorf und Wittmund, zum Zeichen der sonderbarsten hochfürstlichen Gnade, ruhet das hochwohlgeborene Fräulein Gertrud Elisabeth von Brobergen, in die 14 Jahre hochbetrautes und hochgetreues Kammerfräulein, so in dem Herrn Jesu Christo selig ist entschlafen d. 18. October 1716. Wer sich erniedriget wird erhöhet werden." "So lange der Wind wehet und der Hahn krähet", so lange sollte das Grabgewölbe der Prinzessin erhalten bleiben – hatte diese über ihr Testament und die Zahlung der 3000 Taler verfügt. Aber es sollte anders kommen. 1807 wurde die Kirche abgerissen und der Sarg der Prinzessin samt dem ihres Hoffräuleins auf dem Begräbnisplatz vor dem Dammtor in eine gemauerte Gruft umgebettet. Auch die sterblichen Überreste des letzten Pastoren der Maria-Magdalenen-Kirche, Bartholomäus Nicolaus Krohn (gest. 1795), und seiner Ehefrau wurden dorthin gebracht.

Als der Dammtor-Friedhof aufgegeben wurde, erfolgte 1924 eine erneute Verlegung der Särge, dieses Mal nach Ohlsdorf, wo seither in einer gemeinsamen Begräbnisstätte an sie erinnert wird. "Ruhestätte, die nie zu eröffnen ist", lautet die Inschrift auf dem Grabstein von Juliane Louise Prinzessin von Ostfriesland. Diesen Sinnspruch haben sich offenbar die Mitglieder des Förderkreises des Ohlsdorfer Friedhofs zu Herzen genommen und das Grabmal der Prinzessin restaurieren lassen. Für wenigstens eine kleine Ewigkeit!

Das Grab von Harbert Harberts existiert nicht mehr. Dabei hatte sich ein Ausschuss für den Erhalt seiner Begräbnisstätte gegründet. Auch sollte ein Büchlein mit Gedichten von Harbert Dirks Harberts (1846–1895) das Gedenken an den ostfriesischen Dichter untermauern – ideell als auch materiell. Herausgeber war Albrecht Janssen (1866–1972), selbst Ostfriese und Schriftsteller. Er schrieb 1914 im Vorwort der handlichen Publikation "Harbert Harberts – ein ostfriesischer Dichter": "Unser Aufruf zur Erhaltung des Harbertsschen Grabes weckte überall in den friesischen Landen ein kräftiges Echo. Unser erstes Ziel ist erreicht: der Dichter wird ruhig weiterschlummern in seinem Grabe, in einem Grabe, das ihm die Heimat dankbar erhielt ..."

Harberts
Der ostfriesische Dichter Harbert Harberts. Quelle: S. Arends

Die letzte Ruhestätte des gebürtigen Emders lag früher bei Kapelle 3 auf dem Friedhof Ohlsdorf. An ihn erinnert nurmehr ein Stein – dieser hat seinen Platz neben der Grabstätte einer Ostfriesin, die, wie er, Hamburg als Wohnsitz gewählt hatte. Was die Fürstentochter Juliane Louise von Ostfriesland und den Bäckersohn Harbert Dirk Harberts darüber hinaus verbunden hat, ist ungewiss. Vielleicht hätte sich die Prinzessin, die auf Burg Berum aufwuchs, an Harberts heimatverbundenen Versen erfreut. Möglicherweise hätte Harberts am tiefgründigen Wesen Julianes Gefallen gefunden.

Harbert Dirks Harberts wurde am 26. Dezember 1846 in Emden als Sohn eines Bäckers und späteren Maklers geboren. Als Geburtshaus wird die Neutorstraße 22 genannt. Von dort zog es die Familie in das Haus "Jonas und der Wal" in der damaligen Großen Faldernstraße (der Hausstein befindet sich heute an der Fassade Faldernstraße 27). Es heißt, dass seine Eltern ihm eine strenge Erziehung angedeihen ließen, zu der auch allsonntägliche Gottesdienstbesuche gehörten.

Mit vier Jahren begann für Harbert bereits die Schulzeit, 1860 beendete er die Volksschule – mit dem Berufswunsch Lehrer. In Simonswolde, Hinte, Lütetsburg und Pilsum war er Hilfslehrer, bevor er 1864 eine erste feste Anstellung in Emden bekam. Dort freundete er sich mit Friedrich Sundermann (1843-1924) an, der ebenfalls Lehrer war und sich als Heimatforscher betätigte. Ein gewisser Ennen, später Pastor in Blersum, war ebenfalls mit von der Partie, wenn Harberts und Sundermann Wanderungen durch Ostfriesland, das Rheinland und in die Niederlande unternahmen. Auch pflegten die drei Männer gemeinsam ihr Faible für Literatur und Sprachen. Es heißt, dass Harberts besonders den deutschen Kulturhistoriker und Schriftsteller Johannes Scherr (1817-1886) verehrte und ob seiner Kenntnisse in deutscher Literatur dazu überging, "Emder Primanern" Privatunterricht darin zu erteilen.

Dann, so beschreibt Janssen, geschah etwas, was den Poeten in dem jungen Pädagogen weckte. Hintergrund war wohl ein Konflikt mit einem älteren Lehrer, der sich in arg verletzender Weise über Harberts‘ körperliche Gebrechlichkeiten ausgelassen hatte. Dieser verfasste, so beschreibt es Albrecht Janssen, "in seinem Zorn und Schmerz ein flammendes Gedicht und entdeckte in sich den Dichter". Zu Neujahr 1866 erschien erstmals ein Gedicht in der "Ostfriesischen Zeitung", auch brachte Harberts erste Heimatlieder zu Papier. Schon Ende 1866 erschien bei Haynel in Emden ein kleiner Band mit dem Titel "Wilde Ranken" – Friedrich Sundermann gewidmet.

