OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Friedhof und Revolution

 - Mai 2016
Ausgabe: 
Nr. 133, II, 2016

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof gibt es eine Reihe von Grabstätten, die mit den politischen Verhältnissen ihrer Zeit in enger Verbindung stehen.

Man denke nur an die Gräber der Zwangsarbeiter oder an jene der Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur; aber auch an die opulente Grabstätte, die von den Nationalsozialisten für Ihresgleichen eingerichtet und nach dem Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Schon vorher stand der Friedhof jedoch im Zentrum politischer Spannungen. Nur wenigen ist heute noch bekannt, dass sogar versucht wurde, das Denkmal für die "Revolutionsjahre 1918–1920" gegenüber dem heutigen Friedhofsmuseum in die Luft zu sprengen. Das erste Attentat wurde 1922 für die Nacht vor "Kaisers Geburtstag" (27. Januar 1922) angekündigt und verhindert. Die Ausführung des zweiten Versuchs kam nur dadurch nicht zustande, dass ein aufmerksamer Obergärtner, wie es im Hamburger Anzeiger vom 2. Juni desselben Jahres heißt, "auf seinem Rundgang bei dem Revolutionsdenkmal zwei aus dem Boden hervorragende Kupferrohre" bemerkte. "Es stellte sich heraus, daß es sich um einen verbrecherischen Anschlag auf das Denkmal handelt. Die Rohre waren mit einer außerordentlich starken Sprengmasse – dem Geruche nach Nitroglyzerin – gefüllt. Die Täter sind zur Zeit noch unbekannt."1 Dieser Sprengstoffanschlag gehörte zu einer ganzen Reihe, die im Juni "die Hamburger Bevölkerung wochenlang in Aufregung hielt". Weil der Ortsgruppe der NSDAP enge Verbindungen zu der Tätergruppe dieser Anschläge nachgewiesen werden konnten, wurde sie übrigens am 25. November 1922 in Hamburg polizeilich verboten.2

Warum aber versuchten die Rechten ausgerechnet dieses Denkmal zu zerstören? Der Erste Weltkrieg war mit der Novemberrevolution von 1918 zu Ende gegangen. Der Umsturz griff von Kiel aus auf Hamburg über, wo es zu schweren Zusammenstößen kam. Senat und Bürgerschaft wurden abgesetzt und aufgelöst. Während der Straßenkämpfe kamen vierzehn Menschen ums Leben. Elf von ihnen wurden in Ohlsdorf in dem damals so genannten "Revolutionsfriedhof" gegenüber dem heutigen Friedhofsmuseum beigesetzt.

Auch in der Folgezeit kam es immer wieder zu Unruhen, die in Plünderungsaktionen und Tumulten ausuferten. Schon während des Kriegs hatten die Menschen unter der Hungersnot gelitten und die Nahrungsmittelknappheit hielt weiter an. Obwohl die Zuteilung staatlich gelenkt wurde, waren die Schaufenster voll mit den leckersten Lebensmitteln. Der sogenannte Schleichhandel sorgte dafür, dass die Reichen, die sich die außerordentlich hohen Preise leisten konnten, in Saus und Braus lebten, während die Armen hungerten und dabei auch noch ihre Nasen an vollen Schaufenstern plattdrücken konnten. Einen vorläufigen Höhepunkt fanden die Unruhen zu Ostern 1919.3

Dabei wurden auch Polizeiwachen auf St. Pauli und in der Innenstadt angegriffen, und es kam zu stundenlangen Feuergefechten mit der Polizei. Der Kommandant von Groß-Hamburg, Walther Lamp’l, verhängte bis zum Ende des Monats den Belagerungszustand zusammen mit dem Befehl, Plünderer und bewaffnete Kämpfer auf der Stelle zu erschießen. Insgesamt forderten die Unruhen 18 Todesopfer, unter ihnen sechs Plünderer, die von den Sicherheitsmannschaften auf der Stelle erschossen worden waren.

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Grabstätte der Revolutionsopfer 1918-1920. Foto: P. Schulze

Danach hielt die relative Ruhe auf den Straßen nicht lange an. Am Morgen des 23. Juni wurde ein Lebensmittelskandal aufgedeckt, der zu den sogenannten Sülzeunruhen führte. Eine aufgebrachte Menge drang in die Heil’schen Sülzefabrik ein, wo unter anderem "Haufen von Fellen und Häuten", welche "mit einer dicken Schimmelschicht überzogen waren" gefunden wurden.4 In den folgenden Tagen kam es immer wieder zu Tumulten und Selbstjustiz vonseiten der aufgebrachten Menge. Der Einsatz des bei der Arbeiterschaft verhassten Bahrenfelder Zeitfreiwilligenkorps verschärfte die Lage,5 und der Einzug der Reichswehr führte schließlich dazu, dass Unschuldige auf offener Straße erschossen wurden. Zwischen dem 30. Juni und 20. August 1919 wurden in Ohlsdorf Insgesamt 26 Opfer der Hungerunruhen beigesetzt.6