Dass Harberts sich dazu entschloss, seine Heimatstadt zu verlassen, um in Bonn zu studieren, hatte wohl damit zu tun, dass er seinen Freigeist entdeckt hatte. Doch schon bald gingen ihm die Mittel aus und er nahm eine Stelle als Deutschlehrer am internationalen Knabeninstitut Schoonoord bei Ryswyk in Holland an. "Die Sehnsucht und der heiße Wunsch der besten der Zeit lebte auch in ihm: ein einiges Vaterland", beschreibt Albrecht Janssen die Ideologie von Harbert Harberts, der 1869, als Wilhelm I. nach Emden kam, dem Monarchen ein "Willkommen dem König" dichtete, das mit folgenden Zeilen endete: "... Auch uns‘re Wünsche hegten schon die Väter. Erfülle du sie! Blick‘ auf uns‘re Wellen, nimm Du dich ihrer an und lasse später sie nicht, wie längst schon, nutzlos sich zerschellen. Der Jubel steige hoch bis in den Äther, wenn zahllos, wie dereinst die Segel schwellen, wenn sich erfüllt, was die, die drunten schlafen, vergeblich wünschten: 'Blühend Emdens Hafen'."

Journalist in Hamburg

Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, verließ Harberts die Niederlande und lebte für einige Zeit in England – auf Einladung des Vaters eines seiner Schützlinge. Von dort zog es den Emder nach Hamburg, wo er für kurze Zeit als Journalist für "Reform" (ein "Communal- und Bürgerblatt"; 1848 gegründet) tätig war; danach lebte er in Breslau und arbeitete für "Die Laterne", eine "humoristisch-satyrische Wochenschrift", die aber bald eingestellt wurde.
Harberts ging zurück nach Hamburg und leitete vom 1. Januar 1874 an die "Hamburger Volkszeitung" und danach die "Hamburger Zeitung". Doch auch diese Tätigkeiten waren nicht von langer Dauer, so wirkte Harberts hernach erneut als "gewandter Feuilletonist" in der Redaktion von der "Reform".

Seine lyrische Seite vergaß er dabei nicht. 1883 erschien eine Sammlung humoriger Plaudereien unter dem Titel "Über Dies und Das" (Rühle & Rüttlinger, Leipzig, 1883) und mit "An de Waterkant" eine Zusammenstellung seiner plattdeutschen Dichtungen. Drei Auflagen bescherte Harberts eine Gedenkschrift an die beliebte Hamburger Thalia-Schauspielerin Clara Horn (1852–1884) – "Sie war im besten und schön-sten Sinne unser Liebling", beschrieb Harberts die verehrte Darstellerin, die so früh verstarb. Große Anerkennung bekam Harberts für seinen Gedichtband "Rote Rosen", der 1884 bei J. P. Richter in Hamburg herauskam. 1891 gründete er gar mit einigen Mitstreitern die "Literarische Gesellschaft Hamburg".

Doch 1892, als Harberts die Hamburger Cholera-Epidemie dokumentierte, wurde die "Reform" eingestellt und so verlor der 46-Jährige, der zwischenzeitlich wegen zweier Beinbrüche lange arbeitsunfähig gewesen war, mit seiner Anstellung auch seinen Lebensunterhalt. Zwar wechselte er zu anderen Zeitungen und Zeitschriften, aber ihm war wohl sein Lebensmut abhanden gekommen, denn am 1. Oktober 1895 berichtete die Mittagsausgabe des "Hamburgischen Correspondenten": "Der hiesige Schriftsteller und Journalist Harbert Harberts hat sich heute Morgen in seiner Wohnung in der Wilhelminenstraße Nr. 10 durch einen Revolverschuss das Leben genommen ... Lebensüberdruss, durch eine Kette von Missgeschicken hervorgerufen, dürfte das Motto der beklagenswerthen That gewesen sein."

Der Chefredakteur des "Hamburger Fremdenblattes", Dr. jur. Julius Fr. W. Menck, kaufte die Grabstätte in Ohlsdorf für Harberts, die mit den Jahren verfiel. Ähnlich verhielt es sich mit seinem Andenken. Bis 1913. Von jenem Jahr an kümmerten sich Albrecht Janssen und andere Ostfriesen der Hansestadt um die Ruhestätte und gründeten einen Fonds, um dem Dichter ein Denkmal zu widmen – es entstand 1919. Einhundert Jahre nach Harberts‘ Tod bekam dieser Stein einen Platz neben dem der ostfriesischen Prinzessin und erinnert an einen Mann, der seine "meerumspülte teure" Heimat mit unermüdlichem Pathos ausschmückte.

Auch seine letzte Ruhestätte hatte Harbert Harberts beschrieben – drei Jahre vor seinem Tod. In der 44-seitigen Schrift "Geschichte der Hamburger Choleraepidemie von 1892" lobt er Hamburgs "Munificenz" (Freigiebigkeit) in Bezug auf die Einrichtung des weitläufigen Ohlsdorfer Friedhofs, der 1877 eröffnet worden war – und somit für etwa 8600 Choleratote ausreichend Bestattungsfläche bot. "Die meisten der Choleraopfer sind auf dem Friedhofe Ohlsdorf beerdigt worden, der etwa zwölf englische Meilen von der Stadt entfernt liegt", schildert Harberts. Und fügt hinzu: "Dieser Friedhof ist von enormer Ausdehnung, gut belegen auf sandigem Boden in offenem Lande und so vortrefflich mit Bäumen, Gesträuch und Rasen ausgestattet, daß er kaum an irgend einer Stelle den Anblick eines gewöhnlichen Begräbnisplatzes bietet."

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