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Grabmal für die Revolutionsopfer, historische Aufnahme vor dem Abbruch im Jahr 1933. Bildnachweis: veröffentlicht in Leisner/Schulze/Thormann, Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Bd. 2, S.11

Schon im Sommer 1919 hatte der Senat die Idee zu einem Grabdenkmal für die Opfer der Revolution diskutiert. Der Stadtbaudirektor Fritz Schumacher nahm sich persönlich der Angelegenheit an und entwarf das Denkmal, das aus zwei hohen Säulen besteht, die einen geraden Gebälkblock tragen und jeweils mit dem Relief eines Kranzes mit Schleife und gesenkter Fackel geschmückt sind. Als Inschrift am Gebälk sah er vor: "Den Gefallenen der Revolutionstage" und an den Säulen "12. November im Jahre 1918" und "30. Juni bis 20. August 1919". Doch da man nicht wusste, ob die im November 1918 beigesetzten Toten "für oder gegen die Revolution gekämpft oder ob sie etwa mehr zufällig bei Gelegenheit der Straßenkämpfe ihr Leben eingebüßt hatten", entschied man sich für die neutralere Beschriftung: "Den Gefallenen der Revolutionsjahre 1918–1920".

Als das Denkmal am 5. November 1920 eingeweiht wurde, waren gleichzeitig die Namen der Toten auf 47 Kissensteinen verewigt. Für jene, die bei den Unruhen im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch im März desselben Jahres zu Tode kamen, wurden zwölf weitere Steine auf die Gräber gelegt.

Nicht nur die versuchten Sprengstoffanschläge zeigen, wie sehr das Denkmal für die Opfer der Revolution den Nationalisten von rechts ein Dorn im Auge war. So ließen sie nicht nur in Hamburg sondern auch in anderen Städten, kaum dass sie an die Macht gekommen waren, die Erinnerungsmale ihrer Gegner dem Erdboden gleichmachen. Der nationalsozialistische Hamburger Senat erließ kurz vor Weihnachten 1933 einen entsprechenden Beschluss. Allerdings ist man diesem Auftrag nicht vollständig nachgekommen. Statt dessen lagerte man die auseinander gelegten Steinblöcke sorgfältig auf einem Platz bei der Kapelle 12 ein, so dass das Denkmal gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder aufgerichtet werden konnte.

Tatsächlich ist der Hamburger "Revolutionsfriedhof" nicht der einzige Ort auf einem deutschen Friedhof, der an die Toten dieser blutigen Zeit erinnert. Nur als Beispiel seien hier zwei weitere Erinnerungsmale genannt. Die Liste – auch der Zerstörungen solcher Denkmäler durch die Nationalsozialisten – lässt sich verlängern.

In Bremen wurden jene, die bei der Verteidigung der Bremer Räterepublik gefallen waren, in einem gemeinsamen Grab auf dem Waller Friedhof beerdigt. Zu ihren Ehren wurde 1922 die expressionistische Skulptur "Pietá" von Bernhard Hoetger eingeweiht, die aus privaten Spendengeldern errichtet worden war. Das Denkmal wurde 1933 durch Nationalsozialisten zerstört. Anders als in Hamburg wurde dabei auch die Grabanlage aufgelöst. Erst 1972 wurde ein neues Ehrenmal errichtet, an dem heute ein jährliches Totengedenken stattfindet.

Auf dem Ostfriedhof in München wurde der am 21. Februar 1919 ermordete Kurt Eisner beigesetzt. Drei Jahre später, am 1. Mai, konnte an seinem Grab von den Münchner Freien Gewerkschaften ein Denkmal eingeweiht werden, das "Den Toten der Revolution" gewidmet und in dessen Sockel Eisners Urne eingemauert war. Es wurde ebenfalls bald nach der Machtübernahme abgebrochen. Die Urne mit der Asche von Kurt Eisner wurde auf den Neuen Israelitischen Friedhof erneut beigesetzt. In München steht heute eine Nachbildung des Denkmals auf dem Friedhof.

1 Hamburger Anzeiger Nr. 127 vom 2.6.1922, S. 3 (digitalisiert: http://www.theeuropeanlibrary.org/tel4/newspapers/issue/3000094644655?pa... )
2 Werner Jochmann, Nationalsozialismus und Revolution Ursprung und Geschichte der NSDAP in Hamburg 1922 –1933; Dokumente. Frankfurt/M. 1963 (Digitalisiert: https://www.zeitgeschichte-hamburg.de/files/fzh/Digitalisate/Werner%20Jo...) S. 36
3 Sven Philipski, Ernährungsnot und sozialer Protest: Die Hamburger Sülzeunruhen 1919, hier s. 45 ff.; siehe dazu auch: Uwe Schulte-Varendorff, Die Hungerunruhen in Hamburg im Juni 1919 – eine zweite Revolution?, Hamburg 2010
4 Philipski, S. 55ff.
5 a.a.O., S. 76
6 Hier und im Folgenden siehe: Barbara Leisner, Heiko K.L. Schulze, Ellen Thormann, Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Geschichte und Grabmäler, Hamburg 1990, Bd. 2, S. 11, Nr. 11

